Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP 17. Legislaturperiode
- Entwurf -
Durch nachhaltiges Wirtschaften
Durch gute Bildung und starke Forschung
Durch Zusammenhalt und Solidarität
Durch Bürgerrechte und starken Staat
Durch Partnerschaft und Verantwortung in Europa und der Welt
| 1 | I. WOHLSTAND FÜR ALLE |
|---|---|
| 2 | Durch nachhaltiges Wirtschaften |
| 3 | |
| 4 | 1. Wachstum und Aufschwung |
| 5 | |
| 6 | Unsere wirtschaftspolitische Leitlinie ist die Soziale Marktwirtschaft. Sie greift weit |
| 7 | über ökonomische Ziele hinaus, ist ein unverzichtbarer Teil einer freiheitlichen of- |
| 8 | fenen Gesellschaft. Wir achten, schützen und verteidigen die Wirtschaftsordnung |
| 9 | der Sozialen Marktwirtschaft mit aller Kraft. Das System der Sozialen Marktwirt- |
| 10 | schaft hat nicht nur zu großem Wohlstand breiter Bevölkerungsgruppen, sondern |
| 11 | auch zu einem einmaligen sozialen Frieden in der Bundesrepublik Deutschland |
| 12 | geführt. Die Ordnungspolitik setzt in der Sozialen Marktwirtschaft die Rahmenbe- |
| 13 | dingungen. Deren oberstes Ziel muss sein, dass Bürger und Unternehmen ihre |
| 14 | produktiven Kräfte entfalten und ihr Eigentum sichern können. Dabei ist es eine |
| 15 | Daueraufgabe des Staates, diesen Ordnungsrahmen den gesellschaftlichen und |
| 16 | wirtschaftlichen Entwicklungen anzupassen und zu verbessern. Wir verfolgen eine |
| 17 | Wirtschaftspolitik, die auf Stetigkeit, Solidität und Verlässlichkeit ausgerichtet ist |
| 18 | und mit der richtigen Ausrichtung aus Ordnungs-, Steuer-, und Innovationspolitik |
| 19 | entschlossen handelt, auch international und auf europäischer Ebene. |
| 20 | |
| 21 | In der jetzigen Situation gilt es, den Einbruch des wirtschaftlichen Wachstums so |
| 22 | schnell wie möglich zu überwinden und zu einem neuen, stabilen und dynami- |
| 23 | schen Aufschwung zu kommen. In der außergewöhnlichen Situation, in der sich |
| 24 | die deutsche wie die internationale Wirtschaft befindet, dürfen das Vertrauen der |
| 25 | Bürger und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen jetzt nicht durch Entzug |
| 26 | von Kaufkraft höhere Belastung der Arbeitskosten und Kürzungen bei öffentlichen |
| 27 | und privaten Investitionen gefährdet werden. Dies wäre auch im historischen |
| 28 | Maßstab ein schwerer Fehler. Die Koalition wird vielmehr auf diese Herausforde- |
| 29 | rung mit einer Strategie der Stärkung und Verlässlichkeit antworten. Sie beruht auf |
| 30 | drei zentralen Ansätzen: |
| 31 | |
| 32 | o Wir werden erstens die Motivation und Leistungsbereitschaft der Arbeit- |
| 33 | nehmer und Arbeitgeber in unserem Land schnell und deutlich stärken, in- |
| 34 | dem wir sofort damit beginnen, die Steuern zu senken, bürokratische |
| 35 | Hemmnisse abzubauen und mehr Anreize zu schaffen, damit sich reguläre, |
| 36 | sozialversicherungspflichtige Arbeit in allen Bereichen lohnt. Wir werden die |
| 37 | Quellen des Wachstums für morgen in den Mittelpunkt stellen, dies betrifft |
| 38 | insbesondere Bildung und Forschung und neue Technologien, Produkte |
| 39 | und Dienstleistungen. Hier entscheidet sich mehr als an anderen die lang- |
| 40 | fristige Zukunftskraft Deutschlands. |
| 41 | |
| 42 | o Wir werden zweitens einen nachhaltigen Kurs der Sparsamkeit, der Trans- |
| 43 | parenz der öffentlichen Finanzen und der verlässlichen Konsolidierung der |
| 44 | öffentlichen Haushalte verfolgen. Die finanziellen Folgen des Wachstums- |
| 45 | einbruchs werden wir nicht ungeschehen machen können. Wir sind aller- |
| 46 | dings überzeugt, dass wir sie durch die Kombination aus nachhaltigem |
| 47 | Wachstum und kluger Sparsamkeit schrittweise abtragen und in den kom- |
| 48 | menden Jahren neue Stärke für unser Land gewinnen können. |
| 49 | |
| 50 | o Wir werden drittens in der schwierigen Phase, in der der Arbeitsmarkt, die |
| 51 | Unternehmen und die Banken noch die unmittelbaren Folgen der Finanz- |
| 52 | und Wirtschaftskrise zu verkraften haben, Beschäftigung sichern und den |
| 53 | Unternehmen Hilfe bei der Finanzierung insbesondere ihrer Investitionen |
| 54 | bereit stellen. Zwar erforderte die Weltwirtschaftskrise eine vorübergehende |
| 55 | stärkere Rolle des Staates. Aber CDU, CSU und FDP sind sich einig: Die |
| 56 | Beteiligung des Staates an Wirtschaftsunternehmen und Finanzinstituten ist |
| 57 | so eng wie möglich zeitlich zu begrenzen. Dazu werden wir jetzt mit einer |
| 58 | Ausstiegs-Strategie beginnen. |
| 59 | |
| 60 | 1.1. Motivation und Entlastung |
| 61 | |
| 62 | Mehr Netto vom Brutto |
| 63 | |
| 64 | Wir wollen eine Steuerpolitik, die die Leistungsbereitschaft der Bürgerinnen und |
| 65 | Bürger stärkt. Wir wollen eine Steuerpolitik, die für die Unternehmen in Deutsch- |
| 66 | land Rahmenbedingungen schafft, die ihr auch in Zeiten der Globalisierung ihre |
| 67 | starke Stellung ermöglicht. |
| 68 | |
| 69 | Wir verstehen Steuerpolitik als Wachstumspolitik, denn wir wissen, dass Basis |
| 70 | aller Staatsfinanzen die Arbeit der Bürger unseres Landes und die wirtschaftlich |
| 71 | erfolgreichen Unternehmen sind. Mehr finanzieller Spielraum ist Voraussetzung für |
| 72 | mehr Konsum und mehr Investitionen. |
| 73 | |
| 74 | Die Bürger empfinden aber nicht nur die Höhe der Steuer- und Abgabenlast als |
| 75 | demotivierend, sondern auch die Kompliziertheit und Unklarheit des deutschen |
| 76 | Steuerrechts. Deshalb wollen wir, dass Steuern "einfach, niedrig und gerecht" |
| 77 | sind. Wir streben an, die paritätisch finanzierten Lohnzusatzkosten (Sozialversi- |
| 78 | cherungsbeiträge) unter 40% vom Lohn zu halten. |
| 79 | |
| 80 | Wir werden dafür sorgen, dass sich Arbeit lohnt, dass den Bürgern mehr Netto |
| 81 | vom Bruttoeinkommen bleibt. Das Steuersystem und das Besteuerungsverfahren |
| 82 | werden wir deutlich vereinfachen und für die Anwender freundlicher gestalten. |
| 83 | |
| 84 | Die steuerlichen Entlastungen schaffen die nachhaltige Grundlage für gesunde |
| 85 | Staatsfinanzen. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die strenge Begrenzung der |
| 86 | Schulden nach der neuen Schuldenregel unserer Verfassung. |
| 87 | |
| 88 | Wir halten an den durch den Gesetzgeber beschlossenen Entlastungen in der |
| 89 | Lohn- und Einkommensteuer fest. Das bedeutet, dass durch die erweiterte Ab- |
| 90 | setzbarkeit der Krankenversicherungsbeiträge und den Einstieg in die Beseitigung |
| 91 | der kalten Progression eine Steuerentlastung in Höhe von rund 14 Milliarden Euro |
| 92 | jährlich zum 1.1.2010 verwirklicht wird. |
| 93 | |
| 94 | Wir wollen darüber hinaus eine steuerliche Entlastung insbesondere für die unte- |
| 95 | ren und mittleren Einkommensbereiche sowie für die Familien mit Kindern in ei- |
| 96 | nem Gesamtvolumen von 24 Mrd. Euro (volle Jahreswirkung) im Laufe der Legis- |
| 97 | laturperiode umsetzen. |
| 98 | |
| 99 | Der Kinderfreibetrag wird in einem ersten Schritt zum 1.1.2010 auf 7008,- Euro |
| 100 | und das Kindergeld um je 20,- Euro erhöht. |
| 101 | |
| 102 | Wir werden insbesondere die unteren und mittleren Einkommensbezieher vorran- |
| 103 | gig entlasten und gleichzeitig den Mittelstandsbauch abflachen, indem wir den |
| 104 | Einkommensteuertarif zu einem Stufentarif umbauen. Zahl und Verlauf der Stufen |
| 105 | wird unter Berücksichtigung dieses Zieles entwickelt. |
| 106 | |
| 107 | Der Tarif soll möglichst zum 1.1.2011 in Kraft treten. |
| 108 | |
| 109 | |
| 110 | 1.2 Der Weg aus der Krise |
| 111 | |
| 112 | Sofortprogramm krisenentschärfende Maßnahmen |
| 113 | |
| 114 | Um schnell und effektiv Wachstumshemmnisse zu beseitigen, werden wir unver- |
| 115 | züglich mit einem Sofortprogramm zum 1. Januar 2010 beginnen. Die Verlust- und |
| 116 | Zinsabzugsbeschränkungen sowohl für international aufgestellte Konzerne als |
| 117 | auch für mittelständische Unternehmen werden entschärft. Zu diesem Zweck wer- |
| 118 | den wir: |
| 119 | |
| 120 | bei den Verlustabzugsbeschränkungen ("Mantelkauf") |
| 121 | o die zeitliche Beschränkung bei der Sanierungsklausel zur Verlustnutzung |
| 122 | bei Anteilsübertragungen aufheben, |
| 123 | |
| 124 | o den Abzug von Verlusten bei Umstrukturierungen innerhalb verbundener |
| 125 | Unternehmen - soweit erforderlich - wieder zulassen ("Konzernklausel"), |
| 126 | |
| 127 | o den Übergang der Verluste in Höhe der stillen Reserven zulassen, |
| 128 | |
| 129 | bei den Zinsabzugsbeschränkungen ("Zinsschranke") |
| 130 | o die höhere Freigrenze von 3 Mio. Euro dauerhaft einführen, um insbeson- |
| 131 | dere kleinere und mittlere Unternehmen zu entlasten, |
| 132 | |
| 133 | o einen Vortrag des EBITDA rückwirkend ab dem Jahr 2007 für einen Zeit- |
| 134 | raum von jeweils fünf Jahren einführen, um den Zinsabzug für die Unter- |
| 135 | nehmen auch bei Konjunkturschwankungen zu verstetigen, |
| 136 | |
| 137 | o die Escape-Klausel überarbeiten und für deutsche Konzerne anwendbar |
| 138 | machen, |
| 139 | bei den grenzüberschreitenden Leistungsbeziehungen |
| 140 | o unverzüglich die negativen Auswirkungen der Neuregelung zur Funktions- |
| 141 | verlagerung auf den Forschungs- und Entwicklungsstandort Deutschland |
| 142 | beseitigen, |
| 143 | |
| 144 | bei den gewerbesteuerlichen Hinzurechnungen |
| 145 | o den Hinzurechnungssatz bei den Immobilienmieten von 65% auf 50% redu- |
| 146 | zieren (alle übrigen Fragen werden in die Kommission "Gemeindefinanzen" |
| 147 | einbezogen), |
| 148 | |
| 149 | bei der Grunderwerbsteuer |
| 150 | o die Umstrukturierung von Unternehmen durch eine Konzernklausel erleich- |
| 151 | tern, |
| 152 | |
| 153 | bei den Ertragsteuern |
| 154 | o ein Wahlrecht einführen, die Sofortabschreibung für geringwertige Wirt- |
| 155 | schaftsgüter bis 410 Euro oder die Poolabschreibung für alle Wirtschaftsgü- |
| 156 | ter zwischen 150 und 1000 Euro anzuwenden. |
| 157 | |
| 158 | Steuervereinfachung |
| 159 | |
| 160 | Wir werden das Steuerrecht spürbar vereinfachen und von unnötiger Bürokratie |
| 161 | befreien. Davon werden alle profitieren, sowohl die Steuerzahler als auch die |
| 162 | Steuerverwaltung und die steuerberatenden Berufe. Wir werden insbesondere |
| 163 | |
| 164 | o die Steuererklärungsvordrucke und Erläuterungen verständlicher und an- |
| 165 | wendungsfreundlicher ausgestalten, |
| 166 | |
| 167 | o allen Bürgern die Möglichkeiten geben, ohne Papierbelege mit den Finanz- |
| 168 | ämtern zu kommunizieren, |
| 169 | |
| 170 | o noch in dieser Legislaturperiode allen Bürgern auf Wunsch eine vorausge- |
| 171 | füllte Steuererklärung mit den bei der Finanzverwaltung vorhandenen Da- |
| 172 | ten zur Verfügung stellen, |
| 173 | |
| 174 | o den steuerlichen Abzug privater Steuerberatungskosten wieder einführen, |
| 175 | |
| 176 | o ein schlüssiges und verständliches Konzept der steuerlichen Berücksichti- |
| 177 | gung von Aufwendungen für Familien und Kinder und im Haushalt, |
| 178 | |
| 179 | o die steuerliche Abzugsfähigkeit von Ausbildungskosten neu ordnen, |
| 180 | |
| 181 | o die Besteuerung der Rentnerinnen und Rentner so vereinfachen, dass kein |
| 182 | aufwändiges Kontrollmitteilungsverfahren und keine separate Erklärungs- |
| 183 | pflicht für Rentenbezüge mehr notwendig ist, |
| 184 | |
| 185 | o den Abzug von Kosten für ein Pflegeheim durch Pauschalierung vereinfa- |
| 186 | chen anstelle des heutigen Einzelnachweises der Kosten, |
| 187 | |
| 188 | o die steuerliche Förderung der privaten Altersvorsorge entbürokratisieren |
| 189 | und flexibilisieren, |
| 190 | |
| 191 | o gleichheitswidrige Benachteiligungen im Steuerrecht abbauen und insbe- |
| 192 | sondere die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zur Gleich- |
| 193 | stellung von Lebenspartnern mit Ehegatten umsetzen, |
| 194 | |
| 195 | o die Besteuerung von Jahreswagenrabatten für Mitarbeiter zügig auf ein re- |
| 196 | alitätsgerechtes Maß bringen; in diesem Zusammenhang werden wir auch |
| 197 | die Angemessenheit der Besteuerung des geldwerten Vorteils aus der Pri- |
| 198 | vatnutzung betrieblicher Fahrzeug überprüfen, |
| 199 | |
| 200 | o grundsätzlich rückwirkende gesetzgeberische Maßnahmen vermeiden, |
| 201 | welche die Bürger belasten, |
| 202 | |
| 203 | o dafür sorgen, dass sich BMF-Schreiben auf die Auslegung der Gesetze be- |
| 204 | schränken und die Praxis der Nichtanwendungserlasse zurückgeführt wird, |
| 205 | |
| 206 | o prüfen, ob Arbeitnehmer die Steuerklärung auch für einen Zeitraum von |
| 207 | zwei Jahren abgeben können, |
| 208 | |
| 209 | o die Gebührenpflicht für die verbindliche Auskunft auf wesentliche und auf- |
| 210 | wändige Fälle beschränken, |
| 211 | |
| 212 | o das Kontenabrufverfahren überprüfen, |
| 213 | |
| 214 | o zur Erhöhung der Planungssicherheit auf Seiten der Unternehmen und der |
| 215 | Finanzverwaltung dafür sorgen, dass der Gedanke der zeitnahen Betriebs- |
| 216 | prüfung verwirklicht wird. Betriebsprüfungen müssen grundsätzlich inner- |
| 217 | halb von fünf Jahren nach Beginn bzw. dann abgeschlossen sein, wenn die |
| 218 | neue Betriebsprüfung beginnt, |
| 219 | |
| 220 | o den Abzug von außergewöhnlichen Belastungen vereinfachen und in die- |
| 221 | sem Zusammenhang stärker typisieren und pauschalieren, |
| 222 | |
| 223 | o die elektronische Rechnungsstellung auf möglichst unbürokratische Weise |
| 224 | ermöglichen. |
| 225 | |
| 226 | Reform der Erbschaftsteuer |
| 227 | |
| 228 | Wir werden die Regelungen bei der Erbschaftsteuer entbürokratisieren, familien- |
| 229 | gerechter, planungssicherer und mittelstandsfreundlicher machen. Hierzu werden |
| 230 | wir als Sofortprogramm vorab |
| 231 | o die Steuerbelastung für Geschwister und Geschwisterkinder durch einen |
| 232 | neuen Steuertarif von 15 bis 43 Prozent senken |
| 233 | und |
| 234 | o die Bedingungen für die Unternehmensnachfolge krisenfest ausgestalten. |
| 235 | Wir streben an, die Zeiträume zu verkürzen, innerhalb dessen das Unter- |
| 236 | nehmen weitergeführt werden muss. Die erforderlichen Lohnsummen wol- |
| 237 | len wir absenken. |
| 238 | |
| 239 | Wir werden in Gespräche mit den Ländern eintreten, um zu prüfen, ob die Erb- |
| 240 | schaftsteuer hinsichtlich Steuersätzen und Freibeträgen regionalisiert werden |
| 241 | kann. |
| 242 | |
| 243 | Mittelfristige Ziele für die Unternehmensbesteuerung |
| 244 | |
| 245 | Steuerpolitik ist auch Standortpolitik. Aus diesem Grund wollen wir das Unter- |
| 246 | nehmenssteuerrecht weiter modernisieren und international wettbewerbsfähig |
| 247 | gestalten. Aufkommensneutralität sollte gewahrt bleiben. Unternehmerische Ent- |
| 248 | scheidungen sollten sich - unabhängig von Rechtsform, Organisation und Finan- |
| 249 | zierung - in erster Linie nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht nach |
| 250 | steuerlichen Aspekten richten. Auch der Holdingstandort Deutschland soll gestärkt |
| 251 | werden. Ansatzpunkte für eine Prüfung sind: |
| 252 | o eine Neustrukturierung der Regelungen zur Verlustverrechnung, |
| 253 | o die grenzüberschreitende Besteuerung von Unternehmenserträgen, |
| 254 | o die Einführung eines modernen Gruppenbesteuerungssystems anstelle der |
| 255 | bisherigen Organschaft |
| 256 | |
| 257 | Darüber hinaus wollen wir uns mit dem Problem der zweifachen Besteuerung von |
| 258 | Unternehmenserträgen auf der Ebene der Unternehmen und Anteilseigner einer- |
| 259 | seits und der nur einfachen Besteuerung der Erträge aus risikoarmen Zinsproduk- |
| 260 | ten andererseits auseinandersetzen. |
| 261 | |
| 262 | Wir werden unsere Politik der Doppelbesteuerungsabkommen auf die internatio- |
| 263 | nale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen ausrichten und deshalb grund- |
| 264 | sätzlich an der Freistellung der ausländischen Einkünfte festhalten. |
| 265 | |
| 266 | Die Bemühungen im Kampf gegen die internationale Steuerhinterziehung werden |
| 267 | wir weiter vorantreiben. |
| 268 | |
| 269 | Wir werden eine Kommission zur Erarbeitung von Vorschlägen zur Neuordnung |
| 270 | der Gemeindefinanzierung einsetzen. Diese soll auch den Ersatz der Gewerbe- |
| 271 | steuer durch einen höheren Anteil an der Umsatzsteuer und einen kommunalen |
| 272 | Zuschlag auf die Einkommen- und Körperschaftsteuer mit eigenem Hebesatz prü- |
| 273 | fen. |
| 274 | |
| 275 | Umsatzsteuer |
| 276 | |
| 277 | Auch die Umsatzsteuer muss an die modernen Anforderungen angepasst werden. |
| 278 | Eine Umstellung auf die Ist-Besteuerung auf Leistungserbringer- und - |
| 279 | empfängerseite könnte beispielsweise zur Bekämpfung des Steuerbetrugs und zur |
| 280 | Verbesserung der Zahlungsmoral beitragen. Deshalb werden wir im Verlauf der |
| 281 | Legislaturperiode unter Einbeziehung der europäischen Vorgaben prüfen, ob und |
| 282 | in welchem Umfang das Prinzip der Ist-Besteuerung der Umsätze ausgeweitet |
| 283 | werden kann. |
| 284 | |
| 285 | Daneben gibt es Handlungsbedarf bei den ermäßigten Mehrwertsteuersätzen. Be- |
| 286 | nachteiligungen gehören auf den Prüfstand. Aus diesem Grund wollen wir eine |
| 287 | Kommission einsetzen, die sich mit der Systemumstellung bei der Umsatzsteuer |
| 288 | sowie dem Katalog der ermäßigten Mehrwertsteuersätze befasst. |
| 289 | Dabei gilt es auch, die europäische Wettbewerbssituation bestimmter Bereiche zu |
| 290 | berücksichtigen. Deshalb wollen wir ab dem 1.1.2010 für Beherbergungsleistun- |
| 291 | gen in Hotel- und Gastronomiegewerbe den Mehrwertsteuersatz auf 7 Prozent |
| 292 | ermäßigen. |
| 293 | |
| 294 | Die Umsatzbesteuerung von Postdienstleistungen ist mit Blick auf die jüngste |
| 295 | EuGH-Rechtsprechung umgehend so anzupassen, dass keine steuerliche Un- |
| 296 | gleichbehandlung mehr besteht. Nach dem Urteil des EuGH bleibt die Grundver- |
| 297 | sorgung der Bürger mit Postdienstleistungen umsatzsteuerfrei. |
| 298 | |
| 299 | Wir streben Wettbewerbsgleichheit kommunaler und privater Anbieter insbesonde- |
| 300 | re bei der Umsatzsteuer an, um Arbeitsplätze zu sichern und Investitionen zu er- |
| 301 | möglichen. Aufgaben der Daseinsvorsorge sollen nicht über die bestehenden Re- |
| 302 | gelungen hinaus steuerlich belastet werden. |
| 303 | |
| 304 | Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit für die heimische Produktion von Biokraftstof- |
| 305 | fen auch unter steuerlichen Gesichtspunkten erhalten. Für die Branche muss Pla- |
| 306 | nungssicherheit gewährleistet sein. |
| 307 | |
| 308 | Wir streben eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung an, die |
| 309 | zusätzliche Forschungsimpulse insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen |
| 310 | auslöst. |
| 311 | |
| 312 | Die bereits beschlossene Einkommensteuerentlastung, das Sofortprogramm für |
| 313 | Familien, die Änderungen der Unternehmenssteuerreform und die Erbschaftsteuer |
| 314 | belaufen sich damit zum 1.1.2010 auf ein Gesamtvolumen von rund 21 Mrd. Euro. |
| 315 | Sie bilden damit einen starken Impuls zu Beginn der neuen Legislaturperiode, der |
| 316 | dabei hilft, Deutschland aus der Krise zu führen. |
| 317 | |
| 318 | 1.3. Investitionsbremsen lösen |
| 319 | |
| 320 | Bürokratieabbau |
| 321 | |
| 322 | Der freiheitliche Staat soll nicht bevormunden, sondern den Gestaltungsraum von |
| 323 | Bürgern und Unternehmen respektieren. Regulierungen sollen nur dort geschaffen |
| 324 | werden, wo es zum Schutz des Schwächeren und zur Wahrung wichtiger Ge- |
| 325 | meinschaftsgüter und eines Ordnungsrahmens erforderlich ist. Regeln sind kein |
| 326 | Selbstzweck, weshalb es nicht mehr Regeln geben soll, als erforderlich. Notwen- |
| 327 | dige Regelungen müssen schlank und verlässlich, Verwaltungs- und gerichtliche |
| 328 | Verfahren zügig sein. |
| 329 | |
| 330 | Bürokratieabbau und bessere Rechtsetzung wirken wie ein Wachstumsprogramm |
| 331 | zum Nulltarif. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise wollen wir dieses Potential |
| 332 | nutzen. Alle Ressorts werden deshalb bestehende Bürokratielasten fortlaufend |
| 333 | und eigenständig reduzieren und neue Belastungen vermeiden. |
| 334 | |
| 335 | Bisher werden die durch die gesetzlichen Informationspflichten der Wirtschaft ver- |
| 336 | ursachten Kosten gemessen. Um die Bürokratiekosten weiter einzudämmen, wer- |
| 337 | den wir künftig |
| 338 | o die gesetzlichen Informationspflichten auch für die Bürger |
| 339 | und |
| 340 | o die gesetzlichen Handlungspflichten für Wirtschaft, Bürger und Verwaltung |
| 341 | prüfen, bevor Gesetze vorgelegt werden. |
| 342 | |
| 343 | Dazu werden wir den Normenkontrollrat (NKR) stärken und seine Kompetenzen |
| 344 | ausbauen. Wir prüfen, wie das gegenwärtige Mandat des NKR bei der Verab- |
| 345 | schiedung neuer Regelungen auf die Einhaltung der methodengerechten Durch- |
| 346 | führung der festgelegten Anforderungen erweitert werden kann. Bei Gesetzen, |
| 347 | Rechtsverordnungen und Verwaltungsvorschriften ist verstärkt von der Möglichkeit |
| 348 | der Befristung Gebrauch zu machen. Der Normenkontrollrat wird gebeten, bei sei- |
| 349 | nen Stellungnahmen die Möglichkeiten der Befristung ausdrücklich zu untersu- |
| 350 | chen. Insbesondere wollen wir eine Plausibilitätsprüfung der so genannten sonsti- |
| 351 | gen Bürokratiekosten in den Aufgabenbereich des NKR übertragen. |
| 352 | |
| 353 | Vor der Verständigung auf Vorschläge der Bundesregierung für eine erneute Beru- |
| 354 | fung des NKR werden wir Größe und Zusammensetzung dieses Gremiums vor |
| 355 | dem Hintergrund seines erweiterten Mandats überprüfen. |
| 356 | |
| 357 | Wir bekräftigen die bestehende Verpflichtung, die gemessenen Kosten aus bun- |
| 358 | desrechtlichen Informationspflichten der Wirtschaft bis 2011 im Vergleich zu 2006 |
| 359 | um netto 25 Prozent zu reduzieren. Dazu legen die Bundesministerien bis 1. Juli |
| 360 | 2010 jeweils verbindliche Umsetzungspläne vor. Über den Zeitraum 2011 hinaus |
| 361 | wird die Bundesregierung ein weiteres anspruchsvolles Reduktionsziel auch für |
| 362 | den gesamten gemessenen Erfüllungsaufwand festlegen. |
| 363 | |
| 364 | Wir werden in einem ersten Schritt umgehend konkrete Möglichkeiten aufzeigen, |
| 365 | wie in den folgenden Bereichen für Wirtschaft, Bürgerinnen und Bürger und die |
| 366 | Verwaltung der gesamte messbare Erfüllungsaufwand um durchschnittlich 25 Pro- |
| 367 | zent netto reduziert werden kann und bis 2011 entsprechende Änderungen in fol- |
| 368 | genden Bereichen vornehmen, beispielsweise: |
| 369 | - Planungs- und Baurecht von Infrastrukturvorhaben; |
| 370 | - Steuererklärungen, steuerliche und zollrechtliche Nachweispflichten; |
| 371 | - Harmonisierung und Verkürzung der Aufbewahrungs- und Prüfungsfristen |
| 372 | nach Handels-, Steuer-, und Sozialrecht; |
| 373 | - Betriebliche Beauftragte; |
| 374 | - Antrag auf gesetzliche Leistungen, insbesondere für |
| 375 | o Existenzgründer und Kleinunternehmen sowie bei drohender Firmenin- |
| 376 | solvenz; |
| 377 | o Menschen, die pflegebedürftig, chronisch krank oder akut schwer krank |
| 378 | sind; |
| 379 | o Familien und Alleinerziehende; |
| 380 | - Erleichterung der elektronischen Übermittlung der Gewerbeanzeige. |
| 381 | |
| 382 | Wir prüfen, wie die Verpflichtungen und Schwellenwerte des Handels-, Steuer-, |
| 383 | Arbeits- und Sozialrechts rechtsbereichsübergreifend harmonisiert werden können |
| 384 | (z. B. Vereinheitlichung des Einkommensbegriffs). Die von Arbeitgebern auszu- |
| 385 | stellenden Bescheinigungen und Entgeltnachweise werden bis spätestens 2015 in |
| 386 | ein elektronisches Verfahren überführt. |
| 387 | |
| 388 | Wir wollen innerhalb der Bundesregierung ein "Frühwarnsystem" mit einer mit- |
| 389 | telstandsorientierten Gesetzesfolgenabschätzung für europäische Regelungen |
| 390 | implementieren. |
| 391 | |
| 392 | Wir setzen uns aktiv für die Einsetzung eines unabhängigen Rates für Bürokratie- |
| 393 | abbau bei der EU-Kommission nach dem Vorbild des NKR ein und fordern die EU- |
| 394 | Kommission auf, weitere Vereinfachungsmaßnahmen auf den Weg zu bringen, |
| 395 | insbesondere auf dem Gebiet der Landwirtschaft. Die Tätigkeit des NKR und des |
| 396 | geplanten unabhängigen Rates für Bürokratieabbau sind miteinander zu vernetzen |
| 397 | und aufeinander abzustimmen. Außerdem unterstützen wir die Annahme der Ver- |
| 398 | einfachungsvorschläge der EU-Kommission aus dem Aktionsprogramm zum Ab- |
| 399 | bau von Verwaltungslasten. Wir werden bei den Verhandlungen zu neuen Rege- |
| 400 | lungsvorhaben der EU auf einer plausiblen Folgekostenschätzung bestehen und |
| 401 | eigene Vorschläge zur Vereinfachung einbringen. Wir werden EU-Richtlinien wett- |
| 402 | bewerbsneutral ("1 zu 1") umsetzen, damit Unternehmen am Standort Deutsch- |
| 403 | land kein Wettbewerbsnachteil entsteht. |
| 404 | |
| 405 | Das geltende AGG werden wir im Hinblick auf einen möglichen Abbau von Büro- |
| 406 | kratielasten überprüfen. |
| 407 | |
| 408 | Wir setzen uns aktiv gegen alle Formen von Diskriminierung ein. Den ungeeigne- |
| 409 | ten Entwurf der Europäischen Kommission zur 5. Antidiskriminierungsrichtlinie |
| 410 | lehnen wir allerdings ab. |
| 411 | |
| 412 | Genehmigungsverfahren |
| 413 | |
| 414 | Wir prüfen, wo Initiativen ergriffen werden können, um Genehmigungsverfahren, |
| 415 | die bundesgesetzlich geregelt sind, zu verkürzen und zu beschleunigen. Geneh- |
| 416 | migungsverfahren sind, wenn möglich, inhaltlich zu reduzieren und verfahrens- |
| 417 | und kompetenzmäßig zu konzentrieren. Dabei ist dem Anzeigeverfahren ein grö- |
| 418 | ßeres Gewicht einzuräumen. Insbesondere streben wir an, in Abstimmung mit den |
| 419 | Ländern Genehmigungsverfahren im Baurecht zu straffen. Außerdem werden wir |
| 420 | Umfang und Breite der gerichtlichen Überprüfungskompetenz untersuchen und wo |
| 421 | möglich auf das notwendige rechtliche Maß zurückführen. |
| 422 | |
| 423 | Wir befürworten die Einrichtung von Modellregionen für den Bürokratieabbau. |
| 424 | |
| 425 | Vergaberecht |
| 426 | |
| 427 | Die deutsche Wirtschaft braucht ein leistungsfähiges, transparentes, mittelstands- |
| 428 | gerechtes und unbürokratisches Vergaberecht. Zur Erleichterung des Zugangs zu |
| 429 | den Beschaffungsmärkten und zur Stärkung eines offenen und fairen Wettbe- |
| 430 | werbs um öffentliche Aufträge soll das bestehende Vergaberecht reformiert und |
| 431 | weiter gestrafft werden. Ziel ist es, das Verfahren und die Festlegung der Verga- |
| 432 | beregeln insgesamt zu vereinfachen und transparenter zu gestalten. Wir stärken |
| 433 | die Transparenz im Unterschwellenbereich. Die Erfahrungen aus der Anhebung |
| 434 | der Schwellenwerte in der VOB und VOL werden evaluiert und die Ergebnisse bei |
| 435 | der Reform des Vergaberechts berücksichtigt. Zur Reform des Vergaberechts wird |
| 436 | ein wirksamer Rechtsschutz bei Unterschwellenaufträgen gehören. Ein Gesetz- |
| 437 | entwurf für das reformierte Vergaberecht wird bis Ende 2010 vorgelegt. |
| 438 | |
| 439 | Das Bauforderungssicherungsgesetz wird alsbald und umfänglich hinsichtlich der |
| 440 | Zielerreichung überprüft. |
| 441 | |
| 442 | Die Zahlungsmoral der öffentlichen Hand muss deutlich verbessert werden. Die |
| 443 | 2009 eingeführte Berücksichtigung vergabefremder Aspekte wird in ihren Wirkun- |
| 444 | gen geprüft und gegebenenfalls korrigiert. |
| 445 | |
| 446 | Unternehmensfinanzierung |
| 447 | |
| 448 | Wir werden die Bedingungen für Unternehmensfinanzierung verbessern. Deutsch- |
| 449 | lands Mittelstand darf nicht in eine Kreditklemme geraten. Dazu wollen wir das |
| 450 | Kredit- und Bürgschaftsprogramm (Deutschlandfonds) evaluieren und prüfen, ob |
| 451 | und welche Anpassungen zur Unterstützung insbesondere auch unserer mittel- |
| 452 | ständischen Wirtschaft notwendig sind. Wir überprüfen gegebenenfalls Struktur |
| 453 | und zeitliche Ausrichtung des Deutschlandfonds. Ein Kreditmediator bündelt - in |
| 454 | Abstimmung mit entsprechenden Einrichtungen auf Länderebene - die Beschwer- |
| 455 | den der Fremdkapital suchenden Unternehmen und versucht mit der Kreditwirt- |
| 456 | schaft konstruktive Lösungen zu finden. Es werden die Möglichkeiten einer schnell |
| 457 | verfügbaren und unbürokratischen Liquiditätshilfe für kleine Unternehmen geprüft. |
| 458 | |
| 459 | GWB-Novelle |
| 460 | |
| 461 | In das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen wird als ultima ratio ein Ent- |
| 462 | flechtungsinstrument integriert. Darüber hinaus werden Elemente der europäi- |
| 463 | schen Fusionskontrolle übernommen. Das Kartellamt wird weiterhin Konzentrati- |
| 464 | onstendenzen und Nachfragemacht beobachten. Das Kartellamt wird bei der wett- |
| 465 | bewerblichen Folgenabschätzung am Gesetzgebungsverfahren beteiligt. Zur Si- |
| 466 | cherung freier und fairer Märkte setzen wir uns für ein unabhängiges europäisches |
| 467 | Kartellamt ein. |
| 468 | |
| 469 | Reform des Insolvenzrechts |
| 470 | |
| 471 | Das Insolvenzrecht muss den neuen Herausforderungen angepasst werden. Wir |
| 472 | werden ein Instrumentarium schaffen, dass es der Bankenaufsicht frühzeitig er- |
| 473 | möglicht, systemrelevante Finanzinstitute im Rahmen eines geordneten Verfah- |
| 474 | rens zu restrukturieren. |
| 475 | |
| 476 | Wir wollen die Restrukturierung und Fortführung von sanierungsfähigen Unter- |
| 477 | nehmen erleichtern und damit den Erhalt von Arbeitsplätzen ermöglichen. Hierzu |
| 478 | gehört es, die rechtlichen Rahmenbedingungen für außergerichtliche Sanierungs- |
| 479 | verfahren für Unternehmen im Vorfeld einer drohenden Insolvenz zu verbessern. |
| 480 | |
| 481 | Das Insolvenzplanverfahren soll vereinfacht und im Sinne eines Restrukturie- |
| 482 | rungsrechts noch stärker auf die Frühsanierung von Unternehmen ausgerichtet |
| 483 | werden. Für Kreditinstitute ist ein früh eingreifendes Reorganisationsverfahren |
| 484 | vorzusehen. Hierdurch sollen Enteignungen vermieden und das Haftungsprinzip |
| 485 | gestärkt werden. Eine wesentliche Errungenschaft der Insolvenzordnung ist die |
| 486 | Gleichbehandlung aller Gläubiger. Hiermit nicht vereinbar ist die in der letzten |
| 487 | Wahlperiode gegen den Willen der Rechtspolitiker aller Fraktionen erfolgte Privile- |
| 488 | gierung der Sozialkassen im Insolvenzverfahren. Diese werden wir beenden. Wei- |
| 489 | teren Regelungsbedarf werden wir prüfen. Das gilt namentlich für den Verschul- |
| 490 | densbegriff, die Verwalterauswahl und das Verbraucherinsolvenzverfahren. Hier |
| 491 | muss auch weiterhin der Grundsatz der zweiten Chance gelten. Rechtsstaatliche |
| 492 | Standards müssen gewahrt bleiben. |
| 493 | |
| 494 | Beteiligung der öffentlichen Hand |
| 495 | |
| 496 | Im Rahmen der Ausstiegs-Strategie wollen wir die Beteiligungen der öffentlichen |
| 497 | Hand generell überprüfen. Deshalb berufen wir einen Expertenrat, der eine flexible |
| 498 | Zeitablaufplanung unter Berücksichtigung der Entwicklung auf den internationalen |
| 499 | Kapitalmärkten entwirft. |
| 500 | |
| 501 | Moderne Regulierung |
| 502 | Die Regulierung der Netze soll nicht nur niedrige Nutzungsentgelte im Blick behal- |
| 503 | ten, sondern auch qualitative Elemente berücksichtigen, um so schnelle und län- |
| 504 | gerfristige Investitionen auszulösen. |
| 505 | |
| 506 | 2. Generationengerechte Finanzen |
| 507 | |
| 508 | Haushalt |
| 509 | |
| 510 | Wir stehen für eine solide Haushalts- und Finanzpolitik. Die Grundlage für die Zu- |
| 511 | kunftsfähigkeit unserer Gesellschaft ist nur gegeben, wenn der Weg in den Ver- |
| 512 | schuldungsstaat gestoppt wird. Die Sicherung der Tragfähigkeit der öffentlichen |
| 513 | Finanzen ist vor allem vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung |
| 514 | eine zentrale Herausforderung der kommenden Legislaturperiode. Dies ist ein Ge- |
| 515 | bot der Generationengerechtigkeit. Nur eine durchgreifende Konsolidierungspolitik |
| 516 | verschafft dem Staat Spielräume, um zu gestalten und den Bürger zu entlasten. |
| 517 | |
| 518 | Die Wirtschafts- und Finanzkrise sowie die zu ihrer Bewältigung ergriffenen Maß- |
| 519 | nahmen haben tiefe Spuren in den öffentlichen Haushalten hinterlassen. Mit der |
| 520 | Überwindung der Krise muss ein strikter Konsolidierungskurs einsetzen. Nur so |
| 521 | werden das Vertrauen von Investoren und Konsumenten in die Kontinuität der |
| 522 | künftigen Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik gestärkt und damit langfristig die |
| 523 | Weichen für mehr Wachstum und Beschäftigung gestellt. |
| 524 | |
| 525 | Wir gehen davon aus, dass die in diesem Koalitionsvertrag vereinbarte Politik zu |
| 526 | einer spürbaren Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums führt. Insbesondere |
| 527 | erwarten wir eine Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt. 100.000 Arbeits- |
| 528 | lose weniger haben eine Entlastungswirkung von etwa 2 Milliarden Euro im Haus- |
| 529 | halt und den Sozialkassen. Dies erleichtert die notwendigen strukturellen Verände- |
| 530 | rungen bei der Bundesagentur für Arbeit. |
| 531 | |
| 532 | Haushaltskonsolidierung ist auch die Grundlage für die Sicherung unseres Sozial- |
| 533 | staates. Einem überschuldeten Staat wird am Ende immer das Geld für die |
| 534 | Schwachen in dieser Gesellschaft fehlen. Mit der Haushaltskonsolidierung ist eine |
| 535 | soziale Dividende verbunden, da Zinslasten begrenzt werden und damit Gestal- |
| 536 | tungsmöglichkeiten entstehen. |
| 537 | |
| 538 | Wir werden Steuerverschwendung gemeinsam mit Ländern und Kommunen ent- |
| 539 | schlossen bekämpfen. |
| 540 | |
| 541 | Die neue, im Grundgesetz verankerte Schuldenregel trägt der |
| 542 | ökonomischen Vernunft und der Verantwortung für nachfolgende Generationen |
| 543 | Rechnung. Zugleich bekennen wir uns ausdrücklich zu unserer Verantwortung im |
| 544 | Rahmen des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes. |
| 545 | |
| 546 | Folgende "Goldene Regeln" sind einzuhalten: |
| 547 | |
| 548 | - Alle staatlich übernommenen Aufgaben werden auf ihre Notwendigkeit hin ü- |
| 549 | berprüft. Jeder Ausgabenbereich muss einen Beitrag zur Erfüllung der Anfor- |
| 550 | derungen der neuen Schuldenregel leisten. |
| 551 | - Alle neuen finanzwirksamen Vorhaben und Belastungen auf der Einnahmen- |
| 552 | und Ausgabenseite müssen in ihren Wirkungen umfassend ausgewiesen wer- |
| 553 | den. Für die Maßnahmen, die nicht im Rahmen des beschlossenen Finanz- |
| 554 | rahmens zusätzlich finanziert werden sollen, ist grundsätzlich eine unmittelba- |
| 555 | re, vollständige und dauerhafte Gegenfinanzierung im jeweiligen Etat des Bun- |
| 556 | deshaushaltes sicherzustellen. |
| 557 | - Das Ausgabenwachstum muss unter dem Wachstum des Bruttoinlandsproduk- |
| 558 | tes (real) liegen. |
| 559 | - Alle Maßnahmen des Koalitionsvertrages stehen unter Finanzierungsvorbehalt. |
| 560 | - Politische Zielsetzungen haben sich stärker als bisher an qualitativen und nicht |
| 561 | mehr nur an quantitativen Anforderungen zu orientieren. |
| 562 | - Alle Einnahmen stehen grundsätzlich dem Gesamthaushalt zur Verfügung. |
| 563 | - Die Weiterentwicklung in den Zweigen der Sozialversicherung muss ebenfalls |
| 564 | dem Erfordernis der Schuldenregel des Bundes Rechnung tragen. |
| 565 | - Wir werden auf eine ausgewogene Lastenverteilung zwischen den Ebenen der |
| 566 | öffentlichen Haushalte achten. |
| 567 | - Zukünftig werden wichtige Eckwerte des Haushalts vorab verbindlich durch das |
| 568 | Bundeskabinett vorgegeben und damit zur Grundlage für das regierungsinter- |
| 569 | ne Aufstellungsverfahren in den Einzelplänen gemacht. Der parlamentarische |
| 570 | Teil des Haushaltsaufstellungsverfahren bleibt davon unberührt. |
| 571 | |
| 572 | CDU, CSU und FDP haben das Anliegen, die krisenbedingten Einnahmeausfälle |
| 573 | für die Arbeitslosen- und Krankenversicherung aus Steuermitteln aufzufangen. Die |
| 574 | Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern und damit die Lohnnebenkosten |
| 575 | sollen zur Überwindung der Krise stabil gehalten werden. Damit spannen wir einen |
| 576 | Schirm zum Schutz der Arbeitnehmer in der Krise auf. Es geht insbesondere um |
| 577 | die Umwandlung des bisher vorgesehenen Darlehens an die Bundesagentur für |
| 578 | Arbeit in einen Zuschuss. Die Auszahlung des Zuschusses muss selbstverständ- |
| 579 | lich an strenge Kriterien gebunden werden. Deshalb wird die Koalition im Zusam- |
| 580 | menhang mit der Aufstellung des Bundeshaushaltes 2010 prüfen, wie diesem An- |
| 581 | liegen Rechnung getragen werden kann. Insbesondere durch ein auf diesen |
| 582 | Zweck ausgerichtetes Sondervermögen. |
| 583 | |
| 584 | Zur Entlastung der Haushaltsseite ist es zudem notwendig, angemessene Wirt- |
| 585 | schaftlichkeitsuntersuchungen für alle finanzwirksamen Maßnahmen durchzufüh- |
| 586 | ren. Staatliche Aufgaben oder öffentlichen Zwecken dienende wirtschaftliche Tä- |
| 587 | tigkeiten sind konsequent zu überprüfen und bei nachgewiesener Wirtschaftlich- |
| 588 | keit mit Hilfe des privaten Anbieters umzusetzen. |
| 589 | |
| 590 | Wir wollen diesen Prozess optimal gestalten und Beteiligungen der öffentlichen |
| 591 | Hand generell überprüfen. |
| 592 | |
| 593 | Die Weltwirtschaftskrise erforderte eine vorübergehende stärkere Rolle des Staa- |
| 594 | tes. Die Beteiligung des Staates an Wirtschaftsunternehmen und Finanzinstituten |
| 595 | ist so eng wie möglich zeitlich zu begrenzen. Dazu werden wir eine Ausstiegsstra- |
| 596 | tegie entwickeln. |
| 597 | |
| 598 | Der demographische Wandel, die finanziellen Rahmenbedingungen und die Not- |
| 599 | wendigkeit zur Sicherung der Handlungsfähigkeit des Staates erfordern eine kon- |
| 600 | sequente Nutzung aller Effizienzpotentiale in der Bundesverwaltung. Auf Basis |
| 601 | einer umfassenden Aufgabenkritik, der konsequenten Standardisierung von Pro- |
| 602 | zessen, der flächendeckenden und verbindlichen Nutzung und dem weiteren Aus- |
| 603 | bau von Kompetenz- und Dienstleistungszentren sowie einer Entbürokratisierung |
| 604 | streben wir eine durchgreifende Modernisierung der Bundesverwaltung einschließ- |
| 605 | lich der Ministerien und nachgeordneten Behörden an. |
| 606 | |
| 607 | Der wesentliche Teil der zusätzlich generierten Gewinne aus der Laufzeitverlänge- |
| 608 | rung der Kernenergie soll von der öffentlichen Hand vereinnahmt werden. Mit die- |
| 609 | sen Einnahmen wollen wir auch eine zukunftsfähige und nachhaltige Energiever- |
| 610 | sorgung und -nutzung, z. B. die Erforschung von Speichertechnologien für erneu- |
| 611 | erbare Energien, oder stärkere Energieeffizienz fördern. Unabhängig davon stre- |
| 612 | ben wir eine angemessene Beteiligung der Betreiber an den Sanierungskosten für |
| 613 | die Schachtanlage Asse II an. |
| 614 | |
| 615 | Alle Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Emissionszertifikaten stehen dem Ge- |
| 616 | samthaushalt zur Verfügung. Bei der Erlösverwendung sind die steuerlichen Min- |
| 617 | dereinnahmen aufgrund des Betriebsausgabenabzugs über alle Ebenen und die |
| 618 | laufenden, aus den CO2-Erlösen finanzierten Klimaschutzmaßnahmen in Rech- |
| 619 | nung zu stellen. Ab 2013 sind zusätzlich die angekündigten Kompensationszah- |
| 620 | lungen für indirekte Preiseffekte des Emissionshandels sowie in Aussicht gestellte |
| 621 | Maßnahmen für den Bau effizienter fossiler Kraftwerke zu berücksichtigen. |
| 622 | |
| 623 | Die Finanzagentur Deutschland soll unter Berücksichtigung der haushalterischen |
| 624 | Belange des Bundes so wenig wie möglich mit Kreditinstituten in Wettbewerb tre- |
| 625 | ten. |
| 626 | |
| 627 | 3. Arbeitschancen für alle |
| 628 | |
| 629 | 3.1 Arbeitsmarkt |
| 630 | |
| 631 | Tarifautonomie/gesetzlicher Mindestlohn |
| 632 | |
| 633 | CDU, CSU und FDP bekennen sich zur Tarifautonomie. Sie ist ein hohes Gut, ge- |
| 634 | hört unverzichtbar zum Ordnungsrahmen der Sozialen Marktwirtschaft und hat |
| 635 | Vorrang vor staatlicher Lohnfestsetzung. Einen einheitlichen gesetzlichen Mindest- |
| 636 | lohn lehnen wir ab. |
| 637 | |
| 638 | Daher wollen wir den Tarifausschuss stärken, damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer |
| 639 | gemeinsam in der Pflicht zur Lohnfindung sind. Allgemeinverbindlicherklärungen |
| 640 | von Tarifverträgen auf dem Verordnungswege werden einvernehmlich im Kabinett |
| 641 | geregelt. Voraussetzung dafür ist grundsätzlich eine Mehrheit im Tarifausschuss. |
| 642 | |
| 643 | Die bestehenden gesetzlichen Regelungen zum Mindestlohn werden bis Oktober |
| 644 | 2011 evaluiert. Dabei kommt es uns darauf an, diese daraufhin zu überprüfen, ob |
| 645 | sie Arbeitsplätze gefährden oder neuen Beschäftigungsverhältnissen entgegen- |
| 646 | stehen. Zugleich gilt es zu prüfen, ob sie sowohl den erforderlichen Schutz der |
| 647 | Arbeitnehmer als auch die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Branchen gewähr- |
| 648 | leisten. Das Ergebnis dieser Evaluierung soll als Grundlage für die Entscheidung |
| 649 | dienen, ob die geltenden Mindestlohnregelungen Bestand haben oder aufgehoben |
| 650 | werden sollten. Die anhängigen Bundesgerichtsverfahren im Zusammenhang mit |
| 651 | dem Postmindestlohn werden abgewartet. |
| 652 | |
| 653 | Die Rechtsprechung zum Verbot sittenwidriger Löhne soll gesetzlich festgeschrie- |
| 654 | ben werden, um Lohndumping zu verhindern. Damit werden wir auch wirksam ge- |
| 655 | gen soziale Verwerfungen in einzelnen Branchen vorgehen. |
| 656 | |
| 657 | Arbeitsmarktzugang |
| 658 | |
| 659 | Zur effizienteren Schließung der absehbaren kommenden Fachkräftelücke, aber |
| 660 | auch zur effizienteren Bekämpfung von Leistungsmissbrauch, muss der Arbeits- |
| 661 | marktzugang für Nichtdeutsche besser geregelt werden. |
| 662 | |
| 663 | Aufgabenkritik der Bundesagentur für Arbeit |
| 664 | |
| 665 | Um Arbeitssuchende noch erfolgreicher in sozialversicherungspflichtige Beschäfti- |
| 666 | gung vermitteln zu können, benötigen wir eine effizientere Arbeitsverwaltung. Die |
| 667 | Aufgaben und Strukturen der BA sind einer Aufgabenkritik zu unterziehen, um ei- |
| 668 | ne möglichst effiziente Dienstleistung für die Bürgerinnen und Bürger zu erzielen. |
| 669 | |
| 670 | Grundsätzlich gilt, dass finanzielle Mittel und das Personal der jeweiligen Aufgabe |
| 671 | folgen. |
| 672 | |
| 673 | Schwarzarbeit |
| 674 | |
| 675 | Schwarzarbeit ist kein Kavaliersdelikt. Durch Schwarzarbeit werden den sozialen |
| 676 | Sicherungssystemen Einnahmen entzogen. Sie führt zu einem unfairen Wettbe- |
| 677 | werb besonders zu Lasten des Mittelstandes und den Beschäftigten in kleinen und |
| 678 | mittleren Betrieben. Wir wollen daher Schwarzarbeit durch wirksame Kontrollen |
| 679 | stärker bekämpfen und bessere Anreize zur Aufnahme einer sozialversicherungs- |
| 680 | pflichtigen Beschäftigung setzen. |
| 681 | |
| 682 | Befristete Beschäftigungsverhältnisse |
| 683 | |
| 684 | Das generelle Vorbeschäftigungsverbot für sachgrundlos befristete Einstellungen |
| 685 | erschwert Anschlussbeschäftigungsverhältnisse, wenn während Schule, Ausbil- |
| 686 | dung oder Studium bei einem Arbeitgeber schon einmal befristet gearbeitet wor- |
| 687 | den ist. Wir werden die Möglichkeit einer Befristung von Arbeitsverträgen so um- |
| 688 | gestalten, dass die sachgrundlose Befristung nach einer Wartezeit von einem Jahr |
| 689 | auch dann möglich wird, wenn mit demselben Arbeitgeber bereits zuvor ein Ar- |
| 690 | beitsverhältnis bestanden hat. Mit dieser Neuregelung erhöhen wir Beschäfti- |
| 691 | gungschancen für Arbeitnehmer, verringern den Bürokratieaufwand für Arbeitge- |
| 692 | ber und verhindern Kettenbefristungen. |
| 693 | |
| 694 | Mini-Jobs |
| 695 | |
| 696 | Wir wollen die Arbeitsanreize auch für gering entlohnte Beschäftigungsverhältnis- |
| 697 | se verbessern. Unser Ziel ist es, die Brückenfunktion von Mini- und Midi-Jobs in |
| 698 | voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu stärken. |
| 699 | |
| 700 | Wir prüfen die Erhöhung und die Dynamisierung der Grenze sozialversicherungs- |
| 701 | freier Mini-Jobs. Bei den Hinzuverdienstregeln sollen die Arbeitsanreize gestärkt |
| 702 | werden. |
| 703 | |
| 704 | Fachkräfte |
| 705 | |
| 706 | Wir wollen die Attraktivität Deutschlands für Hochqualifizierte steigern und die Zu- |
| 707 | wanderung nach Deutschland steuern. Bürokratische Hindernisse für qualifizierte |
| 708 | Arbeitnehmer sind abzubauen. Der Zugang von ausländischen Hochqualifizierten |
| 709 | und Fachkräften zum deutschen Arbeitsmarkt muss systematisch an den Bedürf- |
| 710 | nissen des deutschen Arbeitsmarkts ausgerichtet und nach zusammenhängen- |
| 711 | den, klaren, transparenten und gewichteten Kriterien wie beispielsweise Bedarf, |
| 712 | Qualifizierung und Integrationsfähigkeiten gestaltet werden. Darüber hinaus wer- |
| 713 | den wir Regelungen zur Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit, Arbeitsplatzan- |
| 714 | nahme für Studenten mit deutschem Hochschulabschluss, für Künstler und Sport- |
| 715 | ler sowie für Saisonarbeitskräfte überprüfen und Vereinfachungen anstreben. Die |
| 716 | Regelungen für die Beschäftigung von Saisonarbeitskräften werden auch im Inte- |
| 717 | resse der Sonderkulturbetriebe vereinfacht. |
| 718 | |
| 719 | 3.2 Verantwortung für das Unternehmen, Partnerschaft im Betrieb |
| 720 | |
| 721 | Wir setzen uns für eine faire Verantwortungskultur in Unternehmen ein. Unter- |
| 722 | nehmer, Vorstände und Aufsichtsräte stehen in voller Verantwortung zu einer Ge- |
| 723 | sellschaft, die ihnen Entfaltungsmöglichkeiten und Eigentumsschutz garantiert. |
| 724 | Freies Unternehmertum umschließt dabei Gewinnchancen - aber ebenso Risiko- |
| 725 | haftung für Fehlentscheidungen oder nicht vorhergesehene Entwicklung. |
| 726 | |
| 727 | Das gilt für Eigentümer, im Prinzip aber auch für Vorstände und Aufsichtsräte. |
| 728 | Deshalb sind die jüngsten Gesetzesanpassungen zur Haftung und Vergütung wei- |
| 729 | ter zu entwickeln. |
| 730 | |
| 731 | Fehlanreize bei Unternehmen, insbesondere bei Finanzinstituten, müssen besei- |
| 732 | tigt werden. Die Vergütungssysteme müssen sich stärker als bisher am langfristi- |
| 733 | gen Erfolg ihres Unternehmens orientieren. Zu den wichtigen Instrumenten zur |
| 734 | Bewahrung und Stärkung der Finanzmarktstabilität gehören solche Vergütungs- |
| 735 | strukturen für Finanzinstitute, die bei schlechter Geschäftsentwicklung auch Ge- |
| 736 | haltabzüge (Malus-Regelungen) enthalten. |
| 737 | |
| 738 | Wir werden die Möglichkeiten der Mitarbeiterkapitalbeteiligung erweitern. Dabei |
| 739 | gilt das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit. Die Beschäftigten sollen auch durch |
| 740 | Entgeltumwandlung Anteile an ihren Unternehmen steuerbegünstigt erwerben |
| 741 | können. Mitarbeiterkapitalbeteiligungen sollten unternehmerische Mitverantwor- |
| 742 | tung einschließen. |
| 743 | |
| 744 | Wir unterstützen die Professionalisierung der Aufsichtsratsarbeit. Wir werden das |
| 745 | Mitspracherecht der Hauptversammlung bei der Festlegung der Eckpunkte von |
| 746 | Vorstandsvergütungen stärken. Wir wollen eine Mindestwartefrist von zwei Jahren |
| 747 | für ehemalige Vorstandsvorsitzende beim Wechsel zum Aufsichtsratsvorsitzenden |
| 748 | desselben börsennotierten Unternehmens - dabei sind allerdings die Besonder- |
| 749 | heiten von Familienunternehmen zu berücksichtigen. |
| 750 | |
| 751 | Entsprechend den Grundsätzen der Unternehmensführung (Corporate Governan- |
| 752 | ce Codex) werden wir in Gespräche über die Größe von Aufsichtsräten eintreten. |
| 753 | Darüber hinaus soll neben Aufsichtsräten und Vorständen auch ein Ehrenkodex |
| 754 | für Betriebsräte entwickelt werden (z. B. mit einem Recht der Betriebsversamm- |
| 755 | lung auf Offenlegung der gezahlten Aufwendungen an Betriebsratsmitglieder). |
| 756 | |
| 757 | 3.3 Ältere Arbeitnehmer |
| 758 | |
| 759 | Wir streben eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung vor allem von Älteren und |
| 760 | Frauen an und ermutigen zu mehr Bildungs- und Weiterbildungsanstrengungen. |
| 761 | Staatliche Anreize zur faktischen Frühverrentung werden wir beseitigen. Eine Ver- |
| 762 | längerung der staatlich geförderten Altersteilzeit (ATG) über den 31. Dezember |
| 763 | 2009 hinaus lehnen wir daher ab. |
| 764 | |
| 765 | Rente ist kein Almosen. Wer sein Leben lang hart gearbeitet hat, der hat auch ei- |
| 766 | nen Anspruch auf eine gute Rente. Damit dies auch in Zukunft gewährleistet ist, |
| 767 | wollen wir wegen des demographischen Wandels die Voraussetzungen für eine |
| 768 | längere Teilhabe Älterer am Erwerbsleben verbessern. |
| 769 | |
| 770 | Die überwiegende Mehrheit der Bürger ist bis ins hohe Alter körperlich und geistig |
| 771 | fit. Ihre Bereitschaft sich zu engagieren und zu beteiligen möchten wir fördern. Wir |
| 772 | wollen die Kenntnisse, Kompetenzen und Kreativität älterer Menschen für unsere |
| 773 | Gesellschaft nutzen. Wir lehnen daher jegliche Form der Altersdiskriminierung ab |
| 774 | und werden den Wegfall der beruflichen Altersgrenzen prüfen. |
| 775 | |
| 776 | 4. Nachhaltiges Wirtschaften und Klimaschutz |
| 777 | |
| 778 | 4.1 Mittelstand |
| 779 | |
| 780 | Der Mittelstand ist das Herz der Sozialen Marktwirtschaft. Über 4 Mio. Selbständi- |
| 781 | ge und mittelständische Unternehmerinnen und Unternehmer in Industrie, Hand- |
| 782 | werk, Handel, Dienstleistungen und den Freien Berufen sind Motor für Wachstum, |
| 783 | Beschäftigung und Ausbildung in Deutschland. Gemeinsam mit ihren Arbeitneh- |
| 784 | merinnen und Arbeitnehmern schaffen sie Werte und sorgen mit Kreativität und |
| 785 | Innovationen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Eigentümer- |
| 786 | geführte Familienunternehmen stehen für nachhaltiges Denken, gesellschaftlichen |
| 787 | Zusammenhalt und solides Wirtschaften. Auf dieser Stärke müssen wir aufbauen. |
| 788 | Wir wollen die Rahmenbedingungen für Mittelstand, Handwerk, Handel und Freie |
| 789 | Berufe verbessern, Selbständigkeit attraktiver machen und eine neue Gründerdy- |
| 790 | namik anstoßen. Das Handwerk sichert einen hohen Qualitätsstandard, eine gute |
| 791 | Ausbildungsleistung und nachhaltig erfolgreiche Existenzgründungen. Der Meis- |
| 792 | terbrief ist dabei ein Ausweis hoher Qualität. Wir wollen die Freien Berufe und das |
| 793 | Handwerk stärken und dafür sorgen, dass ihr besonderer Stellenwert auf europäi- |
| 794 | scher Ebene besser anerkannt und geschützt wird. |
| 795 | |
| 796 | Wir setzen uns für eine mittelstandsfreundliche Überarbeitung der internationalen |
| 797 | Rechnungslegungsvorschriften ein. |
| 798 | |
| 799 | Die Einführung von Innovationsgutscheinen wird in Abstimmung mit den Länder- |
| 800 | programmen geprüft. |
| 801 | |
| 802 | KfW als Mittelstandsbank |
| 803 | |
| 804 | Förderbanken sind elementarer Bestandteil jeder freien Wirtschaftsordnung. Wir |
| 805 | werden die KfW mit ihren Kernaufgaben als Mittelstandsbank stärken. Wir halten |
| 806 | es für dringend erforderlich, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau nicht im |
| 807 | Wettbewerb mit privaten und genossenschaftlichen Banken sowie Sparkassen |
| 808 | steht. Die Programme der KfW sind einer laufenden Bewertung zu unterziehen. |
| 809 | Die Bearbeitungszeiten werden beschleunigt. Wir werden die KfW - soweit not- |
| 810 | wendig - den Vorschriften des Kreditwesengesetzes unterstellen. Wir wollen die |
| 811 | Verwaltungs- und Aufsichtsstrukturen der KfW deutlich straffen. Dafür ist das KfW- |
| 812 | Gesetz entsprechend anzupassen. |
| 813 | |
| 814 | Gründerland Deutschland |
| 815 | |
| 816 | Deutschland soll verstärkt Innovationen hervorbringen und Leitmärkte prägen. Wir |
| 817 | werden die Förderprogramme für Gründungen und Gründungsfonds sowie für die |
| 818 | Betriebsnachfolgen zusammen mit der Wirtschaft stark ausbauen, bessere Rah- |
| 819 | menbedingungen für Chancen- und Beteiligungskapital schaffen und für ein Leit- |
| 820 | bild der unternehmerischen Selbständigkeit werben. Wir wollen junge, innovative |
| 821 | Unternehmen von unnötigen Bürokratielasten befreien, um Gründungen zu er- |
| 822 | leichtern und intensiv zu befördern. |
| 823 | |
| 824 | Deutschland muss wieder zum Gründerland werden. Daher werden wir eine |
| 825 | Gründerkampagne in Deutschland starten. Einen Schwerpunkt wird dabei die |
| 826 | Nachfolgeproblematik bei der Betriebsübernahme bilden. |
| 827 | |
| 828 | Wir werden daher dafür sorgen, dass der Mittelstand weiter auf ein ausreichendes |
| 829 | Angebot an eigenkapitalnahem Mezzaninkapital zurückgreifen kann. |
| 830 | |
| 831 | Wir werden einen High-Tech-Gründerfonds II als Public-Private-Partnership aufle- |
| 832 | gen, der auf den Erfahrungen des ersten Fonds aufbaut. Darüber hinaus wollen |
| 833 | wir dringend benötigtes privates Kapital für deutsche Venture Capital Fonds mobi- |
| 834 | lisieren, indem wir institutionellen Investoren eine anteilige Garantiemöglichkeit zur |
| 835 | Risikoabsicherung ihrer Fondseinlagen anbieten. Wir werden das Umfeld für die |
| 836 | Tätigkeiten von Business Angels in Deutschland verbessern. |
| 837 | |
| 838 | Wir wollen das Angebot von Mikrokrediten ausweiten, insbesondere für Gründer |
| 839 | und Kleinunternehmer. |
| 840 | |
| 841 | Wir wollen Gründern nach einem Fehlstart eine zweite Chance eröffnen. Dazu |
| 842 | wird die Zeit der Restschuldbefreiung auf drei Jahre halbiert. |
| 843 | |
| 844 | Der Pfändungsschutz für die private Altersvorsorge im Insolvenzfall verringert das |
| 845 | Risiko der Altersarmut für Selbständige deutlich. Wir werden deshalb die Pfän- |
| 846 | dungsfreigrenzen für die Altersvorsorge Selbständiger regelmäßig anpassen. |
| 847 | |
| 848 | 4.2 Klimaschutz, Energie und Umwelt |
| 849 | |
| 850 | Klimaschutz |
| 851 | |
| 852 | Das Prinzip der Nachhaltigkeit prägt unsere Politik. Wir wollen gute Lebensbedin- |
| 853 | gungen für kommende Generationen. Der Klimaschutz ist weltweit die herausra- |
| 854 | gende umweltpolitische Herausforderung unserer Zeit. Er ist Vorsorge für eine |
| 855 | langfristig tragfähige wirtschaftliche und ökologische Entwicklung. Wir sehen Kli- |
| 856 | maschutz zugleich als Wettbewerbsmotor für neue Technologien. |
| 857 | |
| 858 | Unser Ziel ist es, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen |
| 859 | und Deutschlands Vorreiterrolle beim Klimaschutz beizubehalten. International ist |
| 860 | vereinbart, dass die Industriestaaten ihre Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um |
| 861 | mindestens 80% reduzieren. Wir werden für Deutschland einen konkreten Ent- |
| 862 | wicklungspfad festlegen und bekräftigen unser Ziel, die Treibhausgas-Emissionen |
| 863 | bis 2020 um 40 % gegenüber 1990 zu senken. |
| 864 | |
| 865 | Wir werden die Maßnahmen im Integrierten Energie- und Klimaprogramm 2010 |
| 866 | auf ihre Wirksamkeit überprüfen und ggf. nachsteuern. Die deutsche Anpassungs- |
| 867 | strategie wird bis 2011 weiterentwickelt. |
| 868 | |
| 869 | Wir setzen uns in Kopenhagen für ein weltweites anspruchsvolles Klimaschutzab- |
| 870 | kommen ein. Dieses soll nach dem Abkommen von Kyoto ein neues Kapitel im |
| 871 | internationalen Klimaschutz einleiten. Wir fordern die Schwellenländer auf, mit |
| 872 | nachprüfbaren Verpflichtungen ihren Beitrag zu leisten. Wir werden die Entwick- |
| 873 | lungsländer bei der Bekämpfung des Klimawandels und der Bewältigung seiner |
| 874 | Folgen stärker unterstützen. Bei den Verhandlungen werden wir uns für eine faire |
| 875 | Lastenverteilung einsetzen, die vergleichbare Wettbewerbsbedingungen schafft |
| 876 | und Produktionsverlagerungen in Länder ohne Klimaschutz verhindert. Wir sind zu |
| 877 | einer angemessenen Finanzierung von Technologietransfer-, Waldschutz- und |
| 878 | Anpassungsprojekten bereit. |
| 879 | |
| 880 | Wo immer möglich, wollen wir marktbasierte Instrumente wie den Clean Develop- |
| 881 | ment Mechanism (CDM) nutzen. Auf EU-Ebene werden wir uns gegen die Einfüh- |
| 882 | rung von Klimazöllen und CO2-Abgaben einsetzen. |
| 883 | |
| 884 | Der Emissionshandel ist das vorrangige Klimaschutzinstrument. Er soll perspekti- |
| 885 | visch zu einem globalen Kohlenstoffmarkt ausgebaut werden. Wir werden Initiati- |
| 886 | ven ergreifen, um regionale Handelssysteme zu verbinden und in das internationa- |
| 887 | le Handelssystem schrittweise weitere Bereiche, wie z. B. den Luft- und Seever- |
| 888 | kehr, mit einzubeziehen. Wir wollen die Höhe der Deckelung der CDM- |
| 889 | Maßnahmen auf europäischer Ebene überprüfen und die ökologische Integrität |
| 890 | des CDM erhöhen. |
| 891 | |
| 892 | Wir setzen uns dafür ein, dass energieintensive Unternehmen, die im internationa- |
| 893 | len Wettbewerb Nachteile befürchten müssen, weiterhin von der Versteigerung der |
| 894 | Emissionsrechte ausgenommen bleiben. |
| 895 | |
| 896 | Gemäß den deutschen Verpflichtungen bei dem Europäischen Rat sollen 50 Pro- |
| 897 | zent der Erlöse aus der Versteigerung der Emissionszertifikate ab 2013 vorrangig |
| 898 | für internationale und ergänzend nationale Klimaschutzprojekte genutzt werden. |
| 899 | Letztere sollen insbesondere für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel |
| 900 | verwendet werden. |
| 901 | |
| 902 | Energiemix |
| 903 | |
| 904 | Wir wollen eine ideologiefreie, technologieoffene und marktorientierte Energiepoli- |
| 905 | tik. Diese umfasst alle Nutzungspfade (Strom, Wärme, Mobilität). Mehrfachbelas- |
| 906 | tungen der gewerblichen Energieverbraucher sind durch eine bessere Abstim- |
| 907 | mung der energie- und klimapolitischen Instrumente zu vermeiden. Wir werden |
| 908 | spätestens innerhalb des nächsten Jahres ein neues Energiekonzept vorlegen, |
| 909 | das szenarienbezogen Leitlinien für eine saubere, zuverlässige und bezahlbare |
| 910 | Energieversorgung formuliert. |
| 911 | |
| 912 | Wir werden die erneuerbaren Energien konsequent ausbauen und die Energieeffi- |
| 913 | zienz weiter erhöhen. Ziel ist es, dass die erneuerbaren Energien den Hauptanteil |
| 914 | an der Energieversorgung übernehmen. Auf diesem Weg werden in einem dyna- |
| 915 | mischen Energiemix die konventionellen Energieträger kontinuierlich durch alter- |
| 916 | native Energien ersetzt. |
| 917 | |
| 918 | Erneuerbare Energien |
| 919 | |
| 920 | Wir wollen den Weg in das regenerative Zeitalter gehen und die Technologiefüh- |
| 921 | rerschaft bei den Erneuerbaren Energien ausbauen. Die Potentiale für Innovation, |
| 922 | Wachstum und Beschäftigung beim Umbau unseres Energiesystems sind gewal- |
| 923 | tig. |
| 924 | |
| 925 | Dazu werden wir den Ausbau der Erneuerbaren Energien entsprechend den be- |
| 926 | stehenden Zielvorgaben weiter fördern, das EEG sowie den unbegrenzten Ein- |
| 927 | speisevorrang erhalten sowie zugleich die Förderung wirtschaftlicher und Einspei- |
| 928 | sung effizienter gestalten. Unser Ziel ist es, die erneuerbaren Energien so schnell |
| 929 | wie möglich markt- und speicherfähig zu machen. Über- oder Unterförderungen |
| 930 | sind zu vermeiden. |
| 931 | |
| 932 | Dabei erhalten wir die Planungssicherheit für bestehende Anlagen. Wir werden als |
| 933 | Sofortmaßnahme die Reduzierung der EEG-Vergütung für modulare Anlagen, die |
| 934 | vor dem 1.1.2009 in Betrieb waren, zurücknehmen. |
| 935 | |
| 936 | Wir werden mit Wirkung zum 1.1.2012 eine EEG-Novelle auf den Weg bringen, |
| 937 | die die Wettbewerbsfähigkeit der jeweiligen Technologie wahrt. Wir wollen bei der |
| 938 | Biomasse-Verstromung organische Reststoffe gegenüber nachwachsenden Roh- |
| 939 | stoffen stärker gewichten, bessere Rahmenbedingungen für eine ökologisch ver- |
| 940 | träglichere Wasserkraftnutzung sowie für das Repowering von Windkraftanlagen |
| 941 | schaffen und Planungssicherheit für die Offshore-Windkraft erhalten. Für virtuelle |
| 942 | Kraftwerke, die eine gleichmäßige Versorgung mit erneuerbaren Energien gewähr- |
| 943 | leisten, soll ein Stetigkeitsbonus eingeführt werden. Wir legen künftig im Drei- |
| 944 | Jahres-Rhythmus einen EEG-Erfahrungsbericht vor. |
| 945 | |
| 946 | Wir bekennen uns zur Solarenergie als wichtige Zukunftstechnologie am Standort |
| 947 | Deutschland. Wir werden mit einer Anhörung in den Dialog mit der Solar-Branche |
| 948 | und Verbraucherorganisationen treten, mit welchen Anpassungen kurzfristig Über- |
| 949 | förderungen bei der Photovoltaik vermieden werden können. Dabei werden wir |
| 950 | auch prüfen, wie die Förderung der Freiflächen-Anlagen noch stärker auf die Nut- |
| 951 | zung von versiegelten oder vorbelasteten Flächen ausgerichtet werden kann. |
| 952 | |
| 953 | Wir werden die Bedingungen für die Biogas-Einspeisung im Erneuerbare-Wärme- |
| 954 | Gesetz verbessern. Das Marktanreizprogramm führen wir fort. |
| 955 | |
| 956 | Die termingerechte Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz ist zügig |
| 957 | und effektiv zu realisieren. Wir werden nachdrücklich an einer Strategie eines |
| 958 | Stromverbundes mit Nordafrika für Sonnen- und Windenergie arbeiten sowie den |
| 959 | Aufbau des Technologie- und Innovationszentrums der IRENA in Bonn aktiv vo- |
| 960 | rantreiben. |
| 961 | |
| 962 | Für Biomasse wollen wir Initiativen für eine international wirksame Nachhaltig- |
| 963 | keitszertifizierung ergreifen, die sowohl die Kraftstoff- und Stromproduktion als |
| 964 | auch die Nutzung für Lebens- und Futtermittel umfasst. Bei Betrieben in der EU |
| 965 | soll dabei die Prüfung der Cross-Compliance-Regelungen voll anerkannt werden. |
| 966 | |
| 967 | Wir wollen den Markt für reine Biokraftstoffe wieder beleben und werden dafür ei- |
| 968 | nen Gesetzentwurf mit Wirksamkeit zum 1.1.2010 vorlegen. Die Höhe der Steuer- |
| 969 | begünstigungen soll spätestens 2013 nach spezifischen CO2- |
| 970 | Reduktionspotentialen ausgelegt werden. Wir werden die Einführung von E 10- |
| 971 | Kraftstoff auf freiwilliger Basis und als zusätzliches Angebot mit klarer Kennzeich- |
| 972 | nung ermöglichen. |
| 973 | |
| 974 | Energieeffizienz |
| 975 | |
| 976 | Der weltweite Energieverbrauch wird in den nächsten Jahren drastisch zunehmen. |
| 977 | Daher wollen wir durch marktorientierte und technologieoffene Rahmenbedingun- |
| 978 | gen, die stärker auf Anreiz und Verbraucherinformation und weniger auf Zwang |
| 979 | setzen, die enormen Potentiale im Bereich Energieeffizienz heben. Hierzu zählen |
| 980 | insbesondere: die marktwirtschaftliche 1:1 Umsetzung der Energiedienstleistungs- |
| 981 | richtlinie, die Stärkung der Energiekompetenz der Verbraucher etwa durch unbü- |
| 982 | rokratische Kennzeichnung des Energieverbrauchs bei energierelevanten Produk- |
| 983 | ten, eine Energieinitiative Mittelstand (Investitionsanreize durch Änderungen im |
| 984 | Mietrecht und im Energiecontracting, Fortsetzung der Programme zur Energiebe- |
| 985 | ratung, kostenneutrale Vereinfachung der Fördermodelle in der Gebäudesanie- |
| 986 | rung). |
| 987 | |
| 988 | Gebäudesanierung und Einsatz erneuerbarer Energien im Wärmebereich |
| 989 | |
| 990 | Die Sanierung des Gebäudebestandes birgt ein hohes Potential zur Erreichung |
| 991 | der deutschen Klimaschutzziele und trägt dazu bei, den geänderten Ansprüchen |
| 992 | an den Wohnungsstandard - auch infolge der Alterung der Gesellschaft - Rech- |
| 993 | nung zu tragen. Die Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden und der ver- |
| 994 | mehrte Einsatz erneuerbarer Energien zur Wärmeerzeugung in Gebäuden senken |
| 995 | die CO2-Emissionen. Wir werden das CO2-Gebäudesanierungsprogramm wir- |
| 996 | kungsvoller ausgestalten, um die derzeitige Sanierungsquote zu steigern. Die |
| 997 | Hürden im Mietrecht für eine energetische Sanierung zum gemeinsamen Vorteil |
| 998 | von Eigentümern und Mietern werden gesenkt, die bestehenden Möglichkeiten der |
| 999 | gewerblichen Wärmelieferung (EnergieContracting) im Mietwohnungsbereich er- |
| 1000 | weitert. Baumaßnahmen, die diesem Zweck dienen, sind zu dulden und sollen |
| 1001 | nicht zur Mietminderung berechtigen. |
| 1002 | |
| 1003 | Bei den europäischen Verhandlungen zur "Richtlinie über die Gesamtenergieeffi- |
| 1004 | zienz von Gebäuden" werden wir auf Ausgewogenheit achten. |
| 1005 | |
| 1006 | Kohle und CCS |
| 1007 | |
| 1008 | Wir wollen auch weiterhin den Bau von hocheffizienten Kohlekraftwerken ermögli- |
| 1009 | chen. Wir stehen zum vereinbarten Ausstieg aus dem subventionierten Steinkoh- |
| 1010 | lebergbau und halten an der kohlepolitischen Verständigung vom 7. Februar 2007 |
| 1011 | fest. Wir werden zeitnah die Richtlinie der EU umsetzen, die Abscheidung, Trans- |
| 1012 | port und Einlagerung von CO2 regelt. Wir wollen für Akzeptanz werben und u. a. |
| 1013 | einen Geothermie-Atlas beauftragen, um Nutzungskonkurrenzen zwischen CCS |
| 1014 | und Geothermie zu prüfen. Wir werden Forschungsprogramme zu Möglichkeiten |
| 1015 | der Nutzung von CO2 im Wirtschaftskreislauf ausbauen. |
| 1016 | |
| 1017 | Kernenergie |
| 1018 | |
| 1019 | Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, bis sie durch erneuerbare Energien |
| 1020 | verlässlich ersetzt werden kann. Andernfalls werden wir unsere Klimaziele erträg- |
| 1021 | liche Energiepreise und weniger Abhängigkeit vom Ausland, nicht erreichen. Dazu |
| 1022 | sind wir bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der |
| 1023 | strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern. Das |
| 1024 | Neubauverbot im Atomgesetz bleibt bestehen. |
| 1025 | In einer möglichst schnell zu erzielenden Vereinbarung mit den Betreibern werden |
| 1026 | zu den Voraussetzungen einer Laufzeitverlängerung nähere Regelungen getroffen |
| 1027 | (u. a. Betriebszeiten der Kraftwerke, Sicherheitsniveau, Höhe und Zeitpunkt eines |
| 1028 | Vorteilsausgleichs, Mittelverwendung zur Erforschung vor allem von erneuerbaren |
| 1029 | Energien, insb. von Speichertechnologien). Die Vereinbarung muss für alle Betei- |
| 1030 | ligten Planungssicherheit gewährleisten. |
| 1031 | |
| 1032 | Nukleare Endlagerung |
| 1033 | |
| 1034 | Eine verantwortungsvolle Nutzung der Kernenergie bedingt auch die sichere End- |
| 1035 | lagerung radioaktiver Abfälle. Wir werden deshalb das Moratorium zur Erkundung |
| 1036 | des Salzstockes Gorleben unverzüglich aufheben, um ergebnisoffen die Erkun- |
| 1037 | dungsarbeiten fortzusetzen. Wir wollen, dass eine International Peer Review |
| 1038 | Group begleitend prüft, ob Gorleben den neuesten internationalen Standards ge- |
| 1039 | nügt. Der gesamte Prozess wird öffentlich und transparent gestaltet. |
| 1040 | |
| 1041 | Die Endlager Asse II und Morsleben sind in einem zügigen und transparenten Ver- |
| 1042 | fahren zu schließen. Dabei hat die Sicherheit von Mensch und Umwelt höchste |
| 1043 | Priorität. Die Energieversorger sind an den Kosten der Schließung der Asse II zu |
| 1044 | beteiligen. |
| 1045 | |
| 1046 | Mit Blick auf Endlagerstandorte setzen wir uns für einen gerechten Ausgleich für |
| 1047 | die betroffenen Regionen ein, die eine im nationalen Interesse bedeutsame Ent- |
| 1048 | sorgungseinrichtung übernehmen. |
| 1049 | |
| 1050 | Energieinfrastruktur |
| 1051 | |
| 1052 | Der Investitionsstau im Ausbau der nationalen Energienetze muss aufgelöst wer- |
| 1053 | den. Dazu werden wir das dritte Binnenmarktpaket Strom und Gas zügig umset- |
| 1054 | zen, die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine flächendeckende Modernisie- |
| 1055 | rung der Energienetze zu intelligenten Netzen weiterentwickeln und die Verbin- |
| 1056 | dung der Stromnetze mit Informations- und Kommunikationstechnik zu einem E- |
| 1057 | lement des effizienten Netzbetriebs machen. Wir werden eine weitere Beschleuni- |
| 1058 | gung der Planungsverfahren im Leitungsbau angehen. Wir setzen uns dafür ein, |
| 1059 | die deutschen Übertragungsnetze in einer unabhängigen und kapitalmarktfähigen |
| 1060 | Netzgesellschaft zusammenzuführen und die Grenzkuppelstellen weiter ausbau- |
| 1061 | en. |
| 1062 | |
| 1063 | Wettbewerb auf den Energiemärkten |
| 1064 | |
| 1065 | Wir wollen die wettbewerblichen Strukturen auf den Energiemärkten weiter |
| 1066 | verbessern. Dazu werden wir eine Markttransparenzstelle einrichten und deren |
| 1067 | Befugnisse so erweitern, dass sie über alle Informationen verfügt, um zeitnah eine |
| 1068 | transparente Preisbildung im Stromgroßhandel zu sichern. Wir werden Wettbe- |
| 1069 | werbshemmnisse im grenzüberschreitenden Stromhandel durch ein besonders |
| 1070 | marktfreundliches Engpassmanagement und durch eine Zweckbindung der Eng- |
| 1071 | passerlöse zügig beseitigen. Die Gasmarktgebiete sollen auf höchstens zwei Ge- |
| 1072 | biete (je ein Gebiet für H-Gas und L-Gas) reduziert werden. Wir wollen dem Wett- |
| 1073 | bewerb auf dem Gasmarkt neue Impulse geben, die Gasnetzzugangsverordnung |
| 1074 | neu fassen und den Zugang der Wettbewerber zu nicht genutzten Gastransport- |
| 1075 | und Speicherkapazitäten erleichtern. Wir werden den Wettbewerb auf dem Regel- |
| 1076 | energiemarkt fördern und ein einziges nach einheitlichen Regeln funktionierendes |
| 1077 | Marktgebiet anstreben. |
| 1078 | |
| 1079 | Im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems sind die Rahmenbedingungen und |
| 1080 | die nationale Umsetzung kontinuierlich mit dem Ziel zu überprüfen, ob sie der |
| 1081 | Wettbewerbsfähigkeit der stromintensiven Industrien in Deutschland ausreichend |
| 1082 | Rechnung tragen. Das BMWi prüft, welche Maßnahmen zum Erhalt der Wettbe- |
| 1083 | werbsfähigkeit der stromintensiven Industrie und der damit verbundenen Arbeits- |
| 1084 | plätze, ggf. vor 2013, erforderlich sind. |
| 1085 | |
| 1086 | Energieforschung, Speicher und Mobilität |
| 1087 | |
| 1088 | Eine konzentrierte, technologieoffene und nachhaltige Energieforschung ist der |
| 1089 | Schlüssel auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Energieversorgung. Wir werden |
| 1090 | ein neues Energieforschungsprogramm mit Schwerpunkten in der Energieeffi- |
| 1091 | zienzforschung, den Speichertechnologien, intelligenter Netztechnik und Biokraft- |
| 1092 | stoffen der zweiten Generation entwickeln. |
| 1093 | |
| 1094 | Wir entwickeln eine breit angelegte und technologieoffene Mobilitäts- und Kraft- |
| 1095 | stoffstrategie, die alle alternativen Technologien und Energieträger berücksichtigt. |
| 1096 | Zudem soll sich Deutschland zum "Leitmarkt" der Elektromobilität entwickeln. |
| 1097 | |
| 1098 | Energieaußenpolitik |
| 1099 | |
| 1100 | Aufgrund der Abhängigkeit Deutschlands von Energie- und Rohstoffimporten be- |
| 1101 | nötigen wir eine Energieaußenpolitik, die deutsche Unternehmen und große Infra- |
| 1102 | strukturprojekte (z. B.: Nordstream, Nabucco, LNG, DESERTEC) intensiv beglei- |
| 1103 | tet. Energieträger, Lieferländer und Transportrouten sind weiter zu diversifizieren, |
| 1104 | um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. |
| 1105 | |
| 1106 | Nationale Nachhaltigkeitsstrategie |
| 1107 | |
| 1108 | Die Nationale Nachhaltigkeitsstrategie wird im bewährten institutionellen Rahmen |
| 1109 | weiterentwickelt. Wir werden den Parlamentarischen Beirat für Nachhaltige Ent- |
| 1110 | wicklung federführend mit der parlamentarischen Kontrolle der Nachhaltigkeits- |
| 1111 | strategie sowie der Nachhaltigkeitsprüfung beauftragen. Die Nachhaltigkeitsprü- |
| 1112 | fung soll durch eine offizielle Generationenbilanz ergänzt werden, die die monet- |
| 1113 | arisierbaren Leistungen und Lasten heutiger Politik für kommende Generationen |
| 1114 | transparent macht. |
| 1115 | |
| 1116 | Naturschutz |
| 1117 | |
| 1118 | Kooperation mit den Betroffenen vor Ort ist unabdingbare Voraussetzung für eine |
| 1119 | erfolgreiche Naturschutzpolitik. Wir wollen gemeinsam mit den Naturnutzern die |
| 1120 | Umweltbildung fördern. Wir werden die Partnerschaft zwischen Landwirtschaft, |
| 1121 | Natur- und Umweltschutz über freiwillige Programme weiter stärken und uns am |
| 1122 | Vorrang des Vertragsnaturschutzes orientieren. Die Nutzung von Ökokonten un- |
| 1123 | terstützen wir nachhaltig. |
| 1124 | |
| 1125 | Wir werden den Bundesländern die Kompetenz geben, beim Ausgleich von Ein- |
| 1126 | griffen in die Natur das Ersatzgeld anderen Kompensationsmaßnahmen gleichzu- |
| 1127 | stellen. |
| 1128 | |
| 1129 | Im Rahmen der Umsetzung der nationalen Strategie für biologische Vielfalt wer- |
| 1130 | den wir ein Bundesprogramm erarbeiten, das mit Ländern und Kommunen, mit |
| 1131 | Waldbesitzern, Landnutzern und Naturschutzverbänden abgestimmt wird. Die |
| 1132 | wichtige Rolle der Botanischen Gärten und Sammlungen werden wir stärken. |
| 1133 | |
| 1134 | Wir sprechen uns für die Vernetzung ökologisch besonders wertvoller Gebiete in |
| 1135 | einem Verbundsystem aus. Wir streben ein europa- und weltweites System von |
| 1136 | Schutzgebieten unter stärkerer Einbindung der regional unterschiedlichen Kultur- |
| 1137 | landschaften an. Wir erarbeiten ein "Bundesprogramm Wiedervernetzung" als |
| 1138 | Grundlage für den Bau von Querungshilfen im Bundesverkehrswegenetz in den |
| 1139 | wichtigsten Lebensraumkorridoren. |
| 1140 | |
| 1141 | Zur Sicherung des "Nationalen Naturerbes" werden wir die Übertragung der noch |
| 1142 | ausstehenden 25.000 Hektar national wertvoller Naturflächen fortführen. Wir si- |
| 1143 | chern das "Grüne Band Deutschland" entlang der ehemaligen innerdeutschen |
| 1144 | Grenze als "Naturmonument" und wollen die Entwicklung eines "Grünen Bandes |
| 1145 | Europa" anstoßen. |
| 1146 | |
| 1147 | Frei fließende Flüsse haben einen hohen ökologischen Wert. Die Durchgängigkeit |
| 1148 | der Flüsse für wandernde Fische muss wiederhergestellt werden. Für den Natur- |
| 1149 | und Hochwasserschutz sollen natürliche Auen reaktiviert und Flusstäler, wo immer |
| 1150 | möglich, renaturiert werden. Wir prüfen, ob die Wasser- und Schifffahrtsverwal- |
| 1151 | tung des Bundes zu diesem Zweck eingesetzt werden kann. |
| 1152 | |
| 1153 | Wir unterstützen projektbezogene Modelle zur Honorierung vermiedener Abhol- |
| 1154 | zung in Entwicklungsländern. Wir halten an der Zusage zur finanziellen Unterstüt- |
| 1155 | zung des internationalen Waldschutzes fest. Wir wollen auf EU-Ebene die Maß- |
| 1156 | nahmen gegen illegal geschlagenes Tropenholz verschärfen. |
| 1157 | |
| 1158 | Die Wiederverwendung bereits genutzter Flächen und die Verdichtung im Innen- |
| 1159 | bereich müssen Vorrang vor Flächenneuverbrauch bzw. vor Entwicklung im Au- |
| 1160 | ßenbereich haben. Deshalb wollen wir gemeinsam mit den Kommunen Instrumen- |
| 1161 | te zur Gestaltung der Innenentwicklung erarbeiten. Brachflächenkataster, Mana- |
| 1162 | gementpläne, ein zoniertes Satzungsrecht der Kommunen und finanzielle Anreiz- |
| 1163 | instrumente wollen wir weiterentwickeln. |
| 1164 | |
| 1165 | Wir beabsichtigen, einen Modellversuch zu initiieren, in dem Kommunen auf frei- |
| 1166 | williger Basis ein überregionales Handelssystem für die Flächennutzung erproben. |
| 1167 | |
| 1168 | Meeresschutz |
| 1169 | |
| 1170 | Wir werden auf europäischer und VN-Ebene darauf hinwirken, dass ein globales |
| 1171 | System von Meeresschutzgebieten geschaffen wird. In Nord- und Ostsee werden |
| 1172 | wir in enger Abstimmung mit den betroffenen Bundesländern die Einrichtung von |
| 1173 | Meeresschutzgebieten prüfen. Wir sprechen uns für ein umfassendes Walfang- |
| 1174 | verbot, eine signifikante Reduzierung des Beifangs und ein Verbot zerstörerischer |
| 1175 | Fischereipraktiken aus. Wir setzen uns auf EU-Ebene für die Beschränkung der |
| 1176 | Grundschleppnetzfischerei und das Verbot der industriellen Fischerei, die auf die |
| 1177 | Gewinnung von Fischmehl zur Verfütterung ausgerichtet ist, ein. |
| 1178 | |
| 1179 | Immissionsschutz und Stoffpolitik |
| 1180 | |
| 1181 | Zur weiteren Verbesserung der Luftqualität wollen wir die Schadstoffe bereits an |
| 1182 | der Quelle reduzieren - auch bei der nachhaltigen Nutzung von Biomasse. Dafür |
| 1183 | ist die zügige Verabschiedung der vorliegenden 1. BImSchV notwendig. Wir wol- |
| 1184 | len die Förderung von Rußpartikelfiltern auf leichte Nutzfahrzeuge erweitern. Wir |
| 1185 | werden die Rahmenbedingungen für die landseitige Stromversorgung von Schiffen |
| 1186 | verbessern. |
| 1187 | |
| 1188 | Wir werden den Lärmschutz verbessern. Wir wollen ein einheitliches Lärmschutz- |
| 1189 | konzept und eine Anpassung sowie Harmonisierung der Berechnungsgrundlagen |
| 1190 | bei den Lärmbelastungswerten. Die Mittel für die Lärmsanierung werden konstant |
| 1191 | gehalten. |
| 1192 | |
| 1193 | Das Fluglärmgesetz werden wir so ändern, dass Anwohner von Militärflughäfen |
| 1194 | bei den gleichen Grenzwerten Anspruch auf Erstattung von Lärmschutzkosten |
| 1195 | haben wie an Verkehrsflughäfen. |
| 1196 | |
| 1197 | Bei der Überprüfung der Chemikalienverordnung REACH setzen wir uns für eine |
| 1198 | Gebührensenkung ein. Bürokratische Hürden für die Zulassung von Biozidproduk- |
| 1199 | ten wollen wir abbauen. Nationale Verfahren in der Stoffpolitik wollen wir be- |
| 1200 | schleunigen, ohne die Standards abzusenken. |
| 1201 | |
| 1202 | Kreislaufwirtschaft |
| 1203 | |
| 1204 | Wir wollen die Abfallwirtschaft und das Ressourcenmanagement im europäischen |
| 1205 | Kontext weiterentwickeln. Unser Ziel ist eine ökologisch und ökonomisch effizien- |
| 1206 | tere sowie verbraucherfreundlichere Ausrichtung der Abfallwirtschaft. Vorrang hat |
| 1207 | die Abfallvermeidung. Nicht vermeidbare Abfälle müssen verwertet werden, soweit |
| 1208 | dies wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist. Hierfür prüfen wir z. B. die Einfüh- |
| 1209 | rung einer Wertstofftonne. Darüber hinaus werden biogene Abfälle verstärkt nach- |
| 1210 | haltig verwertet. Die abfallrechtlichen Regelungen sollen übersichtlicher und die |
| 1211 | technischen Standards einfacher, klarer und eindeutiger werden, ohne Überlas- |
| 1212 | sungspflichten auszuweiten oder gewerbliche Sammlungen einzuschränken. |
| 1213 | |
| 1214 | Wir wollen die ökologischen Produktverantwortung nicht länger nur als Produzen- |
| 1215 | tenverantwortung verstehen. Durch eine aussagefähige Produktkennzeichnung, z. |
| 1216 | B. klare Bezeichnung als Einweg- oder Mehrwegflasche, werden wir die Transpa- |
| 1217 | renz erhöhen und die ökologische Konsumentenverantwortung stärken. |
| 1218 | |
| 1219 | Die Verpackungsverordnung werden wir überarbeiten und in Richtung einer all- |
| 1220 | gemeinen Wertstoffverordnung weiterentwickeln, die sowohl flexible als auch wett- |
| 1221 | bewerbliche Lösungen zur Ressourcenschonung enthält. Die Aufhebung der |
| 1222 | Rücknahmeverpflichtungen für Hersteller und Vertreiber lehnen wir ab. |
| 1223 | |
| 1224 | Mit Blick auf die Abfallwirtschaft befürworten wir die grundsätzliche steuerliche |
| 1225 | Gleichstellung von öffentlichen und privaten Unternehmen. |
| 1226 | |
| 1227 | Wasser |
| 1228 | |
| 1229 | Wir werden die Qualität der Gewässer weiter verbessern. Hierzu werden wir die |
| 1230 | Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie an die Gewässergüte gemeinsam mit |
| 1231 | unseren Nachbarn zügig umsetzen, Schadstoffeinträge weiter vermindern und den |
| 1232 | Gewässern mehr Raum geben. Die Förderung von Agrar-Umweltmaßnahmen ("2. |
| 1233 | Säule") ist stärker auf die Verringerung der Einträge von Nährstoffen und Pflan- |
| 1234 | zenschutzmitteln in Gewässer auszurichten. |
| 1235 | |
| 1236 | Dezentrale Energieversorgung im ländlichen Raum |
| 1237 | |
| 1238 | Wir werden den Anbau und die Verwertung von nachwachsenden Rohstoffen un- |
| 1239 | ter Berücksichtigung der Bestimmungen der Nachhaltigkeitsverordnungen unter- |
| 1240 | stützen, ohne die Ernährungssicherheit zu gefährden. Das laufende Aktionspro- |
| 1241 | gramm des Bundes "Energie von morgen - Chance für ländliche Räume" wird |
| 1242 | fortgesetzt. |
| 1243 | |
| 1244 | 4.3 Neue Technologien, Industrieland Deutschland |
| 1245 | |
| 1246 | Wohlstand und Beschäftigung sind in Deutschland in weitaus stärkerem Maße als |
| 1247 | in den meisten vergleichbaren Ländern von einer prosperierenden, breit aufge- |
| 1248 | stellten Industrie abhängig. Wir bekennen uns deshalb zum Industriestandort |
| 1249 | Deutschland und zur Akzeptanz zukunftsweisender Technologien. Wir werden |
| 1250 | dafür sorgen, dass in Deutschland produzierende Unternehmen faire Bedingungen |
| 1251 | im europäischen und auch globalen Wettbewerb vorfinden ("level playing field"). |
| 1252 | |
| 1253 | Wir werden die Luftfahrtindustrie und ihre innovativen Technologien nachhaltig |
| 1254 | fördern, um so zum Erhalt und zur Steigerung der technologischen Leistungsfä- |
| 1255 | higkeit Deutschlands beizutragen. Die nachhaltige Sicherung und der weitere |
| 1256 | Ausbau der eigenständigen nationalen Fähigkeiten auch im Bereich der Luftfahrt- |
| 1257 | industrie - insbesondere zukünftiger unbemannter Luftfahrtsysteme - sind unab- |
| 1258 | dingbar. |
| 1259 | |
| 1260 | Deutschland braucht klare Ziele in der Raumfahrt. Dafür wird eine eigenständige |
| 1261 | Raumfahrtstrategie mit klaren Missions- und Technologiezielen innerhalb eines |
| 1262 | Jahres weiterentwickelt. Die Luftfahrtforschung werden wir programmatisch weiter |
| 1263 | vorantreiben. |
| 1264 | |
| 1265 | Wir werden die Wettbewerbsfähigkeit der Maritimen Wirtschaft in Deutschland |
| 1266 | stärken und die nationalen maritimen Konferenzen fortsetzen. Die Innovationsfel- |
| 1267 | der Schiffbau und Meerestechnik werden weiterentwickelt. Wir unterstützen den |
| 1268 | Ausbau der nachhaltigen Energie- und Rohstoffversorgung aus dem Meer als stra- |
| 1269 | tegisch wichtiges Zukunftsfeld. |
| 1270 | |
| 1271 | Die Koalition wird bei der EU-Kommission darauf hinwirken, europäischen Hoch- |
| 1272 | technologiestandorten weltweit gleiche Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen. |
| 1273 | Die richtige Absicht der EU-Kommission, Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der |
| 1274 | EU zu unterbinden, darf nicht zu einer Schwächung des Standorts Europa gegen- |
| 1275 | über anderen Regionen auf der Welt führen. Um Hochtechnologien wie die Mikro- |
| 1276 | und Nanoelektronik in Deutschland zu halten und in ihrer Entwicklung zu stärken, |
| 1277 | müssen die globalen Wettbewerbsbedingungen fair sein. Die Koalition wird |
| 1278 | daneben die eigenen Anstrengungen insbesondere im Bereich der Forschungs- |
| 1279 | und Technologieförderung verstärken. |
| 1280 | |
| 1281 | Zukunftstechnologien |
| 1282 | |
| 1283 | Moderne Technologien sind keine Bedrohung sondern Chance für Deutschland. |
| 1284 | Mit ihnen begegnen wir den großen Herausforderungen der Menschheit wie Hun- |
| 1285 | ger, Armut, Krankheit und Naturkatastrophen. Deutschlands Technologieführer- |
| 1286 | schaft sichert uns Teilhabe an großen Zukunftschancen, Beschäftigung und Res- |
| 1287 | sourcen schonendem Wohlstand. |
| 1288 | |
| 1289 | Eine zukunftsfähige deutsche Wirtschaft beruht auf freien Entwicklungs- und For- |
| 1290 | schungsmöglichkeiten: |
| 1291 | - Wir wollen die Nanotechnologie in Deutschland konsequent weiterentwi- |
| 1292 | ckeln. |
| 1293 | - Wir wollen den deutschen Vorsprung in den Umwelt- und Klimaschutztech- |
| 1294 | nologien halten und ausbauen. |
| 1295 | - Bei der Fahrzeugtechnologie und Elektromobilität wollen wir insbesondere |
| 1296 | alternative Antriebskonzepte im Interesse zukünftiger, umweltfreundlicher |
| 1297 | Verkehrskonzepte in den Mittelpunkt rücken. |
| 1298 | - Die kerntechnische Sicherheitsforschung eröffnet deutschen Unternehmen |
| 1299 | Exportchancen. |
| 1300 | - Die Fusionsforschung kann eine neue umweltfreundliche und sichere E- |
| 1301 | nergiequelle erschließen. |
| 1302 | - Mit moderner Mikroelektronik durchdringen wir industrielle Anwendungen in |
| 1303 | nahezu allen Hard- und Software-Bereichen. |
| 1304 | - Entwicklung neuer chemischer Produkte ist eine entscheidende Vorstufe für |
| 1305 | die Wertschöpfung in vielen anderen Wirtschaftsbereichen. |
| 1306 | - Die industrielle Biotechnologie eröffnet neue Verfahren in der Nahrungsmit- |
| 1307 | tel, Papier- und Textilindustrie sowie in der Chemie- und Pharmaindustrie. |
| 1308 | - In der Pharmaforschung muss langfristig investiert werden können, um |
| 1309 | auch in Zukunft weltmarktfähige Produkte anzubieten. |
| 1310 | |
| 1311 | 4.4 Moderne Infrastruktur |
| 1312 | |
| 1313 | 4.4.1 Mobilität |
| 1314 | |
| 1315 | Mobilität besitzt eine Schlüsselfunktion in unserer Gesellschaft; sie schafft die |
| 1316 | Voraussetzungen für Beschäftigung, Wohlstand und persönliche Freiheit. Wir wol- |
| 1317 | len mit einer effizienten Verkehrspolitik die Mobilität für heute und morgen sichern. |
| 1318 | Uns geht es darum, Mobilität zu ermöglichen und nicht zu behindern. Die Hinter- |
| 1319 | lassenschaften von Rot-Grün in der Verkehrspolitik gehören endgültig der Ver- |
| 1320 | gangenheit an. Dabei tragen wir den Mobilitätsbedürfnissen ebenso Rechnung wie |
| 1321 | den Anforderungen von Klima-, Umwelt-, und Lärmschutz sowie Verkehrssicher- |
| 1322 | heit. Mobilität in Deutschland muss für die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland |
| 1323 | bezahlbar bleiben. Die Aufgaben von Staat und Privatwirtschaft im Verkehrssektor |
| 1324 | müssen vernünftig abgegrenzt und geordnet sein. Aufgabe der Privatwirtschaft ist |
| 1325 | es, Personenverkehr, Gütertransport und Logistik zu betreiben. Aufgabe des Staa- |
| 1326 | tes ist es, eine zukunfts- und leistungsfähige Infrastruktur zu garantieren, für faire |
| 1327 | Wettbewerbsregeln zu sorgen sowie den Unternehmen Planungssicherheit zu ge- |
| 1328 | währleisten. Dabei muss Bürokratie so weit wie möglich vermieden werden. |
| 1329 | |
| 1330 | Leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur |
| 1331 | |
| 1332 | Voraussetzung für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft |
| 1333 | sind leistungsfähige und optimal vernetzte Verkehrswege. |
| 1334 | |
| 1335 | Die Koalition bekennt sich zur Notwendigkeit, die Verkehrsinfrastruktur zu erhalten |
| 1336 | und weiter auszubauen. Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur werden wir auf |
| 1337 | hohem Niveau für Straße, Schiene und Wasserstraße sicherstellen. |
| 1338 | |
| 1339 | Die Infrastrukturpolitik in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Erhalt |
| 1340 | sowie Neu- und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur sind weit hinter dem Bedarf zu- |
| 1341 | rückgeblieben. Entscheidende Schwächen waren die kontinuierliche Unterfinan- |
| 1342 | zierung, schwankende Haushaltslinien und die Effizienz- sowie Transparenzdefizi- |
| 1343 | te bei Planung, Genehmigung, Bau und Betrieb. |
| 1344 | |
| 1345 | Der Bundesverkehrswegeplan muss an die aktuellen Bedürfnisse und Entwicklun- |
| 1346 | gen angepasst werden. Wir werden in dieser Legislaturperiode die Bedarfspläne in |
| 1347 | den Ausbaugesetzen überprüfen, kurzfristig alle gesetzlichen Spielräume für mehr |
| 1348 | Flexibilität nutzen und vorbereitend für den nächsten Bundesverkehrswegeplan |
| 1349 | (BVWP) eine neue Grundkonzeption erarbeiten, mit der auch ein Wasserstraßen- |
| 1350 | ausbaugesetz vorbereitet wird. Wir werden zudem prüfen, inwieweit auch Investi- |
| 1351 | tionen in Verkehrslenkungs- und Verkehrsmanagementsysteme in den BVWP |
| 1352 | aufgenommen werden können. |
| 1353 | |
| 1354 | Die Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft (VIFG) werden wir weiterentwi- |
| 1355 | ckeln, u. a. mit der Prüfung der Herstellung eines Finanzierungskreislaufs Straße |
| 1356 | unter direkter Zuweisung der Lkw-Maut an die VIFG und Herstellung ihrer Kredit- |
| 1357 | fähigkeit in begrenztem Umfang. Dadurch könnten wir die Haushaltsabhängigkeit |
| 1358 | von Verkehrsinvestitionen reduzieren und eine mehrjährige Planungs- und Finan- |
| 1359 | zierungssicherheit für Investitionsprojekte erreichen. Verkehrsträgerbezogene Fi- |
| 1360 | nanzierungskreisläufe werden wir stärken. |
| 1361 | |
| 1362 | Wir werden Kriterien entwickeln zur Priorisierung von Investitionsprojekten, wie |
| 1363 | gesamtwirtschaftliche Vorteilhaftigkeit, Erhalt vor Neubau (Beendigung Substanz- |
| 1364 | verlust), Beseitigung bzw. Ertüchtigung von Engpässen, Knoten, Hauptachsen, |
| 1365 | Hinterlandanbindungen für Häfen und Flugdrehkreuze, EU-Osterweiterung. Auch |
| 1366 | werden wir die Modelle für die Beteiligung Privater im Rahmen von ÖPP-Projekten |
| 1367 | voranbringen. Im Einvernehmen mit dem betroffenen Bundesland werden wir |
| 1368 | Bundesstraßen mit geringer Fernverkehrsrelevanz zurückstufen. |
| 1369 | |
| 1370 | Wir wollen eine Beschleunigung des Planungsrechts. Dabei geht es uns insbe- |
| 1371 | sondere um eine Straffung des Verfahrensrechts, die Vermeidung von Doppelprü- |
| 1372 | fungen, die Einbeziehung von raumordnerischen Belangen im Fachplanungsrecht |
| 1373 | und die Harmonisierung des europäischen Umweltrechts. |
| 1374 | |
| 1375 | Eine bessere Auslastung hochfrequentierter Autobahnabschnitte wollen wir durch |
| 1376 | eine Ausrüstung mit Verkehrssteuerungs- und Verkehrsmanagementsystemen |
| 1377 | erreichen. Diese Systeme können auch die Nutzung von Standstreifen zu Spitzen- |
| 1378 | lastzeiten ermöglichen. Die Sicherheit von Brückenbauwerken werden wir durch |
| 1379 | eine Weiterführung des Sanierungsprogramms gewährleisten. Bei der Ausrichtung |
| 1380 | internationaler Großveranstaltungen in Deutschland (Beispiele: Olympische Spie- |
| 1381 | le, FIFA Frauen- Weltmeisterschaft), werden wir der jeweiligen Landes- und |
| 1382 | Kommunalebene die Unterstützung geben. |
| 1383 | |
| 1384 | Über die Höhe der Finanzausstattung für die ehemalige Gemeindeverkehrsfinan- |
| 1385 | zierung werden wir für die Folgezeit bis 2019 in der Mitte der Legislaturperiode |
| 1386 | entscheiden. |
| 1387 | |
| 1388 | Europäische Verkehrspolitik |
| 1389 | |
| 1390 | Wir wollen eine offensive Europastrategie der deutschen Verkehrspolitik. Ziel ist |
| 1391 | die bessere Wahrnehmung deutscher Interessen und die Harmonisierung der |
| 1392 | Wettbewerbsbedingungen unserer Transportwirtschaft, besonders bei Steuern |
| 1393 | und Abgabensystem, Beihilfen und Ausnahmeregelungen. Wir wollen die Transeu- |
| 1394 | ropäischen Verkehrsnetze weiterentwickeln und die bestehenden Planungen unter |
| 1395 | besonderer Berücksichtigung der deutschen Projekte sinnvoll ergänzen. |
| 1396 | |
| 1397 | Wir werden die Europäische Kommission auffordern, ein neues Konzept zur An- |
| 1398 | lastung externer Kosten vorzulegen. Dieses muss, anders als bisher, alle Ver- |
| 1399 | kehrsträger einbeziehen und nach gleichen Kriterien behandeln. Stau- und Unfall- |
| 1400 | kosten dürfen in die Berechnung nicht einbezogen werden. |
| 1401 | |
| 1402 | Bei der auf europäischer Ebene geplanten CO2-Regulierung für leichte Nutzfahr- |
| 1403 | zeuge werden wir sicherstellen, dass die Produkt- und Entwicklungszeiträume be- |
| 1404 | achtet werden. Die Regulierungsanforderungen dürfen die - sich derzeit in einer |
| 1405 | schweren Krise befindlichen - Nutzfahrzeughersteller nicht überfordern. |
| 1406 | |
| 1407 | Logistikstandort Deutschland |
| 1408 | |
| 1409 | Der Wohlstand in Deutschland basiert auf der Einbindung in die internationalen |
| 1410 | Handelsströme. Wir wollen, dass der Logistikstandort Deutschland seine heraus- |
| 1411 | ragende Stellung im Herzen Europas noch weiter ausbaut. Deutschland darf nicht |
| 1412 | nur reines Transitland mitten in Europa sein, sondern muss auch in Zukunft an der |
| 1413 | Wertschöpfung in Handel und Logistik teilhaben. |
| 1414 | |
| 1415 | Die Förderung des Logistikstandorts Deutschland werden wir durch die Umset- |
| 1416 | zung von gemeinsam mit dem Gewerbe ausgewählten Maßnahmen aus dem |
| 1417 | "Masterplan Güterverkehr und Logistik" erreichen. Wichtiger Bestandteil wird eine |
| 1418 | zwischen Bund und Ländern abgestimmte Vermarktungsoffensive sein. |
| 1419 | Das deutsche Güterkraftverkehrsgewerbe wollen wir vor allem durch den Abbau |
| 1420 | von Wettbewerbsverzerrungen auf europäischer Ebene unterstützen. Die Anlas- |
| 1421 | tung von externen Kosten kommt nur unter wettbewerbsneutralen Voraussetzun- |
| 1422 | gen in Betracht. Darüber hinaus werden wir ein Belastungsmoratorium schaffen, |
| 1423 | indem eine Erhöhung der Lkw-Maut in dieser Legislaturperiode ausgeschlossen |
| 1424 | wird. |
| 1425 | |
| 1426 | Die Einführung des 60-Tonner-Lkw lehnen wir ab. Wir wollen neue Nutzfahrzeug- |
| 1427 | konzepte durch die maßvolle Erhöhung der Lkw-Fahrzeuggrößen und -gewichte |
| 1428 | ermöglichen. Einen Einsatz größerer Lkw sehen wir allerdings nur in geeigneten |
| 1429 | Relationen. Chancen und Risiken wollen wir in einem bundesweiten Feldversuch |
| 1430 | evaluieren. |
| 1431 | |
| 1432 | Das bestehende Lkw-Stellplatzdefizit an deutschen Autobahnen werden wir |
| 1433 | schnellstmöglich beseitigen. Behinderungen der Freizügigkeit im europäischen |
| 1434 | Gütertransport durch nationale Transitbeschränkungen, etwa im alpenquerenden |
| 1435 | Verkehr, werden wir entschieden abwehren. Die Förderung des kombinierten Ver- |
| 1436 | kehrs wird fortgesetzt und mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Verbesse- |
| 1437 | rung der Schnittstellenproblematik weiterentwickelt. |
| 1438 | |
| 1439 | Öffentlichen Personennahverkehr |
| 1440 | |
| 1441 | Die Koalition bekennt sich zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) als un- |
| 1442 | verzichtbaren Bestandteil der Daseinsvorsorge, auch in der Fläche. Um für den |
| 1443 | ÖPNV verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, werden wir unverzüglich |
| 1444 | das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) novellieren und an den europäischen |
| 1445 | Rechtsrahmen anpassen. Unser Leitbild ist dabei ein unternehmerisch und wett- |
| 1446 | bewerblich ausgerichteter ÖPNV. Dabei werden wir den Vorrang kommerzieller |
| 1447 | Verkehre gewährleisten. Aufgabenträger bleiben die Kommunen. Wir wollen mit- |
| 1448 | telständischen Unternehmen die Beteiligungschancen sichern und insbesondere |
| 1449 | eine Betreibervielfalt im Busgewerbe gewährleisten. Die Koalition steht zur Erfül- |
| 1450 | lung der Finanzierungsverpflichtungen aus dem Regionalisierungsgesetz. Wir wol- |
| 1451 | len jedoch eine höhere Transparenz in der ÖPNV-Finanzierung erreichen. Für re- |
| 1452 | gionale Schienenstrecken werden wir neue Betreibermodelle erproben, um den |
| 1453 | Ländern und Aufgabenträgern Einfluss etwa auf Modernisierung und Regionalisie- |
| 1454 | rung zu geben. |
| 1455 | Wir werden Busfernlinienverkehr zulassen und dazu § 13 PBefG ändern. |
| 1456 | |
| 1457 | Schienenverkehr für Mensch und Umwelt |
| 1458 | Wir wollen die 1994 erfolgreich begonnene Bahnreform weiterführen. Das Unter- |
| 1459 | nehmen Deutsche Bahn AG werden wir in seiner positiven Entwicklung begleiten, |
| 1460 | Der konzernweite Arbeitsmarkt bleibt erhalten. Sobald der Kapitalmarkt dies zu- |
| 1461 | lässt, werden wir eine schrittweise, ertragsoptimierte Privatisierung der Transport- |
| 1462 | und Logistiksparten einleiten. |
| 1463 | |
| 1464 | Die Infrastruktursparten (Netz, Bahnhöfe, Energie) werden nicht privatisiert, weil |
| 1465 | sie im Zusammenhang mit der staatlichen Infrastrukturverantwortung stehen. Wir |
| 1466 | wollen die Rechte des Bundes bei Initiierung und Umsetzung von Eisenbahninfra- |
| 1467 | strukturprojekten stärken. Für die Schiene werden wir künftig schnellere Pla- |
| 1468 | nungsvorläufe durch Einführung eines Planungskostenbudgets und eine flexiblere |
| 1469 | Handhabung der Planungskostenerstattung gewährleisten. |
| 1470 | |
| 1471 | Für die Finanzierung der Bahn wird folgendes Modell geprüft: |
| 1472 | Mittelzuwendungen des Bundes erfolgen direkt an die DB- |
| 1473 | Infrastrukturgesellschaften. Trassenerlöse und Stationsentgelte fließen in die |
| 1474 | Schieneninfrastruktur zurück, Gewinnabführungen der Infrastruktursparten an die |
| 1475 | Holding werden ausgeschlossen. Die DB AG behält im Konzernverbund als Al- |
| 1476 | leineigentümerin Einfluss auf ihre Infrastruktursparten; deren Leitung erfolgt zu- |
| 1477 | künftig unabhängig. Doppelmandate bei Holding- und Infrastrukturgesellschaften |
| 1478 | werden ausgeschlossen. |
| 1479 | |
| 1480 | Mit der stärkeren Unabhängigkeit des Netzes erreichen wir auch, dass der Wett- |
| 1481 | bewerb auf der Schiene verbessert wird. Zu diesem Zweck werden wir auch das |
| 1482 | Regulierungsrecht im Allgemeinen Eisenbahngesetz überarbeiten. Unter anderem |
| 1483 | müssen dabei die Trassen- und Stationspreise einer Anreizregulierung unterwor- |
| 1484 | fen werden. Regulierungsbedürftig sind ferner der Zugang zu Serviceeinrichtun- |
| 1485 | gen, der Bezug von Bahnstrom und Vertriebsleistungen im Schienenpersonenver- |
| 1486 | kehr. Die Bundesnetzagentur wird gestärkt. Darüber hinaus setzen wir uns auf |
| 1487 | europäischer Ebene für eine vollständige Öffnung der Eisenbahnmärkte in allen |
| 1488 | Mitgliedsstaaten und für faire Wettbewerbsbedingungen ein. Wir fordern eine |
| 1489 | Harmonisierung bei der Regulierung auf europäischer Ebene. |
| 1490 | |
| 1491 | Die Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung wollen wir weiterentwickeln. Wir |
| 1492 | werden die geeigneten Instrumente schaffen, die Bund und Ländern einen vertief- |
| 1493 | ten Einblick in die Umsetzung der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung er- |
| 1494 | möglichen. Wir wollen die rechtlichen Voraussetzungen für die Finanzierung nicht- |
| 1495 | bundeseigener Eisenbahninfrastruktur für die Einbindung in das Schienengüter- |
| 1496 | fernverkehrsnetz schaffen. |
| 1497 | |
| 1498 | Wir werden die Vorschläge zur Einführung eines Deutschlandtaktes im Schienen- |
| 1499 | personenverkehr einer sorgfältigen Überprüfung unter Beteiligung der Länder un- |
| 1500 | terziehen. |
| 1501 | |
| 1502 | Luftverkehrsstandort Deutschland |
| 1503 | |
| 1504 | Die Koalition ist sich der großen Bedeutung der Luftverkehrswirtschaft für den |
| 1505 | Standort Deutschland bewusst. Wir wollen die erfolgreiche Arbeit der "Initiative |
| 1506 | Luftverkehr" als übergreifendes Steuerungsinstrument fortsetzen und die Länder |
| 1507 | daran beteiligen. Wir werden uns für einen koordinierten, Ausbau der Flughafen- |
| 1508 | infrastruktur einsetzen. Neben einer Kapazitätsentwicklung der Flughäfen werden |
| 1509 | wir insbesondere international wettbewerbsfähige Betriebszeiten sicherstellen. Die |
| 1510 | dazu erforderliche Präzisierung im Luftverkehrsgesetz soll eine gleichberechtigte |
| 1511 | und konsequente Nachhaltigkeitsabwägung von wirtschaftlichen, betrieblichen und |
| 1512 | dem Lärmschutz geschuldeten Erfordernissen auch bei Nachtflügen sicherstellen. |
| 1513 | Die Wahrung des öffentlichen Erschließungsinteresses der Bundesrepublik |
| 1514 | Deutschland ist dabei zu gewährleisten. |
| 1515 | |
| 1516 | Wir werden die Realisierung des Single European Sky auf europäischer Ebene |
| 1517 | vorantreiben, um direktere Flugrouten innerhalb Europas zu ermöglichen. Die |
| 1518 | Deutsche Flugsicherung GmbH wollen wir in ihrer internationalen Wettbewerbsfä- |
| 1519 | higkeit stärken, insbesondere durch eine Befreiung der Restriktionen des § 65 Ab- |
| 1520 | satz 3 BHO. Wir prüfen eine Kapitalprivatisierung der Deutschen Flugsicherung |
| 1521 | GmbH (DFS). Bei der Einführung des Emissionshandels für den Luftverkehr wol- |
| 1522 | len wir Wettbewerbsneutralität sicherstellen. Wir werden eine effizienzsteigernde |
| 1523 | Reform der Luftverkehrsverwaltung, insbesondere im Hinblick auf ihre Organisati- |
| 1524 | onsform, prüfen. |
| 1525 | |
| 1526 | Schifffahrtspolitik |
| 1527 | |
| 1528 | Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Seehäfen werden wir durch eine zügige |
| 1529 | Optimierung der seewärtigen Zufahrten sicherstellen. Die dazu notwendigen Fahr- |
| 1530 | rinnenanpassungen wollen wir zügig realisieren. Der Ausbau der Hafenhinterland- |
| 1531 | verkehre ist von allergrößter Bedeutung für die gesamte exportorientierte Wirt- |
| 1532 | schaft. Wir werden die Seehafenhinterlandanbindungen gezielt ausbauen |
| 1533 | |
| 1534 | Die zuletzt verstärkte Berücksichtigung der Bundeswasserstraßen bei der Vertei- |
| 1535 | lung von Investitionsmitteln werden wir fortsetzen. |
| 1536 | |
| 1537 | Wir werden das Forum Binnenschifffahrt und Logistik fortführen. In diesem Zu- |
| 1538 | sammenhang halten wir an der Investitionsförderung nach § 6 b Einkommensteu- |
| 1539 | ergesetz sowie an den Hilfen bei der Flottenmodernisierung und bei der Umrüs- |
| 1540 | tung auf abgasärmere Motoren fest. Wir werden zudem unnötige bürokratische |
| 1541 | Hindernisse für die Schifffahrt beseitigen und ein Gesetz zur Reform der Wasser- |
| 1542 | und Schifffahrtsverwaltung vorlegen. |
| 1543 | |
| 1544 | Stadt- und Regionalverkehr |
| 1545 | |
| 1546 | Die Koalition wird - nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demographischen Wan- |
| 1547 | dels - einen attraktiven und nachhaltigen Stadt- und Regionalverkehr fördern. Wir |
| 1548 | werden uns aktiv mit der Initiative der EU-Kommission "Urbane Mobilität" befas- |
| 1549 | sen. Wichtig ist dabei, den Grundsatz der Subsidiarität zu beachten und das |
| 1550 | Selbstverwaltungsrecht der Kommunen nicht einzuschränken. Eine City-Maut und |
| 1551 | generelle innerstädtische Fahrverbote lehnen wir ab. Der Radverkehr stellt für uns |
| 1552 | einen wichtigen Bestandteil städtischer Mobilität dar. Deshalb werden wir den Na- |
| 1553 | tionalen Radverkehrsplan weiterentwickeln. |
| 1554 | |
| 1555 | Umweltfreundliche Mobilität |
| 1556 | |
| 1557 | Eine wesentliche Aufgabe unserer Mobilitätspolitik ist die Vereinbarkeit von Ver- |
| 1558 | kehr und Umwelt. Wo immer dies sinnvoll ist, wollen wir die Verlagerung von Ver- |
| 1559 | kehren auf Schiene und Wasserstraße fördern. Gleichzeitig muss sich der Ver- |
| 1560 | kehrssektor auf den Abschied vom Zeitalter der fossilen Brennstoffe vorbereiten. |
| 1561 | Als kurzfristige Maßnahmen zur Verbesserung der Klimabilanz des Verkehrs set- |
| 1562 | zen wir auf die Optimierung von fossilen Antriebstechnologien und die Förderung |
| 1563 | von innovativen Biokraftstoffen. Für deren Einsatz werden wir stabile steuerliche |
| 1564 | Rahmenbedingungen gewährleisten. |
| 1565 | |
| 1566 | Elektromobilität |
| 1567 | |
| 1568 | Als mittel- bis langfristige Alternative zu fossilen Brennstoffen wollen wir die Wei- |
| 1569 | chen für Elektromobilität in Deutschland durch ein umfassendes Entwicklungs- |
| 1570 | programm stellen. |
| 1571 | |
| 1572 | Wir wollen Deutschland zu einem Leitmarkt für Elektromobilität machen und dabei |
| 1573 | bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straßen bringen. In Mo- |
| 1574 | dellregionen werden wir zukunftsweisende, ganzheitliche Verkehrskonzepte ("Mo- |
| 1575 | bility on Demand") erproben. |
| 1576 | |
| 1577 | In das Konzept der Modellregionen wollen wir auch ländliche Räume einbeziehen. |
| 1578 | Besonderen Schwerpunkt legen wir auf die Förderung innovativer Batterietechno- |
| 1579 | logien. Deshalb müssen neben der Elektromobilität auch die Weiterentwicklung |
| 1580 | von Brennstoffzelle und Wasserstoff vorangetrieben werden. Es gilt aber für uns |
| 1581 | der Grundsatz der Technologieneutralität. In Deutschland muss sobald wie mög- |
| 1582 | lich mit dem Aufbau eines Netzes von Ladestellen für Elektrofahrzeuge in Bal- |
| 1583 | lungsräumen begonnen werden. Staatliche Aufgabe ist es dabei, die rechtlichen |
| 1584 | Rahmenbedingungen zu schaffen; Aufbau und Betrieb dieser Ladestellen ist Auf- |
| 1585 | gabe der Privatwirtschaft. |
| 1586 | |
| 1587 | Um unsere Wirtschaft vor Benachteiligungen im internationalen Wettbewerb zu |
| 1588 | schützen, wollen wir keine nationalen Alleingänge. |
| 1589 | Wir wollen die Feinstaubbelastung in den Städten reduzieren. Bei der Einrichtung |
| 1590 | von Umweltzonen muss auf die Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit geachtet |
| 1591 | werden. Wir wollen Einfahrtverbote dort lockern, wo die Einschränkungen in kei- |
| 1592 | nem vernünftigen Verhältnis zur erzielten Feinstaubreduzierung stehen. Dazu wol- |
| 1593 | len wir die Ausnahmeregelungen bundesweit vereinheitlichen. |
| 1594 | |
| 1595 | Die Akzeptanz für einen weiteren Ausbau der Verkehrsinfrastruktur hängt ent- |
| 1596 | scheidend davon ab, dass die Lärmbelastung der Bevölkerung reduziert wird. Wir |
| 1597 | wollen deshalb den Lärmschutz ausweiten. Dazu wollen wir den Schienenbonus |
| 1598 | schrittweise reduzieren mit dem Ziel, ihn ganz abzuschaffen. Gleichzeitig wollen |
| 1599 | wir eine lärmabhängige Trassenpreisgestaltung bei der Bahn. |
| 1600 | |
| 1601 | Bei bereits bestehenden Strecken wollen wir das Lärmsanierungsprogramm |
| 1602 | Schiene fortsetzen und intensivieren. Dazu wollen wir auch die Möglichkeiten des |
| 1603 | technischen Fortschritts bei Fahrzeugen nutzen. |
| 1604 | |
| 1605 | Die Koalition lehnt ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen ab. |
| 1606 | |
| 1607 | Verkehrssicherheit |
| 1608 | |
| 1609 | Bestandteil unserer nachhaltigen Mobilitätspolitik ist auch die Förderung innovati- |
| 1610 | ver Verkehrstechnologien. Wir wollen Deutschlands Führungsposition im Bereich |
| 1611 | Telematik und Verkehrsmanagementsysteme ausbauen. Einen besonderen |
| 1612 | Schwerpunkt werden wir auf die Förderung intelligenter Verkehrsleitsysteme zur |
| 1613 | Kapazitätsoptimierung hoch belasteter Verkehrsstrecken legen. Dabei wollen wir |
| 1614 | auch die Innovations- und Marktpotentiale in Zusammenhang mit dem Satelliten- |
| 1615 | navigationssystem GALILEO nutzen. Wir wollen die Fahrzeugzulassung in |
| 1616 | Deutschland entbürokratisieren. Dazu werden wir die Pilotversuche des Online- |
| 1617 | Zulassungsverfahrens fortsetzen, evaluieren und dann über eine Neuregelung |
| 1618 | entscheiden. |
| 1619 | |
| 1620 | Die Verbesserung der Verkehrssicherheit in Deutschland bleibt ein zentrales An- |
| 1621 | liegen. Dazu werden wir das erfolgreiche Verkehrssicherheitsprogramm weiter- |
| 1622 | entwickeln und ausbauen. Zielrichtung ist vor allem die Entschärfung der Unfall- |
| 1623 | schwerpunkte, insbesondere auf Landstraßen. Wir werden modernste Fahrzeug- |
| 1624 | und Sicherheitstechnik fördern. |
| 1625 | |
| 1626 | Wir werden das Straßenverkehrsgesetz zugunsten der bei den Freiwilligen Feu- |
| 1627 | erwehren, den Rettungsdiensten und den technischen Hilfsdiensten ehrenamtlich |
| 1628 | tätigen Bürgerinnen und Bürger weiter verbessern. |
| 1629 | |
| 1630 | Das Punktesystem beim Bundeszentralregister in Flensburg wollen wir reformie- |
| 1631 | ren, um eine einfachere, transparentere und verhältnismäßigere Regelung zu |
| 1632 | schaffen. |
| 1633 | |
| 1634 | 4.4.2 Bauen und Wohnen |
| 1635 | |
| 1636 | Die nachhaltige Stadtentwicklungspolitik hat angesichts der wirtschaftlichen, kultu- |
| 1637 | rellen und gesellschaftlichen Entwicklung in unserem Land folgende Ziele: die Be- |
| 1638 | wältigung der Folgen des demographischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels, |
| 1639 | den Klimaschutz, die Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der Integration |
| 1640 | von Menschen mit Migrationshintergrund, den Erhalt historischer Bausubstanz und |
| 1641 | Stadtstrukturen, die Wieder- und Umnutzung von Brachflächen und die Barriere- |
| 1642 | armut im Wohnumfeld. Auf dem Gebiet der nachhaltigen Stadtentwicklung ist dar- |
| 1643 | über hinaus die internationale Zusammenarbeit auszubauen. Um den europäi- |
| 1644 | schen Integrationsprozess zu beschleunigen, ist die grenzüberschreitende Zu- |
| 1645 | sammenarbeit bei der Raumordnungsplanung zu intensivieren. |
| 1646 | |
| 1647 | Städtebauförderung |
| 1648 | |
| 1649 | Die Städtebauförderung leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur lebenswerten |
| 1650 | Gestaltung von Städten und Gemeinden. Wir werden die Städtebauförderung als |
| 1651 | gemeinschaftliche Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen auf bisherigem |
| 1652 | Niveau, aber flexibler fortführen. Es gilt, die privaten Hauseigentümer und das im |
| 1653 | Stadtgebiet ansässige Gewerbe stärker in die Stadtentwicklungsprozesse einzu- |
| 1654 | binden. Dazu dient u. a. das Instrument des integrierten Stadtentwicklungskonzep- |
| 1655 | tes. Auf neue Herausforderungen werden wir zunächst mit Modellvorhaben von |
| 1656 | Bund und Ländern reagieren. |
| 1657 | |
| 1658 | Beim "Stadtumbau Ost" soll die Aufwertung von Innenstädten und die Sanierung |
| 1659 | von Altbausubstanz gestärkt und der Rückbau der technischen und sozialen Infra- |
| 1660 | struktur besser berücksichtigt werden. Der Erfolg des Programms soll nicht durch |
| 1661 | ungelöste Altschuldenprobleme einzelner Wohnungsunternehmen beim Abriss |
| 1662 | von Wohnungsleerstand gefährdet werden. |
| 1663 | |
| 1664 | Der "Stadtumbau West" wird weiterentwickelt. Das Programm "Soziale Stadt" soll |
| 1665 | stärker ressortübergreifend umgesetzt werden. Mit dem Programm "Aktive Stadt- |
| 1666 | und Ortsteilzentren" wollen wir weiter zur Stärkung der Innenentwicklung beitra- |
| 1667 | gen. |
| 1668 | |
| 1669 | Wir werden die Förderung der energetischen Sanierung sozialer Infrastruktur fort- |
| 1670 | führen. |
| 1671 | |
| 1672 | Denkmalschutz |
| 1673 | |
| 1674 | Das Programm "Städtebaulicher Denkmalschutz" ist für den Erhalt und die Erneu- |
| 1675 | erung historischer Innenstädte unentbehrlich. Wir wollen zugunsten des Denkmal- |
| 1676 | schutzes Planungssicherheit für Investoren gewährleisten und halten daher an der |
| 1677 | steuerlichen Förderung von Baudenkmalen und Gebäuden in Sanierungsgebieten |
| 1678 | und städtebaulichen Entwicklungsbereichen fest. |
| 1679 | |
| 1680 | Ländliche Räume |
| 1681 | |
| 1682 | Eine besondere Aufgabe wird künftig die Sicherung der öffentlichen Daseinsvor- |
| 1683 | sorge in dünn besiedelten Räumen sein. Wir wollen diese Räume bei der Entwick- |
| 1684 | lung dezentraler Systeme, bei der Nutzung alternativer Technologien zu Energie-, |
| 1685 | Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie bei der Vernetzung und Kooperation |
| 1686 | von Ressourcen und Kräften unterstützen. Die flächendeckende Versorgung mit |
| 1687 | Infrastruktur für ein schnelles Internet wird massiv vorangetrieben. |
| 1688 | |
| 1689 | Bauplanungsrecht |
| 1690 | |
| 1691 | Das Planungsrecht und die Planungsziele werden wir weiterentwickeln. Es gilt, |
| 1692 | den Klimaschutz zu verankern, den Vorrang der Innenentwicklung zu stärken und |
| 1693 | die Genehmigungsverfahren zu entbürokratisieren. Dazu werden wir das Bauge- |
| 1694 | setzbuch (BauGB) anpassen und weiterentwickeln. Ferner werden wir die Baunut- |
| 1695 | zungsverordnung (BauNVO) umfassend prüfen. Wir werden mit den Ländern ei- |
| 1696 | nen Dialog darüber führen, wie Genehmigungsfiktionen generell ausgeweitet wer- |
| 1697 | den können. Ziel ist auch, die Allgemeinverbindlichkeit von wesentlichen Punkten |
| 1698 | der Musterbauordnung zu erreichen. |
| 1699 | |
| 1700 | Ungenutzte innerstädtische Grundstücke des Bundes und bundeseigener Unter- |
| 1701 | nehmen müssen schneller einer Umnutzung bzw. Veräußerung zugeführt werden. |
| 1702 | Das erfordert ein wirkungsvolleres Immobilienmanagement des Bundes. Durch die |
| 1703 | Stärkung der Innenentwicklung wird auch die Inanspruchnahme neuer Flächen für |
| 1704 | Verkehrs- und Siedlungszwecke reduziert. Um in diesem Zusammenhang Zielkon- |
| 1705 | flikte zu vermeiden, werden wir im Rahmen der anstehenden Überprüfung der In- |
| 1706 | dikatoren auch das Flächeninanspruchnahmeziel im Sinne größtmöglicher ökolo- |
| 1707 | gischer Wirksamkeit neu definieren. Es soll sich stärker an der tatsächlichen Zer- |
| 1708 | schneidung oder Versiegelung von Lebensräumen orientieren. |
| 1709 | |
| 1710 | Wohneigentum |
| 1711 | |
| 1712 | Wohneigentum ist Altersvorsorge und stärkt die regionale Verbundenheit. In ver- |
| 1713 | gleichbarer Weise wirkt der Erwerb von Geschäftsanteilen bei einer Wohnungsge- |
| 1714 | nossenschaft für eigene Wohnzwecke. Wir wollen die Wohneigentumsquote in |
| 1715 | Deutschland erhöhen. Dazu werden wir die Eigenheimrente vereinfachen. |
| 1716 | |
| 1717 | Wohnungsbau |
| 1718 | |
| 1719 | Die Wohnungsmärkte sind regional differenziert ausgeprägt. Insbesondere in Bal- |
| 1720 | lungszentren ist zusätzlicher Wohnungsneubau erforderlich. |
| 1721 | |
| 1722 | Wir werden bis zur Mitte der Legislaturperiode entscheiden, ob nach dem Jahr |
| 1723 | 2013 der Bund den Ländern weiterhin zweckgebunden Mittel zur Finanzierung von |
| 1724 | Maßnahmen der Wohnraumförderung gewährt. Auf europäischer Ebene lehnen |
| 1725 | wir eine Förderung des Wohnungsbaus mit Mitteln der EU ab. |
| 1726 | |
| 1727 | Bauwirtschaft und planende Berufe |
| 1728 | |
| 1729 | Die Bau-, Wohnungs- und Immobilienwirtschaft sind besonders wichtige Wirt- |
| 1730 | schaftszweige in unserem Land. Wir stehen dafür, dass ihre Leistungen den Stel- |
| 1731 | lenwert im öffentlichen Bewusstsein erhalten, der ihrem Anteil an der Bruttowert- |
| 1732 | schöpfung entspricht. Daher werden wir den Dialog zwischen Bund, Bau-, Immobi- |
| 1733 | lien- und Wohnungswirtschaft vertiefen. |
| 1734 | |
| 1735 | Die Baukultur gehört zu identitätsstiftenden Markenzeichen einer Nation. Wir wol- |
| 1736 | len daher das öffentliche Bewusstsein für die Baukultur weiter unterstützen. |
| 1737 | |
| 1738 | Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) wird auf der Grundlage |
| 1739 | des Bundesratsbeschlusses schnellstmöglich weiter modernisiert. |
| 1740 | |
| 1741 | Bundesbauten |
| 1742 | |
| 1743 | Der Bund wird auch in Zukunft seiner Vorbildfunktion für Baukultur und Nachhal- |
| 1744 | tigkeit bei seinen Baumaßnahmen gerecht werden. Diese Aspekte müssen in eine |
| 1745 | erweiterte Wirtschaftlichkeitsprüfung der Bundesbauvorhaben einfließen. Die Vor- |
| 1746 | bildwirkung erstreckt sich auch auf die energetische Sanierung von Bundesbau- |
| 1747 | ten, insbesondere beim Einsatz innovativer Technologien und Materialien. |
| 1748 | |
| 1749 | Das Bundesamt für Bauen und Raumordnung (BBR) wird zu einer betriebswirt- |
| 1750 | schaftlich agierenden Bundesanstalt umgestaltet. Es soll in seiner Funktion als |
| 1751 | Dienstleister für Baumaßnahmen des Bundes im In- und Ausland und als Koordi- |
| 1752 | nierungszentrum des Bundes für die Bauforschung gestärkt werden. Die Koopera- |
| 1753 | tion mit Einrichtungen der Bauforschung wird ausgebaut. |
| 1754 | |
| 1755 | Bauvertragsrecht |
| 1756 | |
| 1757 | Wir werden prüfen, ob und inwieweit ein eigenständiges Bauvertragsrecht zur Lö- |
| 1758 | sung der bestehenden Probleme im Bereich des Bau- und Werkvertragsrechts |
| 1759 | geeignet ist. |
| 1760 | |
| 1761 | Regional- und Strukturpolitik |
| 1762 | |
| 1763 | Im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) ist die |
| 1764 | Fortsetzung der Förderung in allen förderfähigen Regionen (RWB-Regionen) ab |
| 1765 | 2014 sicher zu stellen. Hierbei sind die Belange des strukturschwachen ländlichen |
| 1766 | Raums sowie der demographischen Entwicklung in besonderer Weise zu berück- |
| 1767 | sichtigen. EFRE-Mittel müssen auch künftig für die klassische Förderung von Un- |
| 1768 | ternehmensinvestitionen eingesetzt werden können. Den Mitgliedstaaten bzw. |
| 1769 | Ländern muss auch künftig die Möglichkeit für eigene regionale Schwerpunktset- |
| 1770 | zungen verbleiben. |
| 1771 | |
| 1772 | Die Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur |
| 1773 | (GRW) wird auf hohem Niveau und mit bundesweit einheitlichen Maßstäben fort- |
| 1774 | geführt. |
| 1775 | |
| 1776 | Wir setzen uns dafür ein, dass der beihilferechtliche Rahmen für die Regionalför- |
| 1777 | derung ab 2014 den Weiterbestand der C-Fördergebiete vorsieht. Dies bedeutet |
| 1778 | die Förderfähigkeit auch von Großunternehmen und erhöhte Fördersätze. |
| 1779 | |
| 1780 | 4.5 Ernährung und Verbraucherschutz |
| 1781 | |
| 1782 | Beim Kauf von Lebensmittel, beim Nutzen der digitalen Welt oder beim Abschluss |
| 1783 | von Finanzdienstleistungen: Angesichts globalisierter Märkte und eines wachsen- |
| 1784 | den Produktangebots wird die Situation für Verbraucher zusehends undurchsichti- |
| 1785 | ger. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt: Wer neue Produkte, Technolo- |
| 1786 | gien und Dienstleistungen nutzt, kennt nicht in jedem Fall seine Rechte und kann |
| 1787 | nicht immer die Folgen seiner Entscheidungen einschätzen, muss aber gleichzei- |
| 1788 | tig auf Sicherheit und Qualität vertrauen können. |
| 1789 | |
| 1790 | Unser Leitbild ist der gut informierte und zu selbstbestimmtem Handeln befähigte |
| 1791 | und mündige Verbraucher. Diesem Ziel verpflichtet, werden wir die Lebensqualität |
| 1792 | der Verbraucher erhöhen, durch mehr Transparenz, Aufklärung, Rechtsdurchset- |
| 1793 | zung und dort, wo es nötig ist, auch mit mehr Rechten. |
| 1794 | |
| 1795 | Ernährungsbildung |
| 1796 | |
| 1797 | Das erzieherische Engagement der Eltern und eine frühe Aufklärung über richtige |
| 1798 | und gesunde Ernährung im Kindergarten und Schule sind entscheidende Fakto- |
| 1799 | ren. |
| 1800 | |
| 1801 | Die Angebote an Familienbildung für eine gesunde Ernährung von Kindern und |
| 1802 | Erwachsenen werden ausgebaut. Gemeinsam mit den Ländern werden wir das |
| 1803 | Thema der Ernährungsbildung in die Informations- und Bildungsangebote von |
| 1804 | Kindergärten und Schulen integrieren sowie die erweiterte Nutzung von EU- |
| 1805 | Programmen zu Schulmilch und -obst prüfen. |
| 1806 | |
| 1807 | Lebensmittelkennzeichnung |
| 1808 | |
| 1809 | Wir werden eine transparente Nährwert-Kennzeichnung von Lebensmitteln durch- |
| 1810 | setzen. Eine politische Steuerung des Konsums und Bevormundung der Verbrau- |
| 1811 | cher durch Werbeverbote und Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmit- |
| 1812 | tel lehnen wir ab. Ein farblich unterlegtes Ampelsystem zur Nährwert- |
| 1813 | Kennzeichnung führt die Verbraucher in die Irre. Das zwischen dem Bundesminis- |
| 1814 | terium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und der Lebensmit- |
| 1815 | telwirtschaft entwickelte "1+4-Modell" bietet hierfür den richtigen Ansatz. Dieses |
| 1816 | Modell ist EU-weit zu harmonisieren und darüber hinaus im Sinne einer übersicht- |
| 1817 | licheren, einheitlichen Darstellungsweise weiterzuentwickeln und die Portionsgrö- |
| 1818 | ßen des GDA-Wertes zu standardisieren. |
| 1819 | |
| 1820 | Die EU-Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben von Le- |
| 1821 | bensmitteln (Health-Claims-Verordnung) ist praxisgerecht und verbraucherorien- |
| 1822 | tiert zu verbessern. |
| 1823 | |
| 1824 | Auf Verpackungen von Lebensmitteln darf nur drauf stehen, was drin ist, und Ab- |
| 1825 | bildungen dürfen nicht verbrauchertäuschend wirken. Wir werden die Klarheit von |
| 1826 | Zutatenlisten, Abbildungen und Bezeichnungen verbessern. Lebensmittel-Imitate |
| 1827 | werden aus Gründen des Verbraucherschutzes und zur Vermeidung von Verbrau- |
| 1828 | chertäuschungen durch eine Änderung der EU-Lebensmittel- |
| 1829 | Kennzeichnungsverordnung klar gekennzeichnet. Unser Ziel ist eine regionale |
| 1830 | Herkunftskennzeichnung, die zwischen Ursprungs- und Verarbeitungsort unter- |
| 1831 | scheidet. |
| 1832 | |
| 1833 | Gesundheitlicher Verbraucherschutz |
| 1834 | |
| 1835 | Sichere Lebensmittel haben für uns höchste Priorität. Wir wollen die Lebensmittel- |
| 1836 | sicherheit weiter verbessern, ohne den bürokratischen Aufwand zu steigern. Das |
| 1837 | Qualitäts- und Sicherheitsbewusstsein über die gesamte Lebensmittelkette ein- |
| 1838 | schließlich des Verbrauchers muss noch stärker entwickelt werden. Wir setzen auf |
| 1839 | den Ausbau stufenübergreifender privatwirtschaftlich organisierter Qualitätssiche- |
| 1840 | rungssysteme und ihre Verzahnung mit der staatlichen Lebensmittelkontrolle. |
| 1841 | |
| 1842 | Lebensmittelkontrolle |
| 1843 | |
| 1844 | Wir setzen uns dafür ein, dass die Ergebnisse der Lebensmittelkontrolle bei einem |
| 1845 | wiederholten Verstoß gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz veröffent- |
| 1846 | licht werden. Die länderübergreifende Zusammenarbeit bei der Lebensmittelkon- |
| 1847 | trolle ist zu intensivieren. |
| 1848 | |
| 1849 | Zur Vermeidung zukünftiger Gammelfleischskandale werden Schlachtabfälle (so- |
| 1850 | genanntes K-3-Material) eingefärbt. |
| 1851 | |
| 1852 | Wirtschaftlicher und rechtlicher Verbraucherschutz |
| 1853 | |
| 1854 | Unsere Verbraucherpolitik setzt auf die Stärkung des Verbrauchers im Markt. Un- |
| 1855 | ser Leitbild ist der gut informierte und zu selbstbestimmtem Handeln befähigte und |
| 1856 | mündige Verbraucher. Dazu gehört umfassende Verbraucherbildung, sowie Auf- |
| 1857 | klärung und Zugang zu Informationen. Verbraucher sollen sich leicht informieren |
| 1858 | können, sie sollen gut beraten und ihre Interessen gut vertreten werden. Für die |
| 1859 | Finanzierung der Beratungs- und Informationsaktivitäten von Verbraucherzentra- |
| 1860 | len und unabhängiger Verbraucherschutzorganisationen wie der Stiftung Waren- |
| 1861 | test werden langfristige Konzepte der Finanzierung entwickelt, die dem auch durch |
| 1862 | die Finanzkrise ausgelösten Mehrbedarf an unabhängiger Beratung des Verbrau- |
| 1863 | chers Rechnung tragen. |
| 1864 | |
| 1865 | Wir setzen bei der Verbraucherinformation auf den Einsatz einer verständlichen |
| 1866 | deutschen Sprache. Dies gilt in besonderem Maße im öffentlichen Raum, bei Pro- |
| 1867 | duktkennzeichnungen, Gebrauchsanweisungen und bei der Bürgerkommunikati- |
| 1868 | on. |
| 1869 | |
| 1870 | Auch der Aspekt der Nachhaltigkeit spielt für den Verbraucher eine stetig zuneh- |
| 1871 | mende Rolle. Den nachhaltigen Konsum wollen wir stärken. Dem wollen wir mit |
| 1872 | zusätzlichen Informationen durch freiwillige Systeme von Handel und Wirtschaft |
| 1873 | Rechnung tragen. |
| 1874 | |
| 1875 | Wir werden ein zentrales Verbrauchertelefon mit Lotsenfunktion einführen. |
| 1876 | |
| 1877 | Informationsgesetze |
| 1878 | |
| 1879 | Das geltende Verbraucherinformationsgesetz wird reformiert. Bei der Reform des |
| 1880 | Gesetzes werden die Ergebnisse der Überprüfung berücksichtigt. Die Ansprüche |
| 1881 | des Verbrauchers auf Information werden in einem einheitlichen Gesetz zur Rege- |
| 1882 | lung der Informationsansprüche des Bürgers zusammengefasst. |
| 1883 | |
| 1884 | Europäische Verbraucherpolitik |
| 1885 | |
| 1886 | Die im Zusammenhang mit der EU-Richtlinie über die Rechte der Verbraucher |
| 1887 | vorgesehene Vollharmonisierung von Verbraucherschutzvorschriften soll auf ein- |
| 1888 | zelne Bereiche beschränkt bleiben. |
| 1889 | |
| 1890 | Das deutsche GS-Zeichen "Geprüfte Sicherheit" wollen wir erhalten und nach sei- |
| 1891 | nem Vorbild ein freiwilliges europäisches Sicherheitszeichen fordern. |
| 1892 | |
| 1893 | Außergerichtliche Streitschlichtung |
| 1894 | |
| 1895 | Die Einrichtung einer unabhängigen, übergreifenden Schlichtungsstelle für die |
| 1896 | Verkehrsträger Bus, Bahn, Flug und Schiff wird gesetzlich verankert. |
| 1897 | |
| 1898 | Anlegerschutz |
| 1899 | |
| 1900 | Wir wollen ein konsistentes Finanzdienstleistungsrecht schaffen, damit Verbrau- |
| 1901 | cher in Zukunft besser vor vermeidbaren Verlusten und falscher Finanzberatung |
| 1902 | geschützt werden. Ein angemessener Anlegerschutz gegen unseriöse Produktan- |
| 1903 | bieter und Falschberatung wird prinzipiell unabhängig davon gewährleistet, wel- |
| 1904 | ches Produkt oder welcher Vertriebsweg vorliegt. Die Haftung für Produkte und |
| 1905 | Vertrieb soll verschärft werden. Wir wollen deshalb die Anforderungen an Berater |
| 1906 | und Vermittler insbesondere in Bezug auf Qualifikation, Registrierung, und Berufs- |
| 1907 | haftpflicht in Anlehnung an das Versicherungsvermittlergesetz vereinheitlichen. |
| 1908 | Kein Anbieter von Finanzprodukten soll sich der staatlichen Finanzaufsicht entzie- |
| 1909 | hen können. |
| 1910 | |
| 1911 | Die Kunden müssen die wesentlichen Bestandteile einer Kapitalanlage, sämtliche |
| 1912 | Kosten und Provisionen einschließlich Rückvergütungen schnell erkennen kön- |
| 1913 | nen. |
| 1914 | |
| 1915 | Rahmenbedingungen der digitalen Kommunikation |
| 1916 | |
| 1917 | Wir brauchen ein verpflichtendes Bestätigungsfeld für alle Vertragsabschlüsse im |
| 1918 | Internet. Mit dem verpflichtenden Preisangabefenster können wir Internetabzocke |
| 1919 | minimieren. |
| 1920 | |
| 1921 | Wir wollen die Problematik der unterschiedlichen Handhabung der Kostenvertei- |
| 1922 | lung bei Warteschleifen im Telefonverkehr auf deren Praxistauglichkeit hin über- |
| 1923 | prüfen. |
| 1924 | |
| 1925 | Die in der vergangenen Legislaturperiode verabschiedeten gesetzlichen Regelun- |
| 1926 | gen zum Handel mit persönlichen Daten sind zu evaluieren. Dies gilt auch für den |
| 1927 | ausreichenden Schutz der Persönlichkeitsrechte im Internet und bei der Einfüh- |
| 1928 | rung von Funketiketten. |
| 1929 | |
| 1930 | Verbraucherschutz im Versorgungsbereich |
| 1931 | |
| 1932 | Wir werden die Informationen des Verbrauchers zu langlebigen Wirtschaftsgütern |
| 1933 | bezüglich des Energie- und Wasserverbrauchs, u. a. durch intelligente Stromzäh- |
| 1934 | ler sowie die Transparenz bei der Festlegung der Preise verbessern. |
| 1935 | |
| 1936 | Rechte von Fahrgästen |
| 1937 | |
| 1938 | Die Rechte von Bahnkunden und Fluggästen werden überprüft und ggf. verbes- |
| 1939 | sert. |
| 1940 | |
| 1941 | Schutz bei Immobiliendarlehen |
| 1942 | |
| 1943 | Wir werden den Schutz des Darlehensnehmers, der sein Immobiliendarlehen ver- |
| 1944 | tragsgemäß bedient, stärken. Eine Abtretung der Darlehensforderung oder die |
| 1945 | Übertragung des Kreditverhältnisses an ein Unternehmen ohne Banklizenz wird |
| 1946 | daher zukünftig nur bei Genehmigung des Darlehensnehmers wirksam sein. |
| 1947 | |
| 1948 | 4.6 Landwirtschaft und ländlicher Raum |
| 1949 | |
| 1950 | Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Energie sowie der Klimaschutz gehören |
| 1951 | zu den zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wir brauchen eine |
| 1952 | starke und wettbewerbsfähige Land-, Forst-, Fischerei- und Ernährungswirtschaft |
| 1953 | in Deutschland. Unsere Betriebe brauchen Planungssicherheit und Perspektiven. |
| 1954 | Viele Landwirte können sich sehr wohl am Markt behaupten. Dennoch gibt es Re- |
| 1955 | gionen mit landwirtschaftlicher Produktion, die einer besonderen gesellschaftlichen |
| 1956 | Begleitung bedürfen. |
| 1957 | EU-Vorgaben werden 1:1 in nationales Recht umgesetzt. |
| 1958 | |
| 1959 | Wir wollen eine durch bäuerliche und unternehmerische Betriebsstrukturen gestal- |
| 1960 | tete, flächendeckende Landbewirtschaftung. Unterschiedliche strukturelle und kli- |
| 1961 | matische Produktionsbedingungen rechtfertigen eine weitere gezielte Unterstüt- |
| 1962 | zung der Landwirtschaft in diesen benachteiligten Regionen. Dabei wird die Ver- |
| 1963 | wendung auf der Basis der landwirtschaftlichen Vergleichszahl (LVZ) als zentraler |
| 1964 | Abgrenzungsmaßstab beibehalten. Unabhängig vom Schutz des geistigen Eigen- |
| 1965 | tums wollen wir auf landwirtschaftliche Nutztiere und -pflanzen kein Patentrecht. |
| 1966 | |
| 1967 | Abschluss der WTO-Verhandlungen |
| 1968 | |
| 1969 | Wir treten für einen erfolgreichen und ausgewogenen Abschluss der Doha-Runde |
| 1970 | ein, der auch das europäische Landwirtschaftsmodell berücksichtigt. Exportsub- |
| 1971 | ventionen und Interventionsmaßnahmen sind im internationalen Vergleich abzu- |
| 1972 | bauen. |
| 1973 | |
| 1974 | Gemeinsame Europäische Agrarpolitik |
| 1975 | |
| 1976 | Aus Gründen der Verlässlichkeit und Planungssicherheit müssen die EU- |
| 1977 | Direktzahlungen bis 2013 sicher sein. Wir brauchen auch nach 2013 eine starke |
| 1978 | erste Säule und eine finanziell gut ausgestattete zweite Säule der Gemeinsamen |
| 1979 | EU-Agrarpolitik. |
| 1980 | |
| 1981 | Regionen, in denen alternativlos nur Gründlandbewirtschaftung möglich ist sowie |
| 1982 | besonders benachteiligte Gebiete wie Berg-, Mittelgebirgs- und Steillagen- sowie |
| 1983 | sensible Grünlandgebiete müssen auch in Zukunft ausreichend bei der Förderung |
| 1984 | berücksichtigt werden. Die Sicherung des Dauergrünlandes als CO2-Senke ist |
| 1985 | ökologisch vorteilhaft und im Interesse der Milchbauern und der gesamten Gesell- |
| 1986 | schaft. |
| 1987 | |
| 1988 | Agrardiesel |
| 1989 | |
| 1990 | Wir werden auf europäischer Ebene auf eine einheitliche Besteuerung des Agrar- |
| 1991 | diesels hinwirken, um die Wettbewerbsnachteile der deutschen Landwirte zu be- |
| 1992 | seitigen. Bis dahin wollen wir die Steuerermäßigung beim Agrardiesel fortführen. |
| 1993 | |
| 1994 | Vermarktungsstrukturen und Marketing |
| 1995 | |
| 1996 | Wir werden schnellstmöglich ein Gesetz zur Abwicklung des Absatzfonds einbrin- |
| 1997 | gen. Wir werden die Absatzförderung deutscher Agrarprodukte auf internationalen |
| 1998 | Märkten ausbauen. Dabei gilt es insbesondere, die Interessen der kleinen und |
| 1999 | mittleren Unternehmen auf Exportmärkten zu unterstützen. |
| 2000 | |
| 2001 | Milchwirtschaft in Deutschland |
| 2002 | |
| 2003 | Die Weichen für das Auslaufen der EU-Milchquotenregelung im Jahr 2015 sind |
| 2004 | durch verschiedene Reformbeschlüsse auf EU-Ebene gestellt. Unser Ziel ist es, |
| 2005 | eine wettbewerbsfähige Milchwirtschaft in Deutschland zu erhalten. Aufgrund der |
| 2006 | derzeitigen Marktlage werden wir uns weiter für die Aussetzung der auf EU-Ebene |
| 2007 | beschlossenen Quotenerhöhungen einsetzen. Daher sind bis zum Jahr 2015 die |
| 2008 | notwendigen Anpassungsprozesse durch geeignete Maßnahmen zu flankieren. |
| 2009 | |
| 2010 | Wir werden die Mittel aus dem EU-Milchfonds für strukturverbessernde und ab- |
| 2011 | satzfördernde Maßnahmen einsetzen. |
| 2012 | |
| 2013 | Aufgrund der krisenbedingt aktuelle schwierigen Einkommenssituation werden wir |
| 2014 | ergänzend folgende Sofortmaßnahmen ergreifen: |
| 2015 | o Um aktuell drohende Flächenbrachen und damit verbunden unwiderrufliche |
| 2016 | Schäden für Natur und Kulturlandschaft zu verhindern wird ein zweijähriges |
| 2017 | "Grünlandmilchprogramm des Bundes" in Höhe von insgesamt 500 Millio- |
| 2018 | nen Euro aufgelegt. |
| 2019 | o Zur Vermeidung von Beitragserhöhungen bei der Landwirtschaftlichen Un- |
| 2020 | fallversicherung (LUV) in der aktuellen Krisensituation wird der Bundeszu- |
| 2021 | schuss in den Jahren 2010 und 2011 um insgesamt 200 Millionen Euro er- |
| 2022 | höht. |
| 2023 | o Für die beiden kommenden Jahre wird für die Landwirtschaft ein Krisen- |
| 2024 | Liquiditätshilfeprogramm mit Mitteln in Höhe von insgesamt 50 Millionen |
| 2025 | aufgelegt. |
| 2026 | Ökologischer Landbau |
| 2027 | |
| 2028 | Wir stehen für ein gleichberechtigtes Nebeneinander unterschiedlicher Wirt- |
| 2029 | schaftsmethoden von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft. Wir wollen |
| 2030 | den ökologischen Landbau insbesondere im Bereich Forschung fördern. |
| 2031 | |
| 2032 | Ehemalige Treuhandflächen |
| 2033 | |
| 2034 | Die Verwertung der Flächen der Bodenverwertungs- und Verwaltungs GmbH |
| 2035 | (BVVG) soll unter verstärkter Berücksichtigung agrarstruktureller Belange zügig |
| 2036 | vorangebracht und im Wesentlichen bis zum Jahr 2025 abgeschlossen werden. |
| 2037 | Die gegenwärtige Verkaufspraxis der BVVG wird überprüft. Wir setzen Verbesse- |
| 2038 | rungen beim Flächenerwerbsänderungsgesetz im Sinne der Alteigentümer durch. |
| 2039 | |
| 2040 | Zulassung von Pflanzenschutzmitteln |
| 2041 | |
| 2042 | Zum besseren Schutz von Mensch, Tier und Umwelt wird das Zulassungsverfah- |
| 2043 | ren von Pflanzenschutzmitteln unter Beibehaltung der geltenden hohen Standards |
| 2044 | vereinfacht und beschleunigt. |
| 2045 | |
| 2046 | Forstwirtschaft |
| 2047 | |
| 2048 | Das Bundeswaldgesetz wird novelliert. Dabei sind folgende Punkte vorrangig zu |
| 2049 | regeln: die Verkehrssicherungspflicht, die Definition von Kurzumtriebsplantagen |
| 2050 | und die Vermarktungsmöglichkeit für forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse. Zu- |
| 2051 | dem wird die Charta für Holz weiterentwickelt. |
| 2052 | |
| 2053 | Bei der Anwendung der Beschaffungsrichtlinie des Bundes wollen wir eine Gleich- |
| 2054 | behandlung beider Zertifizierungssysteme für Holz. |
| 2055 | |
| 2056 | Bundesjagdgesetz |
| 2057 | |
| 2058 | Damit Jäger ihren Auftrag zur nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen |
| 2059 | zu Gunsten der Erhaltung der Biodiversität nachkommen können, treten wir dafür |
| 2060 | ein, das Bundesjagdgesetz grundsätzlich in seiner jetzigen Form zu erhalten. |
| 2061 | |
| 2062 | Fischerei |
| 2063 | |
| 2064 | Wir unterstützen eine nachhaltige Binnen-, See-, Küsten- und Kutterfischerei, die |
| 2065 | Bestände erhält, artgerecht ist und den Tierschutz sichert. Wir werden die Rah- |
| 2066 | menbedingungen für eine nachhaltige Aquakultur verbessern und auf europäi- |
| 2067 | scher Ebene auf die Erstellung eines Managementplans für Kormorane drängen. |
| 2068 | Wir treten mit Nachdruck für die Einhaltung des internationalen Walfangverbots |
| 2069 | ein. |
| 2070 | |
| 2071 | Grüne Gentechnik |
| 2072 | |
| 2073 | Die Biotechnologie stellt eine wichtige Zukunftsbranche für Forschung, Wirtschaft |
| 2074 | und Landwirtschaft dar, die bereits weltweit etabliert ist. Deshalb wollen wir die |
| 2075 | verantwortbaren Potentiale der grünen Gentechnik nutzen. Der Schutz von |
| 2076 | Mensch und Umwelt bleibt oberstes Ziel des deutschen Gentechnikrechts. |
| 2077 | |
| 2078 | Wir treten für eine stärkere Wissenschaftsorientierung und effiziente Zulassungs- |
| 2079 | verfahren von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) auf EU-Ebene ein. |
| 2080 | |
| 2081 | Wir schaffen die rechtlichen Vorraussetzungen, damit die Bundesländer innerhalb |
| 2082 | eines bundeseinheitlichen Rahmens von Kriterien flexibel eigenständig Abstände |
| 2083 | festlegen können, die zwischen Feldern mit genetisch veränderten Pflanzen und |
| 2084 | solchen mit konventionellem oder ökologischem Anbau einzuhalten sind. |
| 2085 | |
| 2086 | Beim erlassenen Anbauverbot für die gentechnisch veränderte Maissorte MON810 |
| 2087 | wird der Ausgang des Gerichtsverfahrens abgewartet. Der Anbau der gentech- |
| 2088 | nisch veränderten Stärkekartoffel Amflora für eine kommerzielle, industrielle Ver- |
| 2089 | wertung wird unterstützt. |
| 2090 | |
| 2091 | Um eine für Wirtschaft und Überwachung praktikable Anwendung der im Gemein- |
| 2092 | schaftsrecht der EU festgelegten Nulltoleranz für nicht in der EU zugelassene |
| 2093 | GVO zu ermöglichen, werden wir das Gentechnikgesetz und das EG- |
| 2094 | Gentechnikdurchführungsgesetz ändern. Dort werden wir eine Ermächtigung |
| 2095 | schaffen, um offizielle Probenahme- und Nachweismethoden festzulegen. |
| 2096 | |
| 2097 | Zur Schaffung einer umfassenden Verbrauchertransparenz streben wir eine Posi- |
| 2098 | tivkennzeichnung (Prozesskennzeichnung) auf europäischer Ebene an. |
| 2099 | |
| 2100 | Tierschutz und Tiergesundheit |
| 2101 | |
| 2102 | Der Tierschutz hat eine zentrale Bedeutung. Wir setzen uns für artgerechte Tier- |
| 2103 | haltung und -ernährung ein. Wir wollen den Tierschutz in der landwirtschaftlichen |
| 2104 | Nutztierhaltung im Einklang mit der Wirtschaftlichkeit voranbringen. Zur Verringe- |
| 2105 | rung von Tierversuchen werden wir die Entwicklung von Ersatzmethoden weiter |
| 2106 | fördern. Erfolgreicher Tierschutz kann insbesondere auch auf europäischer und |
| 2107 | internationaler Ebene verwirklicht werden. Wir setzen uns dafür ein, dass Tier- |
| 2108 | transportzeiten in der EU weiter begrenzt werden. |
| 2109 | |
| 2110 | Ländliche Räume |
| 2111 | |
| 2112 | Wir stehen für starke, lebenswerte ländliche Räume sowie eine gleichwertige Ent- |
| 2113 | wicklung von ländlichen Regionen und städtischen Ballungszentren. Wir werden |
| 2114 | dem verstärkten demographischen Wandel vermehrt Aufmerksamkeit widmen. |
| 2115 | |
| 2116 | Wir wollen die Vielfalt der ländlichen Räume erhalten sowie deren Stärken und |
| 2117 | Wirtschaftskraft fördern. Wir werden dafür insbesondere die Gemeinschaftsaufga- |
| 2118 | ben zur Förderung der regionalen Wirtschaftsstruktur und der Agrarstruktur sowie |
| 2119 | weitere Infrastrukturmaßnahmen zur Unterstützung der ländlichen Regionen aus- |
| 2120 | bauen und verstärkt gemeinsam zielorientiert einsetzen. |
| 2121 | |
| 2122 | Wir werden das Landwirtschaftsgesetz in Richtung eines modernen Gesetzes für |
| 2123 | die Landwirtschaft und den ländlichen Raum weiterentwickeln und das Ziel einer |
| 2124 | flächendeckenden, nachhaltigen Landbewirtschaftung in Deutschland festschrei- |
| 2125 | ben. Wir werden einen Maßnahmenkatalog zur Reduzierung des Verlusts land- |
| 2126 | wirtschaftlicher Nutzflächen vorlegen und den Verlust landwirtschaftlicher Flächen |
| 2127 | durch Siedlung, Verkehr oder ökologische Ausgleichsflächenregelungen eindäm- |
| 2128 | men. Das Flächenmanagement für Ausgleichsflächen muss verbessert werden. |
| 2129 | |
| 2130 | Branntweinmonopol |
| 2131 | |
| 2132 | Wir setzen uns auf EU-Ebene dafür ein, dass das Branntweinmonopol durch Ver- |
| 2133 | längerung der am 31.12.2010 endenden beihilferechtlichen Ausnahmeregelung |
| 2134 | bis 2017 fortbestehen wird. |
| 2135 | |
| 2136 | Deutsche Weinbaukultur |
| 2137 | |
| 2138 | Wir setzen uns für den Erhalt der Qualität unserer Weinproduktion, die Wahrung |
| 2139 | der Herkunftskennzeichnung als Erkennungsmerkmal für Verbraucher und die Si- |
| 2140 | cherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ein. Wir setzen auf den Erhalt |
| 2141 | der Pflanzrechte, eine effektive Gemeinschaftswerbung und Exportförderung. |
| 2142 | |
| 2143 | 4.7 Dienstleistungen |
| 2144 | |
| 2145 | Tourismus |
| 2146 | |
| 2147 | Wir werden den Tourismusstandort Deutschland stärken und zusätzliche Wachs- |
| 2148 | tumspotentiale der Tourismuswirtschaft als Jobmotor der Zukunft freisetzen. Dazu |
| 2149 | werden die touristischen Rahmenbedingungen verbessert und die Tourismuspoli- |
| 2150 | tischen Leitlinien der Bundesregierung fortentwickelt. |
| 2151 | |
| 2152 | Wettbewerbsverzerrungen und Bürokratiebelastungen werden so weit wie möglich |
| 2153 | reduziert. Die Regelungen zur Mehrwertsteuer werden auch mit Blick auf Belas- |
| 2154 | tungen für den Tourismus und dessen europäische Wettbewerbssituation struktu- |
| 2155 | rell überprüft. |
| 2156 | |
| 2157 | Investitionen in touristische Einrichtungen werden gefördert. Dazu wird das vor- |
| 2158 | handene Instrumentarium genutzt und gegebenenfalls optimiert. |
| 2159 | |
| 2160 | Ausbildungshemmnisse im Gastgewerbe werden durch ein flexibleres Jugendar- |
| 2161 | beitsschutzgesetz abgebaut. Die Mittel für die Deutsche Zentrale für Tourismus |
| 2162 | werden auf hohem Niveau stabilisiert sowie der Messe- und Kongressstandort |
| 2163 | Deutschland gestärkt. |
| 2164 | |
| 2165 | Wir verankern das Ziel der Barrierefreiheit stärker in allen Bereichen, vernetzen |
| 2166 | Kultur und Tourismus enger, erstellen eine Tourismuskonzeption für den ländli- |
| 2167 | chen Raum, verbessern die Rahmenbedingungen für Kurorte und Heilbäder und |
| 2168 | prüfen eine Neuregelung der Kabelweiterleitung zugunsten von Hotels. |
| 2169 | |
| 2170 | Die Bund-Länder-Zusammenarbeit wird intensiviert mit dem Ziel, Verbesserungen |
| 2171 | bei den in der Länderzuständigkeit liegenden Rahmenbedingungen zu erreichen, |
| 2172 | wie z. B. bei den Gaststättengesetzen, Entlastungen bei den Rundfunkgebühren |
| 2173 | sowie eine Ausweitung des Gesamtzeitraums der Sommerferien. |
| 2174 | |
| 2175 | Gesundheitswirtschaft |
| 2176 | |
| 2177 | Angesichts der demographischen Entwicklung wird die Gesundheitswirtschaft er- |
| 2178 | heblich an Bedeutung gewinnen. Wir wollen die Möglichkeiten ausbauen, dass |
| 2179 | auch außerhalb des gesetzlich finanzierten Bereichs Gesundheits- und Pflegeleis- |
| 2180 | tungen angeboten werden können. Dafür bedarf es einer Verbesserung der wett- |
| 2181 | bewerblichen Strukturen. Außerdem wollen wir Innovationskraft und Investitions- |
| 2182 | bereitschaft der deutschen Medizintechnik stärken. |
| 2183 | |
| 2184 | Kreativwirtschaft |
| 2185 | |
| 2186 | Wir werden die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft fortführen und ausbauen. |
| 2187 | Besondere Schwerpunkte bei der weiteren Umsetzung werden die Schaffung von |
| 2188 | Unterstützungsangeboten zur Professionalisierung von Künstlern und Kreativen |
| 2189 | sowie die Förderung innovativer Projekte und Geschäftsmodelle sein. |
| 2190 | |
| 2191 | 5. Faire Regeln für die Weltwirtschaft |
| 2192 | |
| 2193 | Finanzmärkte |
| 2194 | |
| 2195 | Ein leistungsfähiges und stabiles Finanzsystem ist für die wirtschaftliche Entwick- |
| 2196 | lung unseres Landes essentiell. Es sichert den nachfrage- und risikogerechten |
| 2197 | Zugang zu nationalen und internationalen Finanzmitteln. Es bietet institutionellen |
| 2198 | Investoren und vorsorgeorientierten Privatpersonen kosteneffiziente Anlagemög- |
| 2199 | lichkeiten. Gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen wirtschaftlichen Ent- |
| 2200 | wicklung sind weitere Reformen im Finanzsektor geboten. Hierzu zählt die struktu- |
| 2201 | relle Verbesserung privater und hoheitlicher Aufsichtssysteme ebenso wie die |
| 2202 | Stärkung langfristiger Wachstumskräfte durch wettbewerbsorientierte Reformen. |
| 2203 | Für uns ist ein transparenter Finanzmarkt Grundlage für die freien Entscheidungen |
| 2204 | der einzelnen Bürger. |
| 2205 | |
| 2206 | Um Finanzmarktkrisen, wie wir sie derzeit erfahren, in Zukunft zu vermeiden, |
| 2207 | müssen die grundlegenden Prinzipen der sozialen Marktwirtschaft wie Haftung |
| 2208 | und Verantwortung wieder stärker das Handeln der Finanzmarktakteure bestim- |
| 2209 | men. National und international muss ein Ordnungsrahmen gelten, der diesen |
| 2210 | Prinzipien gerecht wird. Unser Ziel ist es, dass die Akteure auf den Finanzmärkten |
| 2211 | nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen, wie sie vor der Krise zu beo- |
| 2212 | bachten waren. Die Einhaltung des europäischen Stabilitätspakts hat für uns Prio- |
| 2213 | rität. Gleiches gilt für die Wahrung der Unabhängigkeit der Deutschen Bundes- |
| 2214 | bank und der Europäischen Zentralbank. Wir werden uns mit aller Vehemenz da- |
| 2215 | für einsetzen, Finanzmarktrisiken sowie Inflationsgefahren zu vermeiden. Deutsch- |
| 2216 | land wird Initiativen ergreifen, um auf europäischer und internationaler Ebene eine |
| 2217 | Vorreiterrolle bei der Vermeidung zukünftiger Krisen wahrzunehmen. Denn in Zu- |
| 2218 | kunft darf es kein Finanzmarktprodukt, keinen Finanzmarktakteur und keinen Fi- |
| 2219 | nanzmarkt geben, die nicht reguliert und beaufsichtigt sind. Zudem werden wir für |
| 2220 | eine effektivere und stringentere Regulierung und Aufsicht national und internatio- |
| 2221 | nal sorgen. |
| 2222 | |
| 2223 | Dazu werden wir insbesondere folgende Maßnahmen ergreifen: |
| 2224 | |
| 2225 | Das dreigliedrige Bankensystem von Privatbanken, Volks- und Raiffeisenbanken |
| 2226 | und Sparkassen unterstützen wir. Unsere Bürgerinnen und Bürger profitieren von |
| 2227 | dieser wettbewerbsintensiven Bankenlandschaft. Wir werden uns daher dafür ein- |
| 2228 | setzen, dass in der Bankenregulierung - nach Überwindung der Krise - die Kapi- |
| 2229 | talanforderungen differenziert nach Risiko und Systemrelevanz verstärkt werden, |
| 2230 | um die Banken in die Lage zu versetzen, in Krisenzeiten auftretende Verluste in |
| 2231 | größerem Umfang selbst tragen zu können. Insbesondere werden wir uns dafür |
| 2232 | einsetzen, dass weltweit die systemrelevanten Banken höheres Eigenkapital vor- |
| 2233 | halten müssen, welches das hohe Risiko, das diese Institute für das gesamte Fi- |
| 2234 | nanzsystem darstellen, berücksichtigt. Zugleich setzen wir uns auf nationaler und |
| 2235 | internationaler Ebene dafür ein, dass bei der Intensität der Regulierung und der |
| 2236 | Aufsicht über Finanzinstitute stärker nach dem Risiko und der Systemrelevanz des |
| 2237 | einzelnen Instituts differenziert wird sowie bei den qualitativen Anforderungen an |
| 2238 | das Eigenkapital auf nationale Besonderheiten Rücksicht genommen wird. |
| 2239 | |
| 2240 | In Zeiten eines wirtschaftlichen Abschwungs muss eine Kreditklemme verhindert |
| 2241 | werden; die Kreditwirtschaft muss sich ihrer Verantwortung als Finanzierungsge- |
| 2242 | ber der deutschen Wirtschaft bewusst sein. Wir werden uns dafür einsetzen, dass |
| 2243 | die in den derzeit geltenden internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS |
| 2244 | und in den Basel-II-Eigenkapitalregeln angelegten prozyklischen Wirkungen ab- |
| 2245 | gemildert werden. |
| 2246 | |
| 2247 | Wir wollen verhindern, dass Staaten in Zukunft von systemrelevanten Instituten zu |
| 2248 | Rettungsmaßnahmen gezwungen werden können. Wir werden daher geeignete |
| 2249 | rechtliche Instrumentarien für ein Restrukturierungs- sowie Abwicklungsverfahren |
| 2250 | einführen, um zeitlich vor Eintritt einer Insolvenz in Schieflage geratene systemre- |
| 2251 | levante Unternehmen des Finanzsektors entweder finanzmarktschonend abwi- |
| 2252 | ckeln oder nachhaltig stabilisieren zu können. Wir müssen hierzu auch auf natio- |
| 2253 | naler, europäischer und internationaler Ebene abgestimmte Lösungsmechanismen |
| 2254 | entwickeln und umsetzen. |
| 2255 | |
| 2256 | Um eine angemessene Aufsicht und Regulierung aller systemisch wichtigen Fi- |
| 2257 | nanzinstitute, -märkte und -instrumente sicherzustellen, sollten alle alternativen |
| 2258 | Investmentfonds, zum Beispiel Hedge Fonds, und deren Manager einem internati- |
| 2259 | onal abgestimmten Regelwerk unterworfen werden. Dabei ist den Besonderheiten |
| 2260 | der deutschen Fondstypen Rechnung zu tragen. |
| 2261 | |
| 2262 | Die Ratingagenturen sind mit Schuld an der internationalen Finanzkrise. Deshalb |
| 2263 | brauchen wir für die Zukunft neben einer effektiven Aufsicht Mindeststandards und |
| 2264 | Sanktionsmöglichkeiten. Ratingagenturen dürfen nicht zeitgleich Finanzprodukte |
| 2265 | entwickeln, vertreiben und bewerten. Derartige Interessenkonflikte sind für die Zu- |
| 2266 | kunft auszuschließen. Wir setzen uns für die Entwicklung einer europäischen Ra- |
| 2267 | tingagentur ein. |
| 2268 | |
| 2269 | Wir prüfen die Einrichtung einer unabhängigen Stiftung für Finanzprodukte nach |
| 2270 | dem Muster der Stiftung Warentest. |
| 2271 | |
| 2272 | Wir wollen die Standardisierung von forderungsbesicherten Wertpapieren voran- |
| 2273 | bringen. Wir werden die Möglichkeiten prüfen, durch ein Verbriefungsgesetz einen |
| 2274 | einheitlichen und transparenten Standard zu setzen. |
| 2275 | |
| 2276 | Wir streben eine Überarbeitung der internationalen Standards zur Rechnungsle- |
| 2277 | gung innerhalb der International Financial Reporting Standards an. In diesem Zu- |
| 2278 | sammenhang verfolgen wir das Ziel, dass die deutsche Sichtweise des Handels- |
| 2279 | gesetzbuchs im International Accounting Standards Board stärker repräsentiert ist |
| 2280 | und die demokratische Legitimation bei der Setzung der Rechnungslegungsstan- |
| 2281 | dards erzielt wird. |
| 2282 | |
| 2283 | Wir unterstützen die Aufgaben des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoF- |
| 2284 | Fin) und werden die parlamentarischen Kontrollrechte weiterentwickeln. Die staat- |
| 2285 | lichen Stabilisierungsmaßnahmen werden auf ihre Praxistauglichkeit überprüft und |
| 2286 | gegebenenfalls bedarfsgerecht verbessert. Um Wettbewerbsverzerrungen zu |
| 2287 | vermeiden, sollten staatliche Stützungsmaßnahmen unter Wahrung der Interessen |
| 2288 | der Steuerzahler nach Ablauf der Krise zügig zurückgeführt werden. |
| 2289 | |
| 2290 | Regulierung braucht eine effektive Aufsicht. Wir setzen uns auf europäischer Ebe- |
| 2291 | ne für eine Vereinheitlichung der Aufsichts- und Prüfungsstandards in der Ge- |
| 2292 | meinschaft ein. Die nationalen Kompetenzen und das Etatrecht bleiben unberührt. |
| 2293 | |
| 2294 | Wir werden die Bankenaufsicht in Deutschland bei der Deutschen Bundesbank |
| 2295 | zusammenführen. Die Standorte der bisherigen Bundesanstalt für Finanzdienst- |
| 2296 | leistungsaufsicht stellen wir nicht in Frage. Der Umfang der bisherigen rechtlichen |
| 2297 | Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank wird durch die hinzukommenden ho- |
| 2298 | heitlichen Zuständigkeiten nicht berührt. Wir sorgen für eine schnelle Umsetzung |
| 2299 | der bereits begonnenen Reform der EU-Finanzmarktaufsicht. |
| 2300 | |
| 2301 | Solvency II als eines der wichtigen europäischen Projekte im Bereich der Finanz- |
| 2302 | dienstleistungswirtschaft ist so umzusetzen, dass der deutsche Versicherungs- |
| 2303 | markt gestärkt wird. |
| 2304 | |
| 2305 | Unser Ziel ist die Stärkung des Marktes für Beteiligungsunternehmen. Wir schaf- |
| 2306 | fen einen einheitlichen attraktiven Wagniskapitalmarkt in Deutschland. |
| 2307 | |
| 2308 | Bei Real Estate Investment Trusts sind überflüssige Hemmschwellen für den |
| 2309 | deutschen Markt abzubauen, ohne die schutzbedürftigen Interessen der Verbrau- |
| 2310 | cher zu vernachlässigen. |
| 2311 | |
| 2312 | Das Investmentrecht werden wir überarbeiten und krisenverschärfende Regelun- |
| 2313 | gen in einem Ausgleich der Interessen von Anlegern und Anbietern überarbeiten. |
| 2314 | |
| 2315 | Wir unterstützen marktwirtschaftliche Produkte wie Mikrofinanzfonds und werden |
| 2316 | bestehenden Hemmschwellen abbauen. |
| 2317 | |
| 2318 | Außenwirtschaft |
| 2319 | |
| 2320 | Eine offene, regelgebundene Weltwirtschaft ist der beste Garant für weltweiten |
| 2321 | Wohlstand und weltweite Sicherheit. |
| 2322 | |
| 2323 | Zur langfristigen Wachstums- und Wohlstandssicherung in Deutschland leistet die |
| 2324 | Außenwirtschaftspolitik einen wesentlichen Beitrag. In der Handelspolitik bekämp- |
| 2325 | fen wir jede Art des Protektionismus und setzen uns nachhaltig für weitere Markt- |
| 2326 | öffnung ein. In der Außenwirtschaftsförderung sorgen wir verstärkt dafür, dass |
| 2327 | deutsche Unternehmen sich auch im drastisch verschärften Wettbewerb auf den |
| 2328 | Märkten gegenüber ihren Konkurrenten erfolgreich behaupten können. |
| 2329 | |
| 2330 | Weltwirtschaft und Welthandel in einer globalisierten Welt bedürfen klarer Regeln, |
| 2331 | die allen Ländern eine faire Chance geben, die Integration der Entwicklungsländer |
| 2332 | in die Weltwirtschaft fördern und zur nachhaltigen Rohstoffversorgung beitragen. |
| 2333 | Der Königsweg für die weitere Liberalisierung des Handels mit Waren und Dienst- |
| 2334 | leistungen liegt im multilateralen Ansatz der WTO. Ein zügiger und ehrgeiziger |
| 2335 | Abschluss der Doha-Welthandelsrunde hat absoluten Vorrang. Gerade dem deut- |
| 2336 | schen Mittelstand, der traditionell auf den Auslandsmärkten besonders aktiv ist, |
| 2337 | erleichtern wir so die Teilhabe am Welthandel. Die WTO-Regeln müssen weiter |
| 2338 | ausgebaut werden. In diesem Zusammenhang ist auch eine Effektivierung des |
| 2339 | Streitschlichtungsmechanismus unter Beteiligung des WTO-Generalsekretärs an- |
| 2340 | zustreben. |
| 2341 | |
| 2342 | Ergänzend hierzu setzen wir uns für bilaterale Freihandelsabkommen mit den dy- |
| 2343 | namischen Ländern und Regionen ein, die als sog. WTO-plus-Abkommen insbe- |
| 2344 | sondere auch den Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse und die Einbeziehung |
| 2345 | weiterer handelsbezogener Themen wie Wettbewerb und öffentliches Beschaf- |
| 2346 | fungswesen zum Ziel haben und die - WTO-konform - als Wegbereiter möglicher |
| 2347 | späterer Erweiterungen des Welthandelssystems ausgestaltet werden. |
| 2348 | |
| 2349 | Außenwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit müssen besser aufeinander |
| 2350 | aufbauen und optimal ineinander greifen. Entwicklungspolitische Entscheidungen |
| 2351 | müssen die Interessen der deutschen Wirtschaft, insbesondere des Mittelstandes, |
| 2352 | angemessen berücksichtigen. Bei Auftragsvergabe sollen die Auslandshandels- |
| 2353 | kammern über die Aufträge der Entwicklungsorganisationen rechtzeitig informiert |
| 2354 | werden. |
| 2355 | |
| 2356 | Deutschland ist auf Investitionen aus dem Ausland angewiesen. Investoren aus |
| 2357 | aller Welt sind uns sehr willkommen. Darum werden wir unser Investitionsmarke- |
| 2358 | ting verstärken. Die zuletzt geschaffene Änderung des AWG wird nur im Ausnah- |
| 2359 | mefall angewandt und insgesamt nach einem Jahr im Hinblick auf seine Wirkung |
| 2360 | überprüft. |
| 2361 | |
| 2362 | Die Entscheidungsverfahren für die Garantien für Exportkredite, Investitionen und |
| 2363 | ungebundene Finanzkredite werden beschleunigt und vorrangig an der Sicherung |
| 2364 | des Standortes Deutschland und der Förderung von Wirtschaft und Beschäftigung |
| 2365 | im Inland ausgerichtet. Einzelentscheidungen und Deckungspolitik werden an den |
| 2366 | international vereinbarten Regeln und Leitlinien ausgerichtet. Diese werden zur |
| 2367 | Sicherung fairer Bedingungen im internationalen Wettbewerb weiterentwickelt. Für |
| 2368 | den Umweltbereich sind die OECD-Umweltleitlinien alleiniger Maßstab bei der |
| 2369 | Prüfung von Anträgen auf Exportkreditgarantien. |
| 2370 | |
| 2371 | Das Außenwirtschaftsrecht (Außenwirtschaftsgesetz [AWG] und Außenwirt- |
| 2372 | schaftsverordnung [AWV]) wird entschlackt und übersichtlicher ausgestaltet. Es |
| 2373 | werden Vorschriften gestrichen, die deutsche Exporteure gegenüber ihren europä- |
| 2374 | ischen Konkurrenten benachteiligen. Bei der Anwendung des Außenwirtschafts- |
| 2375 | rechts muss der internationalen Wettbewerbssituation der deutschen Wirtschaft |
| 2376 | mehr als bisher Rechnung getragen werden. Es wird hier ein "level-playing-field" |
| 2377 | geschaffen. |
| 2378 | |
| 2379 | Es bleibt bei der verantwortungsbewussten Genehmigungspolitik für die Ausfuhr |
| 2380 | von Rüstungsgütern. Um faire Wettbewerbsbedingungen für die deutsche Wirt- |
| 2381 | schaft zu gewährleisten, wird eine Harmonisierung mit der Genehmigungspolitik |
| 2382 | der anderen EU-Staaten auf hohem Niveau angestrebt. Auch beim Export von |
| 2383 | Dual Use-Gütern wird die deutsche Genehmigungspraxis in diesem Sinne ange- |
| 2384 | glichen. Bürokratische Hemmnisse werden abgebaut und die Verfahren beschleu- |
| 2385 | nigt. Steht eine zivile Verwendung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich- |
| 2386 | keit fest, ist eine Genehmigung zu erteilen. |
| 2387 | |
| 2388 | Die im März 2005 auf nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung konzentrierte |
| 2389 | Lissabon-Strategie sollte zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Unter- |
| 2390 | nehmen auch in der Zeit nach 2010 mit gleicher Fokussierung fortgesetzt werden. |
| 2391 | Angesichts der Wirtschaftskrise besteht die Notwendigkeit langfristig angelegter |
| 2392 | struktureller Reformen fort. Im Einzelnen heißt dies: Wir setzen uns für die Beibe- |
| 2393 | haltung der vier prioritären Bereiche (Forschung und Entwicklung, Stärkung des |
| 2394 | Unternehmenspotentials, insbesondere für KMU, mehr Beschäftigung schaffen, |
| 2395 | Klima und Energie) ein. |
| 2396 | |
| 2397 | Der Zugang zu Rohstoffen und deren verlässliche Verfügbarkeit sind für die deut- |
| 2398 | sche Industrie mit ihren Produkten der Hoch- und Spitzentechnologie von beson- |
| 2399 | derer Bedeutung und unverzichtbare Ziele der Außenwirtschaftspolitik. |
| 2400 | |
| 2401 | 6. Deutsche Einheit |
| 2402 | |
| 2403 | Die Koalition wird die Deutsche Einheit weiterhin voranbringen. Wir halten an der |
| 2404 | Zielsetzung fest, die Lebensverhältnisse in Deutschland bis 2019 bundesweit |
| 2405 | weitgehend anzugleichen. Unser Ziel ist das schnelle Erreichen einer möglichst |
| 2406 | hohen Steuerdeckungsquote der ostdeutschen Länder. Die Steigerung der Wirt- |
| 2407 | schaftskraft und die Reduzierung der Arbeitslosigkeit bleiben die zentralen Ziele. |
| 2408 | Die Koalition bekennt sich zur Einhaltung der Mittelzusagen aus dem Solidarpakt II |
| 2409 | und erwartet ihre bestimmungsgemäße Verwendung. |
| 2410 | |
| 2411 | Um die Wirksamkeit der Förderung insbesondere für Wachstum und Beschäfti- |
| 2412 | gung in den ostdeutschen Ländern zu erhöhen, werden wir die Förderinstrumente |
| 2413 | für den Aufbau Ost evaluieren. |
| 2414 | Darüber hinaus benötigen die Bundesländer den Spielraum, um den regionalen |
| 2415 | Besonderheiten gerecht zu werden. Die Koalition vereinbart, eine Expertenkom- |
| 2416 | mission einzurichten, deren Vorschläge in Modellregionen umgesetzt werden sol- |
| 2417 | len. |
| 2418 | Die Koalition setzt sich dafür ein, angemessene Übergangsregelungen für die Re- |
| 2419 | gionen zu finden, die ab 2014 aus der Höchstförderung der Strukturfonds heraus- |
| 2420 | fallen. |
| 2421 | |
| 2422 | Das Fördergefälle zwischen vergleichbaren Regionen mit Wettbewerbsnachteilen |
| 2423 | ist in der EU und innerhalb Deutschlands zu mindern. |
| 2424 | |
| 2425 | 20 Jahre nach der Wiedervereinigung wollen wir die Aufteilung des Finanzvermö- |
| 2426 | gens gemäß Art. 22 des Einigungsvertrages im Einvernehmen mit den Neuen |
| 2427 | Ländern regeln. |
| 2428 | |
| 2429 | Innovationsstandort |
| 2430 | |
| 2431 | Zur Stärkung der Innovationsfähigkeit der Wirtschaft und zur Vernetzung von Wirt- |
| 2432 | schaft und Wissenschaft wird die Koalition die Unterstützung aus den Förderpro- |
| 2433 | grammen "Unternehmen Region" und "Zentrales Innovationsprogramm Mit- |
| 2434 | telstand" auf hohem Niveau stabilisieren und fortführen. Die Innovationsförderung |
| 2435 | ist stärker auf den Wissenstransfer auszurichten und anwendungsbezogener zu |
| 2436 | gestalten. Zum Ausbau des Hochschul- und Forschungsstandortes wird das Pro- |
| 2437 | gramm "Spitzenforschung und Innovation" fortgeführt. |
| 2438 | |
| 2439 | Die Koalition verständigt sich darauf, im Jahr 2011 die Ausgestaltung der Degres- |
| 2440 | sion der Investitionszulage zu prüfen. |
| 2441 | |
| 2442 | Wir werden die außeruniversitären, gemeinnützigen Forschungseinrichtungen in |
| 2443 | den ostdeutschen Ländern evaluieren und auf dieser Grundlage in Abstimmung |
| 2444 | mit den Ländern entscheiden, welche Institute in die von Bund und Länder geför- |
| 2445 | derten Forschungsorganisationen eingegliedert werden sollen. |
| 2446 | |
| 2447 | Bei der Einrichtung neuer Forschungseinrichtungen werden wir die ostdeutschen |
| 2448 | Länder angemessen berücksichtigen. |
| 2449 | |
| 2450 | Wir setzen uns mit besonderer Priorität für die Ansiedlung eines Forschungsinsti- |
| 2451 | tuts zur nachhaltigen und sicheren Rohstoffversorgung mit Standort in den Neuen |
| 2452 | Ländern ein, das der gesamten Wertschöpfungskette von der Erkundung und Ge- |
| 2453 | winnung der Rohstoffe über ihre Aufbereitung und Veredelung bis hin zum Recyc- |
| 2454 | ling gewidmet ist. |
| 2455 | |
| 2456 | Fachkräfte und Qualifizierung |
| 2457 | |
| 2458 | Vor dem Hintergrund der schon bestehenden Probleme bei der Besetzung von |
| 2459 | Ausbildungsplätzen und Stellen für Hochqualifizierte und der demographischen |
| 2460 | Perspektiven wird die Bundesregierung im Rahmen einer "Zukunftsinitiative Fach- |
| 2461 | kräftesicherung" vorrangig zusammen mit den ostdeutschen Ländern, Kammern |
| 2462 | und Sozialpartnern regionsspezifische Handlungsansätze zur Verbesserung des |
| 2463 | Fachkräfteangebot entwickeln. |
| 2464 | |
| 2465 | Investitionsförderung und Wettbewerbsfähigkeit |
| 2466 | |
| 2467 | Damit die Wirtschaft, insbesondere die Industrie, wieder an die hohe Wachstums- |
| 2468 | dynamik vor der Krise anknüpfen kann, wird die Bundesregierung die Investitions- |
| 2469 | förderung aus der Gemeinschaftsaufgabe "Regionale Wirtschaft" in Regionen mit |
| 2470 | Wettbewerbsnachteilen - unbeschadet der konjunkturbedingten Aufstockung bis |
| 2471 | 2011 - mittelfristig auf dem Niveau des Jahres 2008 fortführen. |
| 2472 | |
| 2473 | Die Koalition wird zusammen mit den jeweiligen ostdeutschen Ländern Zukunfts- |
| 2474 | konzepte für Regionen mit industriellen Kernen erarbeiten, die von der aktuellen |
| 2475 | Wirtschaftskrise besonders betroffen sind. Das Instrument der Branchenkonferen- |
| 2476 | zen wird fortgeführt, um gemeinsam mit der Wirtschaft das Profil des Wirtschafts- |
| 2477 | und Technologiestandortes Ostdeutschland weiter zu schärfen. |
| 2478 | |
| 2479 | Überregionale Verkehrsinfrastruktur |
| 2480 | |
| 2481 | Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (VDE) sind für den wirtschaftlichen Auf- |
| 2482 | schwung in den neuen Ländern von besonderer Bedeutung. Die Koalition strebt |
| 2483 | an, die VDE der Straße bis 2010 und der Schiene bis 2017 fertig zu stellen. |
| 2484 | Für eine konkurrenzfähige Anbindung der Seehäfen an die Staaten Südosteuro- |
| 2485 | pas werden wir das Ziel verfolgen, eine leistungsfähige Schienenverkehrsverbin- |
| 2486 | dung von der Ostsee unter Einbeziehung der Bundeshauptstadt nach Südosteu- |
| 2487 | ropa zu errichten. |
| 2488 | |
| 2489 | Aktive Arbeitsmarktpolitik |
| 2490 | |
| 2491 | Die Koalition wird zum Abbau der in strukturschwachen Regionen - vor allem Ost- |
| 2492 | deutschlands - überproportionalen Langzeitarbeitslosigkeit die Voraussetzungen |
| 2493 | dafür schaffen, dass neue Lösungsansätze des "Förderns und Forderns" in größe- |
| 2494 | ren Kommunen erprobt werden können. Das Prinzip wird konsequent und für die |
| 2495 | öffentliche Hand kostenneutral umgesetzt. |
| 2496 | |
| 2497 | Übergreifende Demographiepolitik - Daseinsvorsorge |
| 2498 | |
| 2499 | Die demographischen Entwicklungen wirken sich in den neuen Ländern früher und |
| 2500 | schneller aus als in Westdeutschland, sind jedoch heute schon auch für Deutsch- |
| 2501 | land insgesamt von grundlegender Bedeutung. Die Koalition wird dazu bis 2012 |
| 2502 | eine ressortübergreifende Demographiestrategie erarbeiten. |
| 2503 | |
| 2504 | Die Koalition wird ein Handlungskonzept mit den Ländern zur Verringerung von |
| 2505 | Abwanderung und Sicherung der privaten und öffentlichen Infrastruktur in vom |
| 2506 | demographischen Wandel besonders betroffenen ländlichen Räumen entwickeln |
| 2507 | und abstimmen, insbesondere zu den Bereichen Gesundheitsversorgung, wohn- |
| 2508 | ortnahe Bildungsangebote, Sicherung von Mobilität, leistungsfähiger Internetzu- |
| 2509 | gang und Stärkung der interkommunalen Zusammenarbeit. Dabei unterliegen die |
| 2510 | nichthoheitlichen Aufgaben dem Vergaberecht. |
| 2511 | |
| 2512 | Die Aufarbeitung der Umweltlasten der ehemaligen DDR ist eine Generationen- |
| 2513 | aufgabe. Die Sanierung der ehemaligen Braunkohleabbaugebiete und der Wis- |
| 2514 | mut-Altstandorte wird über das Jahr 2012 hinaus haushalterisch gesichert und |
| 2515 | fortgeführt. |
| 2516 | |
| 2517 | Neue Bundeseinrichtungen sollen in den neuen Ländern angesiedelt werden. Die |
| 2518 | Beschlüsse der unabhängigen Föderalismuskommission gelten fort. Der Beauf- |
| 2519 | tragte der Bundesregierung für die neuen Länder ist frühzeitig in die Standort- |
| 2520 | entscheidungen einzubeziehen. |
| 2521 | |
| 2522 | Freiheits- und Einheitsdenkmal |
| 2523 | |
| 2524 | Zur Erinnerung an den 17. Juni 1953 und den Herbst 1989 werden wir auf der Ber- |
| 2525 | liner Schlossfreiheit ein Nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal errichten und |
| 2526 | die Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals in Leipzig unterstützen. |
| 2527 | |
| 2528 | Opferrente für erlittenes SED-Unrecht |
| 2529 | |
| 2530 | Mit dem Ende der DDR hat sich das vereinte Deutschland der Aufgabe gestellt, |
| 2531 | das von SED und Staatssicherheit begangene Unrecht auszugleichen. Wir werden |
| 2532 | das System der Rehabilitierung und Entschädigung laufend überprüfen und offen- |
| 2533 | barem Regelungsbedarf mit dem Ziel, die rehabilitierungsrechtliche Situation von |
| 2534 | Betroffenen zu verbessern, Rechnung tragen. |
| 2535 | |
| 2536 | II. BILDUNGSREPUBLIK DEUTSCHLAND |
| 2537 | Durch gute Bildung und starke Forschung |
| 2538 | |
| 2539 | Bildung ist Bedingung für die innere und äußere Freiheit des Menschen. Sie |
| 2540 | schafft geistige Selbständigkeit, Urteilsvermögen und Wertebewusstsein. Bildung |
| 2541 | und Forschung sind Grundlagen des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts. |
| 2542 | Bildung ist Voraussetzung für umfassende Teilhabe des Einzelnen in der moder- |
| 2543 | nen Wissensgesellschaft. Bildung ist daher für uns Bürgerrecht. Deswegen sagen |
| 2544 | wir der Bildungsarmut den Kampf an. |
| 2545 | |
| 2546 | Dazu bedarf es einer nationalen Anstrengung. Wir wollen mehr Chancengerech- |
| 2547 | tigkeit am Start, Durchlässigkeit und faire Aufstiegschancen für alle ermöglichen. |
| 2548 | Wir wollen Deutschland zur Bildungsrepublik machen, mit den besten Kinderta- |
| 2549 | gesstätten, den besten Schulen und Berufsschulen sowie den besten Hochschu- |
| 2550 | len und Forschungseinrichtungen. |
| 2551 | |
| 2552 | Bildung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und bedarf einer engen Partnerschaft |
| 2553 | aller Verantwortlichen entlang der gesamten Bildungskette. Wir streben daher eine |
| 2554 | Bildungspartnerschaft von Bund, Ländern und Kommunen unter Wahrung der je- |
| 2555 | weiligen staatlichen Zuständigkeit an. Wir erhöhen die Ausgaben des Bundes für |
| 2556 | Bildung und Forschung bis 2013 um insgesamt 12 Mrd. Euro. Wir werden Maß- |
| 2557 | nahmen ergreifen, die es zudem Ländern, Wirtschaft und Privaten erleichtern, ihre |
| 2558 | jeweiligen Beiträge bis spätestens 2015 ebenfalls auf das 10 Prozent-Niveau an- |
| 2559 | zuheben. Im Gegenzug streben wir mit den Ländern verbindliche Vereinbarungen |
| 2560 | zur Umsetzung der Qualifizierungsinitiative wie zur Bildungsmobilität, insbesonde- |
| 2561 | re zu Fragen von Zulassung und Anerkennung von Abschlüssen und Teilleistun- |
| 2562 | gen an. |
| 2563 | |
| 2564 | 1. Bildung |
| 2565 | |
| 2566 | 1.1 Bildungsbündnisse vor Ort |
| 2567 | |
| 2568 | Jeder fünfte Jugendliche in Deutschland hat so geringe Kompetenzen in Lesen |
| 2569 | und Mathematik, dass er Gefahr läuft, auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt |
| 2570 | kaum Chancen zu haben. Deshalb müssen wir präventiv und möglichst früh in der |
| 2571 | Bildungsbiografie ansetzen. |
| 2572 | |
| 2573 | Wir werden vor Ort Bildungsbündnisse aller relevanten Akteure - Kinder- und Ju- |
| 2574 | gendhilfe, Eltern, Schulen, Arbeitsförderung sowie Zivilgesellschaft - fördern, die |
| 2575 | sich mit diesem Ziel zusammenschließen. |
| 2576 | |
| 2577 | Wir werden ihre Arbeit unterstützen, indem jedes Bündnis ein Kontingent z. B. von |
| 2578 | Bildungsschecks zur Weitergabe an benachteiligte Kinder und Jugendliche erhält. |
| 2579 | |
| 2580 | 1.2 Sprache als Schlüssel für den Bildungsaufstieg |
| 2581 | |
| 2582 | Jedes Kind muss vor Schuleintritt die deutsche Sprache beherrschen. Deshalb |
| 2583 | unterstützen wir verbindliche bundesweit vergleichbare Sprachstandstests für alle |
| 2584 | Kinder im Alter von vier Jahren und bei Bedarf eine verpflichtende gezielte |
| 2585 | Sprachförderung vor der Schule sowie darüber hinausgehende unterrichtsbeglei- |
| 2586 | tende Sprachprogramme. |
| 2587 | |
| 2588 | 1.3 Bildungsfinanzierung |
| 2589 | |
| 2590 | Heute für die Zukunft finanziell vorsorgen; das möchten viele Eltern - und auch |
| 2591 | Großeltern oder Paten - mit Blick auf die Kinder. Am besten ist das Geld angelegt, |
| 2592 | wenn es der Bildung der Kinder zu Gute kommt. |
| 2593 | |
| 2594 | Deshalb werden wir jedem neu geborenen Kind beispielsweise ein Zukunftskonto |
| 2595 | mit einem Startguthaben von 150 Euro einrichten und Einzahlungen bis zur Voll- |
| 2596 | jährigkeit mit einer Prämie unterstützen. |
| 2597 | |
| 2598 | Der Bildungsaufstieg darf an finanziellen Hürden nicht scheitern. Deshalb wollen |
| 2599 | wir mit dem Dreiklang aus BAföG, Bildungsdarlehen und Stipendien jungen Men- |
| 2600 | schen ein Studium ermöglichen. |
| 2601 | Wir wollen den Anteil der Stipendiaten mittelfristig von heute zwei auf zehn Pro- |
| 2602 | zent der Studierenden erhöhen. Die Stipendien sollen ausschließlich nach Bega- |
| 2603 | bung einkommensunabhängig vergeben werden. Hierzu werden wir gemeinsam |
| 2604 | mit den Ländern ein nationales Stipendienprogramm ins Leben rufen, mit dem wir |
| 2605 | von Universitäten und Fachhochschulen bei Wirtschaft und Privaten eingeworbene |
| 2606 | Stipendien in Höhe von 300 Euro im Monat von der BAföG-Anrechnung freistellen |
| 2607 | und bis zur Hälfte öffentlich bezuschussen. Die öffentliche Finanzierung soll dabei |
| 2608 | je zur Hälfte durch den Bund und die Länder erfolgen. |
| 2609 | |
| 2610 | Das bisherige Büchergeld der Begabtenförderungswerke wird auf 300 Euro ange- |
| 2611 | hoben und bleibt von der BAföG-Anrechnung befreit. |
| 2612 | |
| 2613 | Die erfolgreichen Aufstiegsstipendien werden wir ausbauen, um mehr beruflich |
| 2614 | Qualifizierte für ein Studium zu gewinnen. |
| 2615 | Wir erwarten von den Begabtenförderwerken, dass sie sich bislang unterrepräsen- |
| 2616 | tierten Gruppen stärker öffnen und unterstützen sie bei ihrem Engagement. |
| 2617 | |
| 2618 | Wir wollen das BAföG sichern und weiterentwickeln. Die Möglichkeit, Bildungskre- |
| 2619 | dite über das 30. Lebensjahr hinaus zu verlässlichen Konditionen zu erhalten, |
| 2620 | werden wir ausbauen. Wir setzen uns ein für eine frühzeitige Berufsorientierung |
| 2621 | und Studienberatung in der Schule, die auch die vielfältigen Möglichkeiten der |
| 2622 | Studienfinanzierung umfasst. |
| 2623 | |
| 2624 | 1.4 Qualität für Bildung und Erziehung |
| 2625 | |
| 2626 | Qualität in Bildung und Erziehung erfordert besonders gut ausgebildete Fachkräf- |
| 2627 | te. Wir werden deshalb verstärkt in die Weiterbildung von Erzieherinnen und Er- |
| 2628 | ziehern investieren und unterstützen die Länder bei der Ausweitung entsprechen- |
| 2629 | der Qualifizierungsangebote, auch auf akademischem Niveau. Wir werden dazu |
| 2630 | beitragen, die Lehrerausbildung an deutschen Hochschulen zu stärken. Der Erhö- |
| 2631 | hung der Medienkompetenz kommt dabei eine besondere Rolle zu. |
| 2632 | |
| 2633 | Von den Ländern erwarten wir, dass sie die Betreuungsrelationen in Schulen und |
| 2634 | Kindertagesstätten weiter verbessern, den vorgesehenen Unterricht garantieren, |
| 2635 | einheitliche Bildungs- und Leistungsstandards und die problemlose gegenseitige |
| 2636 | Anerkennung von Schul- und Bildungsabschlüssen gewährleisten sowie die Wei- |
| 2637 | terbildung des pädagogischen Personals ausbauen. |
| 2638 | |
| 2639 | Wir wollen die Beratung von Eltern sowie von Lehrerinnen und Lehrern hochbe- |
| 2640 | gabter Kinder besonders fördern. Hochbegabtenförderung muss früher beginnen. |
| 2641 | Von den Ländern erwarten wir, dass sie Instrumente der Diagnostik und Förde- |
| 2642 | rung in einem ganzheitlichen Sinn ausbauen. Insbesondere wollen wir die MINT- |
| 2643 | Kompetenzen (Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften, Technik) stär- |
| 2644 | ken. |
| 2645 | |
| 2646 | 1.5 Qualität für Studium und Hochschule |
| 2647 | |
| 2648 | Wir setzen uns zum Ziel, die Studienanfängerquote weiter zu steigern. Künftig sol- |
| 2649 | len mehr Studienanfänger über die berufliche Bildung an die Hochschule kommen. |
| 2650 | Insbesondere müssen wir dafür Sorge tragen, dass mehr Studierende ihr Studium |
| 2651 | auch erfolgreich abschließen. |
| 2652 | |
| 2653 | Die Umsetzung des Bologna-Prozesses ist in Deutschland sehr weit vorange- |
| 2654 | kommen, die wesentlichen Ziele sind in weiten Teilen erreicht. Die Umsetzung des |
| 2655 | Bologna-Prozesses ist zu evaluieren, um mit den Hochschulen ggf. notwendige |
| 2656 | Anpassungen zum Wohl der Studierenden vorzunehmen. Gemeinsam mit den |
| 2657 | Ländern und den Hochschulen werden wir ein "Bologna-Qualitäts- und Mobilitäts- |
| 2658 | paket" schnüren, das die Studienreform zügig voranbringt und die Qualität des |
| 2659 | Studiums und die Mobilität der Studierenden weiter verbessert. Kernelemente des |
| 2660 | Pakets sind die Weiterentwicklung der Studieninhalte, die Verbesserung der Lehre |
| 2661 | sowie der Betreuung und der Beratung der Studierenden; die Anerkennung von |
| 2662 | Studienleistungen und Hochschulabschlüssen muss national wie international ver- |
| 2663 | bessert werden. |
| 2664 | |
| 2665 | Wir verstärken unsere Anstrengungen, die Besten für ein Studium in Deutschland |
| 2666 | zu gewinnen. Wir werden die Länder bei der Umgestaltung der Zentralstelle für die |
| 2667 | Vergabe von Studienplätzen (ZVS) zu einer leistungsfähigen Servicestelle unter- |
| 2668 | stützen. Wir werden Hochschulen als Orte der Weiterbildung stärken und die Ein- |
| 2669 | richtung von Offenen Hochschulen prüfen. |
| 2670 | |
| 2671 | Wir unterstützen die Länder in dem Ziel, Freiheit und Autonomie der Hochschulen |
| 2672 | zu stärken. Deshalb werden wir das Hochschulrahmengesetz (HRG) aufheben. |
| 2673 | |
| 2674 | 1.6 Modernes Berufsbildungssystem |
| 2675 | |
| 2676 | Die berufliche Bildung in Deutschland wird weltweit hoch geschätzt. Das duale |
| 2677 | Ausbildungssystem ist ihr Herzstück. Es ist Garant für gute Übergänge in den Ar- |
| 2678 | beitsmarkt und eine im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit. |
| 2679 | "Training made in Germany" ist ein Markenzeichen, mit dem wir auf dem ökono- |
| 2680 | misch hoch attraktiven weltweiten Bildungsmarkt erfolgreich sein wollen. |
| 2681 | |
| 2682 | Die Berufsbilder müssen schneller an die Erfordernisse der Wirtschaft angepasst |
| 2683 | und klarer formuliert werden. Für die im Ausland erworbenen Qualifikationen im |
| 2684 | Bereich der beruflichen Bildung sollen möglichst transparente und einheitliche Ver- |
| 2685 | fahren geschaffen werden. Die Initiative "Unternehmergeist in die Schulen" wird |
| 2686 | weitergeführt und ausgebaut. |
| 2687 | 1.7 Duales System |
| 2688 | |
| 2689 | Das duale System der beruflichen Bildung ist ein Erfolgsmodell. Damit es auch |
| 2690 | künftig den hohen Anforderungen gerecht werden kann, werden wir die Rahmen- |
| 2691 | bedingungen weiterentwickeln, um es für künftige demographische, technologi- |
| 2692 | sche und wirtschaftliche Herausforderungen fit zu machen. Hierzu gehören die |
| 2693 | Flexibilisierung und Modularisierung unter Wahrung des Berufsprinzips. Gemein- |
| 2694 | sam mit der Wirtschaft werden wir dafür Sorge tragen, dass in den Überbetriebli- |
| 2695 | chen Berufsbildungsstätten (ÜBS) modernste Technologien für die Ausbildung zur |
| 2696 | Verfügung stehen und über Kompetenzzentren wissenschaftliche und technologi- |
| 2697 | sche Entwicklungen in die Betriebe transportiert werden. |
| 2698 | |
| 2699 | Das deutsche Berufsbildungssystem muss sich dem internationalen Vergleich stel- |
| 2700 | len. Daher werden wir den internationalen Systemvergleich intensivieren und For- |
| 2701 | schung zur Kompetenzmessung forcieren. |
| 2702 | |
| 2703 | 1.8 Ausbildung für alle |
| 2704 | |
| 2705 | Wir wollen den erfolgreichen Ausbildungspakt mit der Wirtschaft fortführen, wei- |
| 2706 | terentwickeln und laden Gewerkschaften und Länder ein, als neue Partner mitzu- |
| 2707 | wirken. |
| 2708 | |
| 2709 | Im Zusammenwirken mit Sozialpartnern und Ländern geben wir jedem Jugendli- |
| 2710 | chen, der ausbildungsfähig und -willig ist, die Zusage, dass er ein Ausbildungsan- |
| 2711 | gebot erhält, das zu einem anerkannten Berufsabschluss führt. Jugendliche mit |
| 2712 | Ausbildungsrisiken müssen frühzeitig erkannt und gefördert werden. Deshalb bau- |
| 2713 | en wir die frühe Berufsorientierung in den Schulen aus. Unser besonderes Au- |
| 2714 | genmerk gilt Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie denjenigen, die sich |
| 2715 | bereits längere Zeit vergeblich um eine Lehrstelle bemüht haben. |
| 2716 | |
| 2717 | Wir werden das Übergangssystem neu strukturieren und effizienter gestalten. |
| 2718 | Maßnahmen sollen grundsätzlich - auch mit Hilfe von Ausbildungsbausteinen - |
| 2719 | auf Ausbildung und Berufsabschluss ausgerichtet werden. Es ist unser Ziel, die |
| 2720 | passgenaue Vermittlung von Ausbildungsplatzsuchenden und Langzeitbewerbern |
| 2721 | zu stärken. |
| 2722 | |
| 2723 | Wir setzen uns für eine angemessene Einstufung der im dualen System erworbe- |
| 2724 | nen Ausbildungsabschlüsse in den deutschen und europäischen Qualifikations- |
| 2725 | rahmen ein. Ziel ist es, die Attraktivität der beruflichen Bildung für alle Jugendli- |
| 2726 | chen unabhängig vom Schulabschluss zu stärken. |
| 2727 | |
| 2728 | 1.9 Lebensbegleitendes Lernen |
| 2729 | |
| 2730 | Lebensbegleitendes Lernen zu stärken ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. |
| 2731 | Deshalb wollen wir gemeinsam mit den Sozialpartnern, den Ländern, der Bundes- |
| 2732 | agentur für Arbeit und den Weiterbildungsverbänden eine Weiterbildungsallianz |
| 2733 | schmieden. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen müssen in die Lage |
| 2734 | versetzt werden, die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter auszubauen. Darüber hinaus |
| 2735 | werden wir die Bildungs- und Qualifizierungsberatung für alle leicht zugänglich |
| 2736 | machen und für mehr Transparenz sorgen. |
| 2737 | |
| 2738 | Eine besondere Bedeutung haben tarifvertraglich vereinbarte Lernzeitkonten. Die |
| 2739 | Sozialpartner müssen hier ihrer besonderen Verantwortung gerecht werden. |
| 2740 | |
| 2741 | Wir werden die Entwicklung eines Deutschen Qualifikationsrahmens dazu nutzen, |
| 2742 | um Gleichwertigkeit, Mobilität und Durchlässigkeit im deutschen und europäischen |
| 2743 | Bildungsraum zu stärken. Dabei werden wir im europäischen Prozess darauf ach- |
| 2744 | ten, dass das deutsche Bildungssystem sein eigenes Profil wahrt und seine Quali- |
| 2745 | tät innerhalb der EU zur Geltung bringt. |
| 2746 | |
| 2747 | Gemeinsam mit starken Partnern aus Bund und Ländern, Wirtschaft und Wissen- |
| 2748 | schaft, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und Stiftungen sowie den Seniorenorgani- |
| 2749 | sationen werden wir neue Bildungschancen und -Anreize für Ältere schaffen. Wir |
| 2750 | wollen zusammen mit den Senioren in Kooperation mit Internetanbietern, Medien |
| 2751 | und Verbänden mehr Medienkompetenz vermitteln und Risiken minimieren. |
| 2752 | |
| 2753 | 2. Wissenschaft und Forschung |
| 2754 | |
| 2755 | Forschung und Innovationen für künftigen Wohlstand |
| 2756 | |
| 2757 | Forschung, Innovationen und neue Technologien sind die Grundlage für künftigen |
| 2758 | Wohlstand. Sie sind die Quellen von wirtschaftlichem Erfolg, von Wachstum und |
| 2759 | Beschäftigung. Zugleich helfen sie, den großen Herausforderungen unserer Zeit, |
| 2760 | dem Klima- und Umweltschutz, dem Kampf gegen Armut und Krankheiten wirk- |
| 2761 | sam zu begegnen. So sind Forschung und neue Technologien entscheidend für |
| 2762 | nachhaltige Produktion und nachhaltigen Konsum, für Ressourceneffizienz und |
| 2763 | Sicherung der Welternährung. Deshalb geht es uns darum, dass in Deutschland, |
| 2764 | dem Land der Ideen, neue Technologien nicht nur entwickelt, sondern auch an- |
| 2765 | gewandt werden. |
| 2766 | |
| 2767 | Dazu brauchen wir auch einen umfassenden Dialog über Zukunftstechnologien mit |
| 2768 | und unter den Bürgerinnen und Bürgern. Wir stehen für eine zukunftsorientierte |
| 2769 | Kultur der Chancen. Wir wollen wieder eine optimistische und technik- und innova- |
| 2770 | tionsfreundliche Gesellschaft werden. |
| 2771 | |
| 2772 | Weiterentwicklung der Hightech-Strategie |
| 2773 | |
| 2774 | Wir werden die Hightech-Strategie weiterentwickeln. Wir werden sie auf die An- |
| 2775 | wendungsfelder Klimaschutz/Energie, Gesundheit, Mobilität, Kommunikation und |
| 2776 | Sicherheit konzentrieren. Dabei werden wir die Förderung der Schlüsseltechnolo- |
| 2777 | gien noch stärker auf diese gesellschaftlich relevanten Felder ausrichten. Wir wer- |
| 2778 | den die rechtlichen Rahmenbedingungen innovationsfreundlich gestalten. |
| 2779 | |
| 2780 | Die Instrumente der Hightech-Strategie werden wir prüfen und weiterentwickeln |
| 2781 | und dabei einen besonderen Schwerpunkt auf kleine und mittlere Unternehmen |
| 2782 | legen. Wir werden neue Impulse für den Wissens- und Technologietransfer und |
| 2783 | die Validierung von Forschungsergebnissen geben. Im Sinne der Lissabon- |
| 2784 | Strategie wollen wir die Hightech-Strategie auch nach Europa tragen. |
| 2785 | |
| 2786 | Werkstoff- und Materialforschung |
| 2787 | |
| 2788 | Die Werkstoff- und Materialforschung ist ein Innovationsmotor. Deshalb werden |
| 2789 | wir sie gezielt ausbauen und Ergebnisse möglichst rasch in wettbewerbsfähige |
| 2790 | Produkte und Verfahren umsetzen. |
| 2791 | |
| 2792 | Biotechnologie |
| 2793 | |
| 2794 | Wir sehen in Forschung, Entwicklung und Anwendung der Biotechnologie eine |
| 2795 | große Chance für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland und |
| 2796 | seine internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wir werden die verantwortbaren Inno- |
| 2797 | vationspotentiale der Bio- und Gentechnologie weiterentwickeln, auch um den |
| 2798 | Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern und unserer globalen Verantwortung |
| 2799 | gerecht zu werden. |
| 2800 | |
| 2801 | Mit der Unterstützung des Bioökonomierates werden wir eine international wett- |
| 2802 | bewerbsfähige Strategie zu einer wissensbasierten Bioökonomie erarbeiten und |
| 2803 | umsetzen. Wissenschaft, Wirtschaft und Landwirtschaft brauchen klare Signale für |
| 2804 | die Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen und deren Einsatz auf der |
| 2805 | Grundlage des geltenden Rechts. Die grüne Gentechnik kann einen Beitrag zur |
| 2806 | Bekämpfung des Welthungers leisten. |
| 2807 | |
| 2808 | Gesundheitsforschung |
| 2809 | |
| 2810 | Vorbeugen ist besser als heilen. Wir werden die Präventionsforschung stärken. |
| 2811 | Neue Erkenntnisse der Forschung müssen den Menschen schneller zugute kom- |
| 2812 | men. Wir ebnen den Weg für eine individualisierte Medizin und damit für Thera- |
| 2813 | pien, die wirksamer und verträglicher sind. Dies muss einhergehen mit neuen |
| 2814 | Konzepten der Versorgungs- und Gesundheitssystemforschung. Mit "Deutschen |
| 2815 | Zentren der Gesundheitsforschung" als langfristig angelegten, gleichberechtigten |
| 2816 | Partnerschaften von Forschungseinrichtungen, Universitäten, Universitätskliniken |
| 2817 | und Kliniken schaffen wir die Voraussetzungen, um rasch zunehmende Volks- |
| 2818 | krankheiten wirksamer bekämpfen zu können. |
| 2819 | |
| 2820 | Stammzellforschung |
| 2821 | |
| 2822 | Die Stammzellforschung bietet besonders im Bereich der Gesundheit große |
| 2823 | Chancen. Wir wollen sicherstellen, dass in Deutschland diese Chancen wahrge- |
| 2824 | nommen werden können. Zugleich erfolgt diese ethisch sensible Forschung auf |
| 2825 | dem Boden des geltenden Rechts und im Dialog mit allen gesellschaftlichen Ak- |
| 2826 | teuren. Wir prüfen die Einrichtung einer Dialogplattform "Deutsches Stammzell- |
| 2827 | netzwerk". |
| 2828 | |
| 2829 | Bürgerdialog |
| 2830 | |
| 2831 | Forschung braucht den Dialog mit der Gesellschaft. Deshalb werden wir neue Dia- |
| 2832 | logplattformen einrichten, auf denen mit den Bürgerinnen und Bürgern Zukunfts- |
| 2833 | technologien und Forschungsergebnisse zur Lösung der großen globalen und ge- |
| 2834 | sellschaftlichen Herausforderungen intensiver diskutiert werden. Insbesondere bei |
| 2835 | gesellschaftlich kontroversen Zukunftstechnologien wollen wir einen sachlichen |
| 2836 | Diskurs, der auf Toleranz aufbaut, eine realistische Abschätzung der Chancen und |
| 2837 | Risiken für den Einzelnen und die Gesellschaft ermöglicht und den erreichbaren |
| 2838 | Konsens auslotet. |
| 2839 | |
| 2840 | Wir wollen unter wissenschaftlicher Leitung und mit Unterstützung der Wirtschaft |
| 2841 | in der Hauptstadt ein "Haus der Zukunft" schaffen, in dem sich Deutschland als |
| 2842 | Wissensgesellschaft und Innovationstreiber präsentiert, und die Forschungsmuse- |
| 2843 | en stärken. |
| 2844 | |
| 2845 | Die Wissenschaft stärken |
| 2846 | |
| 2847 | Hochschulpakt, Pakt für Forschung und Innovation und Exzellenzinitiative werden |
| 2848 | fortgeführt. So haben es die Regierungschefs von Bund und Ländern beschlos- |
| 2849 | sen. |
| 2850 | |
| 2851 | Wir stärken die angewandte Fachhochschulforschung und bekräftigen die Bedeu- |
| 2852 | tung kooperativer Graduiertenschulen von Fachhochschulen und Universitäten, |
| 2853 | wie sie von der DFG gefördert werden können. Wir führen die Programmpauscha- |
| 2854 | le im Rahmen des Hochschulpaktes fort und prüfen ihre Einführung in die Projekt- |
| 2855 | förderung des Bundes. Wir erwarten von den Hochschulen die Einführung einer |
| 2856 | Kostentrennungsrechnung. |
| 2857 | |
| 2858 | Zur finanziellen Verlässlichkeit muss die Gestaltungsfreiheit treten. Wissenschaft |
| 2859 | und Forschung brauchen mehr Flexibilität und Gestaltungsspielraum, um exzellen- |
| 2860 | tes Personal zu gewinnen und mit starken Partnern national und international zu |
| 2861 | kooperieren. Wir bringen weitere Verbünde zwischen Hochschulen und außeruni- |
| 2862 | versitären Forschungseinrichtungen voran und unterstützen Modelle wie das des |
| 2863 | "Forschungscampus", an denen auch Unternehmen beteiligt sind. |
| 2864 | |
| 2865 | Wir unterstützen die Bereitschaft der Forschungsorganisationen, stärker miteinan- |
| 2866 | der und mit den Hochschulen, etwa bei gemeinsamen Berufungsverfahren, zu ko- |
| 2867 | operieren. |
| 2868 | |
| 2869 | Wissenschaftsfreiheit |
| 2870 | |
| 2871 | Die Wissenschaftsfreiheitsinitiative werden wir fortsetzen - insbesondere mit dem |
| 2872 | Ziel, Globalhaushalte einzuführen und die Möglichkeiten für Unternehmensbeteili- |
| 2873 | gungen und Ausgründungen zu verbessern. Wir werden hierzu ein Wissenschafts- |
| 2874 | freiheitsgesetz vorlegen und dieses durch notwendige untergesetzliche Maßnah- |
| 2875 | men ergänzen. |
| 2876 | |
| 2877 | Die Wissenschaft ist dringend auf die Gewinnung und Sicherung von hochqualifi- |
| 2878 | ziertem Personal angewiesen. Die Bundesregierung prüft daher die Möglichkeit |
| 2879 | von außertariflichen Vergütungselementen und Tarifhoheit für die Forschungsor- |
| 2880 | ganisationen. |
| 2881 | |
| 2882 | Wissenschaftlicher Nachwuchs |
| 2883 | |
| 2884 | Wir setzen uns für eine stärkere Durchlässigkeit der Karrierepfade in Wissenschaft |
| 2885 | und Wirtschaft ein. Dies fördert auch den Wissens- und Technologietransfer. Wir |
| 2886 | werden unseren Beitrag für bessere Karrierechancen von Frauen in Wissenschaft |
| 2887 | und Forschung leisten. Die internationale Anziehungskraft deutscher Hochschulen |
| 2888 | wollen wir für Studierende wie für Wissenschaftler steigern. Deshalb werden wir |
| 2889 | internationale strategische Partnerschaften unterstützen und Mobilitätshindernis- |
| 2890 | se, auch im Bereich der sozialen Sicherungssysteme, abbauen. |
| 2891 | |
| 2892 | Geistes- und Sozialwissenschaften |
| 2893 | |
| 2894 | Wir werden die Geistes- und Sozialwissenschaften stärken, die von großer Bedeu- |
| 2895 | tung für unser kulturelles Gedächtnis und die Gestaltung unserer Zukunft sind. |
| 2896 | |
| 2897 | Ressortforschung |
| 2898 | |
| 2899 | Nach Abschluss der laufenden Evaluierung der Ressortforschungseinrichtungen |
| 2900 | im Jahr 2010 werden wir die Strukturen der Ressortforschung ergebnisoffen prü- |
| 2901 | fen. |
| 2902 | |
| 2903 | Roadmap für Forschungsinfrastrukturen |
| 2904 | |
| 2905 | Für die großen Forschungsinfrastrukturen werden wir einen Roadmap-Prozess |
| 2906 | starten, in dem wir unsere Prioritäten künftiger Forschungsinfrastruktur-Vorhaben |
| 2907 | festlegen und in den europäischen Prozess für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI) |
| 2908 | einbringen. |
| 2909 | |
| 2910 | Internationalisierung |
| 2911 | |
| 2912 | Exzellenz in der Wissenschaft und zukunftsfähige Antworten durch Forschung |
| 2913 | brauchen Internationalität. Wir streben daher eine intensivere europäische und |
| 2914 | internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung an. Wir bekräftigen die |
| 2915 | Ziele der UN-Dekade für "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE). Sie ist eine |
| 2916 | wichtige und zukunftsweisende Aufgabe aller Bildungsträger. Neben der Veranke- |
| 2917 | rung im Schulunterricht ist ihre Umsetzung in Zusammenarbeit mit außerschuli- |
| 2918 | schen Partnern wie Bildungseinrichtungen, wirtschaftlichen Institutionen und Ver- |
| 2919 | bänden von großer Wichtigkeit. |
| 2920 | |
| 2921 | Wir werden den europäischen Forschungsraum, die Vorbereitung des achten For- |
| 2922 | schungsrahmenprogramms und den Umbau des EU-Haushalts aktiv mitgestalten |
| 2923 | und treten dabei für eine stärkere Rolle der Mitgliedstaaten ein. Wir wollen, dass |
| 2924 | die Wissenschaftler in Deutschland in größtmöglichem Umfang an allen Program- |
| 2925 | men des europäischen Forschungs- und Innovationsraums teilhaben können. Die |
| 2926 | Internationalisierungsstrategie werden wir ausbauen. Wir wollen Deutschland zum |
| 2927 | Exportweltmeister von Bildungsangeboten machen und die Vermarktung gezielt |
| 2928 | fördern. Bildung und Forschung werden zu einem Schwerpunkt in der Zusammen- |
| 2929 | arbeit mit den Schwellen- und Entwicklungsländern. |
| 2930 | III. SOZIALER FORTSCHRITT |
| 2931 | Durch Zusammenhalt und Solidarität |
| 2932 | |
| 2933 | 1. Ehe, Familie und Kinder |
| 2934 | |
| 2935 | Eine moderne Familienpolitik für alle Generationen hat die Aufgabe, die grundle- |
| 2936 | genden Strukturen unseres Zusammenlebens vor dem Hintergrund des demogra- |
| 2937 | phischen Wandels und einer globalisierten Welt zu stärken und zukunftsfest zu |
| 2938 | machen. Wir wollen, dass durch mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit und |
| 2939 | durch günstigere Rahmenbedingungen für Familien mehr Kinder in Deutschland |
| 2940 | geboren werden. |
| 2941 | |
| 2942 | Familien übernehmen generationenübergreifend Verantwortung füreinander. Es |
| 2943 | sind die Familien, die als Leistungsträger für die Gesellschaft unser Land, aber |
| 2944 | auch unsere Zukunft tragen. In Lebensgemeinschaften, in denen Menschen |
| 2945 | dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, werden ebenso Werte gelebt, |
| 2946 | die grundlegend für unsere Gesellschaft sind. Es ist Ziel dieser Koalition, die |
| 2947 | wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit von Familien weiter zu stärken. Fa- |
| 2948 | milienfreundlichkeit soll aber auch zu einem Markenzeichen unserer Städte, Ge- |
| 2949 | meinden und Unternehmen werden. |
| 2950 | |
| 2951 | Das Grundgesetz berechtigt und verpflichtet vorrangig Mütter und Väter, für ihre |
| 2952 | Kinder zu sorgen und legt zudem dem Staat die Pflicht auf, Ehe und Familie zu |
| 2953 | schützen und über die Ausübung von Elternrecht und Elternpflicht zu wachen. |
| 2954 | Dabei wollen wir einen Schwerpunkt auf Prävention setzen. |
| 2955 | |
| 2956 | Eltern sollen die Wahlfreiheit haben, Familienleben und Erwerbstätigkeit nach ih- |
| 2957 | ren Wünschen zu gestalten. Alle, die Kinder erziehen, erbringen eine Leistung für |
| 2958 | die ganze Gesellschaft und verdienen daher deren besondere Anerkennung. För- |
| 2959 | derinstrumente sollen direkt in der Lebenswirklichkeit von Familien ansetzen. |
| 2960 | |
| 2961 | Wir wollen geeignete Rahmenbedingungen schaffen und positive Anreize dafür |
| 2962 | setzen, damit mehr Menschen Verantwortung für andere übernehmen - auch au- |
| 2963 | ßerhalb der eigenen Familie. Bürgerschaftliches Engagement bietet Antworten auf |
| 2964 | viele Fragen nach dem Zusammenhalt der Generationen wie der gesamten Ge- |
| 2965 | sellschaft. |
| 2966 | |
| 2967 | Diese Koalition will gleiche Chancen für Frauen und Männer im Beruf wie im Fami- |
| 2968 | lienleben verwirklichen. Immer mehr Männer wünschen sich neben dem Beruf |
| 2969 | mehr Zeit für die Familie. Junge Menschen haben ein Recht auf Teilhabe an der |
| 2970 | Gesellschaft, Stärkung und Förderung. Ziel ist auch, jeden Jugendlichen dabei zu |
| 2971 | unterstützen, einen Schulabschluss zu erreichen und eine Ausbildungsstätte zu |
| 2972 | finden. Eine wachsende Zahl älterer Menschen will bei guter Gesundheit bis ins |
| 2973 | hohe Alter aktiv bleiben. Ziel dieser Regierung ist, ihr hohes Engagement im Eh- |
| 2974 | renamt weiter zu unterstützen und in allen Bereichen generationenübergreifendes |
| 2975 | Zusammenwirken zu stärken. |
| 2976 | |
| 2977 | Eltern tragen vor allen anderen die Erziehungsverantwortung für ihre Kinder. Sie |
| 2978 | zu stärken ist unser Ziel; denn starke Kinder brauchen starke Eltern. |
| 2979 | |
| 2980 | Wir wollen Kinder von Anfang an unterstützen, ihre Stärken erkennen, ihre Chan- |
| 2981 | cen fördern, Benachteiligungen verhindern sowie Kinderarmut bekämpfen. |
| 2982 | |
| 2983 | Kinderbetreuung |
| 2984 | |
| 2985 | Wir wollen in der Kinderbetreuung weitere Maßnahmen für einen verbesserten |
| 2986 | qualitativen und quantitativen flexiblen Ausbau bei Trägervielfalt auch unter Einbe- |
| 2987 | ziehung von Tagespflege ergreifen und die Vernetzung mit anderen familienunter- |
| 2988 | stützenden Angeboten im Sinne von Familienzentren und Mehrgenerationenhäu- |
| 2989 | sern intensivieren. Dazu gehört die Qualifikation von Tagespflegepersonen sowie |
| 2990 | Erzieherinnen und Erziehern und bessere Rahmenbedingungen für Ausbildung |
| 2991 | und Beruf in Kooperation mit Ländern, Kommunen und Verbänden. Wir werden |
| 2992 | darauf hinwirken, dass sich Bund und Länder auf gemeinsame Eckpunkte der |
| 2993 | frühkindlichen Bildung, insbesondere auch der Sprachförderung, einigen. Wir be- |
| 2994 | grüßen eine freiwillige Zertifizierung der Einrichtungen bei wissenschaftlicher Be- |
| 2995 | gleitung. Um qualifiziertes Personal zu gewinnen, wird eine Verbesserung der |
| 2996 | Rahmenbedingungen angestrebt. |
| 2997 | |
| 2998 | Kinderlärm darf keinen Anlass für gerichtliche Auseinandersetzungen geben. Wir |
| 2999 | werden die Gesetzeslage entsprechend ändern. |
| 3000 | |
| 3001 | Um Wahlfreiheit zu anderen öffentlichen Angeboten und Leistungen zu ermögli- |
| 3002 | chen, soll ab dem Jahr 2013 ein Betreuungsgeld in Höhe von 150,- Euro, gegebe- |
| 3003 | nenfalls als Gutschein, für Kinder unter drei Jahren als Bundesleistung eingeführt |
| 3004 | werden. |
| 3005 | |
| 3006 | Kindertagespflege |
| 3007 | |
| 3008 | Um die Attraktivität der Kindertagespflege zu erhöhen, wollen wir die Qualifikation |
| 3009 | der Tagespflegepersonen weiterentwickeln und schärfen. Die Anrechenbarkeit der |
| 3010 | erworbenen Qualifikation auf die Ausbildung in pädagogischen Berufen soll er- |
| 3011 | reicht werden. |
| 3012 | |
| 3013 | Au-Pair-Beschäftigung |
| 3014 | |
| 3015 | Wir wollen Au-Pair-Beschäftigung attraktiver gestalten. Wir werden die Anhebung |
| 3016 | der Altersgrenzen und die Möglichkeit einer Verlängerung des Aufenthalts prüfen. |
| 3017 | |
| 3018 | Familienbewusste Arbeitszeit |
| 3019 | |
| 3020 | Wir wollen familien- und kinderfreundliche Rahmenbedingungen durch eine famili- |
| 3021 | enfreundliche Kultur und Infrastruktur sowie eine familiengerechte Arbeitswelt |
| 3022 | schaffen, die eine Entscheidung für Kinder durch echte Wahlfreiheit ermöglicht. |
| 3023 | Wir setzen uns für familienfreundliche und flexible Arbeitszeitmodelle und "Sabba- |
| 3024 | ticals", d. h. eine Auszeit vom Beruf ein, damit sich Menschen Zeit für wichtige |
| 3025 | persönliche Dinge wie die Familie nehmen können. Um die Vereinbarkeit von Fa- |
| 3026 | milie und Beruf zu einem festen Bestandteil einer modernen und nachhaltigen |
| 3027 | Personalpolitik in den Unternehmen zu machen, werden wir die bisherige Initiative |
| 3028 | zu einer großen Kampagne erweitern. Genauso wollen wir auch die bessere Ver- |
| 3029 | einbarkeit von Familie und Ausbildung erreichen. |
| 3030 | |
| 3031 | Weiterentwicklung des Elterngeldes |
| 3032 | |
| 3033 | Wir wollen eine Weiterentwicklung, Flexibilität und Entbürokratisierung des Eltern- |
| 3034 | geldes, gerade auch in Hinblick auf die Einkommensermittlung. Die Partnermonate |
| 3035 | sollen gestärkt und ein Teilelterngeld bis zu 28 Monaten eingeführt werden. Wir |
| 3036 | werden dafür sorgen, dass die gleichzeitige Teilzeit bei gleichzeitiger Elternzeit |
| 3037 | nicht zu einem doppelten Anspruchsverbrauch führt. Die Lebenssituation von |
| 3038 | Selbständigen wollen wir stärker berücksichtigen. |
| 3039 | |
| 3040 | Unterhaltsvorschussrecht |
| 3041 | |
| 3042 | Wir werden das Unterhaltsvorschussgesetz dahingehend ändern, dass der Unter- |
| 3043 | haltsvorschuss entbürokratisiert und bis zur Vollendung des vierzehnten Lebens- |
| 3044 | jahres eines Kindes gewährt wird. |
| 3045 | |
| 3046 | Alleinerziehende |
| 3047 | |
| 3048 | Wir wollen die Rahmenbedingungen für Alleinerziehende durch ein Maßnahmen- |
| 3049 | paket verbessern. Dieses soll insbesondere in verlässlichen Netzwerkstrukturen |
| 3050 | für Alleinerziehende lückenlos, flexibel und niedrigschwellig bereitgestellt werden. |
| 3051 | |
| 3052 | Wir werden prüfen, inwieweit die Umgestaltung des bisherigen steuerlichen Ent- |
| 3053 | lastungsbetrages in einen Abzug von der Steuerschuld möglich und interessenge- |
| 3054 | recht ist. |
| 3055 | |
| 3056 | Gesamtevaluation ehe- und familienbezogener Leistungen |
| 3057 | |
| 3058 | Wir wollen die umfassende wissenschaftliche Evaluation der familienbezogenen |
| 3059 | Leistungen konsequent fortsetzen und entsprechende Vorschläge vorlegen. Ziel |
| 3060 | sind konkrete Handlungsempfehlungen, um Leistungen wirksamer und effizienter |
| 3061 | zu gestalten und zu bündeln. Weiterhin werden wir prüfen, wie die Leistungen im |
| 3062 | Unterhaltsrecht, Steuerrecht, Sozialrecht und Familienrecht harmonisiert werden |
| 3063 | können und entsprechende Schritte einleiten. |
| 3064 | |
| 3065 | Kinderschutz und Frühe Hilfen |
| 3066 | |
| 3067 | Wir wollen einen aktiven und wirksamen Kinderschutz. Hierzu werden wir ein Kin- |
| 3068 | derschutzgesetz, unter Berücksichtigung eines wirksamen Schutzauftrages und |
| 3069 | insbesondere präventiver Maßnahmen (z. B. Elternbildung, Familienhebammen, |
| 3070 | Kinderschwestern und sonstiger niedrigschwelliger Angebote) auch im Bereich der |
| 3071 | Schnittstelle zum Gesundheitssystem unter Klarstellung der ärztlichen Schweige- |
| 3072 | pflicht auf den Weg bringen. |
| 3073 | |
| 3074 | Mit dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen soll der Aus- und Aufbau Früher Hilfen |
| 3075 | und die Initiativen für einen aktiven Kinderschutz in Deutschland intensiviert wer- |
| 3076 | den. |
| 3077 | |
| 3078 | Forschung |
| 3079 | |
| 3080 | Zur Verbesserung einer gesunden motorischen, kognitiven und emotionalen Ent- |
| 3081 | wicklung von Kindern werden wir die Bindungs- und die Bildungsforschung aus- |
| 3082 | bauen. |
| 3083 | |
| 3084 | Kinderrechte |
| 3085 | |
| 3086 | Wir setzen uns für eine Stärkung der Kinderrechte ein. Diese Rechte müssen im |
| 3087 | Bewusstsein der Erwachsenen stärker verankert werden. Wir wollen in allen Be- |
| 3088 | reichen, insbesondere bei den Schutz-, Förder- und Partizipationsrechten, kindge- |
| 3089 | rechte Lebensverhältnisse schaffen. Wir wollen die Vorbehaltserklärung zur UN- |
| 3090 | Kinderrechtskonvention zurücknehmen. An der Ausgestaltung eines Individualbe- |
| 3091 | schwerdeverfahrens zur UN-Kinderrechtskonvention werden wir aktiv mitwirken. |
| 3092 | |
| 3093 | Wir werden die Partizipation von Kindern und Jugendlichen von Beginn an fördern |
| 3094 | und uns dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendliche ihre Lebenswelten und die |
| 3095 | Gesellschaft ihrem Alter gemäß mitgestalten können. |
| 3096 | |
| 3097 | Hilfe für Schwangere in Notlagen |
| 3098 | |
| 3099 | Frauen können bei einer Schwangerschaft aus unterschiedlichen Gründen in eine |
| 3100 | Notlage geraten. Das Angebot der vertraulichen Geburt sowie mögliche Rechts- |
| 3101 | grundlagen sind zu prüfen. Die Entscheidung für ein Kind darf nicht an finanziellen |
| 3102 | Notlagen scheitern. Die Bundesmittel für Schwangerenberatung werden zur Un- |
| 3103 | terstützung eines pluralen Trägerangebotes gleichmäßig vergeben. |
| 3104 | |
| 3105 | Schutz vor sexueller Gewalt und Ausbeutung |
| 3106 | |
| 3107 | Unser Ziel ist es, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt |
| 3108 | und Ausbeutung kontinuierlich zu verbessern. Dazu werden wir den Aktionsplan |
| 3109 | der Bundesregierung gezielt weiterentwickeln. Wir wollen zusammen mit Kindern, |
| 3110 | Jugendlichen und Erwachsenen in Kooperation mit Internetanbietern, Medien, |
| 3111 | Verbänden und Institutionen des Kinder- und Jugendschutzes mehr Medienkom- |
| 3112 | petenz vermitteln und Risiken für sie minimieren. |
| 3113 | |
| 3114 | Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen |
| 3115 | |
| 3116 | Das Hilfesystem im Bereich Gewalt gegen Frauen soll im Bereich der Bundeszu- |
| 3117 | ständigkeit weiter gestützt werden. Dazu gehören auch die Einrichtung einer bun- |
| 3118 | desweiten Notrufnummer und ein Bericht zur Lage der Frauen- und Kinderschutz- |
| 3119 | häuser und der darüber hinausgehenden Hilfeinfrastruktur. |
| 3120 | |
| 3121 | Mehrgenerationenhäuser |
| 3122 | |
| 3123 | Wir werden die erfolgreiche generationenübergreifende Arbeit der bundesweit 500 |
| 3124 | Mehrgenerationenhäuser weiter in die Zukunft tragen. Hierbei werden wir die |
| 3125 | Mehrgenerationenhäuser auch in die Verbesserung der Versorgungssituation von |
| 3126 | Demenzkranken und ihren pflegenden Angehörigen stärken einbinden. |
| 3127 | |
| 3128 | 2. Jugendliche |
| 3129 | |
| 3130 | Moderne Erziehung braucht Werte |
| 3131 | |
| 3132 | Wir wollen Eltern, Betreuungseinrichtungen, Schulen und Einrichtungen der Ju- |
| 3133 | gendarbeit in ihrer werteorientierten Erziehungsverantwortung bestärken. |
| 3134 | |
| 3135 | Eigenständige Jugendpolitik |
| 3136 | |
| 3137 | Wir stehen für eine eigenständige Jugendpolitik, eine starke Jugendhilfe und eine |
| 3138 | starke Jugendarbeit, die junge Menschen teilhaben lässt und ihre Potentiale för- |
| 3139 | dert und ausbaut. Wir wollen Jugendliche beim Übergang von Ausbildung in den |
| 3140 | Beruf besser unterstützen. Wir betonen die zentrale Bedeutung der kulturellen |
| 3141 | Kinder- und Jugendbildung für die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Men- |
| 3142 | schen. Es gilt die neuen Möglichkeiten im Schnittfeld Jugend, Kultur und Schule |
| 3143 | zu nutzen und qualitativ und quantitativ auszubauen. |
| 3144 | |
| 3145 | Jugendschutz |
| 3146 | |
| 3147 | Wir werden gemeinsam mit Ländern, Kommunen, Verbänden und Wirtschaft einen |
| 3148 | Nationalen Aktionsplan initiieren, der sowohl ein umfassendes Konzept zur Ver- |
| 3149 | besserung des Jugendschutzes beinhaltet als auch Maßnahmen zur Verbesse- |
| 3150 | rung der Partizipation, der Medienkompetenz und der Gewalt- sowie Suchtpräven- |
| 3151 | tion vorsieht. |
| 3152 | |
| 3153 | Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie |
| 3154 | |
| 3155 | Die Entwicklung und Stärkung von Toleranz und Demokratie ist ein zentrales Ziel |
| 3156 | der Kinder- und Jugendpolitik. Durch ein umfassendes Unterstützungsprogramm, |
| 3157 | das stets evaluiert wird, wollen wir Kinder und Jugendliche und alle anderen Ak- |
| 3158 | teure vor Ort in ihrem Engagement für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, Men- |
| 3159 | schenwürde und Gewaltfreiheit gegen Rechts- und Linksextremismus, Fremden- |
| 3160 | feindlichkeit und Antisemitismus motivieren und unterstützen. Eine besondere Ver- |
| 3161 | antwortung tragen hier Eltern, Kindertagesstätten, Schulen, die Einrichtungen der |
| 3162 | Jugendarbeit und die demokratischen politischen Nachwuchsverbände im Ring |
| 3163 | Politischer Jugend. |
| 3164 | |
| 3165 | Reform Kinder- und Jugendhilfe |
| 3166 | |
| 3167 | Wir werden das Kinder- und Jugendhilfesystem und seine Rechtsgrundlagen im |
| 3168 | SGB VIII auf Zielgenauigkeit und Effektivität hin überprüfen. Wir wollen frühe, |
| 3169 | schnelle und unbürokratische Hilfezugänge durch hoch qualifizierte Leistungsan- |
| 3170 | gebote und den Abbau von Schnittstellenproblemen zwischen der Jugendhilfe und |
| 3171 | anderen Hilfesystemen erreichen. Dies gilt insbesondere bei Frühen Hilfen und bei |
| 3172 | Hilfen für junge Menschen mit Behinderungen. Wir werden die Qualität der Kinder- |
| 3173 | und Jugendhilfe evaluieren und gegebenenfalls Standards weiterentwickeln. |
| 3174 | |
| 3175 | Jugend und Medien |
| 3176 | |
| 3177 | Wir wollen die enormen gesellschaftlichen und individuellen Chancen der Neuen Me- |
| 3178 | dien umfassend nutzen; den Risiken im Umgang mit diesen werden wir entgegenwir- |
| 3179 | ken. Wir wollen die Medienkompetenz insbesondere von Kindern und Jugendlichen |
| 3180 | stärken. Dazu gehören die Fortsetzung der erfolgreichen Projekte "Vision Kino", "Na- |
| 3181 | tionale Initiative Printmedien" und das Netz für Kinder "Frag Finn". Computerspiele |
| 3182 | sind ein selbstverständlicher Teil unserer Alltagskultur geworden. Deswegen soll die |
| 3183 | Entwicklung hochwertiger, kulturell und pädagogisch wertvoller Unterhaltungsmedien |
| 3184 | gefördert und der Deutsche Computerspielpreis aufgewertet werden. |
| 3185 | |
| 3186 | Sexualstrafrecht |
| 3187 | |
| 3188 | CDU, CSU und FDP haben 1994 den strafrechtlichen Jugendschutz grundlegend |
| 3189 | neu geregelt. Wir wollen an den differenzierten Schutz für Kinder und Jugendliche |
| 3190 | unter Beachtung der neueren europarechtlichen Vorgaben wieder anknüpfen. Än- |
| 3191 | derungen im Strafrecht, die nach europäischem Recht nicht geboten sind, werden |
| 3192 | wir rückgängig machen. Entsprechend lehnen wir aktuelle Überlegungen zu wei- |
| 3193 | tergehenden europäischen Vorgaben ab. |
| 3194 | |
| 3195 | Jugendgewalt und Jugendkriminalität |
| 3196 | |
| 3197 | Wir wollen Jugendkriminalität mit wirksamen Maßnahmen begegnen und alle An- |
| 3198 | strengungen unternehmen, um ihren Ursachen entgegenzuwirken. Dazu wollen |
| 3199 | wir Präventionskonzepte stärken und ausbauen, unter Einbeziehung aller Verant- |
| 3200 | wortlichen erzieherische Ansätze verbessern sowie Vollzugsdefizite bei der kon- |
| 3201 | sequenten Durchsetzung des geltenden Jugendstrafrechts abbauen. Wir erkennen |
| 3202 | den Erziehungsgedanken des Jugendstrafrechts als besonders wichtig an. Zur |
| 3203 | Erweiterung und Verbesserung der pädagogischen Reaktionsmöglichkeiten bei |
| 3204 | Straftaten Jugendlicher und Heranwachsender werden wir den Warnschussarrest |
| 3205 | neben der Aussetzung der Verhängung oder der Vollstreckung der Jugendstrafe |
| 3206 | zur Bewährung einführen. Junge Straftäter erhalten damit bereits zu Beginn der |
| 3207 | Bewährungszeit deutlich die Konsequenzen weiterer Gesetzesverstöße vor Augen |
| 3208 | geführt und zugleich eine nachdrücklichere erzieherische Einwirkung. Im Jugend- |
| 3209 | strafrecht erhöhen wir die Höchststrafe für Mord auf 15 Jahre Jugendstrafe. |
| 3210 | |
| 3211 | 3. Senioren |
| 3212 | |
| 3213 | Wir möchten eine erfolgreiche Generationenpolitik voranbringen, die es älteren |
| 3214 | Menschen möglichst lange erlaubt, ein unabhängiges und eigenverantwortliches |
| 3215 | Leben zu führen. |
| 3216 | |
| 3217 | Der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand für Mitarbeiterinnen und Mit- |
| 3218 | arbeiter soll von Betrieben, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst besser vor- |
| 3219 | bereitet und unterstützt sowie fließender werden. |
| 3220 | |
| 3221 | Altersbilder und Altersgrenzen |
| 3222 | |
| 3223 | Aktive Teilhabe älterer Menschen ist auf zeitgerechte und moderne Altersbilder |
| 3224 | angewiesen. Wir wollen eine breit angelegte Initiative zum Thema "Alter neu den- |
| 3225 | ken" starten. Es ist erforderlich, bestehende und ggf. diskriminierende Altersgren- |
| 3226 | zen zu überprüfen. |
| 3227 | |
| 3228 | Soziales vernetztes Wohnen für ältere Menschen |
| 3229 | |
| 3230 | Wir wollen Wohnraum und Infrastruktur alten-, generationengerecht und wo sach- |
| 3231 | gerecht integrativ gestalten und die erforderlichen Service- und Hilfestrukturen |
| 3232 | auch in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft ausbauen und weiterentwickeln. |
| 3233 | Eine entsprechende Aufnahme dieser Zusammenhänge in die Ausbildung von |
| 3234 | Architekten und Ingenieuren sowie Stadtplanern streben wir an. |
| 3235 | |
| 3236 | Forschung für ein selbst bestimmtes Leben im Alter |
| 3237 | |
| 3238 | Selbst bestimmtes Leben im Alter ist für viele Familien in Deutschland ein existen- |
| 3239 | tielles Thema. Mit Unterstützung der Medizintechnik ist hier schon heute sehr viel |
| 3240 | möglich. Deshalb fördern wir die Entwicklung von altersgerechten Assistenzsys- |
| 3241 | temen und altersgerechten innovativen Wohnmodellen. Wir bauen die medizini- |
| 3242 | sche, technische und sozialwissenschaftliche Forschung für ein selbst bestimmtes |
| 3243 | Leben im Alter aus, auch im europäischen Rahmen. Wir starten eine Innovations- |
| 3244 | partnerschaft "Gesundheit im Alter". |
| 3245 | |
| 3246 | Demographischer Wandel |
| 3247 | |
| 3248 | Die demographischen Veränderungen in Deutschland werden sich bald sehr stark |
| 3249 | im Alltagsleben bemerkbar machen. Staat und Politik müssen hierauf in vielfältiger |
| 3250 | Weise vorbereitet sein. Wir streben daher eine Koordination der Beschäftigung mit |
| 3251 | demographischen Fragen an. Zur besseren Abstimmung zwischen den Bundes- |
| 3252 | ressorts werden wir einen interministeriellen Ausschuss einsetzen. Die Chancen |
| 3253 | des demographischen Wandels sollen verstärkt in der Öffentlichkeitsarbeit der |
| 3254 | Bundesregierung mit der Veröffentlichung eines "Berichts der Bundesregierung |
| 3255 | zur demographischen Lage und künftigen Entwicklung des Landes" im Jahre 2011 |
| 3256 | berücksichtigt werden. |
| 3257 | |
| 3258 | 4. Gleichstellung |
| 3259 | |
| 3260 | Wir wollen bestehende Benachteiligungen in Arbeitswelt, Politik und Gesellschaft |
| 3261 | beseitigen. Wir werden uns für eine Kultur der Vielfalt einsetzen und begrüßen |
| 3262 | daher "Diversity-Strategien". Insbesondere wollen wir auch Existenzgründerinnen |
| 3263 | und Selbständige in den Blick nehmen. |
| 3264 | |
| 3265 | Wir erarbeiten einen Rahmenplan zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und |
| 3266 | Männern in allen Phasen des Lebensverlaufs. Die Bundesinitiative zur Gleichstel- |
| 3267 | lung von Frauen in der Wirtschaft wird einbezogen. |
| 3268 | |
| 3269 | Erleichterung des Wiedereinstiegs ins Berufsleben |
| 3270 | |
| 3271 | Frauen sind heute besser qualifiziert als jemals zuvor. Viele wollen ihre Fähigkei- |
| 3272 | ten im Erwerbsleben umsetzen. Das Aktionsprogramm "Perspektive Wiederein- |
| 3273 | stieg" wird in Partnerschaft mit der Bundesagentur für Arbeit fortgeführt und aus- |
| 3274 | gebaut. Es wird geprüft, inwieweit sich die lokalen Modelle des Programms, die |
| 3275 | sich als zielführend erwiesen haben, in die Fläche übertragen und verstetigt wer- |
| 3276 | den können. Dabei ist die Situation Alleinerziehender in besonderer Weise zu be- |
| 3277 | rücksichtigen. |
| 3278 | |
| 3279 | Überwindung der Entgeltungleichheit |
| 3280 | |
| 3281 | Wir wollen das Prinzip "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" für Frauen und Männern |
| 3282 | umsetzen und damit die Entgeltungleichheit überwinden. Wir werden in der Wirt- |
| 3283 | schaft dafür werben, das beratungsunterstützte Lohntestverfahren Logib-D einzu- |
| 3284 | setzen. Hiermit sollen Entgeltunterschiede und deren Ursachen festgestellt wer- |
| 3285 | den. Die gemeinsamen Anstrengungen zur Überwindung der Entgeltungleichheit |
| 3286 | sind zu bilanzieren. Der öffentliche Dienst muss seine Potentiale ausschöpfen, |
| 3287 | frauen- und familienfreundlicher zu werden. |
| 3288 | |
| 3289 | Mehr Frauen in Führungspositionen |
| 3290 | |
| 3291 | Die Ziele des Bundesgleichstellungsgesetzes und des Bundesgremienbeset- |
| 3292 | zungsgesetzes werden mit Nachdruck verfolgt. Wir werden prüfen, ob und inwie- |
| 3293 | weit die Gesetze geändert und effektiver gestaltet werden müssen. Der Anteil von |
| 3294 | Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst soll |
| 3295 | maßgeblich erhöht werden. Dazu wird ein Stufenplan, insbesondere zur Erhöhung |
| 3296 | des Anteils von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten vorgelegt. Der Stufen- |
| 3297 | plan setzt in einer ersten Stufe auf verbindliche Berichtspflichten und transparente |
| 3298 | Selbstverpflichtungen. |
| 3299 | |
| 3300 | Jungen und Männerpolitik |
| 3301 | |
| 3302 | Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits |
| 3303 | bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren. |
| 3304 | Damit eröffnen wir ihnen auch in erzieherischen und pflegerischen Berufen erwei- |
| 3305 | terte Perspektiven. Die Zusammenarbeit mit Väterorganisationen und anderen |
| 3306 | gleichstellungsorientierten Männerorganisationen soll intensiviert werden. |
| 3307 | |
| 3308 | 5. Integration und Zuwanderung |
| 3309 | |
| 3310 | Integration fördern, Chancen nutzen |
| 3311 | |
| 3312 | Die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund ist für Deutschland eine |
| 3313 | Schlüsselaufgabe. Unser Zusammenleben soll von Respekt, gegenseitigem Ver- |
| 3314 | trauen, von Zusammengehörigkeitsgefühl und gemeinsamer Verantwortung ge- |
| 3315 | prägt sein. Wir wollen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Zuwandererfamilien alle |
| 3316 | Chancen eines weltoffenen Landes eröffnen und ihre gesellschaftliche, wirtschaft- |
| 3317 | liche und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Wir erwarten in gleicher Weise die Auf- |
| 3318 | nahmebereitschaft der deutschen Gesellschaft und die Integrationsbereitschaft der |
| 3319 | Zuwanderer. |
| 3320 | |
| 3321 | Wir werden den Nationalen Integrationsplan (NIP) von einem integrationspoliti- |
| 3322 | schen Gesamtkonzept zu einem Aktionsplan mit klar definierten und zu überprü- |
| 3323 | fenden Zielen weiterentwickeln. Dazu setzen wir den vertrauensvollen Dialog zwi- |
| 3324 | schen Staat und Gesellschaft, insbesondere den Migranten, in institutionalisierter |
| 3325 | Form - auch unter Einbeziehung des Deutschen Bundestages - fort. Wir streben |
| 3326 | die Gründung eines Bundesbeirates für Integration an. Stand und Verlauf der In- |
| 3327 | tegration können nur auf der Basis objektiver Daten ermittelt werden. Die erforder- |
| 3328 | lichen Datengrundlagen werden wir schaffen. |
| 3329 | |
| 3330 | Der Bund einerseits und die Länder mit den Kommunen andererseits sind in der |
| 3331 | Integrationspolitik Partner. Diese Zusammenarbeit wollen wir unter Wahrung der |
| 3332 | jeweiligen staatlichen Zuständigkeiten zu verbindlichen Nationalen Integrations- |
| 3333 | partnerschaften weiterentwickeln. Integration vollzieht sich in erster Linie in den |
| 3334 | Kommunen. Es gilt, die hervorragenden, aber oft zeitlich befristeten Projekte zur |
| 3335 | Integration zu Regelangeboten weiterzuentwickeln. Unser Ziel ist die bestmögliche |
| 3336 | Vernetzung der verschiedenen Integrationsfördermaßnahmen vor Ort. Staatliche |
| 3337 | und kommunale Stellen sowie öffentlich geförderte Träger sollen passgenau auf- |
| 3338 | einander abgestimmt zusammenarbeiten. Einbeziehen wollen wir dabei insbeson- |
| 3339 | dere die Integrationskursträger und die Arbeitsagenturen. In Modellregionen wol- |
| 3340 | len wir die Integrationspartnerschaften erproben. |
| 3341 | |
| 3342 | Die integrationspolitischen Defizite der letzten Jahrzehnte wollen wir konsequent |
| 3343 | beheben. In unserem Land leben viele Menschen, die auch nach jahrelangem |
| 3344 | Aufenthalt in Deutschland gesellschaftlich nicht integriert sind und unsere Sprache |
| 3345 | nicht beherrschen. Wir werden deshalb die Instrumente der nachholenden Integra- |
| 3346 | tion fördern. Wir wollen die Integrationsberatung optimieren. |
| 3347 | |
| 3348 | Um die Verbindlichkeit der individuellen Integrationsförderung zu erhöhen, werden |
| 3349 | wir das Instrument eines Integrationsvertrages schaffen, mit dem wir sowohl Neu- |
| 3350 | zuwanderer als auch länger im Land lebende Migranten erreichen wollen. Vor al- |
| 3351 | lem Menschen, die zu ihren Ehegatten nach Deutschland nachziehen und dazu |
| 3352 | erste Deutschkenntnisse schon im Herkunftsland erworben haben, möchten wir |
| 3353 | möglichst schnell mit der Vielfalt der Integrationsmaßnahmen vertraut machen. |
| 3354 | |
| 3355 | Mit Integrationsverträgen werden die notwendigen Integrationsmaßnahmen für |
| 3356 | eine erfolgreiche Eingliederung in die deutsche Gesellschaft und den deutschen |
| 3357 | Arbeitsmarkt vereinbart und später kontinuierlich überprüft. Information und Bera- |
| 3358 | tung über staatliche und bürgerschaftliche Angebote stehen dabei im Vordergrund. |
| 3359 | Modelle der individuellen Begleitung, wie etwa die Integrationslotsen, beziehen wir |
| 3360 | dabei ein. Die Schnittstellen der Beratungsdienste zu den Bildungsträgern werden |
| 3361 | überprüfbar verbessert. |
| 3362 | |
| 3363 | Den Dienstleistungscharakter der bisherigen Ausländerbehörden wollen wir stär- |
| 3364 | ken. |
| 3365 | |
| 3366 | Die Koalitionäre sprechen sich für einen breit angelegten parlamentarischen und |
| 3367 | gesellschaftlichen Diskurs der Integrationsthematik aus. |
| 3368 | |
| 3369 | Das Beherrschen der deutschen Sprache ist Grundvoraussetzung für Bildung und |
| 3370 | Ausbildung, für Integration in den Beruf, für Partizipation und sozialen Aufstieg. |
| 3371 | Wirksamstes Instrument der Sprachförderung des Bundes sind die Integrations- |
| 3372 | kurse. Durch stärkeres Fördern und Fordern wollen wir die Erfolgschancen der |
| 3373 | Teilnehmer weiter erhöhen. |
| 3374 | |
| 3375 | Dazu werden wird wir die Integrationskurse flexibilisieren und quantitativ und quali- |
| 3376 | tativ aufwerten. Die Zahl der Orientierungskursstunden wird von 45 auf 60 ange- |
| 3377 | hoben - damit geben wir den Teilnehmern die Chance, mehr über die Funktions- |
| 3378 | weise unseres demokratischen Rechtsstaates zu erfahren. |
| 3379 | |
| 3380 | Schnelle Lernerfolge werden wir mit Anreizen fördern. Wir wollen das Integrati- |
| 3381 | onskursmanagement verbessern, um insbesondere Menschen, die vor dem Ehe- |
| 3382 | gattennachzug erste Deutschkenntnisse im Herkunftsland erworben haben, einen |
| 3383 | möglichst schnellen Übergang in den Integrationskurs zu ermöglichen. |
| 3384 | |
| 3385 | Die Kurse werden auf das primäre Ziel ausgerichtet, die Teilnehmer in den Ar- |
| 3386 | beitsmarkt zu integrieren. Dazu kann das Niveau der Sprachkurse auch über das |
| 3387 | Niveau B 1 hinausgehen. Darüber hinaus streben wir eine stärkere Vernetzung mit |
| 3388 | den für die Arbeitsvermittlung zuständigen Stellen an. |
| 3389 | |
| 3390 | Die Integrationskraft von Kindergärten und Schulen werden wir verstärken. Wer |
| 3391 | früh gefördert wird, hat bessere Chancen. Wir stehen zum bedarfsgerechten Aus- |
| 3392 | bau der frühkindlichen Bildungseinrichtungen und der Ganztagsschule. Wir unter- |
| 3393 | stützen verbindliche bundesweit vergleichbare Sprachstandstests für alle Kinder |
| 3394 | im Alter von vier Jahren und bei Bedarf eine verpflichtende gezielte Sprachförde- |
| 3395 | rung vor der Schule. Alle Kinder, die eingeschult werden, sollen Deutsch sprechen |
| 3396 | können. Wir unterstützen darüber hinaus unterrichtsbegleitende Sprachprogram- |
| 3397 | me. |
| 3398 | |
| 3399 | Eltern in Erziehungsverantwortung müssen unsere Sprache beherrschen, damit |
| 3400 | ihre Kinder die besten Voraussetzungen für schulischen Erfolg haben. Wir wollen |
| 3401 | verstärkt Integrationskurse für Eltern an Kindergärten und Schulen einrichten und |
| 3402 | u. a. mit der Kampagne "Deutsch lernen - Deutschland kennen lernen" intensiv für |
| 3403 | das Angebot der Elternintegrationskurse werben. Droht wegen mangelnder |
| 3404 | Deutschkenntnisse der Eltern eine Beeinträchtigung des Kindeswohls, soll zukünf- |
| 3405 | tig schon aus diesem Grund eine Verpflichtung zur Teilnahme am Integrationskurs |
| 3406 | möglich sein. |
| 3407 | |
| 3408 | Zu viele junge Migranten scheitern in Schule und Berufsausbildung. Die Länder |
| 3409 | haben sich im Nationalen Integrationsplan und der gemeinsamen Qualifizierungs- |
| 3410 | initiative verpflichtet die Zahl der Schulabbrecher mit Migrationshintergrund bis |
| 3411 | zum Schuljahr 2012/2013 auf den Gesamtschnitt aller Schüler zu reduzieren. |
| 3412 | |
| 3413 | Im Rahmen ihrer Zuständigkeit leistet die Bundesregierung in vielfältiger Weise |
| 3414 | Unterstützung auf dem Weg zum Bildungserfolg. Gerade in wirtschaftlich schwie- |
| 3415 | riger Zeit werden wir die erfolgreichen Förderprogramme (z. B. Einstiegsqualifizie- |
| 3416 | rung und JobstarterConnect) fortsetzen. Sie kommen insbesondere jungen |
| 3417 | Migrantinnen und Migranten zugute. Begleitung und Beratung können jungen |
| 3418 | Menschen eine unverzichtbare Unterstützung beim Ausbildungserfolg sein. Ein |
| 3419 | neues Instrument des ganzheitlichen Integrationscoachings (GINCO) dient der |
| 3420 | Integration in Ausbildung bzw. in den ersten Arbeitsmarkt und zur Stabilisierung |
| 3421 | dieser Integration. |
| 3422 | |
| 3423 | Wir wollen die Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund weiter |
| 3424 | verbessern. Wirksame Instrumentarien sollen - so wie die Förderung berufsbezo- |
| 3425 | gener Sprachkenntnisse - künftig als Regelinstrumente im SGB II und III zur Ver- |
| 3426 | fügung stehen. Damit wird den besonderen Unterstützungsbelangen dieser Per- |
| 3427 | sonengruppe Rechnung getragen. |
| 3428 | |
| 3429 | Wir wollen bestehende Migrantenunternehmen stärken und neue Existenzgründer |
| 3430 | gewinnen. Dazu ist eine gezielte individuelle und bedarfsgerechte Gründungsun- |
| 3431 | terstützung im Gründungsprozess erforderlich. In einer gezielten Beratungs- und |
| 3432 | Qualifizierungsinitiative sollen neben betriebswirtschaftlichen Kompetenzen fach- |
| 3433 | spezifisches Know-how sowie Sprachkenntnisse vermittelt werden. |
| 3434 | |
| 3435 | Wir stärken die "Charta der Vielfalt". Sie ist ein grundlegendes Bekenntnis zu Fair- |
| 3436 | ness und Wertschätzung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Unternehmen. |
| 3437 | Die Potentiale und Talente von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund werden ge- |
| 3438 | fördert. Die "Charta der Vielfalt" ist nach kurzer Zeit ein sehr erfolgreiches Unter- |
| 3439 | nehmensnetzwerk geworden, zu dessen weiterer Entwicklung wir unseren Beitrag |
| 3440 | leisten werden. |
| 3441 | |
| 3442 | Auch der Bund ist sich seiner Rolle als Arbeitgeber bewusst. Er wird im Rahmen |
| 3443 | seiner Möglichkeiten mehr geeignete, befähigte und leistungsbereite Migranten |
| 3444 | beschäftigen. |
| 3445 | |
| 3446 | Das Bürgerschaftliche Engagement von Migranten wird weiter gefördert und ge- |
| 3447 | stärkt. Hierzu wird der beabsichtigte qualitative und quantitative Ausbau der Ju- |
| 3448 | gendfreiwilligendienste beitragen. Wir wollen sowohl die vermehrte Teilhabe von |
| 3449 | Jugendlichen mit Migrationshintergrund an den Jugendfreiwilligendiensten errei- |
| 3450 | chen als auch das Ziel der Einbindung des Freiwilligen Sozialen Jahres zur Forcie- |
| 3451 | rung der Belange der Integration verfolgen. |
| 3452 | |
| 3453 | Mit dem Programm "Integration durch Sport" wollen wir besonders Frauen und |
| 3454 | Mädchen mit Migrationshintergrund ansprechen, um sie als Teilnehmer und auch |
| 3455 | Übungsleiter zu gewinnen. |
| 3456 | |
| 3457 | Wir wollen die Teilnahme zugewanderten Frauen und Mädchen aus allen Kultur- |
| 3458 | kreisen am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben fördern. Dafür brauchen wir |
| 3459 | eine Bildungs- und Ausbildungsoffensive für Migrantinnen. Auch auf die Aufklä- |
| 3460 | rung über Menschenrechte, Bürgerrechte und Sozialrechte und auf die Sensibili- |
| 3461 | sierung für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern muss großes Au- |
| 3462 | genmerk gelegt werden. |
| 3463 | |
| 3464 | Optionsregelung |
| 3465 | |
| 3466 | Mit dem Staatsangehörigkeitsreformgesetz aus dem Jahr 1999 wurde der ius-soli- |
| 3467 | Erwerb für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern neu in das |
| 3468 | Staatsangehörigkeitsrecht eingeführt. Im Rahmen einer Übergangsregelung konn- |
| 3469 | ten Kinder, die zwischen 1990 und 2000 geboren worden sind, auf Antrag die |
| 3470 | deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Hiervon haben ca. 50.000 Kinder |
| 3471 | Gebrauch gemacht. Die ersten dieser Kinder (ca. 3.300) wurden im Jahr 2008 |
| 3472 | achtzehn Jahre alt und damit optionspflichtig. Bis zur Vollendung ihres 23. Le- |
| 3473 | bensjahres müssen sie sich für die deutsche oder die ausländische Staatsangehö- |
| 3474 | rigkeit entscheiden. Die Erfahrungen mit diesen ersten Optionsfällen sollen auf |
| 3475 | möglichen Verbesserungsbedarf sowohl in verfahrens- als auch materiellrechtli- |
| 3476 | cher Hinsicht überprüft und ggf. entsprechende Änderungsvorschläge erarbeitet |
| 3477 | werden. |
| 3478 | |
| 3479 | Wir werben dafür, dass möglichst viele Menschen, die die Ein- |
| 3480 | bürgerungsvoraussetzungen erfüllen, unsere Staatsbürgerschaft annehmen. Denn |
| 3481 | sie ist das stärkste Zeichen der Zugehörigkeit zu unserem Land und zur wechsel- |
| 3482 | seitigen Verantwortung seiner Bürger. Unverhältnismäßige Hemmnisse auf dem |
| 3483 | Weg zur Einbürgerung werden wir beseitigen. |
| 3484 | |
| 3485 | Bildung und Anerkennung |
| 3486 | |
| 3487 | Bildung ist die Basis für gesellschaftliche Integration und persönlichen Erfolg. In- |
| 3488 | tegration wird auch befördert, wenn die Menschen ihre im Ausland erworbenen |
| 3489 | Qualifikationen hier voll einsetzen können. In Deutschland leben viele tausend |
| 3490 | qualifizierte Migranten, deren im Herkunftsland erworbene Bildungs- und Berufs- |
| 3491 | abschlüsse nicht oder nicht vollständig anerkannt werden. Gerade mit Blick auf |
| 3492 | den Fachkräftemangel sind die Kenntnisse und Fähigkeiten aller Zuwanderer eine |
| 3493 | Ressource, auf die wir nicht verzichten können. |
| 3494 | |
| 3495 | Deshalb werden wir in Abstimmung mit den Ländern einen gesetzlichen Anspruch |
| 3496 | auf ein Anerkennungsverfahren schaffen, das feststellt, inwieweit im Ausland er- |
| 3497 | worbene Qualifikationen deutschen Ausbildungen entsprechen. Wir wollen, dass |
| 3498 | das Verfahren einfach, transparent und nutzerfreundlich gestaltet ist und streben |
| 3499 | eine Erstanlaufstelle an. Die Möglichkeiten für Anpassungs- bzw. Ergänzungsqua- |
| 3500 | lifizierungen werden wir ausbauen. Auch Teilanerkennungen sollen möglich sein, |
| 3501 | verbunden mit dem Angebot einer Anpassungsqualifizierung. |
| 3502 | |
| 3503 | Die Datenbank zur Bewertung ausländischer Bildungsabschlüsse wird ausgebaut. |
| 3504 | |
| 3505 | Evaluierung Sprachnachweis |
| 3506 | |
| 3507 | Kenntnisse der deutschen Sprache sind wesentliche Voraussetzung für eine er- |
| 3508 | folgreiche Integration. Daher sind die Regelungen zum Spracherwerb vor Ehegat- |
| 3509 | tennachzug sinnvoll. Es kommt entscheidend darauf an, dass für diese Zuzugswil- |
| 3510 | ligen hinreichend Möglichkeiten zum Spracherwerb bestehen. Wir wollen die hier |
| 3511 | bereits eingeleitete Überprüfung zügig abschließen. |
| 3512 | |
| 3513 | Das Erbringen der Sprachnachweise soll organisatorisch vereinfacht werden. Die |
| 3514 | Durchführung der Kurse und die Prüfungsabnahme werden nicht allein bei den |
| 3515 | Goethe-Instituten belassen, sondern auf alle entsprechende Qualität verbürgende |
| 3516 | Anbieter ausgeweitet. |
| 3517 | |
| 3518 | Die Koalitionspartner sind sich einig, die Anstrengungen zur Verhinderung von |
| 3519 | Scheinehen zu intensivieren und alle Maßnahmen, z. B. die Verlängerung der E- |
| 3520 | hebestandszeit zur Erlangung eines eigenständigen Aufenthaltstitels von zwei auf |
| 3521 | drei Jahre, zu prüfen. Das Erschleichen von Aufenthaltstiteln muss nachhaltig be- |
| 3522 | kämpft werden. |
| 3523 | |
| 3524 | Die EU-Mitgliedstaaten müssen auch künftig die Zuständigkeit behalten, über Zu- |
| 3525 | wanderung in nationaler Verantwortung entscheiden zu können. Wir werden bei |
| 3526 | den Verhandlungen sorgfältig darauf achten, dass das Subsidiaritätsprinzip beach- |
| 3527 | tet wird, und dass die bestehenden nationalen Grundsätze und Standards gewahrt |
| 3528 | bleiben. |
| 3529 | |
| 3530 | Auf europäischer Ebene sehen wir hinsichtlich der internationalen Migrationsströ- |
| 3531 | me die Verantwortung Deutschlands in Europa und werden an der Sicherstellung |
| 3532 | humanitärer Standards initiativ mitwirken. |
| 3533 | |
| 3534 | Bleiberechtsregelung |
| 3535 | |
| 3536 | Hinsichtlich der gesetzlichen Altfallregelung sind wir uns einig, dass vor dem Hin- |
| 3537 | tergrund der momentanen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Handlungsbedarf |
| 3538 | in Bezug auf diejenigen Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis "auf Probe" besteht, |
| 3539 | die voraussichtlich die gesetzlichen Vorgaben zur Lebensunterhaltssicherung zum |
| 3540 | Jahresende verfehlen werden. Zeitgerecht wird eine angemessene Regelung ge- |
| 3541 | funden werden. |
| 3542 | |
| 3543 | Die Residenzpflicht soll so ausgestaltet werden, dass eine hinreichende Mobilität |
| 3544 | insbesondere im Hinblick auf eine zugelassene Arbeitsaufnahme möglich ist; |
| 3545 | Wohnsitzbeschränkungen bleiben unberührt. |
| 3546 | |
| 3547 | Wir werden die aufenthaltsgesetzlichen Übermittlungspflichten öffentlicher Stellen |
| 3548 | dahingehend ändern, dass der Schulbesuch von Kindern ermöglicht wird. |
| 3549 | |
| 3550 | Visa-Verfahren - Visa-Warndatei |
| 3551 | |
| 3552 | Wir stimmen darin überein, dass Personen, die mit rechtswidrigem Verhalten im |
| 3553 | Zusammenhang mit dem Visumverfahren, mit rechtswidrigem Verhalten bei sons- |
| 3554 | tigem Auslandsbezug bereits auffällig geworden sind, im Visumverfahren für eine |
| 3555 | nähere Überprüfung erkennbar gemacht werden müssen. |
| 3556 | |
| 3557 | Hierzu werden wir eine zentrale Visa-Warndatei schaffen, um so insbesondere die |
| 3558 | deutschen Visumbehörden bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen und den Prozess der |
| 3559 | Visumerteilungen insgesamt zu beschleunigen. Daten zu Einladern, Verpflich- |
| 3560 | tungsgebern oder Bestätigenden werden als notwendige Ergänzung der Daten- |
| 3561 | sätze zu Personen nur aufgenommen, wenn zu ihnen Warninhalte gespeichert |
| 3562 | sind. |
| 3563 | |
| 3564 | Evaluierung Abschiebehaftbedingungen |
| 3565 | |
| 3566 | An der Verhängung von Abschiebungshaft als ultima ratio zur Durchsetzung von |
| 3567 | Ausreisepflichten halten wir fest. Es kommt darauf an, dieses Mittel maßvoll und |
| 3568 | unter strikter Beachtung der Grundrechte anzuwenden. Wir wollen gemeinsam mit |
| 3569 | den Ländern überprüfen, ob - auch im Lichte der Vorgaben der EU- |
| 3570 | Rückführungsrichtlinie - Anpassungen im praktischen Vollzug von Abschiebung |
| 3571 | und Abschiebungshaft sinnvoll sind. |
| 3572 | |
| 3573 | Asylbewerberleistungsgesetz |
| 3574 | |
| 3575 | Das Asylbewerberleistungsgesetz werden wir im Hinblick auf das Sachleistungs- |
| 3576 | prinzip evaluieren. |
| 3577 | |
| 3578 | 6. Ehrenamt |
| 3579 | |
| 3580 | Die Förderung des Zusammenhalts ist in offenen, demokratischen Gesellschaften |
| 3581 | auch Aufgabe von Politik und Staat, denn er trägt maßgeblich zum gesellschaftli- |
| 3582 | chen Klima in unserem Land bei. Millionen von Bürger machen mit ihren ehren- |
| 3583 | amtlichen Tätigkeiten und ihrem bürgerschaftlichem Engagement Deutschland zu |
| 3584 | einem lebenswerten und friedfertigen Land. Gesellschaftliche Integration im Sinne |
| 3585 | einer Vermittlung von Werten und Haltungen wie Toleranz, Respekt und Rück- |
| 3586 | sichtnahme durch das tägliche Miteinander in Familien, Schulen, Unternehmen, |
| 3587 | Vereinen und vielen anderen Zusammenschlüssen gleichgesinnter Menschen |
| 3588 | sorgen daneben auch für eine nachhaltige Eindämmung von Extremismus, Anti- |
| 3589 | semitismus und Jugendgewalt. |
| 3590 | |
| 3591 | Notwendig ist, dass Menschen nicht von gesellschaftlicher Teilhabe und der ge- |
| 3592 | sellschaftlichen Wertegrundlage abgehängt werden. Wir werden mit allen zivilge- |
| 3593 | sellschaftlichen Gruppen gemeinsam daran arbeiten, dass gerade Kinder und Ju- |
| 3594 | gendliche die Wertgrundlagen unserer Gesellschaft mit auf ihren Lebensweg neh- |
| 3595 | men. Insbesondere darf gesellschaftliche Teilhabe nicht von der finanziellen und |
| 3596 | wirtschaftlichen Haushaltslage des Einzelnen oder von Familien abhängen. |
| 3597 | Zugleich kann der Staat nicht auf die Mitwirkung und Verantwortung der Bürger für |
| 3598 | sich und ihre Familien verzichten. Wir erwarten, dass Eltern ihre Rechte und |
| 3599 | Pflichten wahrnehmen. Diese gehören untrennbar zusammen. |
| 3600 | |
| 3601 | Die vielfältigen Investitionen im Engagement sind besser zu fördern, stärker zu |
| 3602 | vernetzen und vor allem denen zugänglich zu machen, die wir für bürgerschaftli- |
| 3603 | ches Engagement begeistern wollen. |
| 3604 | |
| 3605 | Wir wollen eine Nationale Engagementstrategie u. a. zusammen mit dem Nationa- |
| 3606 | len Forum für Engagement und Partizipation umsetzen, ein Gesetz zur Förderung |
| 3607 | des bürgerschaftlichen Engagements verfolgen, das alle geeigneten Rahmenbe- |
| 3608 | dingungen für eine nachhaltige Infrastruktur und Stabilisierung von Engagement |
| 3609 | und Partizipation berücksichtigt und zur Bündelung, Abstimmung und Weiterent- |
| 3610 | wicklung von Förderprogrammen ein geeignetes bundeseinheitliches Förderin- |
| 3611 | strument aufstellen. |
| 3612 | |
| 3613 | Wir werden die Qualität der Jugendfreiwilligendienste "Freiwilliges Soziales Jahr" |
| 3614 | und "Freiwilliges Ökologisches Jahr" als Bildungsdienste nachhaltig sichern stär- |
| 3615 | ken. |
| 3616 | |
| 3617 | Der Kindergeldbezug in Zeiten geregelter und ungeregelter Jugendfreiwilligen- |
| 3618 | dienste wird vereinheitlicht, ein Kindergeldbezug während der Wehr- und Zivil- |
| 3619 | dienstzeit wird geprüft. |
| 3620 | |
| 3621 | Durch eine gemeinsame ressortübergreifende Strategie werden einheitliche und |
| 3622 | transparente Bedingungen für alle Freiwilligendienstleistenden geschaffen. Einen |
| 3623 | einheitlichen Status für Freiwilligendienstleistende im Zuge eines "Freiwilligen- |
| 3624 | dienststatusgesetzes" streben wir an. |
| 3625 | |
| 3626 | Wir wollen den vielfältigen ehrenamtlichen Einsatz für kulturelle Angebote und Entfal- |
| 3627 | tungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen und für mehr Anerkennung für das Eh- |
| 3628 | renamt sorgen. Ehrenamtlich Engagierte sollen von Bürokratie und Haftungsrisiken |
| 3629 | entlastet werden. Wir wollen die Angebote für das Freiwillige Soziale Jahr in der Kul- |
| 3630 | tur ausweiten. |
| 3631 | |
| 3632 | Aktives Alter |
| 3633 | |
| 3634 | Die großen Potentiale und Kompetenzen der älteren Menschen sind eine wertvolle |
| 3635 | Ressource im demographischen Wandel. Mittelfristig wird die Entwicklung einer |
| 3636 | differenzierten, flächendeckenden Struktur der Förderung des Engagements im |
| 3637 | Alter, der Selbstorganisation und Nachbarschaftshilfe angestrebt. |
| 3638 | |
| 3639 | Zivildienst |
| 3640 | |
| 3641 | Der Zivildienst entfaltet sozialpolitische Wirkungen. Wir fördern auch künftig die |
| 3642 | Möglichkeit, den Zivildienst mit den darin erworbenen Fähigkeiten für die weitere |
| 3643 | Ausbildung nutzbar zu machen. Eine mögliche Doppelableistung von Zivildienst |
| 3644 | und Freiwilligem Sozialen Jahr soll künftig ausgeschlossen sein. Wir wollen den |
| 3645 | Lückenschluss zwischen Ende des Zivildienstes und den Ausbildungsbeginn |
| 3646 | durch die Möglichkeit einer abschnittsweisen Ableistung des Zivildienstes prüfen. |
| 3647 | |
| 3648 | Die künftige Struktur der Wehrpflicht wird sich im Zivildienst widerspiegeln, der |
| 3649 | Dienstleistungen der sozialen Einrichtungen weiter zu sichern hilft. |
| 3650 | |
| 3651 | 7. Soziale Hilfe und Sozialversicherungen |
| 3652 | |
| 3653 | 7.1. Arbeitslosenversicherung und Bundesagentur für Arbeit |
| 3654 | |
| 3655 | Effizienzsteigerung bei den Arbeitsmarktinstrumenten |
| 3656 | |
| 3657 | Wir stehen für eine effektive und effiziente Arbeitsmarktpolitik, die Arbeitslose da- |
| 3658 | bei unterstützt, rasch wieder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu |
| 3659 | finden. Denn unser Ziel der aktiven Arbeitsmarktpolitik ist es, Arbeitssuchende |
| 3660 | erfolgreich in Beschäftigung zu vermitteln. Das gilt insbesondere auch für diejeni- |
| 3661 | gen Arbeitssuchenden, die spezifische Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt haben |
| 3662 | und einen großen Bedarf an Qualifizierung und Weiterbildung aufweisen. Die Ar- |
| 3663 | beitsmarktinstrumente der Arbeitsverwaltung müssen mit dieser Maßgabe auf den |
| 3664 | Prüfstand gestellt werden. Wir wollen die Vielzahl der bestehenden Arbeitsmarkt- |
| 3665 | instrumente deutlich reduzieren. Unser Ziel ist es, vor Ort ein hohes Maß an Er- |
| 3666 | messenspielraum - kombiniert mit einem wirksamen Controlling - zu erreichen |
| 3667 | und dadurch die Integration in den Arbeitsmarkt entsprechend den regionalen Be- |
| 3668 | dingungen deutlich zu verbessern. Die Koalition wird deshalb Voraussetzungen |
| 3669 | dafür schaffen, dass neue Lösungsansätze wie z. B. die "Bürgerarbeit" oder markt- |
| 3670 | gerecht ausgestaltete Vermittlungsgutscheine ab Beginn der Arbeitslosigkeit er- |
| 3671 | probt werden können. |
| 3672 | |
| 3673 | Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zu mehr Wachstum und Beschäftigung |
| 3674 | sowie zur Stabilisierung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung. Wir begeg- |
| 3675 | nen den Sorgen vieler Menschen vor Abstieg und Überforderung, indem wir |
| 3676 | marktgerechte Arbeitsplätze fördern statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Das Prin- |
| 3677 | zip des "Förderns und Forderns" bleibt Maßstab unseres Handelns. |
| 3678 | |
| 3679 | 7.2 Grundsicherung |
| 3680 | |
| 3681 | Hinzuverdienst |
| 3682 | |
| 3683 | Arbeit und Leistung müssen sich lohnen. Für uns gilt: Wenn man arbeitet, muss |
| 3684 | man mehr haben als wenn man nicht arbeitet. Deshalb werden wir die Hinzuver- |
| 3685 | dienstregelungen in der Grundsicherung für Arbeitsuchende deutlich verbessern. |
| 3686 | Damit erhöhen wir auch den Anreiz, eine voll sozialversicherungspflichtige Be- |
| 3687 | schäftigung zu suchen und anzunehmen. Das kann auch dazu beitragen, die So- |
| 3688 | zialkassen zu entlasten. |
| 3689 | |
| 3690 | Schonvermögen |
| 3691 | |
| 3692 | Wir wollen mehr Sicherheit für Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren und |
| 3693 | längere Zeit keinen neuen Arbeitsplatz finden können. Die Förderung der privaten |
| 3694 | Altersvorsorge ist eine wichtige Maßnahme zur Verhinderung einer zukünftigen |
| 3695 | Altersarmut von breiten Bevölkerungsschichten. Deswegen werden wir die private |
| 3696 | Altersvorsorge besser schützen. Wir werden den Freibetrag beim Schonvermögen |
| 3697 | im SGB II, der verbindlich der Altersvorsorge dient, auf 750 Euro pro Lebensjahr |
| 3698 | wesentlich erhöhen. Bedingung dafür ist, dass das Altersvorsorgevermögen erst |
| 3699 | mit Eintritt in den Ruhestand verfügbar ist. So stärken wir die eigenständige Alter- |
| 3700 | vorsorge. Sie darf nicht bestraft werden - auch nicht, wenn man auf das Arbeitslo- |
| 3701 | sengeld II angewiesen sein sollte. |
| 3702 | |
| 3703 | Zusätzlich wollen wir die selbstgenutzte Immobilie umfassend schützen. |
| 3704 | |
| 3705 | SGB II-Strukturreform |
| 3706 | |
| 3707 | Die Koalition will die Aufgabenwahrnehmung und Finanzierung für Langzeitar- |
| 3708 | beitslose im Sinne der Menschen neu ordnen. Wir streben eine verfassungsfeste |
| 3709 | Lösung ohne Änderung des Grundgesetzes und ohne Änderung der Finanzbezie- |
| 3710 | hungen an, die dazu beiträgt, dass Langzeitarbeitslosigkeit vermieden bzw. so |
| 3711 | schnell wie möglich überwunden wird. |
| 3712 | |
| 3713 | Dabei gilt es, die Kompetenz und Erfahrung der Länder und der Kommunen vor |
| 3714 | Ort sowie der Bundesagentur für Arbeit in getrennter Aufgabenwahrnehmung für |
| 3715 | die Betreuung und Vermittlung der Langzeitarbeitslosen zu nutzen. Die bestehen- |
| 3716 | den Optionskommunen sollen diese Aufgabe unbefristet wahrnehmen können. |
| 3717 | Dabei muss kommunalen Neugliederungen Rechnung getragen werden können. |
| 3718 | |
| 3719 | Die Bundesagentur für Arbeit erhält die Aufgabe, den Kommunen attraktive Ange- |
| 3720 | bote zur freiwilligen Zusammenarbeit zu unterbreiten. Dazu wird das Bundesminis- |
| 3721 | terium für Arbeit und Sozialordnung einen "Mustervertrag" ausarbeiten, der die |
| 3722 | Zusammenarbeit regelt und die kommunale Selbstverwaltung achtet. Unser Ziel ist |
| 3723 | eine bürgerfreundliche Verwaltung, die unnötige Doppelarbeit vermeidet. |
| 3724 | |
| 3725 | Pauschalierungen |
| 3726 | |
| 3727 | In diesem Zusammenhang werden auch die Kosten der Unterkunft transparent |
| 3728 | und rechtssicher ausgestaltet. Wir werden auf der Basis der vorhandenen gesetz- |
| 3729 | lichen Regelungen prüfen, die Energie- und Nebenkosten sowie ggf. die Kosten |
| 3730 | der Unterkunft zu pauschalieren. Dabei sind regionale Besonderheiten zu berück- |
| 3731 | sichtigen. Wir wollen damit auch dazu beitragen, dass die Zahl der Prozesse in |
| 3732 | diesem Bereich zurückgeht und gleichzeitig Anreize für einen sparsamen Energie- |
| 3733 | verbrauch setzen. |
| 3734 | |
| 3735 | Wir werden das Wohngeldrecht hinsichtlich der Schnittstellen zu anderen sozialen |
| 3736 | Sicherungssystemen überprüfen und streben weitere Vereinfachungen bei der |
| 3737 | Ermittlung des Wohngeldanspruchs an. |
| 3738 | |
| 3739 | Wir werden prüfen, ob die von den Familienkassen durchgeführte Auszahlung des |
| 3740 | Kindergeldes einer anderen Stelle übertragen werden kann. Darüber hinaus wird |
| 3741 | geprüft, ob weitere steuerfinanzierte familienpolitische Leistungen zusammenge- |
| 3742 | fasst werden können. |
| 3743 | |
| 3744 | Bürgergeld |
| 3745 | |
| 3746 | Die Koalition nimmt sich vor, die vielfältigen und kaum noch überschaubaren steu- |
| 3747 | erfinanzierten Sozialleistungen darauf hin zu überprüfen, ob und in welchem Um- |
| 3748 | fang eine Zusammenfassung möglich ist. In diese Prüfung wird auch das Konzept |
| 3749 | eines bedarfsorientierten Bürgergeldes einbezogen. |
| 3750 | |
| 3751 | 7.3 Weitere Sozialversicherungen |
| 3752 | |
| 3753 | Unfallversicherung |
| 3754 | |
| 3755 | Der Leistungskatalog wird mit Blick auf ein zielgenaues Leistungsrecht überprüft, |
| 3756 | die Wirtschaftlichkeit der gewerblichen Berufsgenossenschaften wird verbessert |
| 3757 | und das Recht der gesetzlichen Unfallversicherung entbürokratisiert. |
| 3758 | |
| 3759 | Verbesserung des Erwerbsminderungsschutzes |
| 3760 | |
| 3761 | Wir wollen, dass auch erwerbsgeminderte Menschen angemessen sozial abgesi- |
| 3762 | chert sind. Wir werden prüfen, ob und wie die Absicherung gegen das Erwerbs- |
| 3763 | minderungsrisiko in der staatlich geförderten Vorsorge kostenneutral verbessert |
| 3764 | werden kann. |
| 3765 | |
| 3766 | Künstlersozialversicherung |
| 3767 | |
| 3768 | Wir werden die Stabilisierung der Künstlersozialversicherung mit einer transparen- |
| 3769 | ten und nachvollziehbaren Versicherungspflicht fortsetzen. |
| 3770 | |
| 3771 | 7.4. Menschen mit Behinderungen |
| 3772 | |
| 3773 | Wir treten für eine tatsächliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am |
| 3774 | gesellschaftlichen Leben ein. Unser Ziel ist, die Rahmenbedingungen für Men- |
| 3775 | schen mit und ohne Behinderungen positiv zu gestalten. Voraussetzung hierfür ist |
| 3776 | u. a. die Barrierefreiheit in allen Bereichen von Schule über Ausbildung bis zum |
| 3777 | Beruf sowie von Verkehr über Medien und Kommunikationstechnik bis hin zum |
| 3778 | Städtebau. Politische Entscheidungen, die Menschen mit Behinderungen direkt |
| 3779 | oder indirekt betreffen, müssen sich an den Inhalten der UN-Konvention über die |
| 3780 | Rechte der Menschen mit Behinderungen messen lassen. Deshalb werden wir |
| 3781 | einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Men- |
| 3782 | schen mit Behinderungen entwickeln. |
| 3783 | |
| 3784 | Wir wollen, dass ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen länger und |
| 3785 | lebenswerter in ihrem gewohnten Umfeld wohnen können. Das KfW- |
| 3786 | Förderprogramm zur Versorgung mit altersgerechtem Wohnraum wird weiterent- |
| 3787 | wickelt. |
| 3788 | |
| 3789 | 8. Rente |
| 3790 | |
| 3791 | Verbesserung der Kindererziehung in der Alterssicherung |
| 3792 | |
| 3793 | Wir werden im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten prüfen, wie wir die familien- |
| 3794 | politische Komponente stärken und deshalb Erziehungsleistungen in der Alterssi- |
| 3795 | cherung noch besser berücksichtigen können. |
| 3796 | |
| 3797 | Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge |
| 3798 | |
| 3799 | Wir bekennen uns zur staatlich geförderten Altersvorsorge. Eine Vielzahl von |
| 3800 | Menschen nutzt diesen Weg, um private Vorsorge zu betreiben. Wir werden prü- |
| 3801 | fen, ob es notwendig und finanziell darstellbar ist, weiteren Personengruppen, ins- |
| 3802 | besondere Selbständigen, den Zugang zur staatlich geförderten Altersvorsorge zu |
| 3803 | ermöglichen. |
| 3804 | |
| 3805 | Kampf gegen Altersarmut |
| 3806 | |
| 3807 | Wir verschließen die Augen nicht davor, dass durch veränderte wirtschaftliche und |
| 3808 | demographische Strukturen in Zukunft die Gefahr einer ansteigenden Altersarmut |
| 3809 | besteht. Deshalb wollen wir, dass sich die private und betriebliche Altersvorsorge |
| 3810 | auch für Geringverdiener lohnt und auch diejenigen, die ein Leben lang Vollzeit |
| 3811 | gearbeitet und vorgesorgt haben, ein Alterseinkommen oberhalb der Grundsiche- |
| 3812 | rung erhalten, das bedarfsabhängig und steuerfinanziert ist. Hierzu wird eine Re- |
| 3813 | gierungskommission einen Vorschlag für eine faire Anpassungsregel entwickeln. |
| 3814 | |
| 3815 | Rentenangleichung Ost / West |
| 3816 | |
| 3817 | Das gesetzliche Rentensystem hat sich auch in den Neuen Ländern bewährt. Wir |
| 3818 | führen in dieser Legislaturperiode ein einheitliches Rentensystem in Ost und West |
| 3819 | ein. |
| 3820 | |
| 3821 | 9. Gesundheit und Pflege |
| 3822 | |
| 3823 | Wir werden das deutsche Gesundheitswesen innovationsfreundlich, leistungsge- |
| 3824 | recht und demographiefest gestalten. Wir benötigen eine zukunftsfeste Finanzie- |
| 3825 | rung, Planbarkeit und Verlässlichkeit sowie Solidarität und Eigenverantwortung. |
| 3826 | Wir brauchen eine Kultur des Vertrauens anstelle überzogener bürokratischer Vor- |
| 3827 | schriften. |
| 3828 | |
| 3829 | Gesundheit hat für die Menschen in unserem Land eine hohe Bedeutung. Sie |
| 3830 | müssen sicher sein können, dass sie im Krankheits- und Pflegefall gut versorgt |
| 3831 | sind. Die Qualität der Versorgung und ihre flächendeckende Bereitstellung sind |
| 3832 | uns ein zentrales Anliegen. Eine hochwertige Gesundheitsversorgung muss vom |
| 3833 | Menschen her gedacht werden. Dafür ist ein Umdenken erforderlich. |
| 3834 | |
| 3835 | Die in den Gesundheits- und Pflegeberufen Tätigen leisten einen wichtigen Beitrag |
| 3836 | für unser Gemeinwesen. Sie verdienen unseren Respekt und Anerkennung. Die |
| 3837 | Attraktivität dieser Berufe muss auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie |
| 3838 | und Beruf verbessert werden. |
| 3839 | |
| 3840 | Das Gesundheitswesen ist gerade in einer älter werdenden Gesellschaft die Zu- |
| 3841 | kunftsbranche mit bereits jetzt über 4 Millionen Beschäftigten. Es ist der Bereich |
| 3842 | mit der höchsten Innovationsrate und einem geradezu explosionsartig zunehmen- |
| 3843 | den Wissen. Wir wollen den Rahmen so setzen, dass sich der Wettbewerb der |
| 3844 | Ideen im ständigen Bemühen um eine Verbesserung der Qualität der Versorgung |
| 3845 | entfalten kann. |
| 3846 | |
| 3847 | 9.1. Gesundheit |
| 3848 | |
| 3849 | Prävention zielgerichtet gestalten |
| 3850 | |
| 3851 | Prävention ist ein wichtiger Baustein für ein gesundes Leben und für unsere Ge- |
| 3852 | sellschaft. Sie muss zu allererst bei Kindern und Jugendlichen ansetzen. Präventi- |
| 3853 | on kann dabei helfen, künftige Belastungen der Sozialsysteme zu verringern. Ziel- |
| 3854 | gruppenspezifische Aufklärung soll dazu beitragen, Eigenverantwortlichkeit und |
| 3855 | Gesundheitsbewusstsein zu stärken. Unsere Präventionsstrategie wird Vorhande- |
| 3856 | nes bewerten und aufeinander abstimmen, nationale und internationale Erfahrun- |
| 3857 | gen und Erkenntnisse analysieren sowie auf bewährten Programmen und Struktu- |
| 3858 | ren aufbauen, diese weiterentwickeln und sie in die Fläche bringen. Dazu bedarf |
| 3859 | es einer klaren Aufgaben- und Finanzverteilung unter Berücksichtigung und Stär- |
| 3860 | kung der vorhandenen Strukturen. |
| 3861 | |
| 3862 | Finanzierung des Krankenversicherungsschutzes |
| 3863 | |
| 3864 | Wir wollen, dass auch in Zukunft alle Menschen in Deutschland unabhängig von |
| 3865 | Einkommen, Alter, sozialer Herkunft und gesundheitlichem Risiko weiterhin die |
| 3866 | notwendige medizinische Versorgung qualitativ hochwertig und wohnortnah erhal- |
| 3867 | ten und alle am medizinischen Fortschritt teilhaben können. |
| 3868 | |
| 3869 | Aufgrund des medizinischen und medizinisch-technischen Fortschritts und des |
| 3870 | demographischen Wandels müssen Struktur, Organisation und Finanzierung der |
| 3871 | gesetzlichen Krankenversicherung angepasst werden. Dabei darf keine Generati- |
| 3872 | on über Gebühr belastet werden. |
| 3873 | |
| 3874 | Wettbewerb der Krankenversicherungen wirkt als ordnendes Prinzip mit den Zie- |
| 3875 | len der Vielfalt, der Effizienz und der Qualität der Versorgung. |
| 3876 | |
| 3877 | Wir wollen, dass die Krankenversicherungen genügend Spielraum erhalten, um im |
| 3878 | Wettbewerb gute Verträge gestalten zu können und regionalen Besonderheiten |
| 3879 | gerecht zu werden. |
| 3880 | |
| 3881 | Der Weg in die Einheitskasse und ein staatlich zentralistisches Gesundheitssys- |
| 3882 | tem sind der falsche Weg, um die zukünftigen Herausforderungen bürgernah zu |
| 3883 | bewältigen. |
| 3884 | |
| 3885 | Die Finanzierbarkeit muss auch mittel- und langfristig gewährleistet sein. |
| 3886 | |
| 3887 | Der Gesundheitsmarkt ist der wichtigste Wachstums- und Beschäftigungssektor in |
| 3888 | Deutschland. |
| 3889 | |
| 3890 | Beitrag und Leistung müssen in einem adäquaten Verhältnis stehen. Es braucht |
| 3891 | zudem Anreize für kosten- und gesundheitsbewusstes Verhalten. |
| 3892 | |
| 3893 | Die Versicherten sollen auf der Basis des bestehenden Leistungskatalogs soweit |
| 3894 | wie möglich ihren Krankenversicherungsschutz selbst gestalten können. |
| 3895 | |
| 3896 | Wir wollen einen Einstieg in ein gerechteres, transparenteres Finanzierungssys- |
| 3897 | tem. Der Morbi-RSA wird auf das notwendige Maß reduziert, vereinfacht sowie |
| 3898 | unbürokratisch und unanfällig für Manipulationen gestaltet. Die derzeitige Situation |
| 3899 | ist gekennzeichnet durch ein prognostiziertes Defizit, das sich sowohl aus krisen- |
| 3900 | bedingten Beitragsausfällen als auch gesundheitssystemimmanenten Ausgaben- |
| 3901 | steigerungen (Demographie, Innovationskosten, Fehlwirkungen) zusammensetzt. |
| 3902 | |
| 3903 | Kurzfristige Maßnahmen umfassen 2 Komponenten: |
| 3904 | 1. Krisenbedingte Einnahmeausfälle dürfen nicht alleine den Versicherten |
| 3905 | aufgebürdet werden, deshalb werden gesamtstaatliche flankierende Maß- |
| 3906 | nahmen zur Überbrückung der Krise erfolgen. |
| 3907 | 2. Unnötige Ausgaben sind zu vermeiden. |
| 3908 | |
| 3909 | Langfristig wird das bestehende Ausgleichssystem überführt in eine Ordnung mit |
| 3910 | mehr Beitragsautonomie, regionalen Differenzierungsmöglichkeiten und einkom- |
| 3911 | mensunabhängigen Arbeitnehmerbeiträgen, die sozial ausgeglichen werden. Weil |
| 3912 | wir eine weitgehende Entkoppelung der Gesundheitskosten von den Lohnzusatz- |
| 3913 | kosten wollen, bleibt der Arbeitgeberanteil fest. Zu Beginn der Legislaturperiode |
| 3914 | wird eine Regierungskommission eingesetzt, die die notwendigen Schritte dazu |
| 3915 | festlegt. |
| 3916 | |
| 3917 | Wettbewerb im Krankenversicherungswesen |
| 3918 | |
| 3919 | Neben der gesetzlichen Krankenversicherung sind für uns die privaten Kranken- |
| 3920 | versicherungen als Voll- und Zusatzversicherung ein konstitutives Element in ei- |
| 3921 | nem freiheitlichen Gesundheitswesen. Wir werden bei den Wahltarifen der gesetz- |
| 3922 | lichen Krankenversicherung die Abgrenzung zwischen diesen beiden Versiche- |
| 3923 | rungssäulen klarer ausgestalten und die Möglichkeiten ihrer Zusammenarbeit |
| 3924 | beim Angebot von Wahl- und Zusatzleistungen erweitern. |
| 3925 | |
| 3926 | Wir werden die Entwicklung im Basistarif der privaten Krankenversicherung beo- |
| 3927 | bachten. Das Verhältnis von reduzierten Beiträgen im Basistarif aufgrund von Hil- |
| 3928 | febedürftigkeit und dem Abschluss privater Zusatzversicherungen wird überprüft. |
| 3929 | Ein Wechsel in die private Krankenversicherung wird zukünftig wieder nach ein- |
| 3930 | maligem Überschreiten der Jahresarbeitsentgeltgrenze möglich sein. |
| 3931 | |
| 3932 | Hochwertige und innovative Arzneimittelversorgung für Deutschland |
| 3933 | |
| 3934 | Die flächendeckende und sichere Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln |
| 3935 | hat für uns hohe Priorität. Die freiberuflichen Apothekerinnen und Apotheker spie- |
| 3936 | len für eine gute Arzneimittelversorgung eine zentrale und wichtige Rolle. Eine |
| 3937 | Änderung des bestehenden Mehr- und Fremdbesitzverbotes lehnen wir deshalb |
| 3938 | ab. Wir werden die Auswüchse beim Versandhandel bekämpfen, indem wir die |
| 3939 | Abgabe von Arzneimitteln in den sogenannten Pick-up-Stellen verbieten. |
| 3940 | |
| 3941 | Die Vielzahl der sich zum Teil widersprechenden Instrumente, die den Arzneimit- |
| 3942 | telmarkt regeln, werden wir überprüfen. Die Überregulierung wird abgebaut. Der |
| 3943 | Arzneimittelmarkt wird unter patienten-, mittelstandsfreundlichen und wettbe- |
| 3944 | werblichen Kriterien effizient neu geordnet. |
| 3945 | |
| 3946 | Wir wollen, dass den Patientinnen und Patienten in Deutschland auch künftig in- |
| 3947 | novative Arzneimittel zur Verfügung stehen. Die Chancen innovativer Arzneimittel |
| 3948 | für Patientinnen und Patienten, Wachstum und Beschäftigung wollen wir künftig |
| 3949 | besser nutzen, ohne dabei die Finanzierung der Krankenversicherung zu gefähr- |
| 3950 | den. Vereinbarungen zwischen Krankenversicherung und pharmazeutischen Her- |
| 3951 | stellern können ein Weg sein, um dieses Ziel zu erreichen. |
| 3952 | |
| 3953 | Kosten-Nutzen-Bewertungen müssen praktikabel nach klaren, eindeutigen Krite- |
| 3954 | rien erfolgen. Die Arbeit des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge- |
| 3955 | sundheitswesen (IQWiG) werden wir auch unter dem Gesichtspunkt stringenter, |
| 3956 | transparenter Verfahren überprüfen und damit die Akzeptanz von Entscheidungen |
| 3957 | für Patienten und Patienten, Leistungserbringer und Hersteller verbessern. Dabei |
| 3958 | werden wir die Betroffenen frühzeitig beteiligen. |
| 3959 | |
| 3960 | Vielfalt und Wettbewerb in der Versorgung |
| 3961 | |
| 3962 | Wettbewerb um Leistungen, Preise und Qualität ermöglicht eine an den Bedürf- |
| 3963 | nissen der Versicherten ausgerichtete Krankenversicherung sowie eine gute me- |
| 3964 | dizinische Versorgung. Auf der Versicherungs-, Nachfrage- und Angebotsseite |
| 3965 | werden die Voraussetzungen für einen funktionsfähigen Wettbewerb um innovati- |
| 3966 | ve und effiziente Lösungen geschaffen, der den Versicherten und Patienten zugu- |
| 3967 | te kommt, sie in den Mittelpunkt stellt und ihnen Entscheidungsspielräume ermög- |
| 3968 | licht. |
| 3969 | |
| 3970 | Wir wollen, dass das allgemeine Wettbewerbsrecht als Ordnungsrahmen grund- |
| 3971 | sätzlich auch im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung Anwendung fin- |
| 3972 | det. Insbesondere bei Rabattverträgen, Fusionen von Krankenhäusern und Kran- |
| 3973 | kenkassen sehen wir Überprüfungsbedarf. Dazu gehört auch die Überprüfung des |
| 3974 | Rechtswegs. |
| 3975 | |
| 3976 | Ärztliche Versorgung und freier Arztberuf |
| 3977 | |
| 3978 | Die Freiberuflichkeit der ärztlichen Tätigkeit ist ein tragendes Prinzip unsere Ge- |
| 3979 | sundheitsversorgung und sichert die Therapiefreiheit. Die freie Arztwahl durch die |
| 3980 | Patientinnen und Patienten ist dabei Ausdruck eines freiheitlichen Gesundheits- |
| 3981 | wesens und die Basis für das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Ärztin |
| 3982 | und Arzt und Patientin und Patient. Diese Struktur der ambulanten Versorgung |
| 3983 | wollen wir aufrechterhalten. Die Besonderheiten einer wohnortnahen Versorgung |
| 3984 | in ländlichen Bereichen werden dabei Berücksichtigung finden. |
| 3985 | |
| 3986 | Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sollen nur unter bestimmten Vorausset- |
| 3987 | zungen zugelassen werden. Geschäftsanteile können nur von zugelassenen Ärz- |
| 3988 | tinnen und Ärzten sowie Krankenhäusern gehalten werden. Wesentlich ist dabei |
| 3989 | vor allem, dass die Mehrheit der Geschäftsanteile und Stimmrechte Ärztinnen und |
| 3990 | Ärzten zusteht und das MVZ von Ärztinnen und Ärzten verantwortlich geführt wird. |
| 3991 | Für den Bereich unterversorgter Gebiete soll eine Öffnungsklausel für Kranken- |
| 3992 | häuser vorgesehen werden, wenn keine Interessenten aus dem Bereich der Ärz- |
| 3993 | tinnen und Ärzte zur Verfügung stehen. |
| 3994 | |
| 3995 | Die Ärztinnen und Ärzte brauchen einen gesicherten Rahmen für ihre Arbeit. Eine |
| 3996 | Grundvoraussetzung ist ein einfaches, verständliches Vergütungssystem, das die |
| 3997 | Leistungen adäquat abbildet. Dabei werden regionale Besonderheiten Berücksich- |
| 3998 | tigung finden. Nach kritischer Überprüfung wird die Honorarreform unter dieser |
| 3999 | Zielsetzung zusammen mit den Beteiligten den erforderlichen Kurskorrekturen un- |
| 4000 | terzogen. |
| 4001 | |
| 4002 | Wir wollen die Transparenz für Ärztinnen und Ärzte sowie Versicherte erhöhen. |
| 4003 | Deshalb wollen wir die Möglichkeiten der Kostenerstattung ausweiten. Es dürfen |
| 4004 | dem Versicherten durch die Wahl der Kostenerstattung keine zusätzlichen Kosten |
| 4005 | entstehen. |
| 4006 | |
| 4007 | Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) wird an den aktuellen Stand der Wissen- |
| 4008 | schaft angepasst. Dabei sind Kostenentwicklungen zu berücksichtigen. |
| 4009 | |
| 4010 | Angesichts der vielfältigen Steuerungsinstrumente werden wir überprüfen, ob wei- |
| 4011 | terhin eine Notwendigkeit für Richtgrößen für ärztliche Verordnungen besteht. Wir |
| 4012 | wollen die Zahlung der Praxisgebühr in ein unbürokratisches Erhebungsverfahren |
| 4013 | überführen. |
| 4014 | |
| 4015 | Wir werden nach drei Jahren feststellen, wie viele Hausarztverträge deutschland- |
| 4016 | weit abgeschlossen worden sind. |
| 4017 | |
| 4018 | Flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung |
| 4019 | |
| 4020 | Die Sicherstellung der flächendeckenden und bedarfsgerechten medizinischen |
| 4021 | Versorgung ist uns ein zentrales gesundheitspolitisches Anliegen, das im Hinblick |
| 4022 | auf die demographische und gesellschaftliche Entwicklung noch an Bedeutung |
| 4023 | gewinnt. |
| 4024 | |
| 4025 | Der in manchen Regionen sich abzeichnenden Unterversorgung durch Ärzteman- |
| 4026 | gel und zunehmend längeren Wartezeiten muss wirksam begegnet werden. Dazu |
| 4027 | werden wir die Voraussetzungen schaffen, damit die Gemeinsame Selbstverwal- |
| 4028 | tung die Bedarfsplanung zielgerichtet weiter entwickeln kann. |
| 4029 | |
| 4030 | Um der gemeinsamen Verantwortung für regionale Bedürfnisse und Strukturen |
| 4031 | besser gerecht zu werden, wollen wir fachliche Einwirkungsmöglichkeiten für die |
| 4032 | Länder prüfen. |
| 4033 | |
| 4034 | Dem in den nächsten Jahren drohenden Ärztemangel ist durch Abbau von Büro- |
| 4035 | kratie und eine leistungsgerechte Vergütung wirksam auch durch folgende Maß- |
| 4036 | nahmen zu begegnen: |
| 4037 | - gezielte Nachwuchsgewinnung und Förderung von Medizinstudierenden |
| 4038 | und Stärkung der Allgemeinmedizin in der Ausbildung, |
| 4039 | - Ausbau der Anreize und Mobilitätshilfen bei der Niederlassung von Ärztin- |
| 4040 | nen und Ärzten in unterversorgten Gebieten und |
| 4041 | - Erweiterung der Delegationsmöglichkeiten ärztlicher und anderer Tätigkei- |
| 4042 | ten zur Entlastung von Ärztinnen und Ärzten. |
| 4043 | |
| 4044 | Zahnmedizinische Versorgung |
| 4045 | |
| 4046 | Die Maßnahmen im Bereich der vertragszahnärztlichen Versorgung zielen auf ei- |
| 4047 | ne weitere Verbesserung der Mundgesundheit und die präventionsorientierte Aus- |
| 4048 | richtung der Versorgung ab. Grundlage hierfür sind freiberufliche Strukturen und |
| 4049 | die freie Arztwahl der Patientinnen und Patienten. |
| 4050 | |
| 4051 | Auch bei der vertragszahnärztlichen Vergütung hat sich die Ausgabensteuerung |
| 4052 | über die Anbindung an die Grundlohnsummenentwicklung überholt. Insgesamt |
| 4053 | müssen neue Regelungen gefunden werden. Regionale Besonderheiten werden |
| 4054 | berücksichtigt. Die vertragszahnärztliche Vergütung in den neuen Bundesländern |
| 4055 | wird angepasst. |
| 4056 | |
| 4057 | Um die Wahl der Kostenerstattung für Patientinnen und Patienten zu erleichtern, |
| 4058 | werden bürokratische Hürden und Hemmnisse abgebaut. |
| 4059 | |
| 4060 | Die Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) wird an den aktuellen Stand der Wis- |
| 4061 | senschaft angepasst. Dabei sind Kostenentwicklungen zu berücksichtigen. |
| 4062 | |
| 4063 | Die Approbationsordnung für Zahnärzte soll novelliert werden. |
| 4064 | |
| 4065 | Krankenhausversorgung |
| 4066 | |
| 4067 | Deutschland braucht leistungsfähige Krankenhäuser für eine hochwertige, innova- |
| 4068 | tive, flächendeckende und wohnortnahe Patientenversorgung. Dafür wollen wir die |
| 4069 | Grundlagen sichern und dazu beitragen, dass die Arbeit im Krankenhaus attraktiv |
| 4070 | bleibt. Dafür bedarf es effizienter Strukturen. Der Prozess einer besseren Verzah- |
| 4071 | nung der Sektoren wird fortgesetzt. Dabei ist es unser Ziel das bestehende Be- |
| 4072 | legarztsystem beizubehalten und zu stärken. Das Verfahren, das die Zulassung |
| 4073 | von Krankenhäusern zur ambulanten Versorgung bei hochspezialisierten Leistun- |
| 4074 | gen, seltenen Erkrankungen und Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläu- |
| 4075 | fen regelt, wird kritisch überprüft und gegebenenfalls präzisiert. Die Leistungsfä- |
| 4076 | higkeit der Krankenhäuser in den Regionen muss bei verlässlicher Investitionsfi- |
| 4077 | nanzierung gewahrt bleiben. Das DRG-System begreifen wir als lernendes Sys- |
| 4078 | tem. Es soll in seinen Auswirkungen weiter beobachtet und, wo notwendig, weiter- |
| 4079 | entwickelt werden. Ein Augenmerk gilt dabei auch der Notfallversorgung. Bundes- |
| 4080 | einheitliche Preise werden abgelehnt. |
| 4081 | |
| 4082 | Menschenwürdige Hospiz- und Palliativversorgung |
| 4083 | |
| 4084 | Die bestehenden Regelungen zur Hospiz- und Palliativversorgung müssen ohne |
| 4085 | überzogene Anforderungen zügig umgesetzt, gelebt und wo notwendig verbessert |
| 4086 | werden. Die ehrenamtlich Tätigen, ihre Anerkennung und geeignete Rahmenbe- |
| 4087 | dingungen spielen hierbei eine wichtige Rolle. |
| 4088 | |
| 4089 | Patientensouveränität und Patientenrechte |
| 4090 | |
| 4091 | Im Mittelpunkt der medizinischen Versorgung steht das Wohl der Patientinnen und |
| 4092 | Patienten. Die Versicherten sollen in die Lage versetzt werden, möglichst selb- |
| 4093 | ständig ihre Rechte gegenüber den Krankenkassen und Leistungserbringern |
| 4094 | wahrzunehmen. Aus diesem Grund soll eine unabhängige Beratung von Patien- |
| 4095 | tinnen und Patienten ausgebaut werden. Die Patientinnen und Patienten sollen bei |
| 4096 | der Wahrnehmung ihrer Interessen unterstützt werden. Wir wollen mehr Transpa- |
| 4097 | renz und Orientierung für Patientinnen und Patienten sowie Versicherte im Ge- |
| 4098 | sundheitswesen über Qualität, Leistung und Preis. Die erforderliche Transparenz |
| 4099 | umfasst auch die Versichertentarife in besonderen Versorgungsformen und -ver- |
| 4100 | trägen. |
| 4101 | |
| 4102 | Die Patientenrechte wollen wir in einem eigenen Patientenschutzgesetz bündeln, |
| 4103 | das wir in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten am Gesundheitswesen erarbeiten |
| 4104 | werden. |
| 4105 | |
| 4106 | Individuelle Wahl- und Entscheidungsspielräume |
| 4107 | |
| 4108 | Wir wollen die individuellen Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume der |
| 4109 | Patientinnen und Patienten sowie der Versicherten erweitern. Bei Leistungen des |
| 4110 | Zahnersatzes, bei Arzneimitteln und bei Leistungen zur medizinischen Rehabilita- |
| 4111 | tion sind die Erfahrungen mit Festzuschüssen, Festbeträgen und Mehrkostenrege- |
| 4112 | lungen überwiegend positiv. Daher werden wir prüfen, wo darüber hinaus Mehr- |
| 4113 | kostenregelungen sinnvoll und geeignet zum Tragen kommen können, ohne Pati- |
| 4114 | entinnen und Patienten vom medizinischen Fortschritt auszuschließen oder sie zu |
| 4115 | überfordern. |
| 4116 | |
| 4117 | Qualifizierte Rehabilitation |
| 4118 | |
| 4119 | Qualifizierte medizinische Rehabilitation ist eine wichtige Voraussetzung zur Integ- |
| 4120 | ration von Kranken in Beruf und Gesellschaft und nimmt im Gesundheitswesen |
| 4121 | einen immer höheren Stellenwert ein. |
| 4122 | |
| 4123 | Prävention, Rehabilitation und Pflege sind besser aufeinander abzustimmen. Prä- |
| 4124 | vention hat Vorrang vor Rehabilitation. Dem bisher nicht ausreichend umgesetzten |
| 4125 | Grundsatz Rehabilitation vor Pflege muss besser Rechnung getragen werden. |
| 4126 | Abstimmungs- und Schnittstellenprobleme zwischen den Trägern müssen beho- |
| 4127 | ben werden. |
| 4128 | |
| 4129 | Wir wollen die Transparenz und Orientierung über das Leistungsangebot der ver- |
| 4130 | schiedenen Träger erhöhen, die Beratung der Versicherten durch die Rehabilitati- |
| 4131 | onsträger verbessern und die Wahlmöglichkeiten der Versicherten stärken. |
| 4132 | |
| 4133 | Bei Vertragsvereinbarungen zwischen Krankenkassen und Rehabilitationseinrich- |
| 4134 | tungen sollen Schiedsstellen eingerichtet werden. |
| 4135 | |
| 4136 | Telematikinfrastruktur |
| 4137 | |
| 4138 | Deutschland braucht eine Telematikinfrastruktur, die die technischen Vorausset- |
| 4139 | zungen dafür schafft, dass medizinische Daten im Bedarfsfall sicher und unprob- |
| 4140 | lematisch ausgetauscht werden können. |
| 4141 | |
| 4142 | Die Arzt-Patientenbeziehung ist ein besonders sensibles Verhältnis und daher |
| 4143 | ausdrücklich zu schützen. Datensicherheit und informationelle Selbstbestimmung |
| 4144 | der Patientinnen und Patienten sowie der Versicherten haben für uns auch bei |
| 4145 | Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte höchste Priorität. |
| 4146 | |
| 4147 | Vor einer weitergehenden Umsetzung werden wir eine Bestandsaufnahme vor- |
| 4148 | nehmen, bei der Geschäftsmodell und Organisationsstrukturen der Gematik und |
| 4149 | ihr Zusammenwirken mit der Selbstverwaltung und dem Bundesministerium für |
| 4150 | Gesundheit, sowie die bisherigen Erfahrungen in den Testregionen überprüft und |
| 4151 | bewertet werden. Danach werden wir entscheiden, ob eine Weiterarbeit auf |
| 4152 | Grundlage der Strukturen möglich und sinnvoll ist. |
| 4153 | |
| 4154 | Organspendebereitschaft |
| 4155 | |
| 4156 | Mit der Bereitschaft zur Organspende zeigen viele Menschen in Deutschland Ver- |
| 4157 | antwortung für ihre Mitmenschen - auch über den Tod hinaus. Organspende und |
| 4158 | Organtransplantation sind Themen, die uns alle angehen. Wir sehen dringenden |
| 4159 | Handlungsbedarf, die Zahl der freiwillig zur Verfügung gestellten Spenderorgane |
| 4160 | zu erhöhen. Wir werden eine kritische Bestandsaufnahme der Situation der |
| 4161 | Transplantationsmedizin in Deutschland seit dem Inkrafttreten des Transplantati- |
| 4162 | onsgesetzes 1997 vornehmen. Wir werden überprüfen, wie die organisatorischen |
| 4163 | und strukturellen Rahmenbedingungen im Krankenhaus gestaltet werden können, |
| 4164 | damit die Organspende und Organtransplantation gestärkt wird. Wir werden mit |
| 4165 | einer umfassenden Kampagne in der Bevölkerung dafür werben, durch Organ- |
| 4166 | spende Leben zu retten. |
| 4167 | |
| 4168 | Verantwortungsbewusste Drogen- und Suchtpolitik |
| 4169 | |
| 4170 | Unsere Drogen- und Suchtpolitik stellt Prävention, Therapie, Hilfe zum Ausstieg |
| 4171 | und die Bekämpfung der Drogenkriminalität in den Mittelpunkt. Drogenabhängige |
| 4172 | sind kranke Menschen, die umfassende medizinische Hilfe und Unterstützung |
| 4173 | brauchen. |
| 4174 | |
| 4175 | Mit besonderer Besorgnis sehen wir die Zunahme des exzessiven Alkoholkon- |
| 4176 | sums bei einzelnen Kindern und Jugendlichen. Vor dem Hintergrund dieser Ent- |
| 4177 | wicklungen werden wir die bestehenden Präventionsstrategien überprüfen und |
| 4178 | Programme entwickeln, die auch die Eltern in ihrer Verantwortung mit einbezie- |
| 4179 | hen. In gleicher Weise sind auch die Konzepte und Maßnahmen der Bundeszent- |
| 4180 | rale für gesundheitliche Aufklärung weiterzuentwickeln. |
| 4181 | |
| 4182 | Moderne Selbstverwaltung |
| 4183 | |
| 4184 | Die Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen ist ein tragendes Ord- |
| 4185 | nungsprinzip, das die eigenverantwortliche und partnerschaftliche Gestaltung der |
| 4186 | Gesundheitsversorgung durch die Leistungserbringer und die Krankenkassen er- |
| 4187 | möglicht. Dieses Prinzip gilt es zu bewahren und modernen Verhältnissen anzu- |
| 4188 | passen. Legitimation, Akzeptanz und Effektivität sind dabei zentrale Kriterien, die |
| 4189 | es zu stärken gilt. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen künftig mehr Fle- |
| 4190 | xibilität bei der Gestaltung der Vergütung erhalten, um dem Versorgungsauftrag |
| 4191 | vor Ort besser Rechnung tragen zu können. Transparenz und gelebte Demokratie |
| 4192 | sind eine unerlässliche Voraussetzung für eine funktionierende Körperschaft. |
| 4193 | |
| 4194 | Wir streben in den Verwaltungsräten aller Krankenkassen gemäß der gemeinsa- |
| 4195 | men Finanzierung auch die Vertretung der Arbeitgeberseite an. |
| 4196 | |
| 4197 | Die Aufgaben des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen sollen sich auf die |
| 4198 | Bereiche konzentrieren, die gemeinsam und einheitlich durchgeführt werden müs- |
| 4199 | sen. |
| 4200 | |
| 4201 | Mehr Forschung in der Versorgung |
| 4202 | |
| 4203 | Die Gesundheitsforschung trägt dazu bei, mit Innovationen die Lebensqualität von |
| 4204 | Menschen aller Lebenslagen zu erhöhen und gleichzeitig die Finanzierbarkeit des |
| 4205 | Gesundheitssystems zu sichern. Erkenntnisse über das Versorgungsgeschehen |
| 4206 | unter Alltagsbedingungen sind dabei besonders wichtig, damit die Qualität und |
| 4207 | Effizienz der Gesundheitsversorgung bei begrenzten Ressourcen weiter steigt. |
| 4208 | Daher werden wir die Versorgungsforschung systematisch ausbauen. |
| 4209 | |
| 4210 | 9.2 Pflege |
| 4211 | |
| 4212 | Weiterentwicklung der Pflegeversicherung |
| 4213 | |
| 4214 | Jeder Mensch hat das Recht, in Würde gepflegt zu werden. Um dies zu ermögli- |
| 4215 | chen, benötigen die Pflegenden Zeit für die Pflegeleistungen sowie für persönliche |
| 4216 | Ansprache und Zuwendung. Pflegende Angehörige und Menschen in Pflegeberu- |
| 4217 | fen pflegen täglich mit großem beruflichem und persönlichem Engagement. Wir |
| 4218 | werden die Rahmenbedingungen für Pflegende und Leistungsanbieter konsequent |
| 4219 | überprüfen und entbürokratisieren, damit der eigentlichen Pflege am Menschen |
| 4220 | wieder mehr Zeit eingeräumt wird. |
| 4221 | |
| 4222 | Um den Familien die Chance zu geben, Erwerbstätigkeit und die Unterstützung |
| 4223 | der pflegebedürftigen Angehörigen besser in Einklang zu bringen, wollen wir mit |
| 4224 | der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst bei Pflege- und Arbeitszeit verbesserte |
| 4225 | Maßnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf entwickeln. |
| 4226 | |
| 4227 | Wir wollen ein Berufsbild in der Altenpflege attraktiver gestalten. Darüber hinaus |
| 4228 | wollen wir die Pflegeberufe in der Ausbildung durch ein neues Berufsgesetz |
| 4229 | grundlegend modernisieren und zusammenführen. |
| 4230 | |
| 4231 | Wir werden dafür sorgen, dass ausländische Hilfskräfte ebenso wie pflegende An- |
| 4232 | gehörige oder deutsche Hilfskräfte auch notwendige pflegerische Alltagshilfen |
| 4233 | erbringen können. |
| 4234 | |
| 4235 | Die Pflege muss sich noch mehr an den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen orien- |
| 4236 | tieren. Durch mehr Transparenz bei Leistungsangeboten, deren Preis und Qualität |
| 4237 | erhalten Pflegebedürftige und ihre Angehörigen die Möglichkeit, Leistungen und |
| 4238 | Leistungserbringer flexibler auszuwählen. Dabei sollen sie verstärkt zwischen |
| 4239 | Sachleistungen und Geldleistungen wählen können. Die Förderung des Aufbaus |
| 4240 | der Pflegestützpunkte läuft aus. Bei der Qualitätsprüfung muss die Ergebnisquali- |
| 4241 | tät Vorrang vor der Strukturqualität haben. |
| 4242 | |
| 4243 | Wir wollen eine neue, differenziertere Definition der Pflegebedürftigkeit. Damit |
| 4244 | schaffen wir mehr Leistungsgerechtigkeit in der Pflegeversicherung. Es liegen be- |
| 4245 | reits gute Ansätze vor, die Pflegebedürftigkeit so neu zu klassifizieren, dass nicht |
| 4246 | nur körperliche Beeinträchtigungen, sondern auch anderweitiger Betreuungsbe- |
| 4247 | darf (z. B. aufgrund von Demenz) berücksichtigt werden können. Wir werden die |
| 4248 | Auswirkungen dieser Ansätze auf die Gestaltung der Pflegeversicherung und auch |
| 4249 | die Zusammenhänge mit anderen Leistungssystemen überprüfen. Spiegelbildlich |
| 4250 | zu der besseren Abbildung des Leistungsbedarfes müssen Wohn- und Betreu- |
| 4251 | ungsformen zur Verfügung stehen, die an den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen |
| 4252 | orientiert sind, wie z. B. Wohngemeinschaften für Demenzkranke. Unser Ziel ist |
| 4253 | eine ergebnisorientierte und an den Bedürfnissen der Menschen orientierte, |
| 4254 | selbstbestimmte Pflege. |
| 4255 | |
| 4256 | Die Pflegeversicherung bleibt ein wichtiges Element der sozialen Sicherung. Die |
| 4257 | Pflegebedürftigen müssen auch künftig angemessene Pflegeleistungen zu einem |
| 4258 | bezahlbaren Preis erhalten. In der Form der Umlagefinanzierung kann die Pflege- |
| 4259 | versicherung jedoch ihre Aufgabe, allen Bürgern eine verlässliche Teilabsicherung |
| 4260 | der Pflegekosten zu garantieren, auf Dauer nicht erfüllen. Daher brauchen wir ne- |
| 4261 | ben dem bestehenden Umlageverfahren eine Ergänzung durch Kapitaldeckung, |
| 4262 | die verpflichtend, individualisiert und generationengerecht ausgestaltet sein muss. |
| 4263 | Eine interministerielle Arbeitsgruppe wird dazu zeitnah einen Vorschlag ausarbei- |
| 4264 | ten. |
| 4265 | |
| 4266 | Die Veränderung in der Finanzierung eröffnet Chancen, die Leistungen der Pfle- |
| 4267 | geversicherung langfristig zu dynamisieren und die Pflegebedürftigkeit - auch zu- |
| 4268 | gunsten von Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, wie z. B. Demenz |
| 4269 | - neu zu definieren. |
| 4270 | |
| 4271 | Alle Bemühungen um eine finanzielle Absicherung des Pflegerisikos im Rahmen |
| 4272 | der Pflegeversicherung entbinden den Einzelnen aber nicht davon, seine Eigen- |
| 4273 | verantwortung und Eigeninitiative zur Absicherung des Pflegerisikos und zur Ges- |
| 4274 | taltung der Pflege wahrzunehmen. |
| 4275 | |
| 4276 | 10. Religion, Geschichte und Kultur; Sport |
| 4277 | |
| 4278 | Religionsgemeinschaften |
| 4279 | |
| 4280 | Den Christlichen Kirchen kommt eine unverzichtbare Rolle bei der Vermittlung der |
| 4281 | unserem Gemeinwesen zugrunde liegenden Werte zu. Wir wissen, dass auch andere |
| 4282 | Religionen Werte vermitteln, die einen positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft ha- |
| 4283 | ben. Wir achten alle Religionszugehörigkeiten. Besondere Verantwortung tragen wir |
| 4284 | für die jüdischen Gemeinden als Teil unserer Kultur. Wir werden den Dialog mit den |
| 4285 | Kirchen, Glaubensgemeinschaften und religiösen Vereinigungen noch stärker betrei- |
| 4286 | ben. |
| 4287 | |
| 4288 | Fortsetzung der Deutschen Islam Konferenz |
| 4289 | |
| 4290 | Die Deutsche Islam Konferenz (DIK) hat dazu geführt, dass neben einem den reli- |
| 4291 | giösen Gemeinschaften vorbehaltenen interreligiösen Dialog ein Prozess der An- |
| 4292 | näherung muslimischer Bevölkerungsteile Deutschlands an das deutsche Religi- |
| 4293 | onsverfassungsrecht begonnen hat. Diesen Prozess gilt es zu befördern und da- |
| 4294 | her wollen wir die DIK als wichtigstes Forum zwischen dem deutschen Staat und |
| 4295 | den in Deutschland lebenden Muslimen fortsetzen. |
| 4296 | |
| 4297 | Geschichte und Kultur |
| 4298 | |
| 4299 | Deutschland ist eine europäische Kulturnation. Kunst und Kultur sind der Zukunftsmo- |
| 4300 | tor einer Gesellschaft. Zugleich prägt das reiche kulturelle Erbe, das aus der Vielfalt |
| 4301 | der Länder und Regionen in Deutschland resultiert, unsere nationale Identität. Das |
| 4302 | kulturelle Leben im ländlichen Raum ist ein wichtiger Bestandteil der Kulturnation |
| 4303 | Deutschland. Wir bekennen uns zur Freiheit der Kunst. Staat und Politik sind nicht für |
| 4304 | die Kunst, ihre Ausdrucksformen oder Inhalte zuständig, wohl aber für die Bedingun- |
| 4305 | gen, unter denen Kunst und Kultur gedeihen können. Wir müssen Menschen die |
| 4306 | Chance geben, sich durch ihre künstlerische Gestaltungskraft eine auch wirtschaftlich |
| 4307 | erfolgreiche Existenz zu schaffen und andere kulturell zu bereichern. |
| 4308 | |
| 4309 | Die Ausgaben des Bundes für die Kultur konnten in den vergangenen vier Jahren |
| 4310 | deutlich erhöht werden. Dazu stehen wir gerade auch in der Finanz- und Wirtschafts- |
| 4311 | krise. Kulturförderung ist keine Subvention, sondern eine unverzichtbare Investition in |
| 4312 | die Zukunft unserer Gesellschaft. |
| 4313 | |
| 4314 | Die Förderung von Investitionen im Rahmen des Programms "Förderung von In- |
| 4315 | vestitionen in nationale Weltkulturerbestätten" (UNESCO-Programm) bedarf einer |
| 4316 | besseren Abstimmung zwischen Bund und Ländern. |
| 4317 | |
| 4318 | Wir wollen die Rahmenbedingungen für private Kulturförderung durch Stiftungen, Mä- |
| 4319 | zenatentum und Sponsoring weiter verbessern und dazu bürokratische Hürden ab- |
| 4320 | bauen. |
| 4321 | |
| 4322 | Wir wollen gemeinsam mit den Ländern den Zugang zu kulturellen Angeboten unab- |
| 4323 | hängig von finanzieller Lage und sozialer Herkunft erleichtern und die Aktivitäten im |
| 4324 | Bereich der kulturellen Bildung verstärken; kulturelle Bildung ist auch ein Mittel der |
| 4325 | Integration. |
| 4326 | |
| 4327 | Die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft wird fortgeführt und weiter ausgebaut. Die |
| 4328 | Kulturstatistik wird fortgesetzt. |
| 4329 | |
| 4330 | Auch zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR und |
| 4331 | dem Fall von Mauer und Stacheldraht ist die Aufarbeitung der SED-Diktatur eine |
| 4332 | gesellschaftspolitische Herausforderung von weiterhin großer Bedeutung. |
| 4333 | |
| 4334 | Um der Verklärung der SED-Diktatur entgegenzuwirken, wird die Bundesregierung |
| 4335 | ihre Maßnahmen zur geschichtlichen Aufarbeitung verstärken. Die Bundesregie- |
| 4336 | rung wird im Laufe des Jahres 2010 dazu konkrete Vorschläge unterbreiten. |
| 4337 | |
| 4338 | Dazu sollen zählen: |
| 4339 | - die Einrichtung eines Arbeitsschwerpunkts "Aufarbeitung der SED-Diktatur" |
| 4340 | bei der Bundeszentrale für politische Bildung, |
| 4341 | - die Prüfung der Errichtung einer Jugend- und Begegnungsstätte zur Aufar- |
| 4342 | beitung der SED-Diktatur sowie der Schaffung eines koordinierenden Zeit- |
| 4343 | zeugenbüros unter Beteiligung der durch den Bund getragenen oder finan- |
| 4344 | zierten Institutionen, |
| 4345 | - die Fortführung der vom Bund geförderten Programme gegen Rechtsex- |
| 4346 | tremismus als "Extremismusbekämpfungsprogramme" unter Berücksichti- |
| 4347 | gung der Bekämpfung linksextremistischer und islamistischer Bestrebungen |
| 4348 | sowie die Erstellung eines Jahresberichts der Bundesregierung zur Aufar- |
| 4349 | beitung der SED-Diktatur. |
| 4350 | |
| 4351 | Wir werden eine Expertenkommission einsetzen, die die Entwicklung der Aufgaben, |
| 4352 | die der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der e- |
| 4353 | hemaligen DDR (BStU) gesetzlich zugewiesen sind, analysiert und Vorschläge |
| 4354 | macht, ob und in welcher Form diese mittel- und langfristig zu erfüllen sind. |
| 4355 | |
| 4356 | Die Aufarbeitung des NS-Terrors und der SED-Diktatur wird wie im Gedenkstätten- |
| 4357 | konzept des Bundes vorgesehen fortgesetzt und verstärkt. |
| 4358 | |
| 4359 | Wir werden den Beschluss des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 2000 um- |
| 4360 | setzen und im Sinne eines kollektiven Ausgleichs für homosexuelle NS-Opfer eine |
| 4361 | Magnus-Hirschfeld-Stiftung errichten. Sie soll durch interdisziplinäre Forschung |
| 4362 | und Bildung der Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen entgegenwir- |
| 4363 | ken. |
| 4364 | |
| 4365 | Die Förderung des kulturellen Erbes der Deutschen im östlichen Europa nach § 96 |
| 4366 | Bundesvertriebenengesetz wird fortgesetzt. Die Dokumentationsstätte "Stiftung |
| 4367 | Flucht, Vertreibung, Versöhnung" in Berlin wird entsprechend den gesetzlichen Vor- |
| 4368 | gaben eingerichtet. |
| 4369 | |
| 4370 | Wir werden die Einrichtung eines sudetendeutschen Museums in München unterstüt- |
| 4371 | zen. |
| 4372 | |
| 4373 | Der Bundestagsbeschluss zum Bau des Humboldt-Forums am historischen Ort |
| 4374 | und in der äußeren Gestalt des Berliner Stadtschlosses wird realisiert. |
| 4375 | |
| 4376 | Wir werden die Förderung des Bundes für den Denkmalschutz sowie die Förderung |
| 4377 | der Leuchtturmprojekte in den neuen Ländern fortsetzen. |
| 4378 | |
| 4379 | Gemeinsam mit den Ländern wollen wir ein nationales Bestandserhaltungskonzept |
| 4380 | für gefährdetes schriftliches Kulturgut erarbeiten. Zum verstärkten Schutz schriftlichen |
| 4381 | Kulturgutes wird eine Koordinierungsstelle eingerichtet. |
| 4382 | |
| 4383 | In der Unterstützung der Provenienzforschung gemäß des Washingtoner Abkom- |
| 4384 | mens sehen wir auch in der Zukunft eine Verpflichtung. |
| 4385 | |
| 4386 | Wir werden den Filmstandort Deutschland weiter stärken und deshalb den erfolgrei- |
| 4387 | chen Deutschen Filmförderfonds fortführen. Um eine nachhaltige Finanzierung des |
| 4388 | Kinofilms in Deutschland zu gewährleisten, erfolgt eine Überarbeitung des Filmför- |
| 4389 | dergesetzes sowie die stärkere Einbeziehung der KfW Bankengruppe in die Filmfi- |
| 4390 | nanzierung. In einer Gemeinschaftsaktion von Filmwirtschaft, Filmförderanstalt (FFA), |
| 4391 | Bund und Ländern soll schrittweise die flächendeckende Digitalisierung der Kinos |
| 4392 | erfolgen, um die kulturelle Vielfalt in Deutschland zu erhalten. Das nationale Filmerbe |
| 4393 | ist dauerhaft zu sichern. |
| 4394 | |
| 4395 | Vertriebene - Aussiedler - deutsche Minderheiten |
| 4396 | |
| 4397 | Wir bekennen uns zur besonderen Verantwortung für die Deutschen aus den |
| 4398 | Staaten in Mittelost- und Südosteuropa sowie aus den Nachfolgestaaten der Sow- |
| 4399 | jetunion, die als Aussiedler zu uns gekommen sind oder als deutsche Minderhei- |
| 4400 | ten in diesen Ländern leben. Wir sind der Überzeugung, dass die deutschen Min- |
| 4401 | derheiten wie auch die Vertriebenen und Aussiedler einen eigenständigen Beitrag |
| 4402 | leisten können, kulturelle und zivilgesellschaftliche Brücken zu den Ländern Mit- |
| 4403 | telost- und Südosteuropas sowie in einige Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu |
| 4404 | bauen. Wir werden daher die Förderung der deutschen Minderheiten fortsetzen. |
| 4405 | |
| 4406 | Schutz und Förderung von nationalen Minderheiten |
| 4407 | |
| 4408 | Die Erfahrungen langjähriger und kontinuierlicher Minderheitenpolitik im deutsch- |
| 4409 | dänischen Grenzraum zeigen die Bedeutung der Förderung nationaler Minderhei- |
| 4410 | ten für die Überwindung früherer zwischenstaatlicher Konflikte und für die Entwick- |
| 4411 | lung eines europäischen Identitätsbewusstseins, das die kulturelle Vielfalt europä- |
| 4412 | ischer Siedlungsgeschichte angemessen zum Ausdruck bringt. Das hierbei entwi- |
| 4413 | ckelte System gegenseitiger grenzüberschreitender Förderung der deutschen und |
| 4414 | der dänischen Minderheit bleibt daher eine selbstverständliche Aufgabe des Bun- |
| 4415 | des. Für die weitere Sicherstellung der Arbeiten des von Deutschland und Däne- |
| 4416 | mark gegründeten Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen (ECMI) in |
| 4417 | Flensburg werden wir die Zuwendungen erhöhen. Der Schutz und die Förderung |
| 4418 | aller vier anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland, die erheblich zur |
| 4419 | kulturellen Bereicherung unseres Landes beitragen, bleibt ebenso ein wichtiges |
| 4420 | Anliegen der Bundesregierung. |
| 4421 | |
| 4422 | Die Koalition bekennt sich zum Finanzierungsabkommen für die Stiftung für das |
| 4423 | sorbische Volk. |
| 4424 | |
| 4425 | Sport |
| 4426 | |
| 4427 | Wir wissen, dass Sport für die Aktivierung und den Zusammenhalt einer modernen |
| 4428 | Gesellschaft unverzichtbare Beiträge leistet und dass Deutschland auf großartige |
| 4429 | Traditionen und Leistungen im Sport verweisen kann, die es zu bewahren und zu |
| 4430 | entwickeln gilt. Deshalb werden wir unsere Aufgaben als Partner und Förderer des |
| 4431 | Sports mit besonderer Verantwortung wahrnehmen. Wir streben an, im Rahmen |
| 4432 | der Kompetenzen und Möglichkeiten des Bundes den Erhalt und Ausbau von |
| 4433 | Sportstätten in Deutschland weiter zu fördern. |
| 4434 | |
| 4435 | Spitzensportförderung |
| 4436 | |
| 4437 | Wir werden die finanzielle Förderung des Spitzensports in Deutschland auf hohem |
| 4438 | Niveau fortführen. Die Bemühungen, Spitzensportlerinnen und -sportlern mit Be- |
| 4439 | hinderung den Zugang zu einer "dualen Karriere" zu eröffnen, werden wir intensi- |
| 4440 | vieren. |
| 4441 | |
| 4442 | Bewerbung München 2018 |
| 4443 | |
| 4444 | Olympische und Paralympische Spiele sind herausragende Sportereignisse. Die |
| 4445 | Bewerbung der Stadt München um die Olympischen und Paralympischen Winter- |
| 4446 | spiele 2018 und, bei Zuschlag durch das IOC im Juli 2011, deren Ausrichtung, |
| 4447 | sind ein nationales Anliegen im gemeinsamen Interesse von Bund, Land und |
| 4448 | Kommunen und werden weiterhin gefördert und unterstützt. |
| 4449 | |
| 4450 | Anti-Doping-Politik |
| 4451 | |
| 4452 | Für das Selbstverständnis unserer Sportpolitik ist die Autonomie des Sports und |
| 4453 | seiner Verbände von zentraler Bedeutung. Wir wollen den Sport bei der Sicherung |
| 4454 | und Realisierung seiner Werte unterstützen. Im Mittelpunkt unserer Aufmerksam- |
| 4455 | keit steht dabei die konsequente Bekämpfung von Doping im Zusammenwirken |
| 4456 | von sportlichen Sanktionen und strafrechtlichen Verfolgungsmaßnahmen. Für uns |
| 4457 | ist nur dopingfreier Sport förderungswürdig. Wir werden den im Sommer 2009 zwi- |
| 4458 | schen Bund, Ländern, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der |
| 4459 | Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) verabschiedeten Nationalen Dopingprä- |
| 4460 | ventionsplan umsetzen. Die Forschung zur Bekämpfung des Dopings muss gezielt |
| 4461 | weiter gefördert werden. |
| 4462 | |
| 4463 | Ziele wie die Bekämpfung von Doping, die Einordnung der autonomen Sportbe- |
| 4464 | wegungen und ihrer Regeln in den europäischen Rechtsrahmen können vor allem |
| 4465 | in länderübergreifender Weise effektiv wahrgenommen werden. Wir werden des- |
| 4466 | halb die internationale sportpolitische Zusammenarbeit verstärken. |
| 4467 | |
| 4468 | IV. FREIHEIT UND SICHERHEIT |
| 4469 | Durch Bürgerrechte und starken Staat |
| 4470 | |
| 4471 | Wir bekennen uns zur Freiheit, zur Freiheit in Verantwortung und Sicherheit. Der |
| 4472 | Staat hat die Aufgabe, die unveräußerlichen Freiheiten jedes Einzelnen durch poli- |
| 4473 | tische, rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen umfassend zur Gel- |
| 4474 | tung zu bringen. Zugleich hat er mit seinem Gewaltmonopol Frieden und Sicher- |
| 4475 | heit zu gewährleisten. Dabei ist er rechtsstaatlichen Bindungen unterworfen, zu |
| 4476 | denen das Verbot unangemessener Grundrechtseingriffe zählt. Diese Prinzipien |
| 4477 | verwirklichen wir im Rahmen unserer föderalen Sicherheitsarchitektur. Dabei hat |
| 4478 | die konsequente Anwendung geltenden Rechts, eine gute Ausstattung der Sicher- |
| 4479 | heitsbehörden und die Beseitigung von Vollzugsdefiziten immer Vorrang vor der |
| 4480 | Erweiterung staatlicher Eingriffsbefugnisse. |
| 4481 | |
| 4482 | 1. Innere Sicherheit und Bürgerrechte |
| 4483 | |
| 4484 | Sicherheitsarchitektur |
| 4485 | |
| 4486 | Wir werden die Erfahrungen mit der neuen Struktur der Bundespolizei nutzen, um |
| 4487 | die Bundespolizei in ihren Kernkompetenzen zu stärken. Unsere derzeitige Betei- |
| 4488 | ligung an internationalen Polizeimissionen wollen wir im Rahmen der gemeinsa- |
| 4489 | men Einsätze von Bund und Ländern verstärken und auch die erforderlichen |
| 4490 | Rahmenbedingungen für den Einsatz der Bundespolizei als Instrument ziviler Kri- |
| 4491 | senprävention verbessern. |
| 4492 | |
| 4493 | Vor dem Hintergrund der Finanzkrise und ihrer finanziellen Folgelasten ist es ge- |
| 4494 | boten, mit vorhandenen Ressourcen mehr zu erreichen. Wir werden daher die be- |
| 4495 | stehenden Aufgaben und Zuständigkeiten der Sicherheitsbehörden in Bund und |
| 4496 | Ländern unter Wahrung der bewährten föderalen Sicherheitsarchitektur evaluie- |
| 4497 | ren. Dabei soll auch die Schnittstelle Zoll/Bundespolizei einbezogen werden. |
| 4498 | |
| 4499 | Wir halten am Trennungsgebot zwischen Polizei und Nachrichtendiensten fest. |
| 4500 | Die bestehenden Sicherheitsdateien werden wir unter Einbeziehung der Arbeit des |
| 4501 | Gemeinsamen Internetzentrums der deutschen Sicherheitsbehörden (GIZ), des |
| 4502 | Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ), des Gemeinsamen Analyse- |
| 4503 | und Strategiezentrums illegale Migration (GASIM) und des Kompetenz- und Servi- |
| 4504 | cezentrums Telekommunikationsüberwachung unter tatsächlichen und rechtlichen |
| 4505 | Aspekten evaluieren. |
| 4506 | |
| 4507 | Mit der späteren Zielsetzung des Aufbaus einer Nationalen Küstenwache wollen |
| 4508 | wir zunächst die Kompetenzen der gegenwärtig am Küstenschutz beteiligten Bun- |
| 4509 | desbehörden zusammenführen. |
| 4510 | |
| 4511 | BKA-Gesetz |
| 4512 | |
| 4513 | Wir sind uns mit dem Bundesverfassungsgericht einig, dass ein letzter unantast- |
| 4514 | barer Bereich menschlicher Freiheit besteht, der der Einwirkung der öffentlichen |
| 4515 | Gewalt entzogen ist. Zur besseren rechtsstaatlichen Flankierung der Maßnahmen |
| 4516 | des BKA im Rahmen der Gefahrenabwehr gegen den internationalen Terrorismus |
| 4517 | wollen wir Regelungen treffen, die den Schutz des Kernbereichs privater Lebens- |
| 4518 | gestaltung optimieren und das Maß an Grundrechtsschutz durch Verfahren erhö- |
| 4519 | hen. |
| 4520 | |
| 4521 | Daher werden wir auf Grundlage der verfassungsgerichtlichen Rechtsprechung |
| 4522 | das BKA-Gesetz daraufhin überprüfen, ob und inwieweit der Schutz des Kernbe- |
| 4523 | reichs privater Lebensgestaltung zu verbessern ist. |
| 4524 | |
| 4525 | Wir werden im Hinblick auf die Befugnis der Ton- und Bildaufzeichnung außerhalb |
| 4526 | von Wohnungen den Kernbereichsschutz verbessern. |
| 4527 | |
| 4528 | Für die Entscheidung über die Anordnung der verdeckten Ermittlungsmaßnahmen |
| 4529 | nach dem Abschnitt zur Gefahrenabwehr gegen den internationalen Terrorismus |
| 4530 | im BKA-Gesetz soll künftig ein Richter am Bundesgerichtshof durch Vermittlung |
| 4531 | des Generalbundesanwalts zuständig sein. Diese Zuständigkeit tritt an die Stelle |
| 4532 | der bisherigen Zuständigkeit des Amtsgerichts am Sitz des BKA. |
| 4533 | |
| 4534 | Ausbau der Sicherheitsforschung |
| 4535 | |
| 4536 | Wir bauen die Forschung für die zivile Sicherheit aus, um die Sicherheit von Bür- |
| 4537 | gern, Gütern und Infrastrukturen vor Terrorismus, organisierter Kriminalität sowie |
| 4538 | Natur- und Umweltkatastrophen zu schützen. Dabei wollen wir alle relevanten Ak- |
| 4539 | teure wie etwa Forschungseinrichtungen, Universitäten und Unternehmen in |
| 4540 | Deutschland anhören und internationale Entwicklungen beachten. |
| 4541 | |
| 4542 | Leistungsfähiger Bevölkerungsschutz |
| 4543 | |
| 4544 | Deutschland ist mit seinem Bevölkerungsschutz, der auf den Kompetenzen und |
| 4545 | Ressourcen des Bundes, der Länder, der Kommunen und Hilfsorganisationen |
| 4546 | aufbaut, gut aufgestellt. Wir werden das Technische Hilfswerk (THW) und das |
| 4547 | Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) auf der Basis |
| 4548 | einer den aktuellen Anforderungen entsprechenden Strategie als tragende Säulen |
| 4549 | eines modernen Bevölkerungsschutzes weiterentwickeln. Dabei werden wir die |
| 4550 | Analyse-, Risikobewertungs- und Prognosekompetenz verbessern. Durch eine |
| 4551 | offensivere und modernere Risiko- und Krisenkommunikation einschließlich von |
| 4552 | Warnmechanismen wollen wir zu einer gefahrenbewussteren Bevölkerung beitra- |
| 4553 | gen. |
| 4554 | |
| 4555 | Diejenigen, die sich in Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Rettungsdiensten und im |
| 4556 | THW aufopfernd und unentgeltlich für die Sicherheit ihrer Mitmenschen einsetzen, |
| 4557 | müssen dauerhaft unterstützt werden. Sie sind Vorbilder unserer Gesellschaft. |
| 4558 | |
| 4559 | Zuverlässigkeitsüberprüfung von Privatpiloten |
| 4560 | |
| 4561 | Wir wollen das Luftsicherheitsgesetz mit dem Ziel überprüfen, die Zuverlässig- |
| 4562 | keitsüberprüfung von Privatpiloten bei Gewährleistung eines gleichbleibenden Si- |
| 4563 | cherheitsniveaus auf ein angemessenes Maß zu reduzieren. |
| 4564 | |
| 4565 | Bekämpfung des politischen Extremismus |
| 4566 | |
| 4567 | Gewalttätige und extremistische Formen der politischen Auseinandersetzung |
| 4568 | nehmen wir nicht hin. Extremismen jeder Art, seien es Links- oder Rechtsextre- |
| 4569 | mismus, Antisemitismus oder Islamismus, treten wir entschlossen entgegen. Die |
| 4570 | Grundwerte der pluralen Gesellschaft, insbesondere die freie Entfaltung der Per- |
| 4571 | son, Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit, sind konstitutive Werte |
| 4572 | unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sie gilt es zu schützen und zu |
| 4573 | verteidigen. |
| 4574 | |
| 4575 | Die Ursachen von Extremismus wollen wir mit einem langfristigen Engagement |
| 4576 | und einer nachhaltigen Prävention bekämpfen. Aussteigerprogramme gegen Ex- |
| 4577 | tremismus werden wir weiterentwickeln, ihre Finanzierung sicherstellen und dabei |
| 4578 | Schwerpunkte in gefährdeten Regionen setzen. |
| 4579 | |
| 4580 | Die Aufgabenfelder des Fonds für Opfer rechtsextremistischer Gewalt sowie des |
| 4581 | Bündnisses für Demokratie und Toleranz sollen auf jede Form extremistischer |
| 4582 | Gewalt ausgeweitet werden. |
| 4583 | |
| 4584 | Waffenrecht |
| 4585 | |
| 4586 | Deutschland hat schon jetzt eines der strengsten Waffengesetze der Welt. Wir |
| 4587 | sind daher einig in der Einschätzung, dass es gegenwärtig keinen weiteren Ver- |
| 4588 | änderungsbedarf im Waffenrecht gibt. Im Rahmen der bis Ende 2011 zu evaluie- |
| 4589 | renden Wirksamkeit der getroffenen Regelungen zu sicheren Aufbewahrung und |
| 4590 | zum Schutz vor unberechtigtem Zugriff soll besonders darauf geachtet werden, ob |
| 4591 | es im praktischen Vollzug unzumutbare Belastungen für die Waffenbesitzer gege- |
| 4592 | ben hat. |
| 4593 | |
| 4594 | Terrorcamps |
| 4595 | |
| 4596 | Wir werden das Gesetz zur Verfolgung der Vorbereitung von schweren staatsge- |
| 4597 | fährdenden Gewalttaten zur Mitte der Legislaturperiode im Hinblick auf seine |
| 4598 | Wirksamkeit gegen die Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus evalu- |
| 4599 | ieren. |
| 4600 | |
| 4601 | Evaluation Telekommunikationsüberwachung |
| 4602 | |
| 4603 | Die Reform der Telekommunikationsüberwachung werden wir im Hinblick darauf |
| 4604 | evaluieren, ob deren Ziele erreicht wurden und welche Maßnahmen zur Optimie- |
| 4605 | rung ergriffen werden können. |
| 4606 | |
| 4607 | 2. Informations- und Mediengesellschaft |
| 4608 | |
| 4609 | Das Internet ist das freiheitlichste und effizienteste Informations- und Kommunika- |
| 4610 | tionsforum der Welt und trägt maßgeblich zur Entwicklung einer globalen Gemein- |
| 4611 | schaft bei. Die Informationsgesellschaft bietet neue Entfaltungsmöglichkeiten für |
| 4612 | jeden Einzelnen ebenso wie neue Chancen für die demokratische Weiterentwick- |
| 4613 | lung unseres Gemeinwesens sowie für die wirtschaftliche Betätigung. Neue Me- |
| 4614 | dien gehören längst zum Alltag einer stetig wachsenden Zahl von Menschen. |
| 4615 | Deutschland ist längst in der Informationsgesellschaft angekommen. |
| 4616 | |
| 4617 | Damit die Menschen an den neuen Chancen für Meinungs- und Informationsfrei- |
| 4618 | heit, Kommunikationsfreiheit sowie am wirtschaftlichen Leben im Internet teilhaben |
| 4619 | und die Chancen der Informationsgesellschaft nutzen können, müssen wir die |
| 4620 | Weichen stellen, um eine digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Allen |
| 4621 | Menschen Zugang zu neuen Medien zu erleichtern, ist uns dabei ein zentrales |
| 4622 | Anliegen, sowohl im Hinblick auf die Verfügbarkeit als auch auf Barrierefreiheit |
| 4623 | und Medienkompetenz. |
| 4624 | |
| 4625 | Wir werden die Anstrengungen fortsetzen, die Breitbandversorgung in Deutsch- |
| 4626 | land sowohl in der Fläche als auch in der Leistungsfähigkeit zu steigern. Die Nut- |
| 4627 | zung freiwerdender Frequenzen des Fernsehrundfunks soll dazu beitragen, kurz- |
| 4628 | fristig Versorgungslücken in der Fläche zu schließen. Der Staat wird soweit als |
| 4629 | möglich, Angebote auch in elektronischer Form bereitstellen. Ausschreibungen der |
| 4630 | Behörden sollen elektronisch bekannt gemacht werden. |
| 4631 | |
| 4632 | Wir werden unsere Politik auch daran ausrichten, die gesellschaftliche Verände- |
| 4633 | rung durch Internet und neue Medien positiv zu begleiten und die Lebenswirklich- |
| 4634 | keit der Mehrheit der Menschen in Deutschland zu berücksichtigen. Dabei werden |
| 4635 | wir Innovations- und Standortpolitik, Verwaltungsmodernisierung, Teilhabe von |
| 4636 | Bürgerinnen und Bürgern und zivilgesellschaftlichen Interessengruppen sowie Da- |
| 4637 | tenschutz und Netzsicherheit in unserer Politik verbinden. |
| 4638 | |
| 4639 | Wir vertrauen darauf, dass der bestehende Wettbewerb die neutrale Datenüber- |
| 4640 | mittlung im Internet und anderen neuen Medien (Netzneutralität) sicherstellt, wer- |
| 4641 | den die Entwicklung aber sorgfältig beobachten und nötigenfalls mit dem Ziel der |
| 4642 | Wahrung der Netzneutralität gegensteuern. |
| 4643 | |
| 4644 | Wir bekräftigen, dass Recht und Gesetz im Internet schon heute und in Zukunft |
| 4645 | ebenso gelten wie überall sonst. Daher werden wir für mehr Datenschutz sowie |
| 4646 | durch eine Stärkung der IT-Kompetenz und entsprechend ausgebildetes Personal |
| 4647 | bei den Sicherheitsbehörden für eine Verbesserung der Anwendung des gelten- |
| 4648 | den Rechts zur Verfolgung von Kriminalität im Internet sorgen. |
| 4649 | |
| 4650 | Wir werden dabei insbesondere unser Augenmerk auf Aufklärung legen. Die Sen- |
| 4651 | sibilität für den Schutz der eigenen Daten muss gestärkt, der Selbstdatenschutz |
| 4652 | erleichtert werden, um Datenmissbrauch vorzubeugen. Wir werden deshalb prü- |
| 4653 | fen, wie durch die Anpassung des Datenschutzrechts der Schutz personenbezo- |
| 4654 | gener Daten im Internet verbessert werden kann, erwarten dabei aber auch von |
| 4655 | jedem Einzelnen einen verantwortungsvollen Umgang mit seinen persönlichen |
| 4656 | Daten im Internet. |
| 4657 | |
| 4658 | Betrug und Identitätsdiebstahl im Internet müssen konsequent verfolgt werden und |
| 4659 | zugleich müssen Möglichkeiten der sicheren Kommunikation mehr in den Mittel- |
| 4660 | punkt gerückt werden. Kinder und Jugendliche werden wir durch konsequente |
| 4661 | Durchsetzung des geltenden Jugendschutzrechts vor ungeeigneten Inhalten |
| 4662 | schützen. |
| 4663 | |
| 4664 | Wir werden gemeinsam mit den Ländern Möglichkeiten der verbesserten Strafver- |
| 4665 | folgung in Kommunikationsnetzen wie z. B. Internetstreifen durch die Polizei, |
| 4666 | Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Kriminalität im Internet oder erleichterte e- |
| 4667 | lektronische Kontaktaufnahme mit der Polizei anstreben. Gleichermaßen werden |
| 4668 | wir uns auf internationaler Ebene für Lösungen stark machen, um Kinderporno- |
| 4669 | graphie sowie Kriminalität allgemein im Internet besser bekämpfen zu können. |
| 4670 | |
| 4671 | In der Informationsgesellschaft liegen große Chancen auch für die öffentliche |
| 4672 | Verwaltung. Wir werden daher E-Government weiter fördern und dazu wo und so- |
| 4673 | weit notwendig, rechtliche Regelungen anpassen (E-Government-Gesetz). Be- |
| 4674 | sonderes Augenmerk werden wir dabei auf die Schaffung der Voraussetzungen |
| 4675 | für sichere Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürgen sowie Unternehmen |
| 4676 | mit der Verwaltung legen. |
| 4677 | |
| 4678 | Die in der EU-Dienstleistungsrichtlinie vorgesehenen elektronischen Kommunika- |
| 4679 | tionsmöglichkeiten mit Behörden sehen wir als große Chance für einen Moderni- |
| 4680 | sierungsschub in der Verwaltung an. Wir werden so schnell als möglich die Vor- |
| 4681 | aussetzungen im Verwaltungsverfahrensrecht schaffen, um rechtsverbindliche |
| 4682 | elektronische Kommunikation im Verwaltungsverfahren zu gewährleisten. |
| 4683 | |
| 4684 | Dabei setzen wir mit Blick auf eine verbesserte Akzeptanz bei den Bürgerinnen |
| 4685 | und Bürgern auf die anwenderfreundliche Weiterentwicklung am Markt entwickel- |
| 4686 | ter sicherer elektronischer Kommunikation und Identifikation in neuen Medien. Da- |
| 4687 | bei kann der freiwillige Identitätsnachweis mit dem elektronischen Personalaus- |
| 4688 | weis eine Möglichkeit darstellen. |
| 4689 | |
| 4690 | Wir werden ein De-Mail-Gesetz verabschieden und dabei die Erfahrungen aus |
| 4691 | dem Pilotprojekt und die Stellungnahmen der Datenschutzbeauftragten des Bun- |
| 4692 | des und der Länder berücksichtigen. Hierdurch wollen wir den Unternehmen die |
| 4693 | Möglichkeit geben, Geschäftsprozesse elektronisch abzuwickeln. |
| 4694 | |
| 4695 | Bei eGovernment-Projekten sind Datenschutz und Datensparsamkeit wichtige Be- |
| 4696 | standteile jedes Vorhabens. |
| 4697 | |
| 4698 | Die Informationstechnik des Bundes bedarf der Konzentration, Standardisierung |
| 4699 | und Effizienzsteigerung sowie Bündelung vorhandener Ressourcen. Wir werden |
| 4700 | hierzu den Beauftragten der Bundesregierung für Informationstechnik stärken. Wir |
| 4701 | prüfen, wie die IT des Bundes sich zukünftig an offenen Standards orientieren und |
| 4702 | dabei auch Open-Source-Lösungen berücksichtigen kann. |
| 4703 | |
| 4704 | Wir werden uns für eine Stärkung der IT-Sicherheit im öffentlichen und nicht- |
| 4705 | öffentlichen Bereich einsetzen, um vor allem kritische IT-Systeme vor Angriffen zu |
| 4706 | schützen. Hierzu wollen wir insbesondere durch Aufklärung und Sensibilisierung |
| 4707 | der Öffentlichkeit die Menschen zu mehr Selbstschutz und die Nutzung sicherer |
| 4708 | IT-Produkte anzuregen. Da Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik |
| 4709 | werden wir mit dieser Zielrichtung stärken. |
| 4710 | |
| 4711 | Die Risiken der Digitalisierung, die es ermöglicht, quasi auf Knopfdruck Daten zu- |
| 4712 | sammenzuführen und durch die Auswertung digitaler Spuren umfassende Persön- |
| 4713 | lichkeitsprofile zu bilden, dürfen nicht durch staatliches Handeln verstärkt werden. |
| 4714 | Wir werden daher das vom Bundesverfassungsgericht formulierte Recht auf die |
| 4715 | Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme |
| 4716 | bei der gesetzlichen Ausgestaltung der IT beachten. Wir lehnen eine generelle |
| 4717 | Überwachung des Internetdatenverkehrs ab. |
| 4718 | |
| 4719 | Eine vertrauenswürdige, leistungsfähige und sichere Informations- und Kommuni- |
| 4720 | kationstechnik ist für unser Hochtechnologieland und den Wirtschaftsstandort |
| 4721 | Deutschland unverzichtbar. Wir werden die IT gegen innere und äußere Gefahren |
| 4722 | schützen, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und administrative Handlungs- |
| 4723 | fähigkeit zu erhalten. |
| 4724 | |
| 4725 | Daher werden wir ein besonderes Augenmerk auf die Abwehr von IT-Angriffen |
| 4726 | richten und hierfür Kompetenzen in der Bundesverwaltung beim Beauftragten der |
| 4727 | Bundesregierung für Informationstechnik bündeln. Zu seiner Unterstützung wer- |
| 4728 | den wir das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik als zentrale Cy- |
| 4729 | ber-Sicherheitsbehörde weiter ausbauen, um insbesondere auch die Abwehr von |
| 4730 | IT-Angriffen koordinieren zu können. |
| 4731 | |
| 4732 | Dabei werden wir auch eng mit der Internet- und Kommunikationswirtschaft zu- |
| 4733 | sammenarbeiten. Wir werden die Haftung von System- und Diensteanbietern für |
| 4734 | die IT-Sicherheit ihrer Angebote anpassen, um einer unbilligen Abwälzung von IT- |
| 4735 | Risiken auf die Endanwender vorzubeugen. |
| 4736 | |
| 4737 | Der energieeffiziente Einsatz von IT ist ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des |
| 4738 | Klimawandels. Wir werden daher bei allen IT-Vorhaben des Bundes verantwor- |
| 4739 | tungsbewusst mit den natürlichen Ressourcen umgehen und den durch den IT- |
| 4740 | Betrieb verursachten Energieverbrauch in der Bundesverwaltung reduzieren. Wir |
| 4741 | wollen die enormen Chancen der Informations- und Kommunikationstechnologie |
| 4742 | für Wirtschaft und Gesellschaft nutzen. Dazu werden wir die IKT-Forschung stär- |
| 4743 | ken. Wir werden eine Strategie im Bereich der IKT und digitalen Medien entwer- |
| 4744 | fen. |
| 4745 | |
| 4746 | Wir werden die Regelungen zur Verantwortlichkeit im Telemediengesetz fortentwi- |
| 4747 | ckeln. Es gilt auch zukünftig einen fairen Ausgleich der berechtigten Interessen |
| 4748 | der Diensteanbieter, der Rechteinhaber und der Verbraucher zu gewährleisten. |
| 4749 | |
| 4750 | Die Fähigkeit zur Integration von IKT in Produkte und Prozesse ist für die deut- |
| 4751 | sche Wirtschaft in allen Branchen von strategischer Bedeutung. Wir werden die |
| 4752 | Potentiale der IKT bei der Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen Ge- |
| 4753 | sundheit, Energieeffizienz / Klimaschutz, Sicherheit und Mobilität konsequent ein- |
| 4754 | setzen. Wir werden das Internet der Zukunft und die Telemedien auf der Basis |
| 4755 | unseres Rechts- und Wertesystems weiter ausgestalten. Technische und rechtli- |
| 4756 | che Aspekte werden so frühzeitig zusammengebracht, dass Informationsfreiheit |
| 4757 | und Schutz vor rechtswidrigen Inhalten gleichermaßen berücksichtigt werden. |
| 4758 | |
| 4759 | Urheberrecht |
| 4760 | |
| 4761 | Das Urheberrecht hat in der modernden Medien- und Informationsgesellschaft |
| 4762 | eine Schlüsselfunktion. Wir werden das Urheberrecht deshalb entschlossen wei- |
| 4763 | terentwickeln, mit dem Ziel ein hohes Schutzniveau und eine wirksame Durch- |
| 4764 | setzbarkeit des Urheberrechts zu gewährleisten. Um dieses Ziel zu erreichen, |
| 4765 | werden wir zügig die Arbeit an einem Dritten Gesetz zur Regelung des Urheber- |
| 4766 | rechts in der Informationsgesellschaft ("Dritter Korb") aufnehmen. |
| 4767 | |
| 4768 | Das Internet darf kein urheberrechtsfreier Raum sein. Wir werden deshalb unter |
| 4769 | Wahrung des Datenschutzes bessere und wirksame Instrumente zur konsequen- |
| 4770 | ten Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen im Internet schaffen. Dabei wol- |
| 4771 | len wir Möglichkeiten der Selbstregulierung unter Beteiligung von Rechteinhabern |
| 4772 | und Internetserviceprovidern fördern. Wir werden keine Initiativen für gesetzliche |
| 4773 | Internetsperren bei Urheberrechtsverletzungen ergreifen. |
| 4774 | |
| 4775 | Verlage sollen im Online-Bereich nicht schlechter gestellt sein als andere Werk- |
| 4776 | vermittler. Wir streben deshalb die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für |
| 4777 | Presseverlage zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Inter- |
| 4778 | net an. |
| 4779 | |
| 4780 | Das System der Rechtewahrnehmung durch Verwertungsgesellschaften mit effi- |
| 4781 | zienten und transparenten Strukturen hat sich bewährt. Wir wollen, dass die euro- |
| 4782 | paweite Lizenzierung durch Verwertungsgesellschaften in Bezug auf Online- |
| 4783 | Nutzungen erleichtert wird. Wir werden uns deshalb für die Schaffung eines euro- |
| 4784 | päischen Wahrnehmungsrechts einsetzen. |
| 4785 | |
| 4786 | Der Schutz durch das Urheberrecht ist eine notwendige Voraussetzung für die |
| 4787 | Schaffung und für die Verwertung kreativer Leistungen. Wir wollen deshalb Maß- |
| 4788 | nahmen unterstützen, die das gesellschaftliche Verständnis für die Bedeutung des |
| 4789 | Urheberrechts und den Respekt vor fremdem geistigem Eigentum fördern. |
| 4790 | |
| 4791 | Wir setzen uns für die Schaffung eines europäischen Rechtsrahmens für die Verwer- |
| 4792 | tungsgesellschaften ein, der eine transparente und europaweite Lizenzierung ge- |
| 4793 | währleistet und die kulturelle Vielfalt schützt. |
| 4794 | |
| 4795 | Schnelles Internet für ganz Deutschland |
| 4796 | |
| 4797 | Eine flächendeckende Breitbandversorgung gehört für uns zur Daseinsvorsorge. |
| 4798 | Moderne Kommunikationsnetze schaffen verstärkten Zugang zu Informationen |
| 4799 | und damit mehr wirtschaftliches Wachstum und Lebensqualität. Für die Entwick- |
| 4800 | lung von Industrienationen sind sie daher entscheidend. Wettbewerb, Regulierung |
| 4801 | und Kooperation sind die maßgeblichen Säulen für eine zügige Umsetzung der |
| 4802 | Breitbandstrategie. |
| 4803 | |
| 4804 | Um die bislang noch nicht versorgten ländlichen Gebiete Deutschlands flächende- |
| 4805 | ckend mit leistungsfähigem Breitband zu erschließen und gleichzeitig den Ausbau |
| 4806 | von Hochgeschwindigkeitsnetzen zu beschleunigen, werden wir folgende Maß- |
| 4807 | nahmen ergreifen: |
| 4808 | - Wir werden rasch ein Monitoring zum Umsetzungsstand der Breitbandstrategie |
| 4809 | einleiten und im Lichte des bisher Erreichten alle Möglichkeiten unter Einbe- |
| 4810 | ziehung investitionsfreundlicher Regulierungsinstrumente ausschöpfen, um die |
| 4811 | Ziele einer flächendeckenden und hochleistungsfähigen Breitbandversorgung |
| 4812 | in einem nachhaltig wettbewerblichen Umfeld und im Technologiemix zu errei- |
| 4813 | chen und Synergien beim Infrastrukturaufbau bestmöglich zu nutzen. |
| 4814 | - Wir werden den neuen EU-Rechtsrahmen im Telekommunikationsgesetz rasch |
| 4815 | innovations- und investitionsfreundlich umsetzen und so die Breitbandstrategie |
| 4816 | unterstützen. Dabei werden wir den EU-Rechtsrahmen fortlaufend überprüfen. |
| 4817 | - Wir werden die Maßnahmen von Bund und Ländern für den Breitbandausbau |
| 4818 | enger miteinander verzahnen. Zusammen mit den Ländern werden wir den von |
| 4819 | der EU-Kommission eröffneten und künftigen Rahmen für eine Breitbandförde- |
| 4820 | rung praxistauglich und unbürokratisch umsetzen. |
| 4821 | - Wir werden alle möglichen Synergien beim Infrastrukturausbau für Breitband |
| 4822 | nutzen und dabei auch neue planungsrechtliche Instrumente zur schnellen |
| 4823 | Umsetzung prüfen. |
| 4824 | - Wir werden uns in einem branchenübergreifenden Dialog, insbesondere unter |
| 4825 | Einbindung der Energienetzbetreiber, für verstärkte Anstrengungen beim Auf- |
| 4826 | bau von hochleistungsfähigen Breitbandnetzen engagieren. |
| 4827 | - Die Frequenzen werden jetzt zügig versteigert, damit in ländlichen Gebieten |
| 4828 | rasch und kostengünstig eine Breitbandversorgung gewährleistet werden kann. |
| 4829 | |
| 4830 | Internetsperren |
| 4831 | |
| 4832 | Die Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornographie ist für uns von |
| 4833 | herausragender Bedeutung. Kinderpornographische Angebote in Kommunikati- |
| 4834 | onsnetzen müssen mit aller Kraft bekämpft werden. Die dauerhafte wirksame Be- |
| 4835 | kämpfung des Missbrauchs von Kindern ist politische Verantwortung und rechts- |
| 4836 | staatliches Gebot zugleich. |
| 4837 | |
| 4838 | Wir sind uns darüber einig, dass es notwendig ist, derartige kriminelle Angebote |
| 4839 | schnellstmöglich zu löschen statt diese zu sperren. Wir werden daher zunächst für |
| 4840 | ein Jahr kinderpornographische Inhalte auf der Grundlage des Zugangserschwe- |
| 4841 | rungsgesetzes nicht sperren. Stattdessen werden die Polizeibehörden in enger |
| 4842 | Zusammenarbeit mit den Selbstregulierungskräften der Internetwirtschaft wie der |
| 4843 | deutschen Internetbeschwerdestelle sowie dem Providernetzwerk INHOPE die |
| 4844 | Löschung kinderpornographischer Seiten betreiben. |
| 4845 | |
| 4846 | Nach einem Jahr werden wir dies im Hinblick auf Erfolg und Wirksamkeit evaluie- |
| 4847 | ren und aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse ergebnisoffen eine Neubewer- |
| 4848 | tung vornehmen. Vor Abschluss der Neubewertung werden weder nach dem Zu- |
| 4849 | gangserschwerungsgesetz noch auf Grundlage der zwischen den Providern und |
| 4850 | BKA abgeschlossenen Verträgen über Internetsperren Sperrlisten des BKA ge- |
| 4851 | führt oder Providern übermittelt. |
| 4852 | |
| 4853 | Dynamische Dienstleistungen |
| 4854 | |
| 4855 | Die Medien- und Kommunikationsordnung muss gemeinsam mit den Ländern weiter |
| 4856 | an die veränderten technischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst wer- |
| 4857 | den. Wir unterstützen die Bemühungen der Länder, die Finanzierung des öffentlich- |
| 4858 | rechtlichen Rundfunks auf eine zukunftsfähige Grundlage zu stellen. |
| 4859 | |
| 4860 | Im Interesse der Erhaltung der Meinungs- und Pressevielfalt sind das Medienkon- |
| 4861 | zentrations- und das Pressekartellrecht zu überprüfen. Das Presse-Grosso bleibt ein |
| 4862 | unverzichtbarer Teil unserer Medienordnung. |
| 4863 | |
| 4864 | 3. Datenschutz |
| 4865 | |
| 4866 | Ein moderner Datenschutz ist gerade in der heutigen Informationsgesellschaft von |
| 4867 | besonderer Bedeutung. Wir wollen ein hohes Datenschutzniveau. Die Grundsätze |
| 4868 | der Verhältnismäßigkeit, der Datensicherheit und -sparsamkeit, der Zweckbindung |
| 4869 | und der Transparenz wollen wir im öffentlichen und privaten Bereich noch stärker |
| 4870 | zur Geltung bringen. Hierzu werden wir das Bundesdatenschutzgesetz unter Be- |
| 4871 | rücksichtigung der europäischen Rechtsentwicklung lesbarer und verständlicher |
| 4872 | machen sowie zukunftsfest und technikneutral ausgestalten. Die Einwilligung ist |
| 4873 | eine wesentliche Säule des informationellen Selbstbestimmungsrechts. Ziel der |
| 4874 | Reform muss daher auch sein, verbesserte Rahmenbedingungen für informierte |
| 4875 | und freie Einwilligungen zu schaffen. Dazu sollen Informationspflichten erweitert |
| 4876 | und der Freiwilligkeit der Einwilligung größere Bedeutung beigemessen werden. |
| 4877 | |
| 4878 | Darüber hinaus werden wir eine Stiftung Datenschutz errichten, die den Auftrag |
| 4879 | hat, Produkte und Dienstleistungen auf Datenschutzfreundlichkeit zu prüfen, Bil- |
| 4880 | dung im Bereich des Datenschutzes zu stärken, den Selbstdatenschutz durch |
| 4881 | Aufklärung zu verbessern und ein Datenschutzaudit zu entwickeln. Wir sind über- |
| 4882 | zeugt, dass mit dieser Lösung auch der Technologiestandort Deutschland gestärkt |
| 4883 | wird, wenn datenschutzfreundliche Technik aus Deutschland mit geprüfter Qualität |
| 4884 | weltweit vertrieben werden kann. |
| 4885 | |
| 4886 | Wir werden beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informations- |
| 4887 | freiheit die personelle und sächliche Ausstattung verbessern. Die Unabhängigkeit |
| 4888 | der Datenschutzaufsicht steht für uns dabei im Mittelpunkt. |
| 4889 | |
| 4890 | Auch der Einzelne trägt Verantwortung für seine persönlichen Daten. Wir wollen |
| 4891 | deshalb die Sensibilität und Selbstverantwortung der Bürgerinnen und Bürger für |
| 4892 | ihre eigenen Daten stärken. |
| 4893 | |
| 4894 | Vorratsdatenspeicherung |
| 4895 | |
| 4896 | Wir werden den Zugriff der Bundesbehörden auf die gespeicherten Vorratsdaten |
| 4897 | der Telekommunikationsunternehmen bis zur Entscheidung des Bundesverfas- |
| 4898 | sungsgerichts über die Verfassungsmäßigkeit der Vorratsdatenspeicherung aus- |
| 4899 | setzen und bis dahin auf Zugriffe zur Abwehr einer konkreten Gefahr für Leib, Le- |
| 4900 | ben und Freiheit beschränken. |
| 4901 | |
| 4902 | Arbeitnehmerdatenschutz |
| 4903 | |
| 4904 | Privatheit ist der Kern persönlicher Freiheit. Wir setzen uns für eine Verbesserung |
| 4905 | des Arbeitnehmerdatenschutzes ein und wollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter |
| 4906 | vor Bespitzelungen an ihrem Arbeitsplatz wirksam schützen. Es dürfen nur solche |
| 4907 | Daten verarbeitet werden, die für das Arbeitsverhältnis erforderlich sind. Daten- |
| 4908 | verarbeitungen, die sich beispielsweise auf für das Arbeitsverhältnis nicht relevan- |
| 4909 | tes außerdienstliches Verhalten oder auf nicht dienstrelevante Gesundheitszu- |
| 4910 | stände beziehen, müssen zukünftig ausgeschlossen sein. Es sollen praxisgerech- |
| 4911 | te Regelungen für Bewerber und Arbeitnehmer geschaffen und gleichzeitig Arbeit- |
| 4912 | gebern eine verlässliche Regelung für den Kampf gegen Korruption an die Hand |
| 4913 | gegeben werden. Hierzu werden wir den Arbeitnehmerdatenschutz in einem eige- |
| 4914 | nen Kapitel im Bundesdatenschutzgesetz ausgestalten. |
| 4915 | |
| 4916 | Fluggastdaten |
| 4917 | |
| 4918 | Für den Fall eines EU-Rechtsakts über die Verwendung von Fluggastdatensätze |
| 4919 | (PNR-Daten) kann das Abkommen zwischen der EU und den USA wegen der un- |
| 4920 | terschiedlichen Rahmenbedingungen nicht als Maßstab dienen. Wir streben an, in |
| 4921 | den Verhandlungen auf EU-Ebene ein höheres Datenschutzniveau zu vereinba- |
| 4922 | ren. |
| 4923 | SWIFT-Abkommen |
| 4924 | |
| 4925 | Bei den Verhandlungen zum SWIFT-Abkommen werden wir uns für ein hohes Da- |
| 4926 | tenschutzniveau (strikte Zweckbindung, Löschung der Daten, klare Regelungen |
| 4927 | bezüglich Weitergabe an Drittstaaten) und einen effektiven Rechtsschutz einset- |
| 4928 | zen. Ein automatisierter Zugriff auf SWIFT von außen ist auszuschließen. Die Ü- |
| 4929 | bermittlung der Daten wird an Tatbestandsvoraussetzungen geknüpft und auf- |
| 4930 | grund einer Bedrohungs- und Gefährdungsanalyse eingegrenzt. Die Menge der zu |
| 4931 | übermittelnden Daten ist möglichst gering zu halten. Das Abkommen ist unter Ra- |
| 4932 | tifizierungsvorbehalt zu stellen. |
| 4933 | |
| 4934 | 4. Rechtspolitik |
| 4935 | |
| 4936 | Verstärkter Schutz von Berufsgeheimnisträgern |
| 4937 | |
| 4938 | In § 160a StPO gibt es derzeit eine Differenzierung nach verschiedenen Berufs- |
| 4939 | geheimnisträgern. Diese beseitigen wir im Bereich der Anwälte, die wir als einheit- |
| 4940 | liches Organ der Rechtspflege betrachten. Im Übrigen werden wir gemeinsam prü- |
| 4941 | fen, ob die Einbeziehung weiterer Berufsgeheimnisträger in den absoluten Schutz |
| 4942 | des § 160a Absatz 1 StPO angezeigt und im Hinblick auf die Durchsetzung des |
| 4943 | Strafverfolgungsanspruches des Staates vertretbar ist. |
| 4944 | |
| 4945 | Kronzeugenregelung |
| 4946 | |
| 4947 | Wir wollen die Kronzeugenregelung im Strafgesetzbuch so ausgestalten, dass die |
| 4948 | Möglichkeit der Strafmilderung nur dann eröffnet werden kann, wenn die Offenba- |
| 4949 | rung des Täters im Zusammenhang mit seiner eigenen Straftat steht. |
| 4950 | |
| 4951 | Sicherungsverwahrung |
| 4952 | |
| 4953 | Wir wollen eine Harmonisierung der gesetzlichen Anordnungsvoraussetzungen |
| 4954 | der Sicherungsverwahrung im Strafgesetzbuch, die rechtsstaatlich und europa- |
| 4955 | rechtskonform ist. Dabei wollen wir Schutzlücken im geltenden Recht, wie sie bei |
| 4956 | Strafverfahren in jüngster Zeit aufgetreten sind, schließen. Bei der gesetzlichen |
| 4957 | Regelung werden wir darauf achten, dass die Sicherungsverwahrung unter Be- |
| 4958 | rücksichtigung des notwendigen Schutzes der Bevölkerung ihren Ausnahmecha- |
| 4959 | rakter behält und auf schwerste Fälle beschränkt bleibt. |
| 4960 | |
| 4961 | Pressefreiheit |
| 4962 | |
| 4963 | Wir stärken die Pressefreiheit. Dazu werden wir insbesondere im Strafgesetzbuch |
| 4964 | sicherstellen, dass sich Journalisten künftig nicht mehr der Beihilfe zur Verletzung |
| 4965 | eines Dienstgeheimnisses strafbar machen, wenn sie ihnen vertraulich zugeleite- |
| 4966 | tes Material veröffentlichen. Darüber hinaus stärken wir den Beschlagnahme- |
| 4967 | schutz für Journalisten. Künftig wird eine Beschlagnahme nur noch bei einem |
| 4968 | dringenden Tatverdacht gegen den Journalisten möglich sein. |
| 4969 | |
| 4970 | Bekämpfung von Menschenhandels und Zwangsverheiratung |
| 4971 | |
| 4972 | Wir wollen die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Opfer von Menschenhandel |
| 4973 | und Zwangsverheiratung verbessern. Zwangsverheiratung ist eine Verletzung un- |
| 4974 | seres freiheitlich-demokratischen Werteverständnisses und eine eklatante Men- |
| 4975 | schenrechtsverletzung. Im Kampf gegen Zwangsehen werden wir einen eigen- |
| 4976 | ständigen Straftatbestand für Zwangsheirat einführen. Die zivil- und aufenthalts- |
| 4977 | rechtlichen Nachteile aus solchen Straftaten werden wir unter dem Gesichtspunkt |
| 4978 | des Opferschutzes beseitigen (insbesondere Rückkehrrecht) und die Beratungs-, |
| 4979 | Betreuungs- und Schutzangebote verbessern. |
| 4980 | |
| 4981 | § 153 a StPO - Verfahrenseinstellung |
| 4982 | |
| 4983 | Wir werden die Möglichkeit der Einstellung eines Strafverfahrens unter Auflagen nach |
| 4984 | § 153 a StPO auch auf die Revisionsinstanz ausweiten. |
| 4985 | |
| 4986 | Sterbehilfe |
| 4987 | |
| 4988 | Die gewerbsmäßige Vermittlung von Gelegenheiten zur Selbsttötung werden wir |
| 4989 | unter Strafe stellen. |
| 4990 | |
| 4991 | Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte |
| 4992 | |
| 4993 | Polizeibeamte und andere Personen, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen, wer- |
| 4994 | den immer häufiger Ziel brutaler gewalttätiger Angriffe. Wir wollen ihren strafrecht- |
| 4995 | lichen Schutz - insbesondere durch eine Neufassung des § 113 Abs. 2 StGB - |
| 4996 | verbessern. |
| 4997 | |
| 4998 | Änderungen im Wiederaufnahmerecht |
| 4999 | |
| 5000 | Wir prüfen, inwieweit bei schwersten Verbrechen (Mord, Völkermord) eine Wie- |
| 5001 | deraufnahme im Strafverfahren zu Ungunsten des Angeklagten in solchen Fällen |
| 5002 | verfassungsrechtlich möglich ist, in denen aufgrund neuer wissenschaftlicher Un- |
| 5003 | tersuchungsmethoden (DNA-Analyse) nachträglich der Nachweis der Täterschaft |
| 5004 | geführt werden kann. |
| 5005 | |
| 5006 | Erscheinenspflicht von Zeugen vor der Polizei |
| 5007 | |
| 5008 | Wir werden eine gesetzliche Verpflichtung schaffen, wonach Zeugen im Ermitt- |
| 5009 | lungsverfahren nicht nur vor dem Richter und dem Staatsanwalt, sondern auch vor |
| 5010 | der Polizei erscheinen und - unbeschadet gesetzlicher Zeugenrechte - zur Sache |
| 5011 | aussagen müssen. |
| 5012 | |
| 5013 | Reform des Transsexuellenrechts |
| 5014 | |
| 5015 | Das geltende Transsexuellengesetz ist in seinen wesentlichen Grundzügen inzwi- |
| 5016 | schen fast dreißig Jahre alt. Es entspricht nicht mehr in jeder Hinsicht aktuellen |
| 5017 | medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir werden das Transsexuellen- |
| 5018 | gesetz deshalb unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Bundesverfas- |
| 5019 | sungsgerichts auf eine neue zeitgemäße Grundlage stellen, um den betroffenen |
| 5020 | Menschen ein freies und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. |
| 5021 | |
| 5022 | Enteignungen in der SBZ (1945-49) |
| 5023 | |
| 5024 | Wir werden eine Arbeitsgruppe bilden, die im Hinblick auf die Enteignungen in der |
| 5025 | SBZ von 1945 bis 1949 prüfen soll, ob es noch Möglichkeiten gibt, Grundstücke, |
| 5026 | die sich im Eigentum der öffentlichen Hand befinden, den Betroffenen zum bevor- |
| 5027 | zugten Erwerb anzubieten. |
| 5028 | |
| 5029 | Europäische Privatgesellschaft / Rechtsexport |
| 5030 | |
| 5031 | Die Schaffung eines Statuts für eine Europäische Privatgesellschaft fördern wir im |
| 5032 | Interesse mittelständischer Unternehmen. Der grenzüberschreitender Charakter |
| 5033 | und Gläubigerschutzvorschriften, wie ein ausreichendes Mindeststammkapital, |
| 5034 | werden berücksichtigt. |
| 5035 | Die deutsche Rechtsordnung ist ein internationaler Standortvorteil der Bundesre- |
| 5036 | publik. Wir wollen deren Vorzüge, auch gegenüber den anglo-amerikanischen |
| 5037 | Rechtsordnungen, auf internationaler Ebene deutlich herausstellen. Dabei kann |
| 5038 | die Stiftung für internationale rechtliche Zusammenarbeit hilfreich sein. |
| 5039 | |
| 5040 | Europäisches Vertragsrecht |
| 5041 | |
| 5042 | Wir lehnen die Schaffung eines einheitlichen europäischen Vertragsrechts ab. Das |
| 5043 | Grundprinzip der Rechtswahlfreiheit darf in Europa nicht aufgegeben werden. Um |
| 5044 | Rechtssicherheit für die Bürgerinnen und Bürger zu schaffen, brauchen wir ver- |
| 5045 | lässliche Rahmenbedingungen für grenzüberschreitende Sachverhalte, insbeson- |
| 5046 | dere im Familien- und Erbrecht. Die Einführung von Sammelklagen national und |
| 5047 | europaweit lehnen wir ab. |
| 5048 | |
| 5049 | Schutz des geistigen Eigentums |
| 5050 | |
| 5051 | Innovationen und Erfindungen sind für die volkswirtschaftliche Entwicklung unsres |
| 5052 | an Rohstoffen armen Landes, für die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres |
| 5053 | Landes und für den Schutz von Arbeitsplätzen in Deutschland von zentraler Be- |
| 5054 | deutung. Wir wollen deshalb den rechtlichen Rahmen für einen wirksamen Schutz |
| 5055 | des geistigen Eigentums durch Patente, Marken und Muster weiter stärken und |
| 5056 | den Zugang zu Schutzrechten für den Mittelstand erleichtern. Wir werden uns |
| 5057 | auch auf europäischer und internationaler Ebene für wirksame Maßnahmen gegen |
| 5058 | die weltweite Marken- und Produktpiraterie einsetzen. |
| 5059 | |
| 5060 | Juristenausbildung |
| 5061 | |
| 5062 | Der Bologna-Prozess stellt die Juristenausbildung in Deutschland vor besondere |
| 5063 | Probleme. Der hohe Qualitätsstandard der Ausbildung, wissenschaftliche Tiefe, |
| 5064 | thematische Vielfalt und Praxisorientierung müssen auch künftig Maßstab für die |
| 5065 | Studienabschlüsse sein. |
| 5066 | |
| 5067 | Mietrecht |
| 5068 | |
| 5069 | Wir wollen das Mietrecht auf seine Ausgewogenheit hin überprüfen und dabei sei- |
| 5070 | nen sozialen Charakter wahren. Wir wollen klima- und umweltfreundliche Sanie- |
| 5071 | rungen erleichtern und dabei die freie Entscheidung des Vermieters beibehalten. |
| 5072 | Baumaßnahmen, die diesem Zweck dienen, sind zu dulden und berechtigen nicht |
| 5073 | zur Mietminderung. Mietnomadentum sowie Luxussanierungen zum Zwecke der |
| 5074 | Entmietung werden wir wirksam begegnen. Die Kündigungsfristen für Vermieter |
| 5075 | und Mieter sollen einheitlich sein. Mietrechtliche Ansprüche müssen auch wirksam |
| 5076 | vollstreckt werden können. Zweckgebundene staatliche Transferleistungen zu den |
| 5077 | Wohnkosten müssen auch tatsächlich den Vermieter erreichen. |
| 5078 | |
| 5079 | Prozesskosten- und Beratungshilferecht |
| 5080 | |
| 5081 | Wir werden prüfen, inwieweit das Prozesskostenhilfe- und Beratungshilferecht re- |
| 5082 | formiert werden kann, insbesondere mit dem Ziel, der missbräuchlichen Inan- |
| 5083 | spruchnahme entgegen zu wirken. Dabei werden wir sicherstellen, dass der Zu- |
| 5084 | gang zum Recht auch künftig allen Bürgerinnen und Bürgern unabhängig von Ein- |
| 5085 | künften und Vermögen eröffnet ist. |
| 5086 | |
| 5087 | Untersuchungsausschussrecht |
| 5088 | |
| 5089 | Wir sind uns einig, Überlegungen zur Reform des Gesetzes zur Regelung des |
| 5090 | Rechts der Untersuchungsausschüsse des Deutschen Bundestags aufzugreifen. |
| 5091 | |
| 5092 | Grundgesetz-Änderungen |
| 5093 | |
| 5094 | Die Koalition wird Gespräche über etwaige Änderungen des Grundgesetzes mit |
| 5095 | den anderen Fraktionen im Deutschen Bundestag sowie den Ländern aufnehmen. |
| 5096 | |
| 5097 | 5. Moderner Staat |
| 5098 | |
| 5099 | Die öffentliche Verwaltung in Deutschland steht für Rechtssicherheit und Zuver- |
| 5100 | lässigkeit. Wir werden die Modernisierung der Bundesverwaltung weiter vorantrei- |
| 5101 | ben, für mehr Transparenz, Bürgernähe und Servicequalität. |
| 5102 | |
| 5103 | Leistungsvergleiche nach Art. 91d GG müssen zu einem Instrument der Verwal- |
| 5104 | tungsentwicklung werden. Ein jährliches Arbeitsprogramm soll die Bereiche von |
| 5105 | Leistungsvergleichen festlegen. |
| 5106 | |
| 5107 | Die einheitliche Behördenrufnummer 115 verbessert den Service für alle Bürgerin- |
| 5108 | nen und Bürger. Bis 2011 werden alle Bundesbehörden hieran angeschlossen |
| 5109 | sein, bis Ende 2013 soll 115 für ganz Deutschland zur Verfügung stehen. |
| 5110 | |
| 5111 | Melderecht |
| 5112 | |
| 5113 | Wir werden den Auftrag aus der Föderalismuskommission I, das geltende Rah- |
| 5114 | menrecht durch eine Regelung in der ausschließlichen Gesetzgebungskompetenz |
| 5115 | des Bundes abzulösen, durch ein Bundesmeldegesetz erfüllen. Darin werden wir |
| 5116 | das Melderecht harmonisieren und die Zustimmung der Vermieter bei der Anmel- |
| 5117 | dung von Mietern wieder einführen. |
| 5118 | |
| 5119 | Bürgerbeteiligung |
| 5120 | |
| 5121 | Wir wollen die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bevölkerung an der demokratischen |
| 5122 | Willensbildung stärken. Dazu werden wir das Petitionswesen weiterentwickeln und |
| 5123 | verbessern. Bei Massenpetitionen werden wir über das im Petitionsausschuss be- |
| 5124 | stehende Anhörungsrecht hinaus eine Behandlung des Anliegens im Plenum des |
| 5125 | Deutschen Bundestags unter Beteiligung der zuständigen Ausschüsse vorsehen. |
| 5126 | |
| 5127 | Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes |
| 5128 | |
| 5129 | Der öffentliche Dienst hat für die Funktionsfähigkeit und Leistungsfähigkeit des |
| 5130 | Staates eine Schlüsselfunktion. Wesentlicher Garant dieser Aufgabenerfüllung ist |
| 5131 | das Berufsbeamtentum. Wir werden das Beamtenrecht entsprechend dem Verfas- |
| 5132 | sungsgebot fortentwickeln und an veränderte Rahmenbedingungen anpassen. |
| 5133 | |
| 5134 | Wir werden zudem ein Konzept zur langfristigen Anpassung der Personalstruktu- |
| 5135 | ren im Bund an die demographisch bedingten Veränderungen vorlegen. Dazu ge- |
| 5136 | hören angesichts der zu erwartenden Folgen des demographischen Wandels auch |
| 5137 | Maßnahmen zur Berücksichtigung der besonderen Belange älterer Beschäftigter, |
| 5138 | z. B. durch eine Flexibilisierung des Ruhestandseintritts, und der Erhalt der Kon- |
| 5139 | kurrenzfähigkeit im Hinblick auf den Wettbewerb des Bundes mit anderen Dienst- |
| 5140 | herren und der Wirtschaft um Nachwuchskräfte. Hierzu erforderlich sind attraktive |
| 5141 | Beschäftigungsbedingungen einschließlich der Möglichkeit zu regional-, arbeits- |
| 5142 | markt- und aufgabenbezogenen Differenzierungen. |
| 5143 | |
| 5144 | Wir wollen die Ausgewogenheit von Rechten und Pflichten von Eingetragenen Le- |
| 5145 | benspartnerschaften verbessern. Dazu werden wir die familien- und ehebezoge- |
| 5146 | nen Regelungen über Besoldung, Versorgung und Beihilfe auf Lebenspartner- |
| 5147 | schaften übertragen. |
| 5148 | |
| 5149 | Die Auswirkungen der Föderalismusreform auf die Beschäftigungsbedingungen |
| 5150 | der Beamtinnen und Beamten in Bund und Ländern werden wir mit dem Ziel im |
| 5151 | Auge behalten, ein zu starkes Auseinanderfallen zu verhindern. |
| 5152 | |
| 5153 | Wir bekennen uns zum Bonn-Berlin-Gesetz, insbesondere zu den kulturellen Ver- |
| 5154 | pflichtungen des Bundes. |
| 5155 | |
| 5156 | Gerichtsvollzieher |
| 5157 | |
| 5158 | Wir wollen die Effizienz der Zwangsvollstreckung steigern und Gläubigerrechte |
| 5159 | stärken. Dazu werden wir die Aufgaben der Gerichtsvollzieher auf Beliehene über- |
| 5160 | tragen. |
| 5161 | |
| 5162 | Aufgabenübertragung auf Notare |
| 5163 | |
| 5164 | Als Beitrag zur Effizienzsteigerung und Entlastung der Justiz werden wir eine Ü- |
| 5165 | bertragung der Aufgaben der Nachlassgerichte erster Instanz auf die Notare durch |
| 5166 | die Länder ermöglichen. |
| 5167 | |
| 5168 | Zusammenlegung Sozial- und Verwaltungsgerichte |
| 5169 | |
| 5170 | Um den Mitteleinsatz der Justiz effizienter gestalten zu können, eröffnen wir den |
| 5171 | Ländern die Möglichkeit, ihre Verwaltungs- und Sozialgerichte unter Wahrung der |
| 5172 | richterlichen Unabhängigkeit zu einheitlichen Fachgerichten zusammenzuführen. |
| 5173 | Staatshaftungsrecht |
| 5174 | |
| 5175 | Wir wollen das Staatshaftungsrecht kodifizieren und gerecht ausgestalten. |
| 5176 | |
| 5177 | Einrichtung eines zentralen Testamentsregisters |
| 5178 | |
| 5179 | Mit dem Ziel einer Modernisierung des Mitteilungswesens in Nachlasssachen wer- |
| 5180 | den wir die gesetzlichen Voraussetzungen für die Einrichtung eines durch Gebüh- |
| 5181 | ren finanzierten Zentralen Testamentsregisters bei der Bundesnotarkammer |
| 5182 | schaffen. Dabei stellen wir sicher, dass den Erfordernissen des Datenschutzes |
| 5183 | Rechnung getragen wird und Auskunft aus dem Register nur Gerichte oder Notare |
| 5184 | - diese bei Darlegung eines berechtigten Interesses - erhalten können. |
| 5185 | |
| 5186 | Kommunalpolitik |
| 5187 | |
| 5188 | Wir wollen in Deutschland starke Kommunen. Unsere Städte, Gemeinden und |
| 5189 | Landkreise stehen heute vor vielfältigen Herausforderungen im Bereich von De- |
| 5190 | mographie, Integration, Umwelt und Wirtschaft. |
| 5191 | |
| 5192 | Die kommunale Selbstverwaltung ist ein hohes Gut. Wir setzen uns für leistungs- |
| 5193 | fähige Städte, Gemeinden und Gemeindeverbände ein, um die vielfältigen Aufga- |
| 5194 | ben auch in Zukunft sicherzustellen. Zusammen mit den kommunalen Spitzenver- |
| 5195 | bänden werden wir nach Wegen suchen, Entlastungen für die Kommunen, z. B. |
| 5196 | Flexibilisierung von Standards und Gleichstellung bei gesamtstaatlichen Aufga- |
| 5197 | ben, und Erweiterungen des kommunalen Handlungsspielraums zu identifizieren. |
| 5198 | Wir wollen, dass die Bürger sich in ihrer Heimat wohl fühlen. |
| 5199 | |
| 5200 | Die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise haben die Leistungsfähigkeit vieler |
| 5201 | Kommunen strapaziert und Fragen nach der Güte kommunaler Leistungsfähigkeit |
| 5202 | aufgeworfen. Wir beabsichtigen, den Ländern vorschlagen, eine gemeinsame Be- |
| 5203 | standsaufnahme zu erarbeiten und Handlungsempfehlungen zur Stärkung der |
| 5204 | kommunalen Selbstverwaltung vorzulegen. Dabei sind auch Fragen der Finanzbe- |
| 5205 | ziehungen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden (Konnexitätsprinzip) und der |
| 5206 | Beteiligung der Kommunen an der Gesetzgebung des Bundes einzubeziehen, e- |
| 5207 | benso der Anschluss des ländlichen Raums an die Breitbandversorgung. |
| 5208 | |
| 5209 | Transparenz kommunaler Gesellschaften |
| 5210 | |
| 5211 | Entscheidungen kommunaler Gesellschaften müssen transparent sein. Hierzu |
| 5212 | muss der Grundsatz der Öffentlichkeit bei kommunalen Entscheidungen im Rah- |
| 5213 | men der Abwägung mit der gesellschaftsrechtlichen Verschwiegenheitspflicht ein |
| 5214 | deutlich höheres Gewicht als bisher erhalten. |
| 5215 | |
| 5216 | V. SICHERER FRIEDEN |
| 5217 | Durch Partnerschaft und Verantwortung in Europa und der Welt |
| 5218 | |
| 5219 | Deutschlands Zukunft in Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand ist untrenn- |
| 5220 | bar mit der politischen Entwicklung Europas und der Welt verbunden. Wir stehen |
| 5221 | für eine Politik, die gleichermaßen den Interessen unseres Landes in einem ver- |
| 5222 | einten Europa dient und zum Frieden in der Welt beiträgt. Deshalb nehmen wir |
| 5223 | eine gestaltende Rolle in den Bündnissen und internationalen Organisationen ein, |
| 5224 | in denen wir mitwirken. |
| 5225 | |
| 5226 | Unser politisches Handeln wird von den Werten des Grundgesetzes und dem Ziel |
| 5227 | geleitet, die Interessen unseres Landes zu wahren. Wir bekennen uns zur Univer- |
| 5228 | salität der Menschenrechte, zur Rechtsstaatlichkeit und zur Herrschaft des Rechts |
| 5229 | in den internationalen Beziehungen und betrachten Menschenrechtspolitik als |
| 5230 | zentrale Konstante deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. |
| 5231 | |
| 5232 | Wir setzen auf starke Partnerschaften und wirksame multilaterale Strukturen. Da- |
| 5233 | bei stehen die Transatlantische Zusammenarbeit und die Europäische Einigung im |
| 5234 | Zentrum unserer Politik. Ein starkes Atlantisches Bündnis und ein handlungsfähi- |
| 5235 | ges Europa ergänzen einander. |
| 5236 | |
| 5237 | Die Auswirkungen der Finanzkrise haben die Notwendigkeit eines gemeinsamen |
| 5238 | und geregelten Vorgehens aller Akteure in der Globalisierung deutlich gemacht. |
| 5239 | Wir treten dafür ein, die Instrumente der globalen Steuerung anzupassen. Das gilt |
| 5240 | für die Vereinten Nationen ebenso wie für den Internationalen Währungsfonds, die |
| 5241 | Weltbank oder die Gipfeltreffen der G-7 und der G-8. Neue globale Steuerungsin- |
| 5242 | strumente und Formate wie G-20 sind notwendig, weil sie aufstrebenden Schwel- |
| 5243 | lenländern Mitsprache und Mitverantwortung im Kreis der wichtigsten Wirtschafts- |
| 5244 | nationen geben. |
| 5245 | |
| 5246 | Als Exportnation haben wir ein hohes Interesse an einer freiheitlichen Ordnung der |
| 5247 | Weltwirtschaft auf Grundlage der Charta für nachhaltiges Wirtschaften sowie an |
| 5248 | freien und sicheren Verkehrswegen. Als wirkungsvollen Schritt gegen Protektio- |
| 5249 | nismus streben wir einen raschen Abschluss der Verhandlungen in der Welthan- |
| 5250 | delsorganisation (Doha-Runde) an. Internationaler Terrorismus, organisierte Kri- |
| 5251 | minalität und Piraterie, Klimawandel, Armutsbekämpfung, Nahrungsmittel- und |
| 5252 | Ressourcensicherheit sowie Seuchen und Krankheiten gehören heute zu den gro- |
| 5253 | ßen Themen, aus denen sich sicherheitspolitische Risiken ergeben und die nur |
| 5254 | gemeinsam bewältigt werden können. |
| 5255 | |
| 5256 | Wir bekennen uns zur Stärkung der Vereinten Nationen und setzen uns für ihre |
| 5257 | umfassende Reform ein. Wir setzen uns dafür ein, dass die Strukturen dieser |
| 5258 | Weltorganisation die heutigen Realitäten widerspiegeln. Vor diesem Hintergrund |
| 5259 | streben wir weiterhin im Rahmen einer Gesamtreform und im Sinne des Vertrages |
| 5260 | von Lissabon einen gemeinsamen ständigen Sitz der EU im Sicherheitsrat an. Auf |
| 5261 | dem Weg dorthin bleibt Deutschland bereit, mit der Übernahme eines ständigen |
| 5262 | Sitzes im Sicherheitsrat größere internationale Verantwortung zu übernehmen. Wir |
| 5263 | streben für die Wahlperiode 2011/2012 einen nicht-ständigen Sicherheitsrat-Sitz |
| 5264 | an und sind gegebenenfalls auch zeitlich begrenzten Zwischenschritten auf dem |
| 5265 | Weg zu einem ständigen Sitz gegenüber aufgeschlossen. |
| 5266 | |
| 5267 | Wir werden Bonn als Standort der Vereinten Nationen und von internationalen |
| 5268 | Nichtregierungsorganisationen weiter ausbauen. Den Anteil deutschen Personals |
| 5269 | bei der Europäischen Union und in internationalen Organisationen wollen wir ver- |
| 5270 | größern. |
| 5271 | |
| 5272 | 1. Deutschland in Europa |
| 5273 | |
| 5274 | Wir wollen eine leistungsfähige und selbstbewusste EU, die mit einer Stimme |
| 5275 | spricht und entschlossen für die Sicherung von Frieden, Freiheit und Wohlstand |
| 5276 | eintritt. Nur durch ein einiges Europa können wir unsere Werte und Interessen in |
| 5277 | der Welt erfolgreich vertreten. |
| 5278 | |
| 5279 | Mit dem Lissabon-Vertrag wird die EU demokratischer und handlungsfähiger. Wir |
| 5280 | werden gemeinsam mit unseren Partnern in der EU Initiativen anstoßen und kon- |
| 5281 | krete Projekte auf den Weg bringen, etwa bei der Energiepolitik, der Bankenauf- |
| 5282 | sicht und in der EU-Sicherheits- und Verteidigungspolitik. |
| 5283 | |
| 5284 | Die EU ist stark, weil sich die Mitgliedstaaten unabhängig von ihrer Größe und |
| 5285 | wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit als ebenbürtige und gleichberechtigte Partner |
| 5286 | begegnen. Wir stehen dafür ein, dass die Berücksichtigung der Interessen auch |
| 5287 | der kleinen und mittleren EU-Mitgliedstaaten ein Markenzeichen deutscher Euro- |
| 5288 | papolitik bleibt. |
| 5289 | |
| 5290 | In der Konsequenz der Vertiefung und Erweiterung der Europäischen Union liegen |
| 5291 | eine immer engere politische Abstimmung unserer Mitgliedstaaten und ein immer |
| 5292 | engerer Austausch zwischen unseren Gesellschaften. |
| 5293 | |
| 5294 | Enge und vertrauensvolle Beziehungen zu unseren Partnern in Europa sind kon- |
| 5295 | stitutiver Bestandteil unseres Engagements für Europa. Das deutsch-französische |
| 5296 | Verhältnis ist in seiner Breite und Tiefe einzigartig und fördert maßgeblich die eu- |
| 5297 | ropäische Einigung. In diesem Verständnis und im Interesse aller Bürgerinnen und |
| 5298 | Bürger Europas will die Bundesregierung die Zusammenarbeit in den Bereichen |
| 5299 | Bildung, Klimaschutz, Weltraum sowie Sicherheit und Verteidigung weiter voran- |
| 5300 | bringen. |
| 5301 | |
| 5302 | Darüber hinaus wollen wir die enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit Polen |
| 5303 | weiter vertiefen und die Möglichkeiten des Weimarer Dreiecks intensiv ausschöp- |
| 5304 | fen. Wir werden uns dafür einsetzen, dass von der deutsch-polnischen Zusam- |
| 5305 | menarbeit neue Impulse für die europäische Einigung ausgehen. Zugleich wissen |
| 5306 | wir um die hohe Bedeutung freundschaftlicher, vertrauensvoller und zukunftsge- |
| 5307 | richteter Beziehungen mit unseren anderen Nachbarn. |
| 5308 | |
| 5309 | Bürgernahe und demokratische EU |
| 5310 | |
| 5311 | Wir setzen uns ein für eine demokratische, transparente und bürgernahe EU, die |
| 5312 | nach freiheitlichen Grundsätzen gestaltet ist und den Rahmen dafür schafft, dass |
| 5313 | die Bürgerinnen und Bürger Lebenschancen ergreifen und ihr Leben eigenverant- |
| 5314 | wortlich und solidarisch gestalten können. |
| 5315 | |
| 5316 | Wir werden uns für einen wahrnehmbaren weiteren Abbau von Bürokratie einset- |
| 5317 | zen. Wir wollen, dass der EU-Aktionsplan zum Bürokratie-Abbau um 25 Prozent |
| 5318 | bis 2012 wirksam umgesetzt wird. |
| 5319 | |
| 5320 | Die Funktionsweise des europäischen Binnenmarktes hängt auch von einer zügi- |
| 5321 | gen und fristgerechten Umsetzung von EU-Richtlinien ab. Eine über die EU- |
| 5322 | Vorgaben hinausgehende Umsetzung oder eine Verbindung mit anderen gesetzli- |
| 5323 | chen Maßnahmen sollte grundsätzlich ausgeschlossen werden. |
| 5324 | |
| 5325 | Das Subsidiaritätsprinzip und das Verhältnismäßigkeitsprinzip sowie der Grund- |
| 5326 | satz der begrenzten Einzelermächtigung müssen strikt beachtet werden. Die EU |
| 5327 | kann nur rechtsetzend tätig werden, wenn eine entsprechende Rechtsgrundlage |
| 5328 | existiert, nachgewiesen werden kann, dass die Mitgliedstaaten keine ausreichen- |
| 5329 | de Regelung gewährleisten können und eine Regelung auf europäischer Ebene |
| 5330 | besser ist als auf nationaler. |
| 5331 | |
| 5332 | Wir werden uns dafür einsetzen, dass EU-Gesetzgebungsvorhaben, die innerhalb |
| 5333 | der Amtszeit einer EU-Kommission nicht verabschiedet worden sind, verfallen. |
| 5334 | Auch wollen wir, dass EU-Rechtsakte stärker als bisher auf ihre Verhältnismäßig- |
| 5335 | keit und Bürgerfreundlichkeit ausgerichtet werden. Mitteilungs- und Berichtspflich- |
| 5336 | ten für Unternehmen sind erheblich zu reduzieren. |
| 5337 | |
| 5338 | Wir sind für ein soziales Europa auf marktwirtschaftlicher Grundlage als Ergebnis |
| 5339 | von Sozialpolitik in nationaler Verantwortung. Grenzüberschreitende EU- |
| 5340 | Sozialsysteme lehnen wir ab, denn nur so kann der hohe deutsche Standard ge- |
| 5341 | wahrt werden. |
| 5342 | |
| 5343 | Wir setzen uns für eine wesentliche Stärkung und für eine gleichberechtigte Ver- |
| 5344 | wendung der deutschen Sprache als Arbeitssprache der europäischen Institutio- |
| 5345 | nen ein, die auch in der Übersetzungspraxis und bei der Bereitstellung von Über- |
| 5346 | setzungsdokumenten angewandt wird. |
| 5347 | |
| 5348 | Bundestag und Bundesrat haben die Begleitgesetze zum Lissabon-Vertrag neu |
| 5349 | gefasst, mit denen ihre Beteiligungs- und Mitwirkungsrechte konkretisiert werden. |
| 5350 | Wir werden einen aktiven Beitrag dazu leisten, dass diese Gesetze in der neuen |
| 5351 | Legislaturperiode politisch mit Leben erfüllt und die parlamentarischen Rechte ak- |
| 5352 | tiv und umfänglich wahrgenommen werden. Wir werden im Verlauf der Legislatur- |
| 5353 | periode bewerten, ob die durch die Begleitgesetze eröffneten Möglichkeiten grö- |
| 5354 | ßerer parlamentarischer Kontrolle den Anforderungen der Praxis genügen und |
| 5355 | gegebenenfalls entsprechende Initiativen ergreifen. |
| 5356 | |
| 5357 | Wettbewerb und Binnenmarkt |
| 5358 | |
| 5359 | Grundlage des Wohlstands in Deutschland ist der unverfälschte Wettbewerb im |
| 5360 | europäischen Binnenmarkt. Deutschlands Stellung als führende Exportnation be- |
| 5361 | ruht auf offenen Märkten in Europa, denn zwei Drittel der deutschen Ausfuhr ge- |
| 5362 | hen in EU-Staaten. Nur mit Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum ge- |
| 5363 | lingt die nachhaltige Schaffung neuer Arbeitsplätze. Protektionismus in jeder Form |
| 5364 | erteilen wir eine klare Absage. |
| 5365 | Der europäische Binnenmarkt ist zum größten Wirtschaftsraum der Welt ange- |
| 5366 | wachsen. Er schafft die Voraussetzungen für unseren Sozialstaat und unsere ho- |
| 5367 | hen Umweltstandards. Durch funktionierenden Wettbewerb werden Innovation, |
| 5368 | Wachstum und die Wohlfahrt der Verbraucher gefördert. Wir werden deshalb kon- |
| 5369 | sequent an der Vollendung des Binnenmarktes und der Schaffung eines Rahmens |
| 5370 | für funktionierenden Wettbewerb arbeiten. |
| 5371 | |
| 5372 | Wir werden alle Versuche abwehren, die Unabhängigkeit der EZB in Frage zu stel- |
| 5373 | len, und wir bekennen uns zum Stabilitäts- und Wachstumspakt. Wir sind uns be- |
| 5374 | wusst, dass es einer grundlegenden Neuordnung des Finanzsystems bedarf, die |
| 5375 | insbesondere die Schaffung einer einheitlichen EU-weiten Bankenaufsicht um- |
| 5376 | fasst. |
| 5377 | |
| 5378 | EU-Finanzen |
| 5379 | |
| 5380 | Die Anstrengungen für tragfähige und generationengerechte öffentliche Finanzen |
| 5381 | können auch am EU-Haushalt nicht vorbeigehen. Europäischer Mehrwert und |
| 5382 | Subsidiarität müssen die Richtschnur für die anstehenden Verhandlungen über die |
| 5383 | Zukunft des EU-Haushalts sein. Wir werden uns für eine nachhaltige und verant- |
| 5384 | wortungsvolle europäische Haushaltspolitik einsetzen. Die vorhandenen Mittel |
| 5385 | müssen auf strategische Bereiche europäischer Politik konzentriert werden, in de- |
| 5386 | nen gemeinsames Handeln erforderlich ist und bessere Ergebnisse liefert als nati- |
| 5387 | onales. |
| 5388 | |
| 5389 | Die Beiträge der Mitgliedstaaten an die EU müssen ihrer jeweiligen wirtschaftli- |
| 5390 | chen Leistungsfähigkeit entsprechen, dürfen jedoch ein Prozent ihres Bruttonatio- |
| 5391 | naleinkommens (BNE) nicht überschreiten. Neben den traditionellen Eigenmitteln |
| 5392 | der EU (Zölle) soll dies die Haupt-Einnahmequelle der EU sein. Zudem muss si- |
| 5393 | chergestellt sein, dass Beitragsgerechtigkeit und faire Lastenverteilung durch Kor- |
| 5394 | rekturmechanismen gewährleistet werden. |
| 5395 | |
| 5396 | Eine EU-Steuer oder die Beteiligung der EU an nationalen Steuern und Abgaben |
| 5397 | lehnen wir ab. Auch darf die EU keine eigenen Kompetenzen zur Abgabenerhe- |
| 5398 | bung oder zur Kreditaufnahme für Eigenmittel erhalten. |
| 5399 | |
| 5400 | Deutschland bekennt sich zur Lissabon-Strategie, mit der die EU zum weltweit |
| 5401 | wettbewerbsfähigsten Raum werden soll. Daran müssen sich alle Ausgaben der |
| 5402 | EU messen lassen. Daher müssen Mittel aus den Strukturfonds zukünftig noch |
| 5403 | mehr als bisher auf dieses Ziel ausgerichtet werden. |
| 5404 | |
| 5405 | Wir werden uns dafür einsetzen, die Förderfähigkeit geeigneter Projekte aus dem |
| 5406 | Förderziel "Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung" ("Ziel-2") auch in |
| 5407 | der kommenden Förderperiode zu gewährleisten. Bezüglich des Förderziels "Kon- |
| 5408 | vergenz" ("Ziel-1") streben wir an, die Förderung ab 2014 stärker auf die wirklich |
| 5409 | bedürftigen Regionen zu beschränken und eine Übergangslösung für die aus Ziel- |
| 5410 | 1 herausfallenden Regionen zu finden. Prinzipiell ist jede Förderung befristet und |
| 5411 | hat degressiven Charakter. |
| 5412 | |
| 5413 | Deutschland wird sich dafür einsetzen, dass - unter Beachtung der geltenden EU- |
| 5414 | Haushaltsobergrenze - eine schrittweise Neustrukturierung zugunsten von ge- |
| 5415 | meinsamen europäischen Zukunftsprojekten vorgenommen wird, also z.B. für Be- |
| 5416 | reiche wie Transeuropäische Verkehrsnetze, grenzüberschreitende Bildung, Jus- |
| 5417 | tiz- und Polizeizusammenarbeit, Forschung und Innovation. |
| 5418 | |
| 5419 | Wir werden 2010 Vorschläge erarbeiten, wie diese Umschichtung erfolgen kann. |
| 5420 | Deutschland wird sich bei den anstehenden EU-Finanzverhandlungen für einen |
| 5421 | höheren Anteil der Mittel für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik am |
| 5422 | Unionshaushalt einsetzen. Wir streben an, dass Einsätze der EU im Rahmen der |
| 5423 | GASP zukünftig zu einem höheren Anteil aus europäischen Mitteln finanziert wer- |
| 5424 | den als bisher. |
| 5425 | |
| 5426 | Wir werden uns für volle parlamentarische Beteiligung und Kontrolle beim EU- |
| 5427 | Haushalt auf europäischer wie auf nationaler Ebene einsetzen. Wir treten für eine |
| 5428 | lückenlose Offenlegung und Kontrolle der EU-Ausgaben ein. Die Prüfungslücke |
| 5429 | bei der Verwendung von EU-Geldern muss geschlossen werden. |
| 5430 | |
| 5431 | Wir setzen uns dafür ein, dass die EU-Agenturen einer wirksamen Haushaltskon- |
| 5432 | trolle unterliegen, sie auf ihren Zweck hin überprüft werden vor allem im Hinblick |
| 5433 | auf die Vermeidung von Doppelstrukturen und ihre Zahl nach Möglichkeit reduziert |
| 5434 | wird. |
| 5435 | |
| 5436 | Erweiterung und Nachbarschaftspolitik |
| 5437 | |
| 5438 | Wir stehen für eine Erweiterungspolitik mit Augenmaß. Abstriche bei den Kriterien |
| 5439 | oder gar einen Beitrittsautomatismus zum Beispiel durch Nennung eines Beitritts- |
| 5440 | datums vor Abschluss der Verhandlungen darf es nicht geben. Die Erweiterungs- |
| 5441 | verhandlungen werden ergebnisoffen geführt. Die strikte Erfüllung der Kopenha- |
| 5442 | gener Kriterien bleibt Voraussetzung für einen Beitritt. Maßgeblich sind in allen |
| 5443 | Fällen sowohl die Beitrittsfähigkeit der Kandidaten als auch die Aufnahmefähigkeit |
| 5444 | der EU. |
| 5445 | |
| 5446 | Deutschland hat ein besonderes Interesse an einer Vertiefung der gegenseitigen |
| 5447 | Beziehungen zur Türkei und an einer Anbindung des Landes an die Europäische |
| 5448 | Union. Die 2005 mit dem Ziel des Beitritts aufgenommenen Verhandlungen sind |
| 5449 | ein Prozess mit offenem Ende, der keinen Automatismus begründet und dessen |
| 5450 | Ausgang sich nicht im Vorhinein garantieren lässt. |
| 5451 | |
| 5452 | Sollte die EU nicht aufnahmefähig oder die Türkei nicht in der Lage sein, alle mit |
| 5453 | einer Mitgliedschaft verbundenen Verpflichtungen voll und ganz einzuhalten, muss |
| 5454 | die Türkei in einer Weise, die ihr privilegiertes Verhältnis zur EU weiter entwickelt, |
| 5455 | möglichst eng an die europäischen Strukturen angebunden werden. |
| 5456 | |
| 5457 | Wir unterstützen einen Ausbau der EU-Nachbarschaftspolitik. Ziel ist die Förde- |
| 5458 | rung einer nachhaltigen demokratischen, wirtschaftlichen, sozialen, rechtsstaatli- |
| 5459 | chen und ökologischen Entwicklung in unserem unmittelbaren Umfeld sowie die |
| 5460 | Teilhabe dieser Länder an Frieden und Wohlstand. Auf der Grundlage gemeinsa- |
| 5461 | mer Werte treten wir für einen Ausbau der Zusammenarbeit mit den Ländern der |
| 5462 | Östlichen Partnerschaft ein. |
| 5463 | |
| 5464 | Erfolgreiche EU-Außenpolitik |
| 5465 | |
| 5466 | Europa und die EU-Staaten sind international immer dann stark, wenn die EU ge- |
| 5467 | schlossen auftritt. Die Schaffung des Amtes eines Hohen Vertreters für die Ge- |
| 5468 | meinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist ein wichtiger Schritt zu mehr |
| 5469 | Geschlossenheit in der EU-Außenpolitik. |
| 5470 | |
| 5471 | Wir werden uns dafür einsetzen, dass der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) |
| 5472 | seine Aufgaben wirksam wahrnehmen und über die erforderlichen Mittel und In- |
| 5473 | strumente verfügen kann. Die inhaltliche Verzahnung der EU-Außenpolitik mit der |
| 5474 | Außenpolitik der einzelnen Mitgliedstaaten wird am besten durch einen organisa- |
| 5475 | torisch unabhängigen EAD gelingen, in dem Vertreter der Mitgliedstaaten auf allen |
| 5476 | Ebenen angemessen repräsentiert sind und eine gleichberechtigte Stellung ein- |
| 5477 | nehmen. |
| 5478 | |
| 5479 | Die elementaren Fragen der Sicherheit, Verteidigung und Abrüstung in Europa |
| 5480 | müssen von den Partnern in der Europäischen Union gemeinsam beraten und |
| 5481 | entschieden werden. Dabei ist auch auf eine möglichst intensive Beteiligung der |
| 5482 | nationalen Parlamente und des Europäischen Parlaments zu achten. |
| 5483 | |
| 5484 | Die EU sollte eigene Planungs- und Führungsfähigkeiten erhalten. Wo immer |
| 5485 | möglich sollte die EU ihre Kräfte bündeln, Aufgaben verteilen und Schwerpunkte |
| 5486 | setzen. Nur so können wir auf die neuen sicherheitspolitischen Bedrohungen rich- |
| 5487 | tig reagieren. Europa muss sich in die Lage versetzen, eigenständig Konfliktfällen |
| 5488 | vorzubeugen und gegebenenfalls gemeinsam, schnell und flexibel zu handeln. |
| 5489 | |
| 5490 | Wir werden uns dafür einsetzen, dass die EU ihr politisches Gewicht für eine neue |
| 5491 | Abrüstungspolitik in die Waagschale wirft. Wir wollen uns für die Fortentwicklung |
| 5492 | der gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik einsetzen. |
| 5493 | Langfristiges Ziel bleibt für uns der Aufbau einer europäischen Armee unter voller |
| 5494 | parlamentarischer Kontrolle. |
| 5495 | |
| 5496 | 2. Wertegebundene und interessengeleitete Außenpolitik |
| 5497 | |
| 5498 | Die enge Abstimmung und das gemeinsame Handeln der westlichen Wertege- |
| 5499 | meinschaft, d.h. der aufgeklärten, rechtsstaatlichen Demokratien dieser Welt, wa- |
| 5500 | ren und bleiben eines der Erfolgsrezepte deutscher Außenpolitik. Auch in der glo- |
| 5501 | balisierten Welt des 21. Jahrhunderts betrachten wir die Idee des Westens als |
| 5502 | Grundlage und seine Institutionen als Plattform deutscher Außenpolitik. In der Zeit |
| 5503 | der Globalisierung muss der Westen zu mehr Geschlossenheit finden, um seine |
| 5504 | Interessen durchzusetzen und gemeinsame Werte zu bewahren. |
| 5505 | |
| 5506 | Deutschlands Mitgliedschaften in der Europäischen Union und den euro- |
| 5507 | atlantischen Institutionen, vor allem der NATO, dienen diesem Interesse ebenso |
| 5508 | wie das bilaterale Verhältnis zu unserem wichtigsten Partner außerhalb Europas, |
| 5509 | den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir sind entschlossen, die Chancen im |
| 5510 | transatlantischen Verhältnis zu nutzen und werden deshalb das deutsch- |
| 5511 | amerikanische Vertrauensverhältnis systematisch stärken. Die enge politische Ko- |
| 5512 | ordination mit den Vereinigten Staaten sehen wir als Kraftverstärker unserer Inte- |
| 5513 | ressen, der das Gewicht Deutschlands in Europa und der Welt erhöht. Wir streben |
| 5514 | eine Intensivierung unserer Wirtschaftsbeziehungen im Rahmen eines Transatlan- |
| 5515 | tischen Wirtschaftsraums an. |
| 5516 | |
| 5517 | Unser Verhältnis zu den USA und Kanada wird geprägt von einer einzigartigen |
| 5518 | Vielfalt an Kontakten beiderseits des Atlantiks. Deshalb wollen wir insbesondere |
| 5519 | jungen Menschen das jeweils andere Land näher bringen. |
| 5520 | |
| 5521 | Die Nordatlantische Allianz bleibt auch in Zukunft stärkster Anker unserer gemein- |
| 5522 | samen Sicherheit. Sie verbindet Europa und Amerika; sie ist das Fundament für |
| 5523 | die kollektive Verteidigung und verfügt über ein einzigartiges politisches und militä- |
| 5524 | risches Instrumentarium zur Wahrung und Wiederherstellung des Friedens. Sie |
| 5525 | dient der Erreichung politischer Ziele und umfasst das Angebot zu sicherheitspoli- |
| 5526 | tischer Zusammenarbeit, Abrüstung, Vertrauensbildung und friedlicher Konfliktlö- |
| 5527 | sung. Mit dem Strategischen Konzept wird die Allianz ihre strategischen Grundla- |
| 5528 | gen an die Herausforderungen der Gegenwart anpassen. |
| 5529 | |
| 5530 | Wir treten dafür ein, dass Blockaden bei der Zusammenarbeit von EU und NATO |
| 5531 | überwunden werden und das gemeinsame Potential ausgeschöpft werden kann. |
| 5532 | Wir setzen uns dafür ein, dass der NATO-Rat wieder zum zentralen Ort der si- |
| 5533 | cherheitspolitischen Debatte im Bündnis wird. |
| 5534 | |
| 5535 | Wir wollen, dass die Allianz zu der in der NATO-Russland-Grundakte von 1997 |
| 5536 | angelegten strategischen Partnerschaft findet und den NATO-Russland Rat als |
| 5537 | Forum für Fragen gemeinsamer Sicherheit intensiver nutzt. Unser Ziel ist eine eu- |
| 5538 | ro-atlantische Sicherheitsarchitektur, die auf der Grundlage der bewährten Institu- |
| 5539 | tionen, einschließlich der OSZE und des Europarats, eine enge Partnerschaft mit |
| 5540 | Russland umfasst. Die Bundesregierung will, dass die Allianz ihre Tür für neue |
| 5541 | Mitglieder grundsätzlich offen hält, und fördert den Ausbau der Partnerschaften. |
| 5542 | |
| 5543 | Wir wollen den hohen Anspruch, zu dem sich die Partner und Mitglieder in NATO, |
| 5544 | EU, Europarat und OSZE bekennen, insbesondere bei der Behandlung von Krisen |
| 5545 | und Konflikten zur Geltung bringen und deren Instrumente besser nutzen. |
| 5546 | |
| 5547 | Wir unterstützen mit Nachdruck die von US-Präsident Obama unterbreiteten Vor- |
| 5548 | schläge für weitgehende neue Abrüstungsinitiativen - einschließlich des Zieles |
| 5549 | einer nuklearwaffenfreien Welt. |
| 5550 | |
| 5551 | Abrüstung und Rüstungskontrolle verstehen wir nicht als einen Verlust an Sicher- |
| 5552 | heit, sondern als zentralen Baustein einer globalen Sicherheitsarchitektur der Zu- |
| 5553 | kunft. Wir wollen die Chance nutzen, den globalen Trend neuer Aufrüstungsspira- |
| 5554 | len umzukehren und wieder in eine Phase substantieller Fortschritte auf den Ge- |
| 5555 | bieten der Abrüstung und der Rüstungskontrolle eintreten. |
| 5556 | |
| 5557 | Wir sind davon überzeugt, dass auch Zwischenschritte bei der Erreichung des Zie- |
| 5558 | les einer nuklearwaffenfreien Welt wesentliche Zugewinne an Sicherheit bedeuten |
| 5559 | können. Es gilt zu verhindern, dass neue Nuklearmächte entstehen, neue nuklea- |
| 5560 | re Rüstungswettläufe ausgelöst werden, konventionelle Aufrüstung als Ersatz für |
| 5561 | die Aufgabe nuklearer Potentiale gesehen wird oder die Technologie zur Herstel- |
| 5562 | lung von Massenvernichtungswaffen sowie spaltbares Material in die Hände von |
| 5563 | Terroristen geraten. |
| 5564 | |
| 5565 | Wir sehen mit Sorge die Erosion der internationalen Vertragsarchitektur im Be- |
| 5566 | reich der Abrüstung und Rüstungskontrolle. Wir sind davon überzeugt, dass Nach- |
| 5567 | folgeabkommen zu auslaufenden Verträgen ausgehandelt werden müssen und die |
| 5568 | bislang ausgebliebene Ratifizierung des Atomteststoppvertrages oder des ange- |
| 5569 | passten KSE-Vertrages nachzuholen ist. |
| 5570 | |
| 5571 | Wir werden uns dafür einsetzen, den Abschluss neuer Abrüstungs- und Rüstungs- |
| 5572 | kontrollabkommen international zu unterstützen. Die Überprüfungskonferenz zum |
| 5573 | Nuklearwaffensperrvertrag im Jahre 2010 wollen wir dafür nutzen, um eine neue |
| 5574 | Dynamik für vertragsbasierte Regelungen in Gang zu setzen. |
| 5575 | |
| 5576 | In diesem Zusammenhang sowie im Zuge der Ausarbeitung eines strategischen |
| 5577 | Konzeptes der NATO werden wir uns im Bündnis sowie gegenüber den amerika- |
| 5578 | nischen Verbündeten dafür einsetzen, dass die in Deutschland verbliebenen A- |
| 5579 | tomwaffen abgezogen werden. Mit dem Ziel des Erhalts der Vereinbarungen des |
| 5580 | KSE-Regimes, einschließlich einer Rückkehr Russlands in das Vertragsregime, |
| 5581 | sind wir unsererseits zu einer Ratifizierung des A-KSE-Vertrages bereit. |
| 5582 | |
| 5583 | Wir sehen Russland als wichtigen Partner bei der Bewältigung von regionalen und |
| 5584 | globalen Herausforderungen. Dazu gehören die Konfliktherde in Afghanistan oder |
| 5585 | im Nahen Osten genauso wie die Abstimmung im E3+3-Rahmen zum Umgang mit |
| 5586 | dem iranischen Atomprogramm, Fragen des internationalen Terrorismus, des Kli- |
| 5587 | maschutzes oder globaler Seuchen. |
| 5588 | |
| 5589 | Zugleich werden wir Russland dabei unterstützen, den Kurs der Modernisierung |
| 5590 | des Landes konsequent fortzusetzen und dabei die Defizite bei Menschenrechten, |
| 5591 | Rechtsstaatlichkeit und Demokratie abzubauen. Wir wollen dazu den zivilgesell- |
| 5592 | schaftlichen Dialog fördern. Wir wollen wirtschaftliche Verbindungen weiter aus- |
| 5593 | bauen und langfristige, verlässliche Energiepartnerschaften ohne einseitige Ab- |
| 5594 | hängigkeiten schaffen. Die berechtigten Interessen unserer Nachbarn werden wir |
| 5595 | bei der Gestaltung unserer bilateralen Beziehungen mit Russland berücksichtigen. |
| 5596 | |
| 5597 | 3. Deutschland in internationaler Verantwortung |
| 5598 | |
| 5599 | Asien |
| 5600 | |
| 5601 | Wir werden Asien in unserer Außenpolitik den Rang einräumen, der diesem Konti- |
| 5602 | nent aufgrund seiner beschleunigt wachsenden Bedeutung zukommt. Dieses Be- |
| 5603 | deutungswachstum begreifen wir in erster Linie als Chance, ohne die dadurch |
| 5604 | entstehenden Herausforderungen zu übersehen. |
| 5605 | |
| 5606 | Asien ist die wirtschaftlich dynamischste Region der Welt; darüber hinaus ist die |
| 5607 | Mitwirkung Asiens für die Lösung globaler Probleme wie des Klimawandels, der |
| 5608 | Sicherung der Rohstoff- und Energieversorgung oder der Neuordnung des interna- |
| 5609 | tionalen Finanzsystems unverzichtbar. Aktive Beiträge vor allem unserer großen |
| 5610 | Partner China, Indien und Japan hierfür und für die Lösung regionaler Konflikte |
| 5611 | und Krisenherde werden wir auf der Grundlage eines partnerschaftlichen Verhält- |
| 5612 | nisses einfordern. Bestehende Ansätze zu regionaler Kooperation werden wir |
| 5613 | nach Kräften fördern und unterstützen; dies gilt insbesondere für ASEAN sowie |
| 5614 | die EU-ASEM-Kooperation. |
| 5615 | |
| 5616 | In dem Dialog mit den Ländern Asiens spielen die Zivilgesellschaften eine bedeut- |
| 5617 | same Rolle; die Förderung politischer Partizipation ist uns ein wichtiges Anliegen. |
| 5618 | Wir werden den Rechtsstaatsdialog mit China fortführen und intensivieren. |
| 5619 | |
| 5620 | Lateinamerika |
| 5621 | |
| 5622 | Die Partnerschaft zwischen Deutschland, Lateinamerika und der Karibik baut auf |
| 5623 | gemeinsamen Werten auf. Wir teilen ein kulturelles Erbe und Erfahrungen aus |
| 5624 | langjähriger Zusammenarbeit auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem und |
| 5625 | wissenschaftlich-technologischem Gebiet. Die Volkswirtschaften der EU und La- |
| 5626 | teinamerikas sind in hohem Maße komplementär. Wir wollen ein ressortübergrei- |
| 5627 | fendes Konzept zur langfristigen Ausgestaltung unserer Lateinamerikapolitik erar- |
| 5628 | beiten. |
| 5629 | |
| 5630 | Innerhalb der EU werden wir auf Kohärenz und ein abgestimmtes Vorgehen der |
| 5631 | Mitgliedstaaten drängen. Gemeinsam mit unseren Partnern im Gemeinsamen |
| 5632 | Markt Südamerikas (Mercosur) streben wir einen zeitnahen Abschluss der Doha- |
| 5633 | Welthandelsrunde an. Subregionale und bilaterale Ansätze schließen wir als Al- |
| 5634 | ternative nicht aus. Dabei werden wir die Förderung demokratischer Strukturen |
| 5635 | und der Rechtsstaatlichkeit zu einem Schwerpunkt machen. |
| 5636 | |
| 5637 | Afrika |
| 5638 | |
| 5639 | Wir streben ein neues ressortübergreifendes Afrika-Konzept an, das den sicher- |
| 5640 | heitspolitischen, gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Herausforde- |
| 5641 | rungen ebenso Rechnung trägt wie den großen Entwicklungspotentialen auf unse- |
| 5642 | rem Nachbarkontinent. Unser Ziel ist eine selbsttragende Entwicklung in möglichst |
| 5643 | vielen Regionen und bei der Bewältigung großer Herausforderungen wie Armut, |
| 5644 | Nahrungsmittelknappheit, Epidemien, Flüchtlingsströmen, mangelnder Rechts- |
| 5645 | staatlichkeit, politischem Extremismus oder Umweltzerstörung. |
| 5646 | |
| 5647 | Wir bekennen uns zur Unterstützung der afrikanischen Sicherheitsbemühungen |
| 5648 | und beteiligen uns im Rahmen der Vereinten Nationen und der Europäischen Uni- |
| 5649 | on an Friedensinitiativen. Für eine dauerhafte Stabilisierung des Kontinents setzen |
| 5650 | wir auf eine starke Afrikanische Union als wichtiger Baustein afrikanischer Eigen- |
| 5651 | verantwortung. Die Bundesregierung wird auf der Grundlage der im Dezember |
| 5652 | 2005 verabschiedeten Afrika-Strategie der EU gezielte Beiträge hierzu leisten. |
| 5653 | |
| 5654 | Naher Osten |
| 5655 | |
| 5656 | Wir bekennen uns zur besonderen Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel |
| 5657 | als jüdischem Staat. Wir bekräftigen das überragende Interesse Deutschlands und |
| 5658 | Europas an Frieden, Stabilität und demokratischer Entwicklung im Nahen und Mitt- |
| 5659 | leren Osten. Im Nahostfriedensprozess treten wir mit Nachdruck für eine Zwei- |
| 5660 | Staaten-Lösung ein: für einen Staat Israel, der von allen Nachbarn anerkannt wird |
| 5661 | und dessen Bürger in Frieden und Sicherheit leben können, sowie für einen le- |
| 5662 | bensfähigen palästinensischen Staat, dessen Bürger ihr Schicksal in Würde und |
| 5663 | Frieden selbst bestimmen können. |
| 5664 | |
| 5665 | Wir setzen uns für einen umfassenden regionalen Verhandlungsansatz im Nahen |
| 5666 | Osten ein, der auf vergangenen Friedensinitiativen aufbaut. Nach dem Vorbild des |
| 5667 | KSZE-Prozesses sowie auf Grundlage der Roadmap und des Annapolis- |
| 5668 | Prozesses werben wir für eine Wiederbelebung und Fortsetzung eines Konferenz- |
| 5669 | ansatzes im Nahen Osten, bei dem neben den regional beteiligten Konfliktparteien |
| 5670 | die USA, EU, Russland und die Vereinten Nationen an einen Tisch gebracht wer- |
| 5671 | den. |
| 5672 | |
| 5673 | Ferner werden wir uns dafür einsetzen, dass die Souveränität und innere Stabili- |
| 5674 | sierung des Libanon weiter gestärkt wird und sich im Irak die Demokratie weiter |
| 5675 | entwickelt und der Wiederaufbau voranschreitet. |
| 5676 | |
| 5677 | Iran |
| 5678 | |
| 5679 | Mit unseren Partnern bei den Verhandlungen der E3+3 werden wir weiter dazu |
| 5680 | beitragen, dass der Iran nicht in den Besitz von Atomwaffen gelangt. Dabei setzen |
| 5681 | wir auf einen Verhandlungsansatz, sind in Absprache mit unseren Partnern wenn |
| 5682 | nötig auch zu härteren gemeinsamen Sanktionsmaßnahmen bereit. Wir erwarten, |
| 5683 | dass der Iran volle Transparenz über sein Nuklearprogramm herstellt. Es muss |
| 5684 | sichergestellt werden, dass das Recht auf zivile Nutzung der Kernenergie auch |
| 5685 | vom Iran so wahrgenommen wird, dass sich hieraus keine Sicherheitsrisiken für |
| 5686 | andere Staaten ergeben. |
| 5687 | |
| 5688 | Afghanistan |
| 5689 | |
| 5690 | Wir verstehen unser Engagement in Afghanistan als eine Aufgabe von besonde- |
| 5691 | rem nationalen Interesse: Es dient der Sicherheit der Menschen in unserem Land. |
| 5692 | Es ist Ausdruck unserer Solidarität mit den leidgeprüften Menschen in Afghanis- |
| 5693 | tan. Und es bekräftigt unsere Verlässlichkeit als gestaltendes Mitglied in der Nord- |
| 5694 | atlantischen Allianz und den Vereinten Nationen. Die Bundesregierung wird auch |
| 5695 | weiterhin einen der Bedeutung dieser Aufgabe angemessenen Beitrag leisten. |
| 5696 | |
| 5697 | Dazu werden wir gemeinsam mit unseren Verbündeten in Kürze auf einer interna- |
| 5698 | tionalen Konferenz unsere Strategie gemeinsam mit den Vertretern Afghanistans |
| 5699 | auf eine neue Grundlage stellen. Wir erwarten dabei, dass die afghanische Regie- |
| 5700 | rung ihre Verpflichtung zu guter Regierungsführung, zum Schutz der Menschen- |
| 5701 | rechte und zur Bekämpfung der Drogen-Kriminalität sowie der Korruption bekräf- |
| 5702 | tigt und den Worten Taten folgen lässt. In Abstimmung mit unseren Partnern wer- |
| 5703 | den wir die Verantwortung an die Autoritäten des Landes schrittweise übergeben. |
| 5704 | |
| 5705 | Wir halten dabei am Konzept der Vernetzten Sicherheit fest: Ohne Sicherheit gibt |
| 5706 | es keinen Aufbau, ohne Aufbau keine Sicherheit. Zentrale Bedeutung hat der zivile |
| 5707 | Aufbau und die zielgerichtete Fortsetzung der entwicklungspolitischen Maßnah- |
| 5708 | men. Je früher die afghanische Regierung im Land selbst Sicherheit gewährleisten |
| 5709 | kann, desto früher können wir in Abstimmung mit unseren Partnern den schrittwei- |
| 5710 | sen Abzug beginnen. Wir werden unsere Strategie der Übergabe in Verantwortung |
| 5711 | entschieden voran bringen und deshalb unsere Anstrengungen unter anderem bei |
| 5712 | der Europäischen Polizeimission EUPOL, beim nachhaltigen Aufbau und bei der |
| 5713 | Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte deutlich verstärken. |
| 5714 | |
| 5715 | Wir sind überzeugt, dass für Frieden und Entwicklung in Afghanistan auch die re- |
| 5716 | gionale Zusammenarbeit, allen voran ein konstruktives, von Vertrauen getragenes |
| 5717 | Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan, maßgeblich ist. Wir wollen unseren |
| 5718 | Beitrag leisten, diese Beziehungen zu verbessern und die umfassende Stabilisie- |
| 5719 | rung des pakistanischen Staates zu fördern. |
| 5720 | |
| 5721 | Wir wollen die ressortübergreifenden Anstrengungen der Bundesregierung bün- |
| 5722 | deln und das Afghanistan-Konzept der Bundesregierung mit konkreten Vorgaben |
| 5723 | umsetzen. Für die Abstimmung mit unseren internationalen Partnern wird die |
| 5724 | Bundesregierung auf Vorschlag des Auswärtigen Amtes und in Abstimmung mit |
| 5725 | allen betroffenen Ressorts einen Sonderbotschafter ernennen. Dieser berichtet |
| 5726 | den für Afghanistan im Konzept der Vernetzten Sicherheit verantwortlichen Bun- |
| 5727 | desministern, die gemeinsam einen Kabinettsausschuss bilden. |
| 5728 | |
| 5729 | 4. Internationale Einsätze und Instrumente deutscher |
| 5730 | Sicherheitspolitik |
| 5731 | |
| 5732 | Wir handeln militärisch nur dann, wenn wir dies im Rahmen der VN, der NATO |
| 5733 | oder der EU sowie aufgrund einer völkerrechtlichen Legitimation tun können. Un- |
| 5734 | berührt davon bleibt das Recht auf Selbstverteidigung. Von unserer Kultur der Zu- |
| 5735 | rückhaltung werden wir uns weiterhin leiten lassen. |
| 5736 | |
| 5737 | Bei der internationalen Krisenprävention und -bewältigung stehen bei uns politi- |
| 5738 | sche und diplomatische Bemühungen an erster Stelle, dennoch wächst die Bedeu- |
| 5739 | tung des Einsatzes ziviler Kräfte von Polizei und Justiz. Wir müssen gemeinsam |
| 5740 | mit unseren Partnern darauf vorbereitet sein, mit diesen Mitteln krisenhaften Ent- |
| 5741 | wicklungen frühzeitig entgegenzusteuern und bei Ausbruch von Krisen schnell und |
| 5742 | verlässlich zu handeln. |
| 5743 | |
| 5744 | Zur nachhaltigen Stabilisierung von Krisenregionen sind Aufbau und rechtstaatli- |
| 5745 | che Ausbildung örtlicher Polizeikräfte ein Schlüsselelement. Wir werden deshalb |
| 5746 | unsere Fähigkeiten für polizeiliche Beiträge stärken durch den Aufbau entspre- |
| 5747 | chender Einheiten bei der Bundespolizei und durch einen von den Ländern zur |
| 5748 | Verfügung gestellten Pool, der für internationale Verwendungen bereit steht. |
| 5749 | |
| 5750 | Wir bekennen uns zum Ansatz einer Vernetzten Sicherheitspolitik. Dies erfordert |
| 5751 | moderne und leistungsfähige Streitkräfte und geeignete zivile Instrumente zur in- |
| 5752 | ternationalen Konfliktvorsorge und -bewältigung sowie eine noch engere Integrati- |
| 5753 | on und Koordinierung. In künftige Mandate für Einsätze im Ausland werden wir |
| 5754 | konkrete Benennungen der zu leistenden Aufgaben sowie deren Zuteilung auf die |
| 5755 | verantwortlichen Ressorts aufnehmen. |
| 5756 | |
| 5757 | Im Rahmen der Vereinten Nationen werden wir auf eine schrittweise Reduzierung |
| 5758 | unseres deutschen Beitrages zur Maritime Task Force UNIFIL mit der Perspektive |
| 5759 | der Beendigung hinwirken. |
| 5760 | |
| 5761 | Im Zusammenhang mit der Piraterie- und Terrorismusbekämpfung am Horn von |
| 5762 | Afrika werden wir die Bemühungen um eine bessere Koordinierung der Einsätze |
| 5763 | fortsetzen und eine kritische Überprüfung der Vielzahl der Mandate mit dem Ziel |
| 5764 | der Reduzierung vornehmen. |
| 5765 | |
| 5766 | Vor dem Hintergrund der globalen Bedrohung durch die Piraterie streben wir die |
| 5767 | Errichtung einer Kammer zur Verfolgung von Piraterie beim Internationalen Straf- |
| 5768 | gerichtshof an. |
| 5769 | |
| 5770 | Die Bundesregierung wird den Deutschen Bundestag regelmäßig über die laufen- |
| 5771 | den Einsätze deutscher Streitkräfte informieren und so die Voraussetzungen für |
| 5772 | deren angemessene parlamentarische Kontrolle schaffen. |
| 5773 | Soweit mit den Regelungen des Parlamentsbeteiligungsgesetzes eine jeweils |
| 5774 | zeitnahe und ausreichende Information des Parlaments in besonderen Fällen |
| 5775 | durch die Bundesregierung nicht sichergestellt werden kann, legen die Koalitions- |
| 5776 | fraktionen Initiativen zur Änderung des Parlamentsbeteiligungsgesetzes oder zur |
| 5777 | Schaffung eines Vertrauensgremiums vor. |
| 5778 | |
| 5779 | Zudem werden wir dafür Sorge tragen, dass zusätzliche einsatzbedingte Aufwen- |
| 5780 | dungen für kurzfristige und unvorhersehbare Verpflichtungen der Sicherheitskräfte |
| 5781 | im Zusammenhang mit internationalen Einsätzen künftig aus dem Einzelplan 60 |
| 5782 | (Allgemeine Finanzverwaltung) finanziert werden. |
| 5783 | |
| 5784 | Schließlich werden wir die Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), das |
| 5785 | Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) und die Führungsakademie der |
| 5786 | Bundeswehr (FüAkBw) verstärkt nutzen, um Führungskräfte von Bund und Län- |
| 5787 | dern sowie der Wirtschaft, Wissenschaft und Medien weiterzubilden und die Prin- |
| 5788 | zipien der Vernetzten Sicherheitspolitik kontinuierlich weiterzuentwickeln. |
| 5789 | |
| 5790 | 5. Für eine leistungsstarke und moderne Bundeswehr |
| 5791 | |
| 5792 | Die Bundeswehr ist ein wesentliches Instrument deutscher Friedenspolitik. Wir |
| 5793 | wollen auch in Zukunft eine leistungsfähige Bundeswehr als unverzichtbares In- |
| 5794 | strument für den Schutz Deutschlands und seiner Menschen ebenso wie für die |
| 5795 | internationale Krisenvorsorge und Konfliktbewältigung erhalten. |
| 5796 | |
| 5797 | Die Wehrpflicht hatte in den letzten Jahrzehnten ihre Berechtigung und sich be- |
| 5798 | währt. Seit dem Ende des kalten Krieges haben sich die sicherheitspolitische La- |
| 5799 | ge, Auftrag und Aufgabenspektrum der Bundeswehr grundlegend verändert. Die- |
| 5800 | sen Veränderungen ist angemessen Rechnung zu tragen. |
| 5801 | |
| 5802 | Die Koalitionsparteien halten im Grundsatz an der allgemeinen Wehrpflicht fest mit |
| 5803 | dem Ziel, die Wehrdienstzeit bis zum 1. Januar 2011 auf sechs Monate zu redu- |
| 5804 | zieren. |
| 5805 | |
| 5806 | Der Bundesminister der Verteidigung setzt eine Kommission ein, die bis Ende |
| 5807 | 2010 einen Vorschlag für Eckpunkte einer neuen Organisationsstruktur der Bun- |
| 5808 | deswehr, inklusive der Straffung der Führungs- und Verwaltungsstrukturen, zu |
| 5809 | erarbeiten hat. |
| 5810 | |
| 5811 | Die Bundesregierung bekennt sich zur Inneren Führung und zum Leitbild vom |
| 5812 | Staatsbürger in Uniform. Unsere Soldatinnen und Soldaten müssen sich auf den |
| 5813 | Rückhalt in der Gesellschaft verlassen können. Ihren Leistungen für die Sicherheit |
| 5814 | unseres Landes gebührt hohe Anerkennung. |
| 5815 | |
| 5816 | Unsere Fürsorgepflicht gilt in besonderem Maße den in Ausübung ihres Dienstes |
| 5817 | zu Schaden Gekommenen und ihren Familien. Für in Folge belastender Ereignis- |
| 5818 | se traumatisierte Soldatinnen und Soldaten wird die Einrichtung eines Trauma- |
| 5819 | Zentrums mit Priorität verfolgt. |
| 5820 | |
| 5821 | Zudem verständigen sich die Koalitionspartner vor dem Hintergrund des demogra- |
| 5822 | fischen Wandels darauf, mit Blick auf die personelle Einsatzfähigkeit ein Maßnah- |
| 5823 | menpaket zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr bis En- |
| 5824 | de 2010 vorzulegen. Es wird sich hierbei u. a. um die Verbesserung der Verein- |
| 5825 | barkeit von Familie und Dienst, die Schaffung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten, |
| 5826 | die Reduzierung der Versetzungshäufigkeit und die zügige Fortführung der Mo- |
| 5827 | dernisierung "Kasernen-West" handeln. |
| 5828 | |
| 5829 | Darüber hinaus gehende Änderungen, wie die Schaffung eines neuen Laufbahn- |
| 5830 | rechts, werden realisiert. |
| 5831 | |
| 5832 | Wir schaffen eine zentrale Zuständigkeit der Justiz für die Verfolgung von Strafta- |
| 5833 | ten von Soldaten, die diesen in Ausübung ihres Dienstes im Ausland vorgeworfen |
| 5834 | werden. |
| 5835 | |
| 5836 | Wehrtechnische Industrie und Rüstungskooperation |
| 5837 | Eine leistungsfähige nationale wehrtechnische Industrie ist für uns von hoher si- |
| 5838 | cherheits- und wirtschaftspolitischer Bedeutung. Sie bleibt Grundlage für eine auf- |
| 5839 | gabengerechte Ausrüstung der Bundeswehr, die zunehmend nur über internatio- |
| 5840 | nale Kooperation gewährleistet werden kann. |
| 5841 | |
| 5842 | Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr brauchen für ihren gefährlichen |
| 5843 | Auftrag bis hin zum Gefecht die bestmögliche Ausrüstung. |
| 5844 | |
| 5845 | Beim Rüstungsprojekt A 400 M besteht die Koalition auf vollständiger Erfüllung |
| 5846 | des Vertrages. Der strategische Lufttransport wird sicher gestellt. Bei dem zu be- |
| 5847 | schaffenden Eurofighter haben sich die Koalitionsparteien darauf geeinigt, zukünf- |
| 5848 | tige Exporte auf die noch in der Tranche 3b zu beauftragende Stückzahl anrech- |
| 5849 | nen zu lassen. |
| 5850 | |
| 5851 | Bei der Beschaffung wehrtechnischen Materials werden wir Strukturen zur Sicher- |
| 5852 | stellung von Rechtsbeachtung und -befolgung schaffen. |
| 5853 | |
| 5854 | Die Sicherung technologischer Kompetenz und hochwertiger Arbeitsplätze in |
| 5855 | Deutschland ist der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen. Wir werden daher |
| 5856 | ressortübergreifend Maßnahmen zur Erhaltung ausgewählter wehrtechnischer |
| 5857 | Kernfähigkeiten festlegen und umsetzen. |
| 5858 | |
| 5859 | Wir halten an den derzeit geltenden Rüstungsexportbestimmungen fest und set- |
| 5860 | zen uns weiter für eine Harmonisierung der Rüstungsexportrichtlinien innerhalb |
| 5861 | der EU ein. Wir treten für faire Wettbewerbsbedingungen in Europa ein und be- |
| 5862 | kräftigen den Offset-Verhaltenskodex der Europäischen Verteidigungsagentur. |
| 5863 | |
| 5864 | 6. Menschenrechte schützen - Rechtsstaatlichkeit fördern |
| 5865 | |
| 5866 | Die Glaubwürdigkeit Deutschlands steht in direktem Zusammenhang mit dem |
| 5867 | konsequenten Eintreten für die Menschenrechte in der Außen- und Entwicklungs- |
| 5868 | politik. Ihre Einhaltung ist das Fundament für die demokratische, wirtschaftliche |
| 5869 | und kulturelle Entwicklung jedes Landes. Körperliche und geistige Unversehrtheit, |
| 5870 | Gedanken- und Meinungsfreiheit und die Freiheit von Diskriminierung sind unver- |
| 5871 | äußerliche Prinzipien unserer Menschenrechtspolitik. Wir wenden uns auch in un- |
| 5872 | seren auswärtigen Beziehungen gegen jegliche Benachteiligung aufgrund von Re- |
| 5873 | ligion, ethnischer Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung. |
| 5874 | |
| 5875 | Der Rechtsstaatsdialog und Maßnahmen zur Stärkung der Zivilgesellschaft sind |
| 5876 | wichtige Instrumente unserer Menschenrechtspolitik, deren Wirkung kontinuierlich |
| 5877 | überprüft werden muss. Ebenso kontinuierlich wird sich die Bundesregierung welt- |
| 5878 | weit für Religionsfreiheit einsetzen und dabei ein besonderes Augenmerk auf die |
| 5879 | Lage christlicher Minderheiten legen. |
| 5880 | |
| 5881 | In unserem Regierungshandeln treten wir für die weltweite Abschaffung von To- |
| 5882 | desstrafe, Folter und unmenschlicher Behandlung ein. Insbesondere Menschen- |
| 5883 | handel, Kinderarbeit, der Einsatz von Kindersoldaten, Zwangsprostitution, |
| 5884 | Zwangsheirat und Praktiken wie Genitalverstümmelung müssen geächtet und in- |
| 5885 | ternational verboten werden. Wir sehen in der Globalisierung eine Chance, den |
| 5886 | Menschenrechten weltweit zur Durchsetzung zu verhelfen und befürworten Zertifi- |
| 5887 | zierungsmaßnahmen und Initiativen verantwortungsvoller Unternehmensführung. |
| 5888 | In Partnerschaftsabkommen werden wir den Schutz der Menschenrechte berück- |
| 5889 | sichtigen und ihre Umsetzung verfolgen. |
| 5890 | |
| 5891 | Wichtige Pfeiler internationaler Menschenrechtspolitik sind die internationalen |
| 5892 | Menschenrechtsschutzsysteme. Der Europarat mit dem Europäischen Gerichtshof |
| 5893 | für Menschenrechte (EGMR) sowie der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) |
| 5894 | sind unentbehrliche Instrumente im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen. |
| 5895 | Insbesondere der EGMR bedarf stärkerer Unterstützung, da viele anhängige Kla- |
| 5896 | gen wegen mangelnder finanzieller Ressourcen nur sehr spät oder gar nicht bear- |
| 5897 | beitet werden können. |
| 5898 | |
| 5899 | Wir setzen uns für eine Evaluierung des Rom-Statuts zum IStGH ein, mit dem Ziel, |
| 5900 | Strafbarkeitslücken zu schließen. Wir bekennen uns zu den völkerrechtlichen Ver- |
| 5901 | pflichtungen Deutschlands und treten für eine bessere Durchsetzung des Völker- |
| 5902 | strafgesetzbuchs ein. Wir unterstützen die Bestrebungen, in Nürnberg ein Institut |
| 5903 | zur Durchsetzung der Nürnberger Prinzipien zum Völkerstrafrecht einzurichten. |
| 5904 | |
| 5905 | Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen darf nicht zum Spielfeld nationaler |
| 5906 | Machtinteressen werden, sondern soll sich als internationales Sprachrohr gegen |
| 5907 | Menschenrechtsverletzungen etablieren. Wir werden die Menschrechtsdimension |
| 5908 | der OSZE fortentwickeln und die Stellung des OSZE-Büros für demokratische In- |
| 5909 | stitutionen und Menschenrechte (ODIHR) stärken. |
| 5910 | |
| 5911 | 7. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik |
| 5912 | |
| 5913 | Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist eine tragende Säule der deutschen |
| 5914 | Außenpolitik. Einer gezielten Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik kommt im |
| 5915 | Zeitalter der Globalisierung eine immer größere Bedeutung zu. Deutsche Kultur- |
| 5916 | einrichtungen wie das Deutsche Archäologische Institut, die Goethe-Institute, der |
| 5917 | DAAD, die Humboldt-Stiftung und die deutschen Auslandsschulen sowie Wissen- |
| 5918 | schaftskooperationen und entsprechende Zukunftsprojekte, wie zum Beispiel die |
| 5919 | Deutsch-Türkische Universität in Istanbul, sind Brücken unserer werteorientierten |
| 5920 | Außenpolitik. |
| 5921 | |
| 5922 | Der Förderung der deutschen Sprache im Ausland werden wir besondere Beach- |
| 5923 | tung beimessen. Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik soll Deutschland in |
| 5924 | seiner Vielfalt darstellen und das Interesse an unserem Land, unserer Sprache |
| 5925 | und unserer Geschichte und Kultur fördern. Dies sind die Grundvoraussetzungen |
| 5926 | für gute und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Part- |
| 5927 | nern. Heute begreift Deutschland seine Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik |
| 5928 | noch stärker als Beitrag zur Krisenprävention, Menschenrechtsschutz und Frei- |
| 5929 | heitsförderung. |
| 5930 | |
| 5931 | Dem Dialog mit dem Islam messen wir besondere Bedeutung zu. Wir achten und |
| 5932 | schätzen die reiche kulturelle Tradition der islamischen Welt und setzen uns für |
| 5933 | ein friedliches Miteinander der westlichen Demokratien mit den islamisch gepräg- |
| 5934 | ten Staaten ein. Islamisch geprägte Gesellschaften müssen ihren eigenen Weg in |
| 5935 | die und in der Moderne finden. Dabei ist es in unserem Interesse, die moderaten |
| 5936 | Kräfte in ihrem Streben nach Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu unterstützen. |
| 5937 | Islamistischer Terrorismus ist zunächst eine Bedrohung für die islamisch gepräg- |
| 5938 | ten Gesellschaften selbst, aber auch für uns. |
| 5939 | |
| 5940 | In unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik nehmen die innereuropäischen |
| 5941 | sowie transatlantischen Beziehungen eine besondere Rolle ein. Wir wollen diese |
| 5942 | Beziehungen durch verstärkten Kultur- und Wissensaustausch stärken. Zudem |
| 5943 | betrachten wir es als Aufgabe der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, auch |
| 5944 | die europäische Identität zu stärken und somit zur weiteren innereuropäischen |
| 5945 | Integration einen wertvollen Beitrag zu leisten. Mittel- und langfristig streben wir |
| 5946 | zwischen den EU-Mitgliedstaaten in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik |
| 5947 | Synergien in Form gemeinsamer Programme und Strukturen und der Entwicklung |
| 5948 | kooperativer europäischer Kulturinstitute an. Wir werden die Auswärtige Kultur- |
| 5949 | und Bildungspolitik finanziell bestmöglich ausstatten und verstehen dies als lang- |
| 5950 | fristige politische, kulturelle und wirtschaftspolitische Investition. |
| 5951 | |
| 5952 | Die mediale Präsenz Deutschlands in der Welt durch die Deutsche Welle muss ver- |
| 5953 | stärkt werden. Hierzu können Programmangebote öffentlich-rechtlicher und privater |
| 5954 | Medienunternehmen einen Beitrag leisten. Bei der Vergabe der Mittel aus der ODA- |
| 5955 | Quote soll die Deutsche Welle stärker berücksichtigt werden. |
| 5956 | |
| 5957 | 8. Entwicklungszusammenarbeit |
| 5958 | |
| 5959 | In der Verfolgung der Ziele unserer Entwicklungspolitik kommen unsere Werte und |
| 5960 | Interessen gleichermaßen zum Ausdruck. Dabei sind rechtsstaatliche Mindest- |
| 5961 | standards und die Einhaltung der Menschenrechte zur berücksichtigen. |
| 5962 | |
| 5963 | Ziel der Entwicklungspolitik ist eine nachhaltige Bekämpfung von Armut und Struk- |
| 5964 | turdefiziten im Sinne der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen. Die Stär- |
| 5965 | kung guter Regierungsführung, der Eigenverantwortung und der Selbsthilfekräfte |
| 5966 | in den Entwicklungsländern werden zentrale Bestimmungselemente für unsere |
| 5967 | Entwicklungspolitik sein. Dies erfordert die intensive Einbindung und Stärkung al- |
| 5968 | ler in der Entwicklungsarbeit Tätigen - insbesondere der Kirchen, Stiftungen und |
| 5969 | Nichtregierungsorganisationen - wie auch eine engere Kooperation mit der deut- |
| 5970 | schen Privatwirtschaft. Den politischen Stiftungen kommt dabei eine herausgeho- |
| 5971 | bene Funktion zu. |
| 5972 | |
| 5973 | Unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" und dem Gesichtspunkt der Ernährungs- |
| 5974 | souveränität werden wir uns für ein nachhaltiges internationales Engagement zur |
| 5975 | Stärkung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume in Entwicklungsländern |
| 5976 | einsetzen. |
| 5977 | |
| 5978 | Wir wollen die Wirksamkeit der Entwicklungspolitik steigern und sie durch eine |
| 5979 | Schärfung des Profils, Akzentuierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, klare |
| 5980 | nationale und internationale Arbeitsteilung nach den Prinzipien der Erklärung von |
| 5981 | Paris, Steigerung der Kohärenz sowie durch eine effizientere Gestaltung der bila- |
| 5982 | teralen, multilateralen und europäischen Organisationsstrukturen und Instrumente |
| 5983 | neu ausrichten. |
| 5984 | |
| 5985 | Wir werden uns auf folgende Schlüsselsektoren konzentrieren: Gute Regierungs- |
| 5986 | führung, Bildung/Ausbildung, Gesundheit, ländliche Entwicklung, Klima-, Umwelt- |
| 5987 | und Ressourcenschutz sowie die wirtschaftliche Zusammenarbeit (Ausbau/Schutz |
| 5988 | des Privatsektors, z.B. mittels PPP, Mikrofinanzsystemen und Infrastrukturförde- |
| 5989 | rung). Die bisherigen Zusagen Deutschlands für die Bewahrung der biologischen |
| 5990 | Vielfalt und die Bekämpfung von Klimawandel und Hunger sollen konsequent um- |
| 5991 | gesetzt und auch künftig bedarfsgerecht gestaltet werden. |
| 5992 | |
| 5993 | Wir werden im Kontext der europäischen und internationalen Arbeitsteilung in der |
| 5994 | bilateralen Entwicklungszusammenarbeit (ODA) Deutschlands mit einer begrenz- |
| 5995 | ten Zahl von Partnerländern zusammenarbeiten. Bei der flexiblen Anpassung wer- |
| 5996 | den die Kriterien gute Regierungsführung, Bedürftigkeit, Signifikanz unserer Hilfe, |
| 5997 | Gefahrenquellen und strategische Partnerschaft wichtige Gesichtspunkte sein. |
| 5998 | |
| 5999 | In der Zusammenarbeit mit fragilen und zerfallenden Staaten und Ländern mit |
| 6000 | schlechter Regierungsführung wollen wir Konzepte entwickeln, um situationsge- |
| 6001 | recht in ausgewählten Staaten Transformationsprozesse zu unterstützen. Krisen- |
| 6002 | und Katastrophenvorsorge sollen übergreifend gestaltet werden. |
| 6003 | |
| 6004 | Wir werden die Zusammenarbeit mit Schwellenländern zu Partnerschaften für eine |
| 6005 | nachhaltige Gestaltung der Globalisierung in gegenseitiger Verantwortung weiter- |
| 6006 | entwickeln, insbesondere Dreieckskooperationen fördern. Wir werden uns vor al- |
| 6007 | lem in Feldern hohen gemeinsamen Interesses, wie z.B. Rechtsstaatsförderung, |
| 6008 | Umwelt- und Klimaschutz sowie Wissenschaftskooperation engagieren. Die ein- |
| 6009 | gesetzten Instrumente sollen zu möglichst marktnahen Konditionen schrittweise |
| 6010 | gegen Entgelt angeboten werden. |
| 6011 | |
| 6012 | Wir werden uns für einen schnellen und entwicklungsorientierten Abschluss der |
| 6013 | Welthandelsverhandlungen einsetzen, sowie den Abbau der Agrarsubventionen |
| 6014 | und die Beendigung handelsverzerrender Fördermaßnahmen im Rahmen der |
| 6015 | WTO-Verhandlungen, den Süd-Süd-Handel und regionale Wirtschaftspartner- |
| 6016 | schaften fördern und durch Handelshilfen dazu beitragen, dass Entwicklungslän- |
| 6017 | der an der wirtschaftlichen Globalisierung Teil haben können. |
| 6018 | |
| 6019 | Kredite werden wir insbesondere unter Berücksichtigung der Schuldentragfähig- |
| 6020 | keit geben. Entschuldungen von Entwicklungsländern werden wir nur unter der |
| 6021 | Voraussetzung einer transparenten Haushaltsführung, der Bekämpfung von Kor- |
| 6022 | ruption und Misswirtschaft sowie des Aufbaus einer soliden Wirtschaftsstruktur |
| 6023 | und der Stärkung der Eigenfinanzierung der Entwicklungsländer gewähren. Wir |
| 6024 | setzen uns zudem für die Implementierung einer internationalen Insolvenzordnung |
| 6025 | ein. |
| 6026 | |
| 6027 | Struktur der Entwicklungszusammenarbeit |
| 6028 | |
| 6029 | Wir wollen die Schlagkraft der deutschen Entwicklungspolitik erhöhen, um die |
| 6030 | Wirksamkeit und Zielgenauigkeit des Mitteleinsatzes zu verbessern, insbesondere |
| 6031 | durch Auflösung von Doppelstrukturen in Regierung und Durchführung. |
| 6032 | |
| 6033 | Die Reform der Durchführungsstrukturen soll mit der Zusammenführung der Or- |
| 6034 | ganisationen der Technischen Zusammenarbeit (TZ) beginnen und mit Mecha- |
| 6035 | nismen zur besseren Verknüpfung von technischer und finanzieller Zusammenar- |
| 6036 | beit verbunden werden. Die Entscheidung über die Strukturen der TZ wollen wir, |
| 6037 | gegebenenfalls unterstützt durch externe Beratung durch den Bundesrechnungs- |
| 6038 | hof, innerhalb des ersten Jahres der Legislaturperiode treffen. Zur Verbesserung |
| 6039 | der Steuerungsfähigkeit der deutschen Entwicklungspolitik werden wir die Organi- |
| 6040 | sationsstrukturen reformieren, die durch Abbau von Doppelstrukturen entstehen- |
| 6041 | den Synergien dazu nutzen, externes Personal durch Dienstkräfte zu ersetzen |
| 6042 | sowie die Außenstruktur des für die Entwicklungspolitik zuständigen Ressorts und |
| 6043 | die Präsenz in multilateralen und europäischen Strukturen verbessern. |
| 6044 | |
| 6045 | Architektur der internationalen Entwicklungszusammenarbeit |
| 6046 | |
| 6047 | Die Überprüfung der entwicklungspolitischen Effizienz und Koordinierungsfähigkeit |
| 6048 | multilateraler Institutionen wird die Basis für unsere Initiativen zur Reform der in- |
| 6049 | ternationalen Entwicklungsarchitektur hin zu klar definierter Aufgabenstruktur und |
| 6050 | darauf basierender Arbeitsteilung sein. |
| 6051 | |
| 6052 | Wir halten eine grundlegende Reform der EU-Entwicklungspolitik hin zu mehr Ko- |
| 6053 | härenz, Komplementarität und Subsidiarität für erforderlich und wollen den EU- |
| 6054 | Verhaltenskodex im Hinblick auf Prinzipien zur schlüssigen Arbeitsteilung überprü- |
| 6055 | fen. Wir werden auf eine wirkungsvolle parlamentarische Begleitung des laufen- |
| 6056 | den Europäischen Entwicklungsfonds (EEF) hinwirken und im Rahmen einer neu- |
| 6057 | en Finanziellen Vorausschau auf die Integration des 11. EEF in den Haushalt der |
| 6058 | EU hinarbeiten. Diese Integration muss mit dem deutschen entwicklungspoliti- |
| 6059 | schen Instrumentarium verzahnt werden. Wir wollen die unterschiedliche Behand- |
| 6060 | lung von Entwicklungsländern Afrikas, der Karibik und des Pazifiks im Vergleich zu |
| 6061 | Entwicklungsländern anderer Weltregionen beenden und streben eine einheitliche |
| 6062 | Entwicklungszusammenarbeit der EU an. |
| 6063 | |
| 6064 | Wir wollen eine Verteilung der bilateralen sowie der europäischen und multilatera- |
| 6065 | len deutschen Leistungen im Verhältnis von zwei Dritteln zu einem Drittel errei- |
| 6066 | chen, um die Gestaltungsmöglichkeiten der deutschen Entwicklungspolitik zu er- |
| 6067 | weitern und den Wirkungsgrad der eingesetzten Haushaltsmittel zu erhöhen. |
| 6068 | |
| 6069 | Wir wollen trotz Finanzkrise die internationalen Verpflichtungen zur schrittweisen |
| 6070 | Erhöhung der deutschen öffentlichen Entwicklungsleistungen auf 0,7% des BSP |
| 6071 | einhalten. Wir werden uns diesem Ziel verantwortlich im Rahmen des Bundes- |
| 6072 | haushaltes annähern. Eine Erhöhung der entwicklungspolitischen Mittel muss mit |
| 6073 | einer Effizienzsteigerung des entwicklungspolitischen Instrumentariums und der |
| 6074 | Absorptionsfähigkeit in den Entwicklungsländern einhergehen. Ein wichtiges An- |
| 6075 | liegen ist für uns auch die Stärkung der Eigenfinanzierung der Entwicklungsländer. |
| 6076 | |
| 6077 | Budgethilfe und Entschuldung werden nur nach strengen, transparenten Vergabe- |
| 6078 | kriterien gewährt und fortlaufend überprüft. |
| 6079 | |
| 6080 | VI. ARBEITSWEISE DER KOALITION |
| 6081 | |
| 6082 | 1. Kooperation der Parteien |
| 6083 | |
| 6084 | Diese Koalitionsvereinbarung gilt für die Dauer der 17. Wahlperiode. Die Koaliti- |
| 6085 | onspartner verpflichten sich, diese Vereinbarung im Regierungshandeln umzuset- |
| 6086 | zen. Die Partner tragen für die gesamte Politik der Koalition gemeinsam Verant- |
| 6087 | wortung. |
| 6088 | |
| 6089 | Die Koalitionspartner CDU, CSU und FDP werden ihre Arbeit in Parlament und |
| 6090 | Regierung laufend und umfassend miteinander abstimmen und zu Verfahrens-, |
| 6091 | Sach- und Personalfragen Konsens herstellen. Die Koalitionspartner treffen sich |
| 6092 | regelmäßig zu Beginn einer jeden Sitzungswoche zu Koalitionsgesprächen im Ko- |
| 6093 | alitionsausschuss. Darüber hinaus tritt er auf Wunsch eines Koalitionspartners |
| 6094 | zusammen. Er berät Angelegenheiten von grundsätzlicher Bedeutung, die zwi- |
| 6095 | schen den Koalitionspartnern abgestimmt werden müssen, und führt in Konfliktfäl- |
| 6096 | len Konsens herbei. Ihm gehören an die Parteivorsitzenden, die Fraktionsvorsit- |
| 6097 | zenden, die Generalsekretäre, die 1. Parlamentarischen Geschäftsführer, der Chef |
| 6098 | des Bundeskanzleramtes, der Bundesfinanzminister und ein weiteres von der FDP |
| 6099 | zu benennendes Mitglied. |
| 6100 | |
| 6101 | 2. Kooperation der Fraktionen |
| 6102 | |
| 6103 | Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die Koalitions- |
| 6104 | fraktionen einheitlich ab. Das gilt auch für Fragen, die nicht Gegenstand der ver- |
| 6105 | einbarten Politik sind. Wechselnde Mehrheiten sind ausgeschlossen. Über das |
| 6106 | Verfahren und die Arbeit im Parlament wird Einvernehmen zwischen den Koaliti- |
| 6107 | onsfraktionen hergestellt. Anträge, Gesetzesinitiativen und Anfragen auf Frakti- |
| 6108 | onsebene werden gemeinsam oder, im Ausnahmefall, im gegenseitigen Einver- |
| 6109 | nehmen eingebracht. |
| 6110 | |
| 6111 | 3. Bundesregierung |
| 6112 | |
| 6113 | 3.1 Arbeit im Kabinett |
| 6114 | |
| 6115 | Im Kabinett wird in Fragen, die für einen Koalitionspartner von grundsätzlicher Be- |
| 6116 | deutung sind, keine Seite überstimmt. Ein abgestimmtes Verhalten in den Gre- |
| 6117 | mien der EU wird sichergestellt. In allen Ausschüssen des Kabinetts und in allen |
| 6118 | vom Kabinett beschickten Gremien sind die Koalitionspartner nach einem grund- |
| 6119 | sätzlich festgelegten Schlüssel vertreten. Die Besetzung von Kommissionen, Bei- |
| 6120 | räten usw. beim Kabinett erfolgt im gegenseitigen Einvernehmen nach einem |
| 6121 | grundsätzlich festgelegten Schlüssel. |
| 6122 | |
| 6123 | 3.2 Ressortverteilung |
| 6124 | |
| 6125 | CDU und CSU stellen die Bundeskanzlerin und die Minister in den folgenden Be- |
| 6126 | reichen; Innen; Finanzen; Verteidigung; Arbeit und Soziales; Bildung und For- |
| 6127 | schung; Familie, Frauen, Senioren und Jugend; Ernährung, Landwirtschaft und |
| 6128 | Verbraucherschutz; Bauen, Wohnen und Verkehr; Umwelt, Naturschutz und Reak- |
| 6129 | torsicherheit; Minister für besondere Aufgaben im Bundeskanzleramt; |
| 6130 | |
| 6131 | Die FDP stellt die Minister in den folgenden Bereichen: Auswärtiges; Justiz; Wirt- |
| 6132 | schaft und Technologie; Gesundheit; Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent- |
| 6133 | wicklung; |
| 6134 | |
| 6135 | Das Vorschlagsrecht für die jeweiligen Ämter liegt bei den verantwortlichen Partei- |
| 6136 | en. |